"Ich bin nicht der Therapeut der anderen"

Pop-Poet Jochen Distelmeyer über seine öffentliche Resonanz, Gesellschaftskritik an sich und das künstlerische Ich

Jochen Distelmeyer, ehemals Kopf von „Blumfeld“, der gewiss nicht erfolgreichsten, aber wohl einflussreichsten deutschen Bands der post-89 Jahre, gilt als „der“ Pop-Poet unter Deutschlands Songschreibern. Ohne seine Lyrik und seine Band „Blumfeld“, die ihren Namen einer Kurzgeschichte Franz Kafkas aus dem Jahr 1915 über einen in die Jahre gekommenen Junggesellen verdankt, hätte es für Gruppen, Texter und Musiker, wie „Ich+Ich“, „Ja, Panik“, „Silbermond“ oder „Jan Delay“, wie immer man deren musikalischen Qualitäten auch bewerten will, kaum Platz im deutschen Musikbusiness gegeben.

Jochen Distelmeyer in Regensburg. Bild: R. Maresch

Als der Songtexter Anfang 2007 das Ende von „Blumfeld“ erklärte, brach Entsetzen nicht nur unter Fans, sondern auch unter hiesigen Popjournalisten aus (Tausend Tränen tief: Blumfeld löst sich auf). Seit vielen Jahren galt die Gruppe als führende Intellektuellenband, deren Werke genau begutachtet wurden und die vielfach auch Gegenstand kulturwissenschaftlicher Betrachtungen gewesen waren. So nahm es nicht wunder, dass viele mit dem Aus der wegen vielerlei Dingen ungewöhnlichsten Band der letzten Jahre eine ganze popkulturelle Ära zu Ende gehen sahen.

Von „Blumfeld“ wurde immer mehr erwartet. Häufig wurden sie von Beobachtern mit persönlichen Wegmarken oder mit gesellschaftlichen oder dem eigenen Wohl- oder Missbefinden verknüpft. Fast immer waren ihre Werke, von denen es sechs gibt, von hitzigen Debatten und lauten Meinungsäußerungen begleitet. Im Kaffeesatz ihrer Songtexte wurde akribisch nach sozialkulturell Bedeutsamen und heimlichen Anspielungen gefahndet. Doch dieser Überbau-Begriffsnebel, der da ausgemacht wurde, erschwerte, worüber sich Distelmeyer bisweilen beklagte, den direkten Zugang zu ihrer Musik.

Dabei war Jochen Distelmeyer, der nicht studiert, aber viel gelesen haben soll, immer für Überraschungen gut. Häufig wechselte er, wie einst Bob Dylan, Besetzung und Konfession. 1992 startete „Blumfeld“ mit frechen, theorielastigen Texten und kritischen Stellungnahmen zur Lage des Landes, die die Band mit Hilfe rotzig-schrammelnder Gitarren und hastig herausgepresstem Sprechgesang vortrug. Rasch galten sie als Stimme der Gegenkultur; und schnell fanden die Kritiker auch einen Namen für den Sound, der ältere Zeitgenossen an den von „Fehlfarben“ Anfang der 1980er erinnerte. Sperrig-kantigen „Diskurs-Pop“ nannte man das, und „Hamburger Schule“, was im Anschluss daran von anderen Bands wie „Kante“, „Tocotronic“ oder „Die Sterne“ praktiziert wurde.

Erste Irritationen löste Distelmeyer aus, als „Blumfeld“ kurz vor der Jahrtausendwende nicht mehr aus der „Ghettowelt“ des Hamburger „Schanzenviertels“ berichtete, von „zölibatären Ich-Maschinen“ und „Wohlfahrtsauschüssen“ Abstand nahm und auch nicht mehr Adorno paraphrasieren wollte, sondern den Hörern ein Zurück „in den Alltag“ und „in die Wirklichkeit“ empfahl (Maxima Moralia). So mancher zog sich danach verstört von der Band zurück, weil er ein Zugeständnis an den Mainstream oder „Lollipopmusik“ gewittert und/oder einen Verrat an linksalternativen Idealen und Lebensentwürfen entdeckt haben wollte.

