Ich bin Experimenten nicht abgeneigt!

Der deutsche Schriftsteller und Bestseller-Autor Andreas Eschbach über das Schreiben, SF-Literatur, den Niedergang des Buches, Aliens, Investmentbanker und sein neues Buch "Herr aller Dinge"

Der wie Albert Einstein in Ulm geborene Romanschriftsteller und (einmalige) Telepolis-Autor Andreas Eschbach (52) kann auf eine knapp 20-jährige literarische Schaffensperiode zurückblicken, in der er 15 Romane (und ein Sachbuch) zu Papier gebracht hat, von denen das Gros zu Bestsellern avancierte. Zusammen mit Frank Schätzing zählt Eschbach zu den erfolgreichsten deutschen Autoren von Wissenschaftsthrillern, die von Science-Fiction-Elementen leben, ohne sich darin gänzlich zu verlieren. Vor wenigen Tagen erschien sein voluminöses 16. Opus, eine unterhaltsame und spannende Lektüre, die obendrein mit den Attributen intelligent und einfallsreich aufwarten darf, weil die Story unerwartete Wendungen nimmt und den Leser auch zum Nachdenken anregt. Anlass genug also, um mit dem sympathischen Starautoren einmal über seinen neuen Roman zu fabulieren, insbesondere aber ein tiefergehendes Gespräch zu führen, das sich rund um das Buch dreht, ob in gedruckter oder elektronischer Form.

Andreas Eschbach zu Besuch in der schönsten Großstadt Deutschlands. Ein Teil des Interviews fand ganz entspannt unter dem Motto "In vino veritas et sanitas" statt. Bild: H. Zaun
Es ist allgemein bekannt, dass viele Autoren, Schriftsteller und Komponisten die Ruhe und geographische Abgeschiedenheit bevorzugen. Das klassische Motiv ist ein Haus am Meer, eine geduldige Partnerin (oder ein Partner), die (der) alle Freiräume gewährt, und - jederzeit griffbereit - ein gutes Glas Rotwein. Erstaunlich ist, dass Sie diese netten Klischees allesamt bedienen: Sie wohnen in der Bretagne (Nordwestfrankreich) in einem gemütlichen Haus, haben eine geduldige Frau an Ihrer Seite, die obendrein selbst Schriftstellerin ist, und können von Ihrem Arbeitszimmer aus den Wellengang im Atlantischen Ozean nach Gutdünken verfolgen. War dies ein entscheidender Grund, warum Sie 2003 von Stuttgart in die Nähe der französischen Hafenstadt Brest gezogen sind?
Andreas Eschbach: Das hat bei unseren Überlegungen in der Tat eine Rolle gespielt. Tatsächlich habe ich von meinem Schreibtisch aus einen direkten Blick auf den Atlantik, kann also bei Bedarf die Wellen des Ozeans betrachten und gedanklich abschweifen. Aber was die Ruhe betrifft, stimmt das Klischee nicht ganz: Wir leben zwar etwas abgeschieden, aber das Meer ist meistens ziemlich wild und ungestüm. Im Winter sind tagelanger Regen, stürmisches Wetter und Windgeschwindigkeiten von 100 Kilometer pro Stunde bei uns keine Seltenheit. Auf so etwas ist man nicht vorbereitet, wenn man bislang hauptsächlich in Stuttgart gelebt hat; das war gewöhnungsbedürftig.
Als Science-Fiction-Fan haben Sie einst in Stuttgart ein Luft- und Raumfahrttechnikstudium aufgenommen. Dabei gingen Sie von der irrigen Annahme aus, dass dieser Studiengang etwas mit SF zu tun habe. Ihr Parkstudium währte immerhin 12 Jahre, bevor Sie das Experiment abbrachen. Haben Sie diesen Entschluss jemals bereut?
Andreas Eschbach: Das einzige, was ich bereue, ist, das Studium nicht früher abgebrochen zu haben. Ich bin damals von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen und habe mich durch ein Studium gequält, das überhaupt nicht zu meinen Vorstellungen und Fähigkeiten gepasst hat.
