Ich gebe mir Mühe, Herr Koch!

Integration und die neue globale Kultur

Eigentlich habe ich keine Muttersprache.

Moses Rosenkranz (1904-2003)

Um fünf Uhr morgens klingelte mein Telefon und Renaud fragte, ob ich ihn vom Flughafen abholen könnte. Wir lernten uns vor Jahren auf einer Ausstellung in Berlin kennen. Renaud studiert Medienkunst in der Schweiz, hat einen französischen Pass, eine niederländische Mutter, zwei Erasmus-Semester an der UdK in Berlin, zahlreiche Aufenthalte in Barcelona und eine abgebrochene Ausbildung zum Werbefotografen in Mailand. Mein Pass ist deutsch, ich wurde in Aserbaidschan geboren, wuchs zuerst dort und dann in Deutschland auf, lebe nun in Warschau. Im nächsten Jahr wird es Moskau.

Renaud und ich sind gängige Beispiele für die Zunahme der Globalisierung und der Migration, des Plurilinguismus, der Enthomogenisierung der europäischen Bevölkerung und der Kontaminierung aller Reinheitskriterien. Miteinander sprechen wir Deutsch und mischen es mit Französisch, das bei mir komisch klingt. Wir verstehen uns trotzdem und Renaud lud mich ein, zusammen mit ihm seine Großtante Hannah zu besuchen. Sie sei ein Unikat, eine richtige Deutsche, wohne in Berlin und das sei doch nicht weit von Leipzig. Nur ein wenig anstrengend sei die Tante.

Tante Hannah ist eine wohlhabende ältere Dame mit blondierter Dauerwelle und Arthritishänden. Früher sei sie Kirchenmusikerin gewesen. Renaud stellte uns vor. Tante Hannah fragte mich, wo ich herkomme, ich sagte es ihr, dann musste ich den Namen wiederholen, worauf Tante Hannah wissen wollte, wie lange ich schon in Deutschland sei. Seit elf Jahren, antwortete ich. Tante Hannah fiel auf, wie gut ich schon Deutsch sprechen konnte. Während dieses Komplimentes sah ich Renauds Schatten ins Badezimmer huschen. Ich bedankte mich und erzählte Tante Hannah, dass es sehr hart sei, sich in deutscher Sprache auszudrücken, die Grammatik bereite mir noch immer Schwierigkeiten, ich erzählte von meinen Vokabelheften und den Karteikarten mit unregelmäßigen Verben, die ich jeden Abend vorm Einschlafen durchsehe - stets bereit. mich zu integrieren. Tante Hannah nickte verständnisvoll. Integration sei ja das Wichtigste - und wer sich nicht auf Deutsch ausdrücken kann, kommt in die Sonderschule. Wie in Bayern oder Hessen. Dort fragt man nicht nach Intelligenz.

Tatsächlich spreche ich einige Vokale zu kurz aus und das R rollt immerzu auf meiner Zunge. Ich kann es nicht abstellen, es hat lange gedauert, diese Fähigkeit zu erwerben, und nun werde ich sie nicht los. Eines der wenigen konsequenten Handlungsmuster in meinem Leben.

Ich war 11 Jahre alt, als meine Familie nach Frankfurt immigrierte. Meine Deutschkenntnisse beschränkten sich in der ersten Woche auf „Hände hoch!“ - das hatte ich noch aus sowjetischen Anti-Kriegsfilmen. Immerhin. Ich war also eines von jenen Kindern mit mangelhaften Deutschkenntnissen, die mittlerweile in Bayern und Hessen nicht mehr eingeschult werden dürfen. Im Januar 1996 waren die Zeiten anders, man schickte mich in die Grundschulabschlussklasse. Sprachunterricht gab es keinen, Kinder und Jugendliche, die kein Deutsch sprachen, wurden zurückgestuft – meistens um eine Klasse (ich hatte noch Glück), manchmal um zwei (es hätte schlimmer kommen können). In meinem ersten deutschen Zeugnis stand unter der Rubrik „Bemerkungen“, dass ich am Schwimmunterricht teilgenommen hätte und dass ich mich, obwohl ich erst seit Januar 1996 in Deutschland sei, sehr bemühen würde und sogar zuletzt am Deutschunterricht mitarbeiten hätte können. Eine Lüge.