Die polemisch-aggressiven Reaktionen erreichten ihren Höhepunkt, als Distelmeyer vor zwei Jahren seinem naturlyrischen Ich nachgab und plötzlich nur noch von „Enten und Schwänen“, von „Schmetterlingen“ und „Vögeln, die übers Meer ziehen“ redete (Für den Apfelkuchen) statt von der „Versklavung der Massen“, den „Eintrag ins Nichts“ oder der „Vernichtung der Vielfalt“. Distelmeyer, den so mancher zum „Messias“ der deutschen Popkultur erklärt hatte, sei durchgeknallt, hieß es fortan; er habe wohl Ratzinger gelesen und seine religiöse Seite entdeckt. Nein, meinten die anderen, er sei bloß Papa geworden und mache halt jetzt vor allem Musik für die sozialliberalen Väter von Friedrichshain und vom Prenzlauer Berg. Spätestens seit Anfang September weiß man, dass das Ende von „Blumfeld“ nicht das Ende des Songschreibers, Dichters und Interpreten Jochen Distelmeyer ist. Mit neuer Band, neuer Platte, die durchaus „heavy“ klingt, macht der 42-Jährige jetzt als Solokünstler weiter wie bisher – nur unter eigenem Namen. Auf seiner ausgedehnten Tournee durch den deutschsprachigen Raum traf ihn Telepolis vor Soundcheck und Konzert in der Regensburger Mälze.

Im Gespräch zeigt er sich, nachdem er nachmittags bei den protestierenden Studenten im besetzten Audimax ein Solidaritätskonzert gegeben hatte, anfangs etwas mürrisch, missgelaunt und zugeknöpft. Erst nach ein paar Minuten taut der mal als „Vielredner“ charakterisierte Sänger etwas auf und beweist, dass er mit den kulturellen Bedeutungen und Zuschreibungen, die Feuilletons und Musikmagazine machen, wenig anzufangen weiß.

Wie lebt es sich, wenn man vom deutschen Feuilleton ständig zum Resonanzkörper für gesellschaftliche oder auch persönliche Befindlichkeiten erklärt wird?
Jochen Distelmeyer: Diese Zuschreibungen kommen an mich nicht so ran. Ich kriege das zwar mit, dass das häufig so gesehen wird. Aber in meinem Selbstverständnis berührt mich das nicht.
Nimmt man das dann einfach hin oder wehrt man sich, indem man der Diskurspop-Meute ab und an mal den Stinkefinger entgegenstreckt?
Jochen Distelmeyer: Nein, nein ..
Auch nicht, indem man einfach das Gegenteil des Erwartbaren macht, Kinder- und Liebeslieder trällert, oder simplen Gitarrenpop oder Schlager komponiert, und dabei die Grenzen des popmusikalisch Erlaubten oder Ertragbaren überschreitet?
Jochen Distelmeyer: Also ich reagiere eigentlich nicht mit den Sachen, die ich mache. Ich habe mich immer so gesehen, dass ich mit meinen Liedern agiere und das mache, worauf ich Bock habe, oder das mache, was mir wichtig ist. Wenn andere daran Anstoß nehmen, dann tut mir das leid. Aber ich nehme da nicht Bezug drauf. Die Sachen, die ich mache, mache ich aus mir heraus.
Dann opponierst du auch nicht gegen irgendwelches Schubladendenken?
Jochen Distelmeyer: Nicht bewusst. Doch geht es mir schon drum, Grenzen zu erweitern, weiter zu kommen mit dem, was man macht, und sich nicht durch Zuschreibungen einengen zu lassen. Das ist eine ganz grundsätzliche Sache bei mir.
Das heißt dann auch, dass dein „System keine Grenzen“ kennt?
