"Ich bin kein Nazi, aber ...!"

Eine Redensart macht Karriere und verrät dabei Aufschlussreiches über deren Anwender

"Ich bin kein Nazi, aber ...": diese Einleitung zu einer dann nachfolgenden Aussage, die inzwischen zum selbstverständlich vorgetragenen Haltungsrepertoire einer nicht geringen Zahl von "kritischen" Bürgern zu gehören scheint, hat inzwischen eine berüchtigte Aktualität erlangt, dokumentiert sie doch die gegenwärtige Wirksamkeit neofaschistischer Propaganda bei einem nicht unbeträchtlichen konservativ gestimmten Teil der deutschen Bevölkerung, dem die geistige und politische Nähe zu den Neofaschisten kein wirkliches Problem zu bereiten scheint.

"Ich bin kein Nazi, ...": Wer diese Behauptung aufstellt, weiß, was ein Nazi ist, sonst diente diese deutsche Spielart eines Faschisten ja nicht als Bezugsinstanz, wenngleich mit einem widersprüchlichen Ansinnen versehen. Er oder sie weiß auch, dass Nazis ein gesellschaftliches Problem darstellen, das - in welcher Form auch immer - öffentlich thematisiert wird und dadurch überhaupt erst als individuelle Bezugsinstanz interessant wird.

Dass dieses Problem nicht nur in der Möglichkeitsform, sondern ganz real existiert, ist ebenfalls kaum abzuleugnen. Bei den neuzeitlichen Nazis handelt es sich schließlich um die Wiederkehrer und Befürworter eines mit verheerenden Begleiterscheinungen und Folgen ausgeführten gesellschaftlichen Totalitarismus aus der jüngeren deutschen Geschichte, was auch den an Politik und Geschichte eher uninteressierten Bürgern bekannt sein dürfte. Desinteresse an dem, worauf sie sich da beziehen, ist den Anwendern dieser Redewendung ohnehin nicht zu unterstellen. Denn es handelt es sich hier um die bewusste Bezugnahme auf eine unter öffentlicher Beobachtung stehende faschistische Bewegung, die ihrerseits alles Mögliche unternimmt, um sich Beachtung zu verschaffen.

Wer sich als "... kein Nazi ..." versteht, hat also nicht nur eine blasse Vorstellung davon, dass das deutsche Nazitum mit Faschismus, Menschenverachtung, politischer Verfolgung, Massenvertreibung und -vernichtung und Krieg zu tun hatte und nach Vorstellung der neuen Nazis auch weiterhin damit zu tun haben soll. Er oder sie weiß wohl ziemlich gut Bescheid darüber, auf was da persönlich Bezug genommen wird.

"Ich bin kein Nazi, aber ...": darin ist die unterschwellige Drohung enthalten, dass auch das Gegenteil der Fall sein könnte. Denn wer seine Selbstauskunft mit einem Aber zum Vorbehalt und zur Einschränkungs versieht, welches die vorangegangene Distanzierung abschwächt, aber keinesfalls aufhebt, kann sich anscheinend doch vorstellen, ein Nazi zu sein. Das "..., aber ..." als einschränkender Konjunktiv nämlich bildet den Übergang zu einem Akt der Verständnisbekundung, wenn nicht sogar zu einer Identifikationsaussage, d.h. einem sich Wiedererkennen in den Anliegen eines Nazis und ist keineswegs Ausdruck einer entschiedenen Distanzierung.

"Ich bin kein Nazi, aber ...": das sagt sich so leicht dahin. Kaum einer würde sagen: "Ich bin kein Faschist, ..." oder: "Ich bin kein faschistischer Totschläger, ...", oder noch pointierter: "Ich bin kein faschistischer Massenmörder, aber ...". Für alle aufgeführten Zuschreibungen lassen sich konkrete Personen aus dem gegenwärtigen rechtsradikalen Spektrum benennen, dafür bedarf es also gar nicht des Rückgriffs auf das Tausendjährige Reich.