Sie haben bereits 2003 gesagt, dass Sie noch Ideen für mindestens 50 Bücher haben. Logischerweise dürften mittlerweile noch einige hinzugekommen sein. Wie trennen Sie hier die literarische Spreu vom Weizen?
Andreas Eschbach: In solchen Fragen ist meine Frau mein erster Ansprechpartner; mit ihr diskutiere ich viele Ideen durch. Oft ergibt sich aus diesen Diskussionen die Entscheidung, was ich als jeweils nächstes Romanprojekt angehe. Und ja, ich habe noch eine Menge Ideen in Reserve. Natürlich ist es eine andere Frage, wie viele ich davon schriftstellerisch umsetzen werde. Würden Schriftsteller erst sterben, wenn sie keine Ideen mehr haben, dann würde ich mindestens dreihundert Jahre alt.
Von Thomas Mann ist eine Sentenz überliefert, wonach ihm das Schreiben selbst schwerfalle, er das Selbige sogar zeitweise sogar als quälend empfinde. Im Schnitt soll er pro Tag vier Stunden geschrieben haben. Laut eigenem Bekunden spulen Sie nicht jeden Tag ein vorgegebenes Pensum ab und schreiben eine bestimmte Textmenge.
Andreas Eschbach: Ich bin eher jemand, der in Etappenzielen denkt und arbeitet. Bis Ende des Monats bei diesem Kapitel sein, bis Ende der Woche bei jener Szene, das sind Ziele, die ich mir setze. Ein Tagespensum, so etwas wirkt bei mir nicht. Ich muss sehen können, ob ich mich dem nächsten Etappenziel nähere - nur so entsteht Dynamik. Die spürt man dann auch im Text, denke ich.
Haben Sie dennoch eine feste Zeitvorgabe - wie viele Stunden arbeiten Sie pro Tag?
Andreas Eschbach: Zeitlich ist das unterschiedlich. Manchmal habe ich Tage, an denen ich zwölf bis vierzehn Stunden schreibe, dann wieder Tage, an denen es nur ein paar Stunden sind. Gefühlter Schnitt sind vielleicht sechs Stunden pro Tag. Und anders als Thomas Mann fällt mir das Schreiben nicht schwer, sondern ist eine ausgesprochen lustvolle Tätigkeit.
Ausgerechnet Konsalik und Simmel, die in der konservativen Literaturlandschaft traditionell eher einen schlechten Ruf haben, beeinflussten Sie laut eigenem Bekunden am nachhaltigsten. Dennoch mögen Sie es nicht, wenn man Sie als Unterhaltungsliteraten bezeichnet. Wie würden Sie denn am liebsten tituliert werden: als Romanschreiber, Thriller- oder SF-Autor?
Andreas Eschbach: Halt, halt - gegen den Begriff "Unterhaltungsliterat" habe ich nichts einzuwenden. Es ist nur so, dass ich selber mich dann am besten unterhalte, wenn ein Buch mehr leistet, als mich nur zu unterhalten. Wenn es mich zum Nachdenken bringt, möglichst noch über das Ende der Lektüre hinaus - das ist es, was ich in meiner Lektüre suche. Und das versuche ich auch, mit meinen eigenen Romanen zu leisten. Und was Konsalik und Simmel anbelangt, ist es nun mal so, dass diese bei all ihren sonstigen Mängeln Autoren sind, von denen man als Dreizehnjähriger viel übers Schreiben lernen kann. Wie man eine Handlung entwickelt, vorantreibt und wie man Spannung erzeugt, kann man sich bei denen auch als Jugendlicher abschauen.
Ihren Durchbruch feierten Sie mit dem Thriller "Das Jesus Video", das millionenfach verkauft, in mehreren Sprachen übersetzt und verfilmt wurde. Von solchen Verkaufszahlen können weltweit 99,9 Prozent aller Autoren nur träumen. Haben Sie viele Neider, insbesondere Neider innerhalb des Literaturbetriebes?
