IS-Strategie für Europa

Autonome Zellen, die im Stil von Spezialeinheiten wie in Paris oder Brüssel möglichst viele Anschläge ausführen sollen

Mittlerweile ist nicht nur klar, dass die Attentäter von Brüssel in Verbindung mit denen standen, die die Anschläge in Paris ausgeführt haben, sondern auch, dass die islamistischen Terroristen längst damit begonnen haben, aus den Kernländern Anschläge in Europa zu planen. Dazu werden Europäer eingesetzt, die nach Syrien oder in andere Länder gereist sind, um sich dem "Islamischen Staat" anzuschließen. Aber die europäischen IS-Anhänger bauen auch Netze mit im Inland radikalisierten, oft befreundeten Personen auf.

Der US-Verteidigungsminister Ash Carter vergleicht in letzter Zeit gerne den "Islamischen Staat" mit einem Krebs, der sich von Syrien und dem Irak ausbreitet und in anderen Ländern Metastasen bildet. Dabei hat er einen neuen medizinischen Begriff erfunden: den "parent tumor", womit der Ort gemeint ist, an dem der Krebs des Terrorismus entstanden ist oder sich entwickelt hat. Den hat man bislang als "sicheren Hafen" bezeichnet, also als einen Rückzugsraum, was aber zu passiv klingt.

Der Fachbegriff für den "parent tumor" lautet eigentlich "Primärtumor", aber Carter findet es offensichtlich einprägsamer, von einem sich reproduzierenden "Elternkrebs" zu sprechen, dessen "Kinder" die Metastasen sind. Allerdings ist das Bild schief, nicht zuletzt deswegen, weil es suggeriert, Terrorismus sei eine Krankheit, die einfach so ausbricht, zumindest dann, wenn Ursachen nicht angegeben werden, sondern es nur um die Therapie der Bekämpfung geht. Zudem suggeriert das Bild, dass die Krankheit bzw. deren Ursache lokal zu verorten sei.

Selbst wenn der Krebs eine sinnvolle Metapher oder Analogie für die Ausbreitung des Terrorismus sein würde, wäre der Primärtumor für den "Islamischen Staat" und die anderen al-Qaida- und salafistischen Gruppen im Irak und in Syrien wohl in Afghanistan und in Pakistan zu suchen. Erst nach der Zerschlagung des Taliban-Regimes sprang der islamistische Terrorismus auf den Irak über und führte unter al-Zarkawi zur Gründung von al-Qaida im Irak, woraus schließlich der "Islamische Staat" auf der einen Seite und al-Nusra in Syrien auf der anderen Seite entstanden ist. Allerdings waren die Taliban ebenso wie al-Qaida auch Tumore, die in Afghanistan und Pakistan durch tatkräftige Hebammenhilfe von Saudi-Arabien und dem pakistanischen Geheimdienst im Zusammenwirken mit der CIA entstanden sind.

Carter will mit seinem Bild vom "parent tumor" hingegen sagen, dass es am wichtigsten ist, diesen im Irak und Syrien mit den Kernen Mosul und Raqqa zu zerstören, wozu neben den internationalen Anstrengungen vor allem lokale Kräfte befähigt werden müssten. Dazu müssten alle Metastasen weltweit überall dort, wo sie auftauchen, vernichtet werden, beispielsweise in Nordafrika, Jemen oder Afghanistan. Da kein Land immun sei, seien alle verpflichtet, den Kampf der USA zu unterstützen. Ähnlich wie der Tumor müssten daher auch die USA und ihre Alliierten ein transnationales Netzwerk ausbilden, um die Metastasenbildung zu bekämpfen. Diese Ausbreitung wird selbstverständlich nicht im Bild von Tumoren und Metastasen dargestellt. Und als dritte Maßnahme müsse das eigene Land geschützt werden, also das Immunsystem gestärkt werden, um im pathologischen Bild zu bleiben.

Das Bild des Tumors, das zur Charakterisierung des Islamischen Staats verwendet wird, müsste zumindest externe Ursachen und lokale Schwächen benennen, aber auch klar machen, was herausgeschnitten werden muss, um den Krebs zu beseitigen. Schließlich können sich der "Islamische Staat", al-Qaida oder andere islamistische Gruppen nur dort ansiedeln, wo das "Gewebe", also die Bevölkerung vor Ort, dies zulässt. Dass Carter vermeidet, darüber zu sprechen, warum sich Metastasen ausbilden können, ist bezeichnend für einen Ansatz, der nicht die Ursachen beseitigen, sondern nur die Symptome, in diesem Fall die "Krankheit", eliminieren will.

Das Phänomen des islamistischen Terrorismus mit seiner salafistischen Utopie eines transnationalen Gottesstaates, der von Ungläubigen gereinigt ist, wird nicht nur aus dem Zusammenwirken von autoritären lokalen Regimen, dem fundamentalistischen Islam und westlichen Interventionen verstärkt, sondern auch aus einer Unzufriedenheit von jungen Menschen meist mit muslimischen Hintergrund in den westlichen Ländern. Sie wollen teilhaben an dem "Befreiungskampf" oder Widerstand gegen eine angeblich unterdrückte sunnitische Bevölkerung und glauben in einer romantischen Revolte, für eine bessere Welt zu kämpfen, die nun nicht mehr säkular, freiheitlich und links, sondern religiös, dogmatisch und konservativ sowie vor allem kaltblütig antihumanistisch gewendet ist.

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