Ich habe was, was du nicht hast

Wie der gewaltsame "Allmende-Raub" den Kapitalismus beflügelte - und wie wir dadurch wurden, was wir heute sind: Lohnarbeiter, die den Profit von Unternehmen mehren

Die Großkonzerne Nestlé und Coca Cola sind auf Beutefang: Seit ein paar Jahren kaufen sie im großen Stil Wasserquellen in Afrika und Südamerika auf. Die dort lebenden Menschen konnten die freien Wasserquellen bis dahin problemlos nutzen. Jetzt hungern und dursten die einen, die anderen müssen für Hungerlöhne in den Wasserabfüllanlagen schuften, um sich dann das vormals freie Wasser in PET-Flaschen zurückzukaufen. Parallel dazu grassiert das Land Grabbing: Kleinbauern (über die Hälfte der Menschheit arbeitet in kleinbäuerlichen Strukturen) verlieren ihr Land an Großkonzerne und Staaten wie China, Indien und etliche Golfstaaten, die alles aufkaufen, was ihnen vor die Flinte läuft.

Dieses Vorgehen ist nicht neu: Vor rund 500 Jahren spielte sich die gleiche Geschichte ab, beim sogenannten "Allmende-Raub" und dem "Enclosure Movement", durch die der Kapitalismus erst so richtig durchstarten konnte.

Seit dem 15. Jahrhundert eigneten sich die weltlichen Landherren in Deutschland und vor allem in England die Gemeindeflächen an. Die Allmende, also das vormals gemeinschaftliche Eigentum, wurde der Bevölkerung gewaltsam entrissen: Fortan gab es keine freien Wasserbrunnen mehr, keine Wälder, in denen jedermann jagen oder Brennholz und Kräuter sammeln durften, keine freien Gewässer zum Fischen und keine freien Weideflächen für die Tiere. Vor allem die Wälder waren damals enorm wichtig, ja, vielleicht so wichtig wie heute das Erdöl: Die Wälder lieferten Brennholz, vitaminreiche Beeren und Kräuter, Eicheln zur Schweinemast und hier und da etwas Wild zum Essen. Doch durch den gewaltsamen Allmende-Raub wurde die Natur zum Privateigentum. Das Wort "privat" kommt vom lateinischen "privare", was so viel heißt wie berauben, entziehen, vorenthalten. Und genau das geschah damals in Europa.

Wer die heutige Welt und den Kapitalismus verstehen will, der muss die Geschichte des Allmende-Raubs verstehen. Der Philosoph Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) begriff das allzu gut, als er 1755 in seiner "Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen" schrieb:

Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen "Dies gehört mir" und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: "Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, die Erde aber niemandem gehört."

Jean-Jaques Rousseau

Die europäischen Kleinbauern wurden seit dem 15. Jahrhundert ihrer Lebensgrundlage entrissen und verarmten. Sie waren dazu verdammt, sich in den städtischen Fabriken als Lohnsklaven zu verdingen oder ihre Arbeitskraft an den Lehnsherren zu verkaufen. Als die Lehnherren großen Geldmangel hatten, erkannten sie schnell, dass es profitabler ist, das Land an sich zu reißen und die nunmehr entwurzelten Bauern als Lohnarbeiter für sich ackern zu lassen.

Widerstand blieb nicht aus: Während des Bauernkriegs (1524-1526) formulierten die reformatorischen Theologen und Bauernführer Sebastian Lotzer und Christoph Schappeler ihre Forderungen in den "Zwölf Artikel" (Februar/März 1525). Neben der Abschaffung der Leibeigenschaft kritisierten sie es als "unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen". Darüber hinaus sollen "alle Hölzer, die nicht erkauft sind, der Gemeinde wieder heimfallen, damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann. [Außerdem haben] etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören, angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen."

Die aufständischen Bauern waren Martin Luther ein Dorn im Auge. In seinem Pamphlet "Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern" (Mai 1525) empfahl Luther den Fürsten nonchalant, die Bauern einfach zu erschlagen:

Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muss.