Andreas Eschbach: Neider wird es sicherlich hier und da geben, davor ist ja keine Berufsgruppe gefeit. Aber Neid ist das Problem dessen, der neidet, nicht meines.
Der anglo-amerikanische Raum ist geradezu okkupiert von kreativen englischsprachigen Autoren. Umso erstaunlicher ist, dass Ihr Debüt-Roman "Der Haarteppichknüpfer" vor sechs Jahren in den USA unter dem Titel The Carpet Makers erschienen ist.
Andreas Eschbach: Das war auch für mich eine erfreuliche Erfahrung, zumal die Aufmachung des Buches für amerikanische Verhältnisse [Anm. des Autors: Die meisten US-Bücher erscheinen nicht als Hardcover-, sondern als Paperback-Version] sehr ansprechend ist - eine der schönsten Ausgaben des Romans überhaupt.
Frank Schirrmacher charakterisierte Ihr einstiges Vorbild Konsalik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) als den schwächsten Unterhaltungsschriftsteller, nennt Sie aber einen absoluten Ausnahmefall. Er schreibt über sie, dass sie ein Epiker und Mathematiker in Personalunion seien, weil sie imstande seien, einen literarischen Kosmos nicht nur zu bevölkern, sondern auch funktionsfähig zu halten.
Andreas Eschbach: Es hat mich damals gewundert, dass er das geschrieben hat, denn mir hat Schirrmacher erzählt, er habe noch nie einen Konsalik-Roman gelesen. Was völlig okay ist, muss man nicht - aber dann wäre es vielleicht besser, nicht so tun, als ob. Abgesehen davon war es aber schon toll, in der FAZ so abgefeiert zu werden, das muss ich zugeben.
Die wenigsten wissen, dass sie auch schon einmal als Sachbuchautor die elektronische Feder geschwungen haben. 2004 bzw. 2007 erschien ihr Buch Das Buch von der Zukunft. Sehen Sie sich derweil auch in der Rolle des Sachbuchautors?
Andreas Eschbach: Ich habe ganz zu Anfang - so um 1992 - ein Fachbuch über Softwareentwicklung geschrieben, das aber praktisch niemand gekauft hat. Ich habe mich auch nie als Sachbuchautor gesehen; das und später "Das Buch von der Zukunft" waren in meinen Augen Ausflüge. Zu Hause bin ich im Roman. Was nicht heißen soll, dass ich nicht irgendwann wieder solche Ausflüge mache. Ich bin ja Experimenten nicht abgeneigt.
Auf der Frankfurter Buchmesse ist Science-Fiction-Literatur schon seit Ewigkeiten in jeder Hinsicht unterrepräsentiert. Wer gezielt nach SF sucht wird bestenfalls am Perry-Rhodan-Stand fündig. Fast in allen überregionalen Gazetten finden sich im Feuilleton keine Rezensionen zu diesem Sujet. Haben die Literaturkritiker vielleicht nur Angst vor wissenschaftlich-technisch aufbereiteten Themen, weil ihr Wissen über derlei Fachgebiete womöglich zu begrenzt ist?
Andreas Eschbach: Ja, das vermute ich. Die meisten Literaturkritiker haben unterentwickelte naturwissenschaftliche und technische Kenntnisse und meiden daher Rezensionen über Romane, die solche Schwerpunkte bedienen, unabhängig davon, wie gut oder schlecht sie literarisch umgesetzt wurden.
Michael Crichtons Zeitreisegeschichte "Timeline" wurde von vielen Rezensenten als ausgesprochen dünn und schwach charakterisiert. Glauben Sie, dass Ihr Buch "Das Jesus-Video" (1997) davon profitierte, dass die meisten Handlungsstränge in der Gegenwart spielten und die näheren Hintergründe über das "Wie" der Zeitreise erst gar nicht erwähnt wurden. Crichton hatte in seinem Werk wenig überzeugend versucht, die Technik der Zeitreise zu beschreiben.