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich Deutsch lernte, aber ich erinnere mich noch sehr gut an das erste Jahr in Deutschland: an das Asylbewerberheim, denn in dem Heim für Russlanddeutsche und jüdische Kontingentflüchtlinge gab es keine Betten mehr, an das laute Schnarchen meines Vaters in dem Bett neben dem meinem, die Tränen meiner Mutter, das ferne Sterben meiner Großmutter in Jerusalem, die Anrufe meiner Tante, die blaue Mülltonne, neben der ich jede meiner Schulpausen verbrachte, die Sprachlosigkeit und die DIN A5-Karten im Hochglanz, mit bunten Gegenstände, der deutschen Bezeichnung und dem Artikel: die Kreide, die Tafel, der Junge, das Messer, das Mädchen. Und mit jedem Tag verstand ich mehr - bis auf „das“ Mädchen.

Sätze wie „Du kannst aber gut Deutsch!“ sind zwar sicherlich nett gemeint, es ist auch nett, dass mir Leute immer wieder ihre Hilfe anbieten - falls ich etwas nicht verstehe. Eine dunkelhäutige Freundin bekommt solche Komplimente sogar schon, bevor sie ihren Mund zum Sprechen öffnet. In den meisten Fällen handelt es sich nicht um Rassismen, sondern ums Gutmenschentum, aber nicht zwingend. Meine Deutschlehrerin meinte kurz vor meinem Abitur, mein Deutsch sei noch nicht gut genug, was die mündliche Arbeit angehe, ich wisse es ja selber, mein Akzent. Nein, ich wusste es nicht. Meines Erachtens hat der Spracherwerb nichts mit Abstammung und Geburt in einem bestimmten Territorium zu tun. Trotzdem halten mich einige Leute für dumm, eben weil ich mit Akzent spreche. Meine Eltern haben es genau wie die einer iranischen und einer kurdischen Freundin bei den Behörden um einiges schwerer, da sie anders klingen. Nicht nur einmal bekam meine Mutter am Telefon von Wohnungsvermietern zu hören, sie könne die Wohnung sich liebend gerne ansehen - man hätte bestimmt nichts gegen Kinder, Hunde und Ausländer. Meine Mutter fand die Reihenfolge schön.

Manchmal frage ich mich, ob ich des Deutschen überhaupt mächtig bin. Zuweilen verliert sich die Sprache und dann fällt mir das Wort, das ich so dringend brauche, nicht ein oder die Sprache galoppiert mir davon, meist, wenn ich höre, was ich denke, während ich es sage. Auf Russisch lernte ich lesen, schreiben und rechnen, mein Gehör und mein Sprachgefühl entwickelten sich slawisch, die ersten Bücher las ich auf Russisch. Die Straße sprach Aserbaidschanisch. Dennoch schreibe ich auf Deutsch, wobei ich glaube, dass ich auf Russisch es eher mit der Lyrik hingekriegt hätte. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um reines Wunschdenken. Russisch ist zwar noch immer meine Sprache, aber eben nicht mehr meine Hauptsprache - um den ideologisierten Begriff der Muttersprache außen vor zu lassen.

Die Angst vor Halbsprachigkeit ist eine tatsächliche. Ich treffe immer wieder Leute - meistens Kunststudenten und Asylanten -, die sich in Sprachen verloren haben. Renaud und ich haben einen Freund, der Mattia heißt und als Kunst in Marseille studierte. Ursprünglich kommt Mattia aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Palermo. Er studierte in Wien, lernte Deutsch und ging nach Marseille, weil das Himmelblau dort so schön war und das Französisch dem Italienischen so nahe ist. Letztens schickte er eine Karte und schrieb auf Englisch, dass er in dieser Welt nichts mehr außer Farben verstehe.