Martin Luther

Der Bauernkrieg endete blutig und mit einer Niederlage der Aufständigen: Die Armee der Landesfürsten - die sich hinter den Adel stellten - tötete über 100.000 Bauern. Allein bei der Schlacht von Frankenhausen (Mai 1525) fielen über 6.000 Bauern; ihr Anführer Thomas Müntzer wurde nach zwölf Tagen Folter enthauptet.

Auch in England wurde die Allmende (commons) seit dem 16. Jahrhundert systematisch aufgelöst und privatisiert; bereits um 1700 war die Hälfte Englands in privatem Besitz. Das vormals freie, gemeinschaftlich genutzte Land wurde eingezäunt, die sogenannten "Einhegungen" (enclosures) entstanden. Was war der Auslöser?

Die Wollherstellung war damals die Leitindustrie, Wollerzeugnisse und Tuche machten um 1565 über 80 Prozent des englischen Exports aus. 1764 erfand James Hargreaves die erste industrielle Spinnmaschine, die "Spinning Jenny", mit der man aus Wolle Garn herstellen kann. Dadurch und durch die Verbesserung der Dampfmaschine (James Watt, 1769 und 1788) konnte die Garnherstellung um ein Vielfaches gesteigert werden. Dafür benötigte man jedoch umso mehr Schafwolle. Und die Schafe benötigen wiederum Weideland, um zu grasen. Für die Schafzucht wurden der Bevölkerung abermals hektarweiser Land entrissen.

Thomas Morus (1478-1535) schreibt in seinem 1516 veröffentlichten Klassiker "Utopia":

Eure Schafe, die gewöhnlich so zahm und genügsam sind, sollen jetzt so gefräßig und wild geworden sein, daß sie sogar Menschen verschlingen sowie Felder, Häuser und Städte verwüsten und entvölkern. In all den Gegenden eures Reiches nämlich, wo die feinere und deshalb teurere Wolle gewonnen wird, genügen dem Adel und den Edelleuten und sogar bisweilen Äbten, heiligen Männern, die jährlichen Einkünfte und Erträgnisse nicht mehr, die ihre Vorgänger aus ihren Gütern erzielten. Nicht zufrieden damit, daß sie mit ihrem faulen und üppigen Leben der Allgemeinheit nichts nützen, sondern eher schaden, lassen sie kein Ackerland übrig, zäunen alles als Viehweiden ein, reißen die Häuser nieder, zerstören die Städte, lassen nur die Kirchen als Schafställe stehen und, gerade als ob bei euch die Wildgehege und Parkanlagen nicht schon genug Grund und Boden der Nutzbarmachung entzögen, verwandeln diese braven Leute alle bewohnten Plätze und alles sonst irgendwo angebaute Land in Einöden.

Damit also ein einziger Verschwender, unersättlich und eine grausige Pest seines Vaterlandes, einige tausend Morgen zusammenhängenden Ackerlandes mit einem einzigen Zaun umgeben kann, vertreibt man Pächter von Haus und Hof. Entweder umgarnt man sie durch Lug und Trug oder überwältigt sie mit Gewalt; man plündert sie aus oder treibt sie, durch Gewalttätigkeiten bis zur Erschöpfung gequält, zum Verkauf ihrer Habe.

Thomas Morus

Nicht zufällig datieren die Hauptquellen für den historischen Robin Hood auf diese Zeit. Um 1450 wurde die Ballade "Robin Hood and the Monk" veröffentlicht, um 1500 dann die Balladensammlung "A Gest of Robyn Hode". Robin Hood und seine Gefährten verteidigten die Commons und die freien Wälder, und sie gaben den Armen das zurück, was ihnen die Reichen zuvor gestohlen hatten.

Doch die Heldentaten von Robin Hood konnten den Allmende-Raub nicht aufhalten. Vielerorts ließen die Grundbesitzer die Dörfer einfach niederbrennen, um die leibeigenen Bewohner loszuwerden - oder sie wurden eiskalt ermordet. Die Überlebenden wurden zu Vagabunden. Nur sehr wenige konnten es sich leisten, das nun "freigewordene" Land zu pachten und (nicht mehr feudal, sondern kapitalistisch) zu bewirtschaften. Der Rest wurde zu Lohnarbeitern großer Agrarunternehmen. Der Großteil aber landete auf der Straße als Vagabunden und Bettler. Das Gesetz schützte sie nicht, im Gegenteil: Es war erlaubt, sie zu töten. Unter Heinrich VIII. (1491-1547) wurden rund 72.000 Hinrichtungen dokumentiert, die meisten an "Dieben", also den vormals Enteigneten und nun hungernden Vagabunden.