Andreas Eschbach: Ich fand seine Ideen zur technischen Machbarkeit der Zeitreise damals auch wenig überzeugend - was damit zusammenhängen dürfte, dass ich reale Zeitreisen sowieso für unmöglich halte. Im "Jesus Video" ist die Zeitreise ein literarisches Vehikel, und ich habe es der Fantasie meiner Leser überlassen, wie das vor sich geht, dass der Zeitreisende in die Vergangenheit gelangt.
In den letzten Heyne-Science-Fiction-Jahrbüchern ist immer vom Tod oder Niedergang des SF die Rede. Sie selbst verweisen in dem Beitrag "Realität: sehr zu empfehlen. Vom Sterben und Weiterleben der Science Fiction" (2007) darauf, dass die wirklich großartigen neuen Science-Fiction-Romane heute von Nicht-SF-Autoren geschrieben werden. Glauben Sie, dass dieser Trend anhält?
Andreas Eschbach: Es wird tatsächlich schrecklich viel über das Sterben des Science-Fiction-Genres geschrieben und philosophiert. Ich sehe die Entwicklung aber nicht so dramatisch. Dass vermehrt Autoren außerhalb des SF-Genres Romane schreiben, die man als große Science-Fiction-Romane lesen kann, bedeutet doch nur, dass die Ideen der Science-Fiction inzwischen Allgemeingut geworden sind - und dass die Phantasie der Autoren allgemein wagemutiger wird. Im Grunde ist dies die Geschichte einer geglückten Propaganda. Daran kann ich nichts Schlechtes finden.
Obwohl oder gerade weil Sie eine Zeitlang als Softwareentwickler gearbeitet haben, pflegen Sie ein distanziertes Verhältnis zu Computern. In ihrem letzten Roman Ein König für Deutschland thematisieren Sie die potenziellen Gefahren von Computern und bezeichnen diese als "Maschinen zur Manipulation von Daten". In einem Interview mit dem Cicero-Magazin wurden Sie noch deutlicher. Hier reden Sie von einer "Art digitaler Wahn". Unser Lieblingskind sei der Computer. "Man versucht krampfhaft, alles zu computerisieren, weil es so schön bunt und trendy ist." Sehen Sie der wachsenden Dominanz der Computer mit Sorge entgegen?
Andreas Eschbach: Ich empfinde mein Verhältnis zu Computern nicht als distanziert, ich versuche nur, sie sinnvoll einzusetzen. Für viele Leute ist der Computer eine Lösung, zu der sie händeringend passende Probleme suchen. Und das ist Unsinn. Der Computer ist für manche Bereiche das richtige Werkzeug, und dann sollte man ihn einsetzen. Und für manche Bereiche ist er nicht das richtige Werkzeug, dann sollte man ihn nicht einsetzen. Ganz einfach. Und wie alles, was ganz einfach ist, kapieren das die Wenigsten.
Wie halten Sie von dem scheinbar künstlich generierten E-Book-Boom? Würden Sie ein 500 Seiten starkes Buch am Display konsumieren?
Andreas Eschbach: Ja, das habe ich schon öfter gemacht. Mit einem guten Reader ist das fast so angenehm wie ein richtiges Buch, und wenn man auf Reisen ist sogar noch angenehmer, weil man eine ganze Bibliothek dabei haben kann, die trotzdem nur ein paar hundert Gramm wiegt. Ich empfinde den Boom der E-Books auch nicht als Bedrohung: Es ist ein zusätzliches Medium, eine Ergänzung, nicht ein Ersatz für das klassische Buch. Wobei ich persönlich weiterhin das gedruckte Buch vorziehe.
Der Buchmarkt befindet sich zwar noch in keiner Krise, aber die Verkaufszahlen gehen deutlich zurück. Auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse verzeichneten die Veranstalter seit langer Zeit einmal wieder rücklaufende Besucherzahlen und weniger Aussteller sowie schlichtweg weniger Ausstellungsexemplare. Stattdessen überschwemmen Hörbücher, japanische Comics und vor allem E-Books mitsamt Software den Markt? Quo vadis, liber?