Jochen Distelmeyer: Von dem, was ich an Musik gut finde, ja. Da ist es ein sehr breites Spektrum.
Was findest du denn gut?
Jochen Distelmeyer: Alles!
Kannst du das spezifizieren? Adressen oder so?
Jochen Distelmeyer: Nein, will ich nicht.
Okay, schade. Steckt in dir ein heimlicher Musikpädagoge, der andere auch mal verstören will?
Jochen Distelmeyer: Nein. Auf keinen Fall. Verstören ist nicht mein Ansatz. Und ich sehe mich auch nicht als Pädagoge. Ich bin Sänger und Musiker. Es muss sich für mich gut anfühlen. Und ich hoffe, dass andere das dann auch so sehen.
Mitte der Neunziger Jahre hat sich der Musikstil von Blumfeld gewandelt. An die Stelle krawallig daherkommender politischer Aufgeregtheiten ist mehr düsterer Gefühlskram und Beschaulichkeit, aber auch mehr Gelassenheit und Leichtigkeit des Seins getreten.
Jochen Distelmeyer: Das stimmt überhaupt nicht! Auf den Platten vorher war es auch schon so. Es waren vielleicht andere Stücke, aber die Sachen, die du da angesprochen hast, waren immer schon Teil davon. Ich bin da eigentlich nur meinem Flow gefolgt. Auf den Platten, die folgten, hat es ja doch auch immer härtere und ungestümere Geschichten gegeben. Ich habe nicht versucht, mich von irgendetwas abzugrenzen.
Du hast dich also nicht abgegrenzt von Subversion oder Dissidenz, weil es keinen grundsätzlicheren Ort für Kritik am Konsum, am Kapitalismus oder der Massengesellschaft, mehr für dich gab oder so?
Jochen Distelmeyer: Ob das vorher so stark war, weiß ich gar nicht. Ich würde auch nicht sagen, dass ich mich da abgegrenzt habe.
War „Blumfeld“ denn überhaupt eine „linke“ Band?
Jochen Distelmeyer: Nein, würde ich nicht behaupten. Wir sind vielleicht als Einzelpersonen einer bestimmten politischen Auffassung gefolgt. Aber als Band oder mit unseren Platten haben wir uns eigentlich nie als Sprachrohr irgendwelcher Bewegungen oder Strömungen gesehen. Als Einzelpersonen haben wir vielleicht Sachen unterstützt, die wir für richtig gehalten haben.
Und dass man euch dazu gemacht hat, hat euch nicht gestört?
Jochen Distelmeyer: Eigentlich nicht! Das waren ja nur einzelne Stimmen, die uns mit diesen Zuschreibungen begegnet sind. Es gab ja auch viele unterschiedliche Stimmen. Das war ja nie eine einheitliche Zuschreibung oder Wahrnehmung der Band, die immer schon sehr vielschichtig dargestellt worden ist.
Ist es dir heute eher peinlich, wenn du auf alte Songs wie „Penis-Monologe“ oder „Ich-Maschine“ angesprochen wirst, die ja irgendwie vom damaligen Zeitgeist, Stichwort „Anti-Ödipus“, geprägt waren?
Jochen Distelmeyer: Überhaupt nicht! Ich finde die Stücke nach wie vor toll.
Auch nicht die Lebensart, die dort propagiert wird?
Jochen Distelmeyer: Nein, nein! Ich habe keine Distanz zu meinen Songs. Warum auch. Die gehören mit zu meinem Leben
Geht es dir nicht ab und an auch auf den Keks, wenn Leute, ich nehme mich da mal nicht aus, in deine Songs immer mehr hineingeheimnissen, sich einfach auf die Songs einzulassen und darauf zu warten, ob sich was bei ihnen tut oder nicht.