Viele der Vagabunden mussten sich in den städtischen Fabriken verdingen und ihre Arbeitskraft verkaufen. Diese "Proletarisierung" markiert den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit und führt zu einem Paradigmenwechsel hin zur Fabrik- und Geldwirtschaft. Erst der Allmende-Raub erschafft ein Proletariat, das es vorher schlichtweg nicht gab. Die Menschen wurden buchstäblich entwurzelt und enteignet. In der Folge mussten sie ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen, sie wurden Lohnarbeiter. Der Kapitalismus konnte sich also nur deshalb entfalten, weil die Produktionsmittel (Ackerland, Werkzeuge, Häuser und die Allmende) strikt von den Arbeitenden getrennt wurden - diese Entkopplung von Kapital und Arbeit zieht sich bis in unsere heutige Zeit: Wir arbeiten Woche für Woche in 40-Stunden-Schichten, um die Konten der Unternehmer zu füllen.

Verkürzt heißt Lohnarbeit nichts anderes als: Der Unternehmer hat Geld und Produktionsmittel (z.B. Maschinen und Rohstoffe), aber keine Arbeiter, die für ihn tätig sind. Der Arbeiter wiederum hat kein Geld und durch den Allmende-Raub auch keine Produktionsmittel, aber er hat seine Arbeitskraft. Die muss er verkaufen, um Geld zu haben und überleben zu können. Der Unternehmer sitzt freilich am längeren Hebel, da er über ein großes Privateigentum verfügt - er kann stets mit Entlassungen drohen. Und ohne den mickrigen Lohn, den er zahlt, würden die Arbeiter verhungern. Also verkaufen sie ihre Arbeitskraft, während die Profite des Unternehmers nach oben schnellen.

Dieser simple Kreislauf führt zur überall sichtbaren Ausbeutung der Erwerbstätigen. Nebenbei bemerkt ist nach Marx jede Form der Lohnarbeit gleichbedeutend mit Ausbeutung, nicht nur die schlecht bezahlte, wie gemeinhin der Begriff "Ausbeutung" gebraucht wird. Ausbeutung liegt immer dann vor, wenn jemand seine Arbeitskraft verkaufen muss - und der Käufer daraus einen Gewinn, den sogenannten "Mehrwert" erwirtschaftet.

Ein Fließbandarbeiter bei einem Autokonzern verdient gerade so viel, dass die Kosten seines Lebensunterhalts gedeckt sind, also Geld für Nahrungsmittel, Miete, Kleidung und ähnliches. Sein Lohn steht in keiner Relation zu den enormen Geldsummen, die er durch seine Arbeitskraft für das Unternehmen erwirtschaftet, sprich, Millionengewinne durch den Verkauf von Autos. So kommt es, dass ein Lohnarbeiter während einer Stunde Arbeitszeit vielleicht 5 Minuten für seinen eigenen Geldbeutel schuftet und die restlichen 55 Minuten für das Bankkonto seiner Firma. "Für jeden Dollar, den der Boss hat, ohne dafür zu arbeiten, hat einer von uns gearbeitet, ohne einen Dollar dafür zu erhalten", bemerkte dazu Big Bill Haywood (1869-1929), Mitbegründer und Leiter der großen Gewerkschaft IWW (Industrial Workers of the World).