Andreas Eschbach: Wohin die Reise geht, weiß ich natürlich auch nicht. Ich kann mir da viel vorstellen. Durchaus auch, dass das klassische Buch irgendwann ganz verschwunden sein wird. Vielleicht verliert der Roman als Gattung seine Bedeutung, womöglich kommt das Lesen insgesamt aus der Mode.
Ich habe jedenfalls immer wieder den Verdacht, dass es mit der Lesekompetenz bergab geht. Mir haben schon Lehrer gesagt, dass sie ihren Schülern der Mittelstufe die Lektüre ganzer Bücher nicht zumuten können - wir reden hier von Taschenbüchern mit wenig mehr als zweihundert Seiten! -, sondern die Lektüre auf die Kernszenen beschränken müssen. Und in Begegnungen mit Schulklassen merke ich immer wieder, dass viele Jugendliche schlichtweg nicht in der Lage sind, komplexe Handlungen oder selbst einfache Sachverhalte zu verstehen. Wobei ich nicht behaupte, das wirklich umfassend beurteilen zu können. Das sind eben solche Erlebnisse, die einem nachgehen. Es gibt auch andere Erlebnisse. Es gibt Vierzehnjährige, die mir Mails in einem so hervorragenden Deutsch schreiben, wie es viele Erwachsene nicht hinkriegen, und die alle meine dicken Bücher verschlungen haben.
Glauben Sie, dass faktenreichen Romane literarisch schwerer umzusetzen sind als rein fiktive Geschichten, etwa wie jene, deren Protagonisten im Harry-Potter-Kosmos Zuhause sind, den sich seine Schöpferin nach ihrem Gusto zusammenschustern konnte?
Andreas Eschbach: Was "Harry Potter" betrifft, würde ich absolut nicht von "zusammenschustern" sprechen, im Gegenteil: Gerade dieser Kosmos ist von seiner Schöpferin bewundernswert liebevoll, detailliert und durchdacht ausgearbeitet worden; Joanne K. Rowling kann einem, was Weltenbau anbelangt, nur Vorbild sein. Und was Ihre Frage anbelangt, muss ich ganz klar sagen, dass Romane, die in der realen Welt spielen, deren Details man nur zu recherchieren braucht, wesentlich einfacher zu schreiben sind als Romane in erfundenen Welten. Denn deren Details muss man sich alle selber ausdenken, und sie müssen alle zusammenpassen - da helfen einem Wikipedia und Google nicht viel.
Sie verweisen ganz offen darauf, dass die meisten Schriftsteller in Wahrheit nicht einmal notdürftig vom Schreiben leben können. Die Hälfte aller Schriftsteller verdient weniger als 3.000 Euro pro Jahr. Obwohl die deutschsprachige Literatur (Deutschland, Österreich und die Schweiz) den drittgrößten Buchmarkt der Welt stellt, können in Deutschland nur 100 Autoren alleine vom Schreiben leben. Welche Chancen haben da noch neue Schriftsteller oder Jungautoren, sich zu etablieren?
Andreas Eschbach: Dieselbe Chance wie eh und je: Indem sie einen Roman schreiben, der genügend Leute aus den Socken haut - zuerst im Verlag, dann unter den Lesern. So hat jeder Autor, der heute bekannt ist, mal angefangen. Niemand kommt als berühmter Autor auf die Welt.
Sie schreiben, dass der normale Autor bestenfalls ein C-Promi ist, der in der Regel auf der Straße nicht erkannt wird. Das kann aber auch ein Vorteil sein…
Andreas Eschbach: Oh ja, das ist sogar ein wunderbarer Vorteil. So hat man im Alltag seine Ruhe. Ich wünsche es mir nicht anders.
