ISIL erklärt neues Kalifat für alle Muslime

Russland schickt Kampfflugzeuge für Maliki-Regierung, USA lassen bewaffnete Drohnen über dem Irak fliegen, Israel unterstützt Unabhängigkeit der Kurden

ISIL, die Angst und Schrecken verbreitende Islamistengruppe, wurde zwar offenbar auf dem propagierten Vormarsch auf Bagdad gebremst, auch wenn es heißt, es seien schon länger Kämpfer in die Staat geschickt, um bei Befehl Anschläge auszuführen.

Das irakische Militär, das in Divisionen vor den Islamisten geflohen und Waffen zurückgelassen, beginnt sich zu formieren und Stellungen von ISIL anzugreifen. Allerdings haben die Islamisten offenbar in Tikrit, das schon einmal von der irakischen Armee wieder eingenommen worden sein soll, wieder Erfolge erzielt. Die irakischen Streitkräfte greifen Stellungen in der Stadt mit Hubschraubern an.

Unterstützt wird die schiitische Maliki-Regierung von Zehntausenden von schiitischen Männern und Milizen wie der von as-Sadr, die gegen die militanten Sunniten antreten, aber auch die etwa in Bagdad lebenden Sunniten bedrohen, die nach dem Einmarsch der Amerikaner in ethnisch gesäuberten Wohngebieten durch Mauern "geschützt" wurden und nun eher darin eingesperrt sind. Damit entgleitet die Macht der Zentralregierung noch weiter und wird der Irak zum Schlachtfeld der schiitischen, sunnitischen und kurdischen Milizen.

ISIL ruft neues Kalifat aus.

ISIL hat nun durch seinen Sprecher Adnani ein Kalifat ausgerufen und al-Baghdadi alias Ibrahim Ibn Awwad Ibn Ibrahim Ali Ibn Muhammad al-Badri al-Hashimi al-Husayni al-Qurashi, den geheimnisvollen Anführer, von dem es wie vom Anführer der Taliban kaum ein Bild gibt, zum Kalifen ernannt (Audio), der zudem der Führer aller Muslime sein soll. Und weil es nun einen "Islamischen Staat" geben soll, wurde aus dem Namen Irak und die Levante gestrichen. Das erschien des Islamisten wohl mittlerweile zu klein gestrickt, hat man sich doch globale Aufmerksamkeit verschafft, den Konkurrenten al-Qaida beiseite gedrängt und den Nahen Osten ins Beben und die bestehenden Grenzen ins Wanken gebracht.

Am nächsten Dienstag findet die erste Sitzung des neuen Parlaments statt. Schiitische, kurdische und sunnitische Abgeordnete bemühen sich darum, eine Regierung der nationalen Einheit zusammenzubringen. Doch Regierungschef al-Maliki hatte ein derartiges Ansinnen ebenso zurückgewiesen wie seinen Rücktritt. Er vertraut auf die Unterstützung durch den Iran und Syrien - und inzwischen einen weiteren Partner in Russland gefunden, das ein Dutzend SU-25-Kampfflugzeuge nach Bagdad schickt, um sich dadurch einen Einfluss zu sichern und die USA wie schon in Syrien auszubremsen. Die ersten 5 sind bereits eingetroffen. Washington zögert hingegen, die Regierung in Bagdad militärisch zu unterstützen, so lange al-Maliki nicht zumindest die gemäßigten Sunniten an einer Regierung beteiligt. Allerdings hat das Pentagon nach eigenen Angaben mit Genehmigung der irakischen Regierung Aufklärungsdrohnen und auch bewaffnete Drohnen in den Irak eingesetzt. Letztere sollen angeblich nur die Militärberater schützen, die zur Unterstützung der irakischen Armee nach Bagdad geschickt wurden.

Die Kurden könnten zwar pro forma noch mitspielen, haben die Chance benutzt, um ihr Territorium auszuweiten und die ölreiche Region um Kirkuk unter ihre Kontrolle zu bringen. Unterstützt wurden die Bestrebungen der Kurden nach einem eigenen Staat gestern vom israelischen Regierungschef Netanjahu, der damit den Bemühungen der USA in den Rücken fällt, den Irak noch zusammenzuhalten, auch wenn Washington nicht weiß, an wen man sich dabei halten soll. Netanjahu rief dazu auf, gemäßigte Positionen zu unterstützen, wozu er die irakischen Kurden und Jordanien zählt. Ein kurdischer Staat würde allerdings auch die Konflikte in der Türkei und im Iran fördern sowie darauf zu laufen, dass auch die Kurden in Syrien Unabhängigkeit verlangen. (Florian Rötzer)