Ich fürchte, sie hassen uns

In Interviews schildern arabische Jugendliche ihre Sicht auf den Okzident

Während im Streit um die Mohammed-Karikaturen wieder viel über kulturelle Differenzen zwischen Europa und dem Nahen Osten geredet wird, haben Okzident und Orient nach Ansicht arabischer Jugendlicher einiges gemeinsam. In dem Projekt "Was hältst du vom Westen?" berichten sie darüber, was sie über Europa und die USA in Zeiten der Irakkrise denken. Befragt wurden sie von der Orientexpertin Julia Gerlach und der Fotografin Bärbel Möllmann in Dubai, die die Ergebnisse ihrer Recherche auf einer Internetplattform veröffentlicht haben.

Sara al Huwais. Foto: Copyright Bärbel Möllmann

Sara al Huwais glaubt nicht an einen Kulturkonflikt. Die 21-Jährige arbeitet als Grafikdesignerin. "Das Meiste, was wir vom Westen denken, ist nicht negativ. Ich hoffe, dass der Westen nichts gegen uns hat." Von ihren Altersgenossen berichtet sie, wie sie mit westlichen Einflüssen experimentieren, die in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate allgegenwärtig seien. Dass man aber auch in Europa die Vielfalt Arabiens wahrnimmt, glaubt sie nicht. Dazu sei die westliche Berichterstattung zu einseitig.

Hier (in Dubai) sind unsere Medien sehr offen. Sie zeigen uns alles. Die westlichen Medien hingegen sind - denke ich - etwas gefiltert. Und an die Interviewerinnen gewandt stellt sie weiter fest: "Sie bekommen nicht alles zu sehen. Sie bekommen nur die schlechten Seiten von uns zu sehen. Ich fürchte, sie hassen uns.

Sara al Huwais

Als eine von zwanzig jungen Arabern stellte sich Huwais den Fragen von Bärbel Möllmann und Julia Gerlach. Ende 2004 bereisten sie die Vereinigten Arabischen Emirate, interviewten und fotografierten 20 junge Erwachsene. In der Ausstellungsinstallation "Was hältst du vom Westen?" mit großformatigen Fotografien und Tonbandaufzeichnungen ihrer Gespräche zeigen sie davon neun Porträts. Diese Arbeit haben sie nun unter demselben Titel auch im Internet veröffentlicht.

Die Autorinnen sprachen nach dem Zufallsprinzip Leute auf der Straße oder in Diskotheken an. Ein Lagerarbeiter stand ebenso auf Englisch Rede und Antwort wie ein Ingenieur, ein Comiczeichner und eine Reporterin. Und Gerlach und Möllmann fragten weiter nach, um ihre Gesprächspartner auch persönlich kennen zu lernen. Wie lebt ihr und wovon träumt ihr? Was würdet ihr Menschen antworten, die der Meinung sind, Araber hassen den Westen? Mit Offenheit und Neugierde hätten die Befragten reagiert, berichtet Möllmann. "Sie waren genauso interessierst an uns wie wir an ihrem Leben. Vor allem wussten sie sehr gut über den Westen Bescheid, besser jedenfalls, als viele Europäer Arabien kennen." Was mit Westen gemeint war, blieb offen, um den Befragten Spielraum für freie Assoziationen zu lassen.

Junior versteht unter dem Westen den Erdteil nordwestlich der arabischen Welt. Seinen richtigen Namen wollte er den beiden Deutschen erst nicht verraten. Mohammed Ali, das sei zu eindeutig arabisch. Etwas Schlimmeres, als in Europa als Araber erkannt zu werden, der auch noch Mohammed heißt, kann er sich nicht vorstellen. Er ist weit herumgekommen in der Welt.

Ich als Araber, ich kann dir versichern, dass es im Moment nicht angenehm ist, die Straßen von Amerika oder Europa entlang zu laufen. Abgesehen von der Tatsache, dass dein Name Mohammed Ali ist. Jede Menge Vorurteile schlagen dir entgegen.

Bärbel Möllmann fotografierte die jungen Araber mit einer Lochkamera. "Die langen Verschlusszeiten verlangten einen Moment des Innehaltens. Und ich konnte den Jugendlichen mit diesem unscheinbaren Gerät viel näher kommen, vor dem die Leute weniger Angst haben als vor anderen Kameras", erläutert die Fotografin. Bilder von besonderer Intensität sind so entstanden, Porträts, die die Künstlerin zwischen Nähe und Distanz ausbalanciert. Eine leichte Unschärfe entzieht den Aufnahmen jede Eindeutigkeit und regt zum genauen Betrachten und Zuhören an.

Ahmed Bin Saad Al Saif Suwaidi. Foto: Copyright Bärbel Möllmann

Beim Betrachten einiger Fotos stehen dann doch wieder die Klischees von `dem´ Araber vor Augen, bis der Zuhörer merkt, wie er nur eine Bestätigung der eigenen Bilder im Kopf sucht. Ahmed Bin Saad Al Saif Suwaidi trägt einen Turban und ein weißes Gewand, einen Dishdasha. Da überrascht es im ersten Moment schon, dass der 19-jährige Student der Ingenieurswissenschaften ein Techno-Fan ist. "Ich höre ausschließlich elektronische Musik. Techno, Trance und deutsche Gruppen wie Rammstein." Aber aus dem Lautsprecher seines Jeeps klingt ebenso arabische Musik. "Wir mögen andere Sprachen sprechen und zu all diesen modernen Sachen gehen, aber wir bleiben doch, wer wir sind. Wir tragen alle Dishdasha und Turban. Wir haben im Grunde unsere Großmutter immer neben uns sitzen."

