IS-Terrorist im belgischen AKW-Hochsicherheitsbereich

AKW Doel. Bild: Wwuyts/CC-BY-3.0

Der in Syrien getötete Ilyass Boughalab arbeitete drei Jahre als Techniker im Pannen-Atomkraftwerk Doel

Pleiten, Pech und Pannen sind schon lange in den belgischen Pannenreaktoren Doel und Tihange auf der Tagesordnung. Immer wieder müssen die Meiler abgeschaltet werden. Sogar die sehr atomfreundliche Atomaufsicht (AFCN) drohte schon wegen einer fehlenden "Sicherheitskultur" mit der Abschaltung. Sie reichte Klage bei der Staatsanwaltschaft ein, weil Techniker und Ingenieure ihre Arbeit im nuklearen Kontrollraum des uralten Kraftwerks nicht sonderlich ernst nahmen (Neue Notabschaltung im belgischen Tihange). Doch noch bedenklicher stimmt die Tatsache, dass mit Ilyass Boughalab sogar ein den Behörden bekannter radikaler Islamist drei Jahre im Hochsicherheitsbereich des Atomkraftwerks Doel gearbeitet hat.

Und damit wird verständlich, warum nach den neuen Anschlägen in Brüssel am Dienstag hektisch viele Beschäftigte der beiden Atomkraftwerken nach Hause geschickt wurden. Der AFCN-Sprecher Lodewijk van Bladel erklärte zwar, man habe aber keine spezifischen Hinweise darauf, dass Terroristen die belgischen Atomkraftwerke im Visier hätten. "Aber sie sind eines von möglichen Zielen terroristischer Anschläge", fügte er dann doch an. Angeblich hätte man die Atomkraftwerke nur mit minimaler Besetzung betrieben, um die Anlagen schneller evakuieren zu können, wäre dies nötig gewesen.

Beruhigend ist auch diese zweite Argumentation nicht für die vielen Bewohner im nahen Antwerpen. Denn man fragt sich, warum wohl ein Atomkraftwerk evakuiert werden muss? Das geschieht eigentlich nur im Notfall. Und den hält man in Belgien offensichtlich nicht für ausgeschlossen. Und das hat damit zu tun, dass der oben benannte bekannte Islamist drei Jahre bis 2012 im sensibelsten Bereich von Doel arbeiten konnte. Das Vorgehen nach den neuen Anschlägen macht vielmehr deutlich, dass die AFCN den Sicherheitsüberprüfungen des Personals nicht traut. Sie hält es offensichtlich für möglich, dass Terroristen weiterhin in einem Atomkraftwerk tätig sein können.

Tatsächlich ist der Fall des in Marokko geborenen Boughalab hanebüchen. Er übersteigt bei weitem den Skandal, dass Belgien einen der Attentäter trotz der türkischen Warnungen wieder auf freien Fuß gesetzt haben soll (Erdogan: Belgien hat Terroristen trotz Warnung auf freien Fuß gesetzt). Man kann in einem Rechtsstaat eben Menschen nicht einfach einknasten, was im "sicheren Drittstaat" Türkei anders gehandhabt wird. Aber der Fall von Boughalab ist anders gelagert. Man kann nicht einmal behaupten, dass der in Tanger geborene junge Mann unter dem Radar der Sicherheitsbehörden durchgeschlüpft sei.

Er soll Sicherheitschecks bestanden haben, obwohl den Behörden sogar gut bekannt war, dass Boughalab zu den besonders aktiven Mitgliedern der radikal-islamischen Organisation "Sharia 4 Belgium" gehörte. Die demonstrierte gerne vor dem Königspalast dafür, aus Belgien einen islamischen Gottesstaat zu machen, in dem die Scharia gelten solle. Boughalab landete dafür sogar auf der Liste der Angeklagten, als Mitgliedern von Sharia 4 Belgium der Prozess gemacht wurde. Das hatte aber keinerlei Auswirkung auf seine Beschäftigung im Hochsicherheitsbereich des Atomkraftwerks. Er war dort für Sicherheitsprüfungen verantwortlich und bei einer externen Firma angestellt.

So wird verständlich, dass die Beschäftigten externer Firmen auch am gestrigen Mittwoch die Atomkraftwerke nur "in dringenden Fällen" betreten durften. Etwa die Hälfte der mehr als 2000 in den beiden Atomkraftwerken arbeitenden Angestellten kommen von Subunternehmen. Man darf davon ausgehen, dass die noch immer nicht richtig überprüft wurden. Und das bedeutet, dass aus den Vorgängen um Boughalab keine Konsequenzen gezogen wurden. Dabei ist sein Fall schon spätestens seit Oktober 2014 bekannt.

Schon 2012 hatte er sich nach Syrien abgesetzt, um dort für den selbsternannten "Islamischen Staat" (IS) zu kämpfen. Dort nannte er sich Abu Ubaydah al-Jarah al-Beljiki und soll als 26-Jähriger in den Kämpfen im März 2014 gefallen sein. Das hatte der Extremismusexperte Pieter Van Ostaeyen bekannt gegeben.

Dass sich Boughalab nach Syrien abgesetzt hat, kann in zwei Richtungen interpretiert werden. Möglicherweise sollte er das entsprechende Training erhalten, um dann nach seiner Rückkehr mit seinem internen Wissen einen Angriff auf ein Atomkraftwerk vorzubereiten, um sie in eine riesige schmutzige Bombe zu verwandeln. Vermutlich stand aber auch beim IS vor vier Jahren eine solche Eskalation (noch) nicht auf der Tagesordnung. Das könnte sich aber längst geändert haben.