Die ersten Fabrikarbeiter sträubten sich vehement, für einen profitorientierten Unternehmer als Lohnarbeiter tätig zu werden. Viele arbeiteten nur für ein Zieleinkommen: Wenn sie genügend Geld verdient hatten, um über die Runden zu kommen, ließen sie buchstäblich den Hammer fallen und blieben bis zum Monatsende den Fabriken fern. Lohnarbeit galt den Menschen damals als unehrenhaft und entwürdigend. Wie sich die Zeiten doch ändern …

Die protestantische Erwerbsethik segnete den neu aufkommenden Arbeitsfetisch und gab den Arbeiterinnen und Arbeitern so die letzte Ölung. Weil sich die frischgeschaffenen Lohnarbeiter nicht recht fügten, mussten die Unternehmer und die mit ihnen paktierenden Regierungen handeln. Zuerst wurden die Löhne dergestalt angeglichen, dass die Arbeiter gerade so ein Auskommen hatten; dann kamen Gesetze, die den Arbeitszwang staatlich legitimierten. Karl Marx und Friedrich Engels zitieren im "Kapital" ein Gesetz aus dem Jahr 1547, das Edward VI. in seinem ersten Regierungsjahr erlassen hat:

Wenn jemand zu arbeiten [sich] weigert, soll er als Sklave der Person zugeurteilt werden, die ihn als Müßiggänger denunziert hat. Der Meister soll seinen Sklaven mit Brot und Wasser nähren, schwachem Getränk und solchen Fleischabfällen, wie ihm passend dünkt. Er hat das Recht, ihn zu jeder auch noch so eklen Arbeit durch Auspeitschung und Ankettung zu treiben. Wenn sich der Sklave für 14 Tage entfernt, ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurteilt und soll auf Stirn oder Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, wenn er zum drittenmal fortläuft, als Staatsverräter hingerichtet werden. Der Meister kann ihn verkaufen, vermachen, als Sklaven ausdingen, ganz wie andres bewegliches Gut und Vieh.

Im frühen Mittelalter lebten noch viele Menschen von Almosen, das Betteln war nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Die Kirchen verpflichteten die Gläubigen zu freiwilligen Spenden, weil sie nur so ihr Seelenheil erlangen könnten. All das änderte sich mit der Reformation schlagartig.

Die Bestrafung der "Müßiggänger" erlebte seit den Arbeitsfanatikern Luther und Calvin immer neue Höhenflüge. "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen" heißt es bereits in der Bibel beim Apostel Paulus (2 Thess 3, 10). Immer öfter wurden Bettler in den sogenannten "Arbeitshäusern" eingesperrt, gefoltert und vielerorts sogar hingerichtet. Eines dieser zahlreichen Arbeitshäuser wurde 1589 in Amsterdam eröffnet. Ziel war es, die "Abneigung gegen Arbeit zu kurieren". Die Heilmethoden waren alles andere als homöopathisch: Die arbeitsunwilligen Armen sperrte man in ein Verlies, in das nach und nach Wasser gefüllt wurde. Die im Wasser stehenden Gefangenen mussten ununterbrochen eine Pumpe betätigen, um sich vor dem Ertrinken zu retten. Mit dieser perversen Folter wollte man den Arbeitsunwilligen ihre Faulheit austreiben und ihnen hautnah demonstrieren, dass emsiges Arbeiten überlebensnotwendig sei.

Die protestantische Reformation ging Hand in Hand mit der Proletarisierung der Massen. "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen" (Gen 3, 19). Mit diesen Worten wurden im Alten Testament Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Arbeit ist zwar auch in der Antike und im Mittelalter mit Mühsal und Plage verbunden, aber sie ist schlichtweg eine menschliche Notwendigkeit und kollektive Bußetätigkeit: Die Vertreibung aus dem Garten Eden - also der Sündenfall der Menschheit - verurteilte den Menschen zum Arbeitsdienst auf Erden.

Was vormals eine Buße der Menschheit gewesen war, wurde aber bald zu einem Gottesdienst des Individuums: Aber sofort galt, dass man sich Gottes Wohlwollen verdienen müsse. Weltlicher Erfolg galt fortan als untrügerisches Zeichen dafür, dass man von Gott auserwählt war - und nicht in der Hölle, sondern im Himmel landete. Seit der Reformation - als Martin Luther 1517 seine Thesen ans Tor der Schlosskirche zu Wittenberg hämmerte - ging die Zahl der arbeitsfreien Feiertage von 156 auf 2 zurück. Während die Menschen im vermeintlich düsteren Mittelalter die