Na, die westliche Kultur: Ich würde sagen, sie scheint fortschrittlicher zu sein. Manche, aber andere weniger. Manche wissen überhaupt nicht, dass es andere Kulturen gibt. Ich würde anderen Ländern auch empfehlen, sich zu öffnen. Wir haben uns die vergangenen 20 Jahre geöffnet und ich kann versichern, dass die Erfahrungen eher positiv als negativ waren.

Ahmed Bin Saad Al Saif Suwaidi

Kaum ein Land des Orients ist sozial so vielfältig wie die Vereinigten Arabischen Emirate. Viele Menschen aus dem gesamten Nahen Osten zieht es auf der Suche nach Jobs und guten Verdienstmöglichkeiten nach Dubai, dem New York Arabiens. Dubai boomt. Die steigenden Ölpreise spülen weiterhin Milliarden Petrodollars in das Land. Symbol des enormen Reichtums und der Prosperität ist die Skyline moderner Hochhäuser entlang der Küste des Persischen Golfs, in dem mit den größten künstlichen Inseln das "achte Weltwunder" entsteht.

Dubai mit seinen geschätzten 1,4 Millionen Einwohnern - 85 Prozent davon sind Migranten - ist eine weltoffene Stadt, die Bärbel Möllmann als ultramodern und sehr traditionell beschreibt. Die Fotografin war überrascht, wie althergebrachte und westliche Lebensstile nebeneinander bestehen. "Kein Religionswächter rümpft die Nase über Spaghettiträger und hohe Absätze", sagt sie. Und ebenso trifft man Frauen mit Kopftuch und Tschador wie Sara al Huwais, tragen Männer Bart, lange weiße Gewänder, Turban. Und für viele Emirati ist ein religiös ausgerichtetes Leben selbstverständlich.

Doch der Palästinenser Doraid Chatat ist von seinem Leben in Dubai enttäuscht. Der Traum von Reichtum und Glück hat sich für ihn nicht erfüllt. Der 28-Jährige verdient seinen Lebensunterhalt als Verkäufer. Viele Einwanderer wie Chatat arbeiten im Dienstleistungssektor oder Baugewerbe. Ob seine Unzufriedenheit seine Sympathie für die radikale Palästinenserorganisation Hamas erklärt, erschließt sich aus seinem Bericht nicht. "Die Hamas gehen ja nicht mit ihrem Kampf nach Amerika. Amerika kommt hierher. Das gefällt mir nicht. Die kommen wegen des Öls und um Israel zu helfen." Die Araber betrachteten die Menschen unterschiedlich, was er auch auf den Westen bezieht.

Doraid Chatat. Foto: Copyright Bärbel Möllmann

Wir unterscheiden zwischen Europäern und Amerikanern. Ich war auch schon in Europa. Ich war in Frankreich und in Belgien. Da ist es okay. Doch die Amerikaner, die hassen wir. Alle Araber hassen die Amerikaner.

Doraid Chatat

Da möchte man dann doch genauer nachfragen und zuhören, was den jungen Mann so aufwühlt. Ansonsten vertreten die befragten jungen Araber ausgewogene Ansichten. Usama Bin Laden? "Made in Amerika", sagt Omar Farhan. Und beantwortet damit die heikle Frage nach dem arabischen Terroristen. In Bin Laden sieht der 25-Jährige, der als Grabungsleiter arbeitet, einen fanatischen Außenseiter, der erst im Kampf mit den USA zum Mythos wurde.

Doch dass man aus dem Westen ebenso interessiert wie abwägend ihr Leben wahrnimmt, glauben die meisten nicht. Und sicherlich hat Sara al Huwais nicht ganz Unrecht mit ihrer Befürchtung, dass mancher Europäer - und zumal Amerikaner in Zeiten der Irakkrise - Teile des Nahen Ostens, seine Menschen und die politische Lage eher holzschnittartig und die Araber nur als Gegner wahrnehmen.

Aber glaubt in Europa wirklich jemand, "dass die Araber noch auf Kamelen reiten und in Zelten wohnen", wie Ahmend Amin vermutet. Der 1974 in Bagdad geborene Iraker lebt seit 2000 in Dubai. Mit Baseballmütze und coolem Outfit porträtiert, wirkt der Grafikdesigner sehr "westlich". Für ihn markiert der 11. September 2001 eine Zäsur, der den Blick des Westens auf den Orient verändert habe.

Im Westen glauben sie nicht, dass wir vielleicht manchmal aufgeschlossener und besser gebildet sind als sie.

Ahmend Amin

Vielleicht geht es anderen Betrachtern auch so: Aus den Bildern und O-Tönen entsteht eine Begegnung mit Menschen, die man sich ganz anders vorgestellt hat. Dass dabei der Einzelne mit seiner Geschichte im Mittelpunkt steht, ist die Stärke des Projekts. Ein Arabien abseits der Medienbilder von betenden Muslimen in Moscheen, Selbstmordattentätern oder den staubigen Straßen Bagdads. Die Autorinnen möchten mit ihrer Arbeit Europäer und Araber zum Dialog einladen. Wer mit Sara al Huwais, Ahmed Bin Saad Al Saif Suwaidi oder anderen ins Gespräch kommen möchte, der hat dazu Gelegenheit in dem das Projekt begleitenden Forum. (Jörg Brause)