Jochen Distelmeyer: Ich freue mich natürlich, wenn beides stattfindet. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, wenn Leute sich ihren Reim darauf machen. Dafür werden sie ja gemacht. Dadurch werden sie zu dem, was sie sind. Außerdem kann ich dagegen auch gar nichts machen. Scheinen dir bestimmte Sachen nicht richtig, dann kannst du auch nicht wie ein Maler hinterher nochmals in eine Ausstellung gehen und deine Bilder noch mal nachmalen. Sind die Stücke fertig, dann werden sie veröffentlicht und basta.
Welche Frage nervt dich eigentlich am meisten? Du hast ja in der letzten Zeit unzählige Interviews gegeben oder geben müssen.
Jochen Distelmeyer: Mich nervt grundsätzlich, dass ich ständig auf die Rezeption angesprochen werde, also auf die Art, wie mich jemand sieht. Dazu kann ich aber gar nichts sagen. Das ist ja nicht mir eingefallen, sondern anderen.
Guckt man sich die Geschichte von dir und Blumfeld an, dann ist dieser Weg nach innen ja nichts Besonderes. Auf die jakobinische Zeit des Empörens, Protestierens und Rebellierens folgt häufig die der Selbstvergewisserung und inneren Einkehr zum lyrischen, romantischen oder gar religiösen Ich.
Jochen Distelmeyer: Das kann ich so nicht beurteilen. Damit kenne ich mich nicht so aus. Aber diese Wahrnehmung, die du artikulierst, trifft nicht zu. Das ist ungenau beobachtet. Hört man sich meine Platten an, kann man immer beides oder gar noch mehr darin finden. Ich habe mich nie nach so Phasen orientiert, solchen, die mal nach außen oder mal nach innen zeigen. Das eine hängt für mich mit dem anderen zusammen. Ich mache da keine Unterschiede und trenne da auch nicht. Hört man sich die Platten genau an, dann sieht man, dass sich an dieser Balance nichts geändert hat.
Du hast dann auch kein Problem mit diesem „Gefühlsmatsch“?
Jochen Distelmeyer: Welchen Gefühlsmatsch?
Der sich oft auf diesem Weg nach innen anhäuft und sich nur schwer entwirren lässt?
Jochen Distelmeyer: Für mich ist das kein Gefühlsmatsch. Mit Gefühlen hat man immer zu tun. Lieder, Musik oder Kunst generell handeln von Gefühlen. Dort geht es darum, dass auch ein Gefühl angesprochen wird, oder dass man in seinen Gefühlen durch etwas angesprochen wird.
Zeigt ein Song wie: „Wohin mit dem Hass“ nicht diese Ambivalenz und Gegenstrebigkeit auf, die der, mithin auch deiner Gefühlswelt eigen ist?
Jochen Distelmeyer: Ja klar, das gibt es auch. Aber das ist für mich nichts Matschiges. Ich will aus meinen Gefühlen nicht heraus. Ich nehme die nicht so wahr.
Könnte man den „Hass-Song“ eventuell auch als versteckte Retourkutsche für die hämische, Kritik verstehen, die dir wegen des „Apfelmännchens“ entgegengeschlagen ist.
Jochen Distelmeyer: Nein. Häme hat mich, seitdem ich Platten veröffentliche, immer schon begleitet. Die Reaktionen sind immer schon sehr extrem ausgefallen.
Hat dich das nicht gewundert oder gestört?
Jochen Distelmeyer: Gewundert hat mich das schon. Mich wundert das natürlich. Gestört hat es mich weniger.
Kannst du das zuordnen, woher diese extremen Reaktionen stammen?
Jochen Distelmeyer: Nein, kann ich eben nicht. Das wäre wieder eine Frage an jene Leute, die das äußern. Beantworten kann ich das nicht.
Aber du hast dir doch sicher Gedanken gemacht, was die Leute so an dir stört oder warum du sie in Teilen so gegen dich aufbringst?
Jochen Distelmeyer: Man kann das ja nicht alles über einen Kamm scheren. Da hat ja jeder seine eigenen Motive oder Gründe. Das ist eine Sache der Rezeption. Ich bin nicht der Therapeut der Leute, die ihre Meinung dazu entwickeln.