Wollten die Islamisten einen Atomexperten entführen?

Denn wie ebenfalls berichtet wird, haben Islamisten auch Atomexperten im Visier. So wurde ein Spitzenforscher des belgischen Nuklearforschungszentrums SCK-CEN in Mol ausgeforscht, das weltweit zu den größten Produktionsanlagen für radioaktive Isotope zählt. Die werden in der Medizin zur Krebsdiagnose verwendet, sind aber auch einsetzbar, um mit einer schmutzigen Bombe ganze Stadtteile zu verstrahlen.

Das Haus des Forschers wurde auch von einem Islamisten ausgespäht, der nach Einschätzung belgischer Sicherheitsbehörden am Paris-Attentat beteiligt gewesen sein soll und dafür in Untersuchungshaft sitzt. Bei der Durchsuchung einer Wohnung in Auvelais, etwa 60 Kilometer südlich von Brüssel, wurden auch Fingerabdrücke des Monir Ahmed Alaaj (alias Amine Choukri) gefunden, der kürzlich zusammen mit dem mutmaßlich flüchtigen Paris-Attentäter Salah Abdeslam in Brüssel verhaftet worden ist (Anschläge in Paris: "Ein größeres Netzwerk, als wir dachten").

In der Wohnung wurden Videoaufnahmen gefunden. Zehn Stunden war der Eingang einer Wohnung gefilmt worden, die sich als die des Forschers herausstellte. Eine Kamera war unter Büschen installiert worden. Die belgischen Sicherheitskräfte spekulieren darüber, ob eine Entführung eines Familienmitglieds vorbereitet werden sollte, um den Forscher zu zwingen, radioaktives Material herauszugeben.

"Ein möglicher schwerer Unfall in einem AKW ist kein Restrisiko mehr"

Immer wieder haben aber Umweltschutzorganisationen auf die Gefahren hingewiesen, die von fast ungeschützten Atomkraftwerken ausgehen. Schon vor zehn Jahren wurde gefragt, warum man aufwendig schmutzige Bomben bauen sollte, wenn man sie wie mit dem Atomkraftwerk Fessenheim praktisch vor der Nase stehen hat (Warum schmutzige Bomben bauen?). Dass es noch keine Katastrophe gab, ist wohl bisher nur dem Umstand zu verdanken, dass eine solche Aktion auch den Islamisten nicht in den Kram gepasst hat. Doch das könnte sich ändern. Dafür gibt es Hinweise, aber auch die deutlich sichtbare Zuspitzung des Konflikts könnte für eine solche Eskalation sorgen. Da der IS verstärkt bombardiert wird, trägt er verstärkt seinen Terror nach Europa.

Deshalb sollten sofort alle besonders gefährlichen Atommeiler abgeschaltet werden. Fessenheim im Rheintal - schon ohne feindliche Einwirkung zeitweise außer Kontrolle - bedroht unzählige Menschen von Straßburg über Freiburg bis Basel. Dass das Uralt-Kraftwerk nach den fatalen Vorgängen 2014 nun noch in diesem Jahr abgeschaltet werden soll, ist ein nur schwacher Trost.

So meint auch der Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital, dass die im Betrieb befindlichen Atomkraftwerke in Frankreich und Belgien abgeschaltet gehören: "Atomkraftwerke in Belgien und anderswo sind ein potentielles Anschlagsziel für Terroristen mit möglicherweise verheerender Wirkung." Wenn Bahnhöfe abgeriegelt sind, Flugzeuge am Boden bleiben und U-Bahnen stillstehen, müssten auch Atomkraftwerke abgeschaltet werden, sagte er. "Ein möglicher schwerer Unfall in einem AKW ist kein Restrisiko mehr."

Die Gefahr bei laufenden Anlagen sei besonders groß, erklärte der Kernphysiker gegenüber dem Deutschlandfunk: "Weil ein hier Nur-sich-selbst-überlassen schon zum systematischen Super-Gau führt, wie wir in Fukushima gesehen haben. Da ist ja nicht nur ein Reaktor explodiert, da sind sie der Reihe nach explodiert. Das heißt, in drei Reaktoren hat es Kernschmelzen gegeben. Das heißt, bei einem laufenden Reaktor braucht man sehr viel Logistik, eine sehr intakte Anlage, um eine Superkatastrophe zu verhindern. Das reduziert sich bei einer abgeschalteten Anlage. Hier hat man viel mehr Zeit, zu intervenieren. Hier entwickelt sich ein Umfall keineswegs so schnell."

Eine besondere Bedrohung sieht der Greenpeace-Experte durch mögliche Insider wie Boughalab und verweist auf eine ungeklärte Sabotageaktion (Belgiens und Frankreichs Atomstromversorgung in Gefahr). "In Belgien hat es im Sommer 2014 einen hoch entwickelten Sabotageakt gegeben, wo mehrere Innentäter mit sehr hoher Anlagenkenntnis sehr hohen Schaden zugefügt haben. Diese Innentäter konnten nie letztlich gefasst werden. Man konnte das nur einkreisen auf eine Tätergruppe, es wurde aber nie letztlich aufgeklärt." Damit lieferte Smital eine weitere Erklärung dafür, warum zahlreiche Mitarbeiter in Doel und Tihange nach Hause geschickt wurden und man auch einen Notfall nicht ausgeschlossen hat.