Ein anderer Freund wurde in der Schweiz geboren und lebte dort mit seiner südafrikanischen Mutter, bis sie von seinem Vater und der Schweiz genug hatte und Felix mit nach Afrika nahm. Dort machte er Abitur, studierte Klavier in Europa und ging für drei Jahre an das Konservatorium in Moskau, wollte da eigentlich länger bleiben, aber Felix traf Ivan, und Homosexuelle haben es in Russland bekanntlich besonders schwer, vor allem wenn sie leben wollen. Felix und Ivan zogen nach Deutschland. Felix spricht fließend 5 Sprachen und nur wenn er betrunken ist, spricht er alles zugleich. Aber Ivan spricht nur Russisch und Deutsch fehlt ihm genauso wie eine Aufenthaltsgenehmigung. Felix erzählt, dass Ivan kaum noch spricht. Felix schreibt, dass Ivan verstummt.

Die Aufgabe einer jeden Sprache ist der Ausdruck, selbst wenn jedem unvermeidlich Subjektivität beigemischt wird. Es spricht sich nicht gleich auf zwei oder drei Sprachen – die Sprachen selbst haben ungleiche Melodien und Grammatiken, setzten unterschiedliche Akzente, wo die erzählte Begebenheit äußerlich dieselbe zu sein scheint. Man kann auf Deutsch nicht lächeln! Es geht einfach nicht, dafür gibt es nur dieses eine Wort Lächeln, als ob Lächeln nur ein schüchternes Lachen sei. Gott übte auf mich noch nie irgendeinen Reiz aus, in meinem Elternhaus spielte er keine Rolle – mein Vater war überzeugter Kommunist und meine Mutter Pianistin und unsere Mutter und danach lange nichts mehr. Das erste Wort für Gott, das ich in unserem Hof aufschnappte, war Allah, aber darunter konnte ich mir nur wenig vorstellen, das hätte auch irgednein ein Onkel von einem Nachbar sein können, und da hatte ich es doch besser getroffen! Mein Onkel Wowa war Seemann, hatte einen Anker auf seinem Unterarm und brachte mir rosa Kaugummi aus Afrika mit.

Auch Erinnerungen kommen in unterschiedlichen Sprachen. Dabei spielt die Sprache in der sich das Ereignis vollzog, eine wichtige Rolle, deshalb wird es oft in der Sprache erzählt, in der sich die Begebenheit ereignete. Die Kindheit meiner Großmutter war zum Beispiel Jiddisch, die Schulzeit Weißrussisch, Mutterschaft und Beruf Russisch und die Rente Hebräisch. Ihre Albträume waren Deutsch.

Mehrsprachigkeit ist ein weit verbreitetes Phänomen. Sie prallen in sprachlichen und kulturellen Schmelztiegeln aufeinander – beispielsweise in Metropolen. In Europa war Paris immer wieder ein solches Schmelztiegel, das sich selbst zwar als einsprachig verstand, aber stets viele Immigranten anzog. Aber auch Wien, Prag, Odessa, New York und Berlin oder auch Jerusalem, wo in meiner Familie heute Russisch, Deutsch, Jiddisch, Englisch und Hebräisch gesprochen wird, wären zu nennen. Auch Tolstojs Krieg und Frieden fängt mit einem französischen Ausruf an.

Ich schmollte und trat Renaud unter dem Tisch, aber endgültig ging die Stimmung während des Kaffees unter. Hannahs Kanarienvogel Rudi traf überraschend ein Herzschlag und Renaud erstickte fast an einem Stück Kuchen, das vor lauter Lachen in seiner Luftröhre stecken blieb. Hannah trauerte und ihre Trauer war zu meiner Überraschung Französisch, denn sie lebte lange in Paris. Von ihrem Kummer verstand ich nur einzelne Satzbausteine und nickte nur, wenn es auch Renaud tat.

Olga Grjasnowa, geb. 1984 in Baku, Aserbaidschan. Lebt seit 1996 in der Bundesrepublik. Studiert am Deutschen Literaturinstitut. Längere Studienaufenthalte in Warschau und Moskau. Dreht Filme, veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien. 2007 Stipendiatin des 11. Klagenfurter Literaturkurses.

(Olga Grjasnowa)