Sollten sich Musiker Politpop besser verkneifen und von rebellischen Posen Abstand nehmen?
Jochen Distelmeyer: Da gibt es keine Regel. Das muss jeder so machen, wie er fühlt oder was ihm wichtig ist. Nur dadurch kann ein Song aufrichtig, ehrlich und wahrhaftig werden.
Bist du im Grunde ein Moralist?
Jochen Distelmeyer: Nein, ich finde Moral sehr wichtig. Aber nicht jemand, der die Moral über alles andere hebt. Das ist nicht mein primärer Zugang.
Zentrales und immer wiederkehrendes Motiv in deinen Texten ist die „Liebe“. Mal ist sie verbindend, dann wieder trennend; mal ist sie flüchtig, dann wieder zerstörend. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie oft mal das Wort in deinen Songs und Texten vorkommt.
Jochen Distelmeyer: Weil Liebe aufregend ist und was Tolles, weil sie sexy ist und weil es darum geht – auch in der Musik.
Wo beginnt für dich der Übergang zum Kitsch, zur „Rührung“, wie die klassische Definition dafür lautet, oder zum „Gefühlchen“, wie es bei Nietzsche heißt, das wir ästhetisch auch noch genießen.
Jochen Distelmeyer: Puh! Keine Ahnung. Ich habe mir über Kitsch keine Gedanken gemacht. Ich gehe mal davon aus, dass ich und meine Gefühle nicht kitschig sind. Ich weiß nicht, was da Leute …
Wenn sie etwa sagen, der nähert sich dem Schlager an?
Jochen Distelmeyer: Ja, das ist wieder die Ebene der Rezeption. Dazu kann ich mich nicht äußern. Ab und an habe ich den Eindruckt, dass da selber eine größere Verklemmtheit dem Körperlichen oder Sexuellen gegenüber vorhanden ist und von daher so eine Abneigung gegen solche Thematiken besteht. Als wir beispielsweise „Tausend Tränen Tief“ veröffentlicht haben und ein Teil der Leute daran Anstoß nahm, da musste ich an Kinder denken, die sich gerade „Flipper“ oder „Lassie“ angucken. Auf einmal knutschen sich zwei und schon machen die „Uahh“. Aber das ist ganz normal.
Die deutsche Poptheorie hat sich mittlerweile vom popkulturellen Gegenmodell verabschiedet und den Pop in diesem Sinne für tot erklärt? Ist er das für dich auch?
Jochen Distelmeyer: Ich weiß nicht, was mit Pop da gemeint sein soll. Als Modell ist mir das zu starr. Da habe ich kein Interesse. Solange Leute ihre Sachen unters Volk bringen, wird man das Pop nennen oder wie auch immer
Machst du Pop, populäre Musik?
Jochen Distelmeyer: Ich mach meine Sachen. Wie das andere nennen, ist mir egal. Hauptsache, die Leute hören sich das an und finden es gut. Ich möchte, dass möglichst viele Leute meine Musik hören. Klar mache ich dann populäre Musik.
Distelmeyer klingt wie „Blumfeld“, sagen viele. Das Überraschendste sei, dass es keine musikalische Überraschung gebe. In gewisser Weise schließt „Heavy“ einen Bogen, der von der „Ich-Maschine“ bis zu „Jenseits von Jeden“ reicht. Ist das nicht auch Selbstzitat?
Jochen Distelmeyer: Nein, finde ich nicht! Das sind vorher auch alle meine Songs gewesen. Und wir haben sie so gespielt, wie ich das gut fand. Ich habe eine klare Vision davon gehabt, wie sie klingen sollen. Und genau so bin ich auch an die neuen Sachen herangegangen.
Du hast das Aus von „Blumfeld“ mal irgendwo begründet mit einer anderen Haltung, die du zu den Dingen und Menschen entwickelt hättest.