In der ZEIT oder FAZ werben einige Verlage um Autoren ("Verlag sucht Autoren"). Auf Ihrer Website geben Sie Autoren in spe viele Tipps und warnen diese explizit davor, die schriftstellerische Karriere in solchen Druckkostenzuschussverlagen zu starten. Wer einmal im Selbstverlag veröffentlicht haben, sei bei richtigen Verlagen praktisch nicht mehr vermittelbar.
Andreas Eschbach: Jedenfalls nicht mehr mit dem bereits veröffentlichten Buch, das will meistens kein Verlag mehr haben. Zumindest war es früher so - das Image des sich selbst verlegenden Autors ändert sich dank einiger beachtlicher Erfolge in diesem Bereich gerade. Aber Selbstverlag hat nicht damit zu tun, dubiosen Pseudoverlagen Unsummen in den Rachen zu werfen, die an den Träumen von Autoren verdienen, nicht am Verkauf von Büchern. Man kann seine Bücher heutzutage dank Print-on-demand und Kindle-E-Books schon für wenig bis gar kein Geld veröffentlichen - was man jedoch investieren muss, ist sehr viel Mühe in das eigene Marketing. Das ist nicht jedermanns Sache.
Sie haben summa summarum bislang 15 Romane und ein Sachbuch geschrieben, die von renommierten Verlagen auch publiziert wurden. Im Schnitt haben Sie in etwa alle 1,5 Jahre ein Buch auf dem Markt gebracht. Letzte Woche ist Ihr neues belletristisches Werk erschienen. Turnusgemäß müssten Sie an dem Buch ebenfalls 1,5 Jahre gearbeitet haben. Stimmt dieser Zahlenwert?
Andreas Eschbach: Das ist nicht so einfach zu sagen. Vielleicht, was die reine Zeit des Schreibens und Überarbeitens anbelangt. Aber jeder meiner Romane hat eine lange Vorlaufzeit, in der der Stoff von der Grundidee bis zum Konzept heranreift. "Herr aller Dinge" zum Beispiel geht auf eine Idee zurück, die ich 1996 hatte, hat mithin also letztlich 15 Jahre gebraucht, um zu entstehen. Andere Romane haben noch längere Vorgeschichten, bis zu fast dreißig Jahren.
Andreas Eschbach bei einer Lesung irgendwo auf der Erde. Bild: Olivier Favre
Ihr aktuelles Buch ist eine Mischung aus Science-Fiction-Roman und Wissenschaftsthriller und überrascht an einigen Stellen auch mit romantischen sowie horrormäßigen Elementen! Welchem Genre kommt Ihr Roman ihrer Meinung nach am nächsten?
Andreas Eschbach: Ach, ehrlich gesagt überlasse ich die Einordnung in Genres lieber anderen. Da kennen sich andere besser aus als ich. Was mich anbelangt, kenne ich nur das Genre "Roman".
Sie haben sich für einen Buchtitel entschieden, mit dem Leser vorerst nicht viel anfangen kann. Erst gegen Ende Ihres neuen Romans vermag dieser die Headline in den Gesamtzusammenhang zu subsumieren. Ist der kryptische Namen Ihres Buches der Dramaturgie geschuldet?
Andreas Eschbach: Nein, es war einfach so, dass sich dieser Titel erst gegen Schluss der Niederschrift als der richtige Titel für den Roman herausgestellt hat. Der Titel, bei dem sich dieses "Das ist es"-Gefühl eingestellt hat, nach dem man immer sucht. Was insofern passt, als "Herr aller Dinge" ein Roman geworden ist, der, glaube ich, verlangt, dass man sich als Leser darauf einlässt, sich sozusagen der Geschichte überlässt. Das ist die Voraussetzung dafür, Überraschungen zu erleben, und von denen gibt es im Verlauf des Romans ja einige. Deswegen ist es besser, man weiß vorher nicht so viel darüber, was einen erwartet. Was aber interessanterweise viele Leute heutzutage nicht mehr aushalten, soviel "Ungewissheit".
