Ich/Auge/Welt - The Art of Vision

Alfons Schilling - Pionier der Virtual Reality

Alfons Schilling ist einer der Künstler, die dem Wiener Aktionismus angehörten. Aber er ist nach seinen aktionsmalerischen Bildauflösungen auch ein Pionier der Virtual Reality gewesen. Seine Sehmaschinen, die er unter anderem zusammen mir Woody Vasulka baute, sind gedankliche und technische Vorläufer der Head Mounted Displays wie sie von Ivan Sutherland Ende der 60er Jahre erstmals beschrieben wurden.

Mit der Kunst des Sehens beschäftigte sich der 1934 in der Schwiz geborenen Alfons Schilling bereits sehr früh. Nach langen Reisen durch die Welt und seinem Studium an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst zieht er, der sich in Wien vor allem mit Günter Brus und Walter Pichler zusammentat, Anfang der 60er Jahre nach Paris. Dort erweiterte er seine in Wien begonnenen aktionistischen Malereien, die mehr und mehr auf eine Entgrenzung der Bildfläche abzielten, und experimentierte mit rotierenden Leinwänden, die er später mithilfe von ausklappbaren "Auswüchsen" noch auszudehnen versuchte. Dabei ging es ihm bereits um die Einbeziehung des Betrachters in die Entstehung und damit Existenz des Kunstwerks. Die Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten des menschlichen Auges sollten hinterfragt und das Verständnis des einmaligen, genialen Kunstwerks durch Einbeziehung des Betrachters und seines Realitätsumfeldes in die Entstehung seiner Werke verändert werden. So sollten seine Rotationsbilder sowohl stehend als auch in rotierender Bewegung gesehen werden können. Er schuf damit bereits eine Maschine als Grundlage für seine künstlerische Arbeit, die sowohl den Produktionsakt als auch den der Rezeption mitbestimmte. Gleichzeitig wurde die der Malerei immanente Materialität als Basis eines Kunstbegriffs aufgehoben, und die Faktoren Zeit und Raum gaben seinen Arbeiten tatsächlich neue Dimensionen.

1962 übersiedelte Schilling nach New York, wo er sich mit Film, Theater und Happening auseinandersetzte und gleichzeitig mit technischen, visuellen und photografischen Experimenten begann. So beschäftigte er sich mit dem damals völlig neuen Medium der Holographie und entwickelte unter anderem zuerst Stereosysteme zur Untersuchung von Seheigenschaften, Wahrnehmung und räumlicher Veränderung, um schließlich 1968 mit den ersten Linsenrasterfotografien nach außen zu gehen. Das diesen zugrundeliegende technische Prinzip des "Lippmann-Linsenrasters" besteht aus einem transparenten Plastikmaterial, dessen Oberfläche aus langgestreckten halbzylindrischen Linsen geformt ist. Im Kontakt mit dem Fotopapier können durch diese Anordnung je nach Winkel bis zu dreissig verschiedene Bilder in einem einzigen Bild optisch "gespeichert" werden.

In diesen Fotografien - einige hat er Edweard Muybridge gewidmet - thematisierte und dokumentierte Schilling u.a. 1968 die Chicago Riots. Die Arbeiten entfalten erst durch die Bewegung des Betrachters ihre Inhalte, die Überlagerung mehrerer Ausgangsfotografien (zum Teil scheinen dabei Aufnahmen von Genet oder Burroughs durch) erfordern eine "dynamische" Sichtweise, die auch im Innehalten vor dem gerahmten Bild sich der eigenen Position bewußt wird. Das klassische Subjekt-Objekt-Verhältnis wird dabei durch die sich aufdrängende Frage nach dem "Programm" im Schema insofern thematisiert, als sich die Technik (der Physik) zwar nicht versteckt, aber doch erst mit Kenntnis derselben durchschaubar wird. Nur die Notwendigkeit der Interaktion mit dem Kunstwerk ist als solche offensichtlich.

In der Serie "Brainscape" von 1971 schließlich verwendete Schilling für seine Linsenrasterfotografien schon als Ausgangsmaterial Bilder, die das herkömmliche Sehen hinterfragen: aufgehängte Felsen, verkehrte Landschaften, umgedrehte Geysir- oder Cracksandaufnahmen werden übereinander gelagert, negativ und positiv oder umgestülpt verwendet, und die Wahrnehmung von Raum und damit maßgeblich die von Realität problematisiert. Zusätzlich setzte Schilling hier 3D Stereoeffekte als weiteren Eingriff in das herkömmliches Sehen ein. Er entwickelte Ideen für Vektorgrafien, die eine Art Mischung aus Holographie und heutigen VR-Welten sind. Diese Konzepte beinhalteten, wie auch die Linsenraster-Fotografien, Darstellungsversuche von veränderten Raum- und Bewegungsvorgängen, wie sie etwa auch aus Experimenten mit bewußtseinsverändernden Drogen bekannt sind.

Die Grunderfahrung und für die Zukunft der Vision entscheidende Erfahrung ist, daß die apparative Wahrnehmung eine neue Wahrnehmung von Raum und Zeit ermöglicht ... Mit klassischen Worten: Scheinkörper bewegen sich in Scheinräumen und sind vom Betrachter durch die Apparate steuerbar. Dies ist das Grundkonzept von Cyberspace.