Jochen Distelmeyer: Nicht zu den Dingen und Menschen, sondern zu meinem Selbstverständnis als Künstler und Musiker.
Heißt das auch zu mehr Einsamkeit? Nicht mehr als „Wir“, sondern Ich als Songschreiber, Poet und Pop-Philosoph?
Jochen Distelmeyer: Letzteres bestimmt nicht. Aber klar, ich hoffe schon, dass ich mit meinen Liedern auf eine gewisse Art genauer geworden bin oder werde.
Auf dem Weg zu sich gibt es immer Freunde, Vorbilder, Weggefährten und Familie, die einen beeinflussen oder prägen. Letztlich muss man diesen aber immer alleine gehen, sagst du irgendwo mal. Ist Einsamkeit der Preis, den die Kunst von dir oder das Künstler-Ego in dir fordert?
Jochen Distelmeyer: So habe ich das nicht gemeint. Ich glaube, ich weiß, worauf du anspielst. Mir ging es da nicht um Freunde, Familie oder um die Leute, mit denen man zusammen lebt, sondern eher um chimär- oder schutzgeisterhafte Vorbilder oder Vorgänger von Leuten, die auch Songs gemacht haben, die ich gut fand oder an denen ich mich vielleicht in einer gewissen Weise orientiert habe. Dass ich mich von denen emanzipiert habe, ist aber eine Entwicklung, die sich schon seit Jahren abzeichnet.
Ist die künstlerische Pose für dich auch eine Art „Notausgang“ aus der vermeintlichen Unfreiheit der Leute auf der Straße, der „Diktatur der Angepassten“?
Jochen Distelmeyer: Nein
In „Jenseits von Jedem“ klingt das an. Wird da nicht doch das eigene Künstler-Ego gestreichelt.
Jochen Distelmeyer: In dem Song kommen ja dauernd Leute vor, die so komische Spitznamen haben oder wie Archetypen berühmte Figuren aus der Literatur oder vom Fernsehen erscheinen. In dem Song sage ich eigentlich nur, dass ich mich nicht auf diesem Olympmäßigen bewege. Vielleicht ist das schon eine Andeutung, dass ich nicht Teil dieses Geisterreiches sein will, sondern Teil einer lebendigen Gemeinschaft.
Auf dem Song „Die Welt ist schön“ gibt es eine Zeile, die wir vor Jahren mal als Motto für ein kleines Bändchen über die mögliche Renaissance von Utopien gewählt haben. Dort singst du: „Bist du bereit für eine kleine Utopie?“.
Jochen Distelmeyer: In dem Stück wird sie benannt, die Utopie....
Es gibt kein Müssen und kein Sollen, wenn wir nicht wollen ..
Jochen Distelmeyer: Auf der einen Seite sind wir die mit Freiheit begabten Wesen, weil wir uns zwischen Kaffee oder Tee entscheiden können. Gleichzeitig haben wir aber keine Wahl, weil wir uns entscheiden müssen.
Die Neurobiologen dementieren das.
Jochen Distelmeyer: Das meine ich nicht. Der Freiheitsbegriff verdankt sich schon der Wahlmöglichkeit. Was paradox ist, weil man in punkto Entscheidung eben keine Wahl hat. Man muss sich entscheiden. Die Nachträglichkeit ist dabei vollkommen irrelevant.
Kommt ein Song wie „Murmel“, der vom Ideal, eines im neubürgerlichen Alltag, in Familie und Freundeskreis vollkommen bei sich seienden, in sich ruhenden Ichs kündet, einer solchen kleinen Utopie nicht schon sehr nahe?
Jochen Distelmeyer: Das ist für mich weder Ideal noch Utopie. So was erlebe ich vielmehr real. Das gibt es, nicht in Permanenz, aber in Momenten. Und genau davon handelt dieser Song. Dass es da eben glückt, da schön und gut ist. Vielleicht sind das genau jene Momente, die es lohnt, zu vertiefen. (Rudolf Maresch)
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