In Ihrem Opus hat auch eine besondere Form von Schwarmintelligenz einen Auftritt, die bislang noch kein (bekannter) Autor auf diese Weise kreiert und beschrieben hat - selbst ein Frank Schätzing oder Michael Crichton nicht. Haben beide Autoren Sie dennoch inspiriert?
Andreas Eschbach: Sie denken da an den "Schwarm" und an "Prey". Die habe ich beide gelesen, allerdings zu einem Zeitpunkt, als mein eigenes Konzept für den Roman bereits so weit fertig war, dass ich in dieser Hinsicht keine Inspiration mehr brauchte.
Tokio, Paris, Buenos Aires, Nordamerika, Mexiko, Schottland, eine fiktive Polarinsel - in ihrem neuen Roman verlagern Sie die Handlunge(en) auf mehrere Haupt- und neben Nebenschauplätze. Wenn Sie besagte Städte beschreiben, gewinnt man den Eindruck, als hätten sie dort selbst eine Zeit lang gelebt. Waren Sie für die Recherche selbst vor Ort?
Andreas Eschbach: Es würde sich natürlich gut machen, das zu behaupten, aber: Nein. Die Notwendigkeit, die Schauplätze seines Romans selber besucht zu haben, wird meines Erachtens weit überschätzt. Das bringt weniger, als man denkt, ist nur in bestimmten Fällen überhaupt ratsam und oft genug kontraproduktiv - manchen Autoren müsste man es geradezu verbieten.
Ihr Hauptprotagonist Hiroshi ist ein junger Japaner mit amerikanischen Wurzeln, bei dem bereits als Jugendlicher die Idee heranreift, wie man den gesellschaftlichen Unterschied zwischen Arm und Reich aus der Welt schaffen könnte. Tatsächlich folgt Hiroshi seiner Eingebung und setzt seine Idee als Erwachsener zumindest im Ansatz in die Tat um. Am erstaunlichsten ist, dass Hiroshis Idee sehr plausibel klingt. Beim Lesen kam mir der Gedanke: "Wow, wenn das in der Realität klappen würde …" Glauben Sie, dass Hiroshis Lösungsansatz realitätskompatibel ist - zumindest in ferner Zukunft?
Andreas Eschbach: Ja, mehr noch, ich denke, dass die technologische Reise genau dahin geht. Weil Hiroshis Grundaussage, dass das Ziel aller Technik die Abschaffung der Arbeit - zumindest der unangenehmen Arbeit - ist, ja richtig ist. Die Frage ist nur, ob das wirklich so erstrebenswert ist.
Ihre Hauptprotagonistin Charlotte verfügt über eine "übersinnliche" Gabe, die mir bislang noch in keinem anderen Roman begegnet ist und um die sie heutige Archäologen und Historiker beneiden dürften. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Andreas Eschbach: Die Idee einer solchen Gabe lungerte schon lange in meinem Ideennotizbuch herum, und hier war ein Zusammenhang, in dem ich sie gut brauchen konnte. Woher die Idee ursprünglich kam - keine Ahnung. Charlotte verfügt ja eigentlich sogar über zwei außerordentliche Gaben, und das, wo sie aus einem wohlhabenden Elternhaus stammt und irgendwelche Gaben überhaupt nicht bräuchte. Worüber sie dagegen nicht verfügt, ist Eigeninitiative - sie ist ein Mensch, der so viele Möglichkeiten hat, dass sie sich nicht entscheiden kann und bis kurz vor Schluss des Romans nicht lernt, sich für ein Ziel anzustrengen. Was eines der Themen des Romans, das Thema "Reichtum", noch einmal von einer anderen Seite beleuchtet, denn Reichtum ist im Grunde ja immer ein Reichtum an Möglichkeiten.
Ab dem Abschnitt "Charlottes Insel" wird es in Ihrem Roman so richtig unheimlich, an einigen Stellen sogar gruselig. Überdies nimmt Ihre Geschichte am Ende eine sehr überraschende Wendung, die weit von einem Happy-End entfernt ist...
Andreas Eschbach:: ...und die wir hier nicht verraten wollen.
Außerirdische Intelligenzen - das ist auch ein Thema in ihrem Buch. Nur lösen Sie das Fermi-Paradoxon auf höchst ungewöhnliche Weise auf, indem sie einen neuen Typus der so genannten Von-Neumann-Sonden in die Handlung einflechten, der so ganz anders ist als in der Theorie. Haben "Ihre" Von-Neumann-Sonden ein literarisches Vorbild oder sind sie - was ich vermute - ganz und gar Ihre eigene Kreation?
Andreas Eschbach: Ich will nicht ausschließen, dass schon andere vor mir auf diesen Gedanken gekommen sind, aber wenn, dann habe ich jedenfalls nichts davon erfahren. Der in meinem Roman gemachte Lösungsansatz für die Frage, warum wir noch keine Aliens entdeckt haben, ist meine eigene Idee - tatsächlich war mein Grübeln über diese alte Frage Fermis ganz wesentlich dafür, dass der Roman die Gestalt angenommen hat, in der er nun vorliegt.
Frank Schätzing hat in seinen "Schwarm" auch eine SETI-Wissenschaftlerin zu Wort kommen lassen. Im "Herr der Dinge", in Ihrem neuen Opus, hat ebenfalls ein Wissenschaftler vom SETI-Institut einen wichtigen Gastauftritt. Wie groß ist Ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit, dass unser Universum von außerirdischen Intelligenzen oder gar Superzivilisationen bzw. Technologien bevölkert ist?
Andreas Eschbach: In meiner Jugend hatte ich darauf eine glasklare Antwort: Das Universum ist so riesig, hätte ich Ihnen damals geantwortet, es wäre eine Verschwendung, wenn wir die einzigen Lebewesen darin wären, die sich für intelligent halten. Seither scheint mein Vorstellungsvermögen gewachsen zu sein, denn heute kann ich mir alles vorstellen: Ich kann mir vorstellen, dass das Leben etwas ganz Normales, geradezu Zwangsläufiges ist und dass das Universum vor Leben geradezu aus den Nähten platzt (und es vielleicht bloß schwieriger ist, von Stern zu Stern zu reisen, als wir uns das heute vorstellen), ich kann mir aber auch das Gegenteil vorstellen - dass wir tatsächlich die Einzigen sind.
Auch wenn das nach Verschwendung aussieht. Man denke nur an all den Aufwand, der in einem einzigen Menschen steckt: All die hochkomplizierten Zellmembranen, die verschachtelten biochemischen Kreisläufe, die komplexen Verschaltungen der Großhirnrinde - und am Ende kommt doch bloß sowas wie, sagen wir, ein Investmentbanker dabei heraus! Die Natur ist einfach manchmal grandios verschwenderisch. Nun, und dann gibt es ja noch eine dritte Möglichkeit. Die, um die es in "Herr aller Dinge" geht.
Hiroshi und Charlotte kommen einem uraltem Geheimnis auf die Spur, das die bisherige Menschheitsgeschichte in ein völlig neues Licht rückt. Ja, sie decken sogar ein einzigartiges kosmisches Verbrechen auf, das einen irdischen Ursprung hat. Es ist ein Verbrechen, dass in seiner Tragweite mehr als gruselig ist, dass Sie aber thematisch nur anschneiden. Über die näheren Hintergründe behalten Sie Stillschweigen und lassen den Leser mit seiner Fantasie allein. Warum bleibt das Verbrechen nebulös?
Andreas Eschbach: Weil alles andere unglaubwürdig wäre. Um mehr darüber sagen zu können, müsste man diese Umschreibung der Menschheitsgeschichte konkreter machen, was zumindest ein weiteres Buch gewesen wäre. Und darum ging es mir nicht.
Wenn Sie die Botschaft Ihres Romans in eine kurze Formel packen müssten: Wie würde diese lauten?
Andreas Eschbach: Wenn ich das nur wüsste. Das fällt mir bei diesem Roman schwerer als bei all meinen anderen zuvor. (Harald Zaun)
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