1973 hatte Schilling das erste head-mounted-display entwickelt, wie wir es heute nennen würden. Unter dem Titel "Video-Head-Set" entwickelte er eine Apparatur, die es mithilfe von zwei kleinen Monitoren vor den Augen des Benutzers (head-mounted) diesem ermöglichte, sich in beliebigen räumlichen und zeitlichen Dimensionen zu bewegen. Aber die Technik war noch nicht genug ausgereift, so daß es außer mit einem Prototypen zu keinem nennenswerten Einsatz kam. Schilling hat jedoch 1973 auch sein Konzept "Electronic Spaces" verfaßt, in dem er eigentlich alles vorwegnahm, was technisch und visionär im Bereich der späteren VR möglich wurde.

Vermutlich wegen der damals technischen Unzulänglichkeiten wandte sich Schilling wieder mehr den einfachen physikalischen und optischen Gegebenheiten des Sehens zu und schuf sogenannte "Sehapparate", die zur Herstellung von binokular gezeichneten Räumen dienten, die er weiterentwickelte und perfektionierte. "Beyond the human eye" nannte er etwa seine Experimente mit Kamerablenden, die er mit verschiedenen figurativen Elementen ausstattete. Die Öffnungen der Blenden waren Zeichen, Icons und Symbole, die sich in den ausgearbeiteten Fotografien wiederfanden. Für stereoskopische Effekte des Sehens nutzte Schilling rotierende Projektor-Verschlußscheiben mit verschiedenen Durchlässigkeiten, Formen und Farbfiltern bei paralleler Projektion von Dias.

"Staying at the edge of the voluptous phenomena produced by what may be called the 'Schilling Effect' the experience here is more in the nature of animated stereoptician pictures and its aptly referred to as 'The Nervous System'", schriebt Ken Jacobs 1981 über Schillings 3D Stereoprojektionen von Dias.

Der optisch-physikalische Akt des Sehens mit seinen biochemischen und neurologischen Grundlagen war für Schilling immer wieder Mittelpunkt seiner Arbeiten. Dabei ist ein großer Teil als wissenschaftlich-forscherische Leistung zu betrachten (Schilling hat auch Patente angemeldet), dennoch ist es das sinnlich-künstlerische Moment, das seine Projekte erst so reizvoll macht. Besonders in den Versuchen der 80er Jahre, in denen Alfons Schilling die großen, tragbaren Sehmaschinen entwickelt hat, machen deutlich, wie weit er einerseits den Visionen eines virtuellen (Cyber)Space schon voraus war, und demonstrieren andererseits die künstlerische und kreative Überlegenheit seiner Projekte. Die Spalte zwischen den durch das Benutzen der Gerätschaft ausgelösten physischen wie geistigen Zuständen sowie der rationalen Verwunderung über den tatsächlichen Seh-Effekt hat vermutlich erst so etwas wie eine Erkenntnis über ästhetische Kanäle ermöglicht, während alles, was später an virtueller und Cyberspace-Realität geleistet werden sollte, ein im wahrsten Sinne ermüdender Abklatsch von propagierten Utopien und Visionen war. "Augenverschieber" oder "Raumumkehrer" für seine mitunter banalen optischen Systeme sagen als Titel exakt das aus, was sie tun: sie kehren den Raum wirklich um, außen wird innen, oben wird unten, rechts wird links - und umgekehrt. Und schließlich beziehen das "Kleine Rad", der "Kleine Vogel", das "Große Rad" oder der "Dunkelkammerhut" den ganzen Körper in das Wahrnehmen von Umwelt ein.

Das Blickfeld ist auf den zentralen Teil der Netzhaut beschränkt: der Vorgang des Bildaufbaus ist abhängig von Bewegungsempfindungen, die wiederum beeinflußt werden vom Gewicht des Apparates und dessen physischer Ausdehnung.

Alfons Schilling über das Große Rad

Diese Sehmaschinen und die späteren überdimensionalen in die Landschaft gestellten optischen Systeme waren leider in der Anfang dieses Jahres gezeigten Retrospektive in Krems nicht zu sehen. Als "Ersatz" dafür konnte man Schillings autobinäre Stereobilder betrachten, die er in den späten 80er und 90er Jahren schuf, und die sich erst durch die Betrachtung mithilfe eines Prismamonokels als dreidimensionaler, gemalter Raum erkennen lassen. In ihrer Konstruktion sind sie zwar bewundernswert, aber sie lassen dennoch die Faszination der großen Sehmaschinen vermissen. Die Ausstellung wurde durch die Auflage eines schönen Katalogs erweitert, den Schilling selbst herausgegeben hat. Mit Texten von Hubert Klocker, Carl Aigner, Peter Weibel, K.A. Schröder und Max Peintner und zahlreichen Abbildungen der Arbeiten, Skizzen, Maschinen und Texte Schillings geht er weit über die gezeigte Ausstellung hinaus und ist insofern der weitaus interessantere Teil der Präsentation.

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