Der "Nazi" erscheint hier als die harmloseste Variante in der Aufzählungsrangfolge, mit ihm kann sich ein Normalbürger anscheinend ganz gut identifizieren. Ihm wird zwar rechtsradikales Gedankengut zugeschrieben, aber an einen Rechtsterroristen (Jena) oder Massenmörder (Breivik) wird dabei eher nicht gedacht. Der "Nazi" erscheint hier lediglich als der rechtslastige Nachbar von nebenan, der er in zahlreichen Orten der Republik ja auch tatsächlich ist, und dem zwar ein provozierendes Auftreten, aber kein Mordanschlag zugetraut wird.

Wenn aber 1000 Faschisten, wie am 3. Oktober geschehen, durch Berlin ziehen und im Beisein der sie begleitenden Polizei unbehelligt skandieren können: "Wenn wir wollen, schlagen wir euch tot!", dann ist das ein Beweis dafür, dass der Massenmord ein sozusagen programmatischer Bestandteil auch des modernen Naziwesens ist und nicht nur die Idee von angeblich geistig und ideologisch verirrten Einzeltätern. Eine wertlose Distanzierung nach Art des "Ich bin kein Nazi, aber ..." hat sich mit dem ideellen Nazi, der man angeblich nicht sein mag, bereits in eine Übereinstimmung gebracht, die von konkreten Faschisten und ihren gewaltsamen Umsturzvorhaben nicht mehr grundsätzlich abzugrenzen ist. Das sehen die Anwender dieser Redewendung natürlich anders.

Abgrenzungsproblem

Sich von Nazis abzugrenzen, stellt keine besondere bürgerschaftliche Glanzleistung dar, denn welcher mit einer ausreichenden Portion Verstand und Mitmenschlichkeit ausgestattete Mensch, der Gründe dafür hat, sich über seine vermeintliche oder tatsächliche gesellschaftliche Benachteiligung beklagen zu müssen, würde die Erfüllung seines Anliegens ernsthaft im Errichten einer faschistischen Diktatur, in Menschenverachtung, Massenvertreibung und Massenmord usw. erwarten wollen?

Daraus kann geschlossen werden, dass die kleinbürgerlichen Nazi-Sympathisanten zwar einerseits durchaus wissen, in wessen politische Nähe sie sich mit ihrer ideologischen Sympathiebekundung begeben, sie aber eher nicht davon ausgehen dürften, dass im politischen Erfolgsfall eine neue Naziherrschaft wiederum zu einem Faschismus der bekannten deutschen Art führen würde. Eher ist anzunehmen, dass sich die gegenwärtigen Nazi-Sympathisanten eine Politik nach dem Muster der reaktionär beherrschten osteuropäischen Staaten einschließlich Russlands wünschen und vorstellen könnten: eine Politik nämlich der propagandistisch geprägten Bevorzugung der jeweiligen nationalen Bevölkerungsmehrheit, die den in jedem Staat ohnehin vorherrschenden Nationalismus der Bürger bedient und ihnen damit das Gefühl vermittelt, von einer Herrschaft regiert zu werden, die ihre eigenen persönlichen Staatsbürgeranliegen ernst nimmt.

Dass auch eine autoritäre Demokratie nach illiberalem Muster in die faschistische Barbarei führen kann und diese möglicherweise die dafür an heutige Verhältnisse angepasste moderne Übergangsform darstellt, dürfte zumindest von deren Mitläufern eher nicht erwartet werden, doch schützt mangelndes Vorstellungsvermögen vor falschen Annahmen nicht.

Die Neofaschisten sind deshalb erfolgreich, weil sie mit ihrer Propaganda an dem in demokratischen Gesellschaften wie selbstverständlich vorhandenen und gepflegten staatsbürgerlichen Bewusstsein andocken und damit bei den Bürgern mehr oder weniger offene Türen einrennen. Wer sich mit den Anliegen des eigenen Staates identifiziert, wer den Slogan "Der Staat sind wir" als wahr annimmt, wer die gesellschaftliche Rang- und Hackordnung im Prinzip akzeptiert, sich in einem Leben im Rahmen eines gewohnten gesellschaftlichen Unterordnungsverhältnisses eingerichtet hat und dessen Fortsetzung um jeden Preis als sinnvoll erachtet, findet in den Versprechungen der Neofaschisten die Antwort auf seine untertänigen Wunschvorstellungen. Wenn damit nebenbei auch chauvinistische und rassistische Stereotypen mit bedient werden, macht dies die rechtsradikale Wahlalternative nur umso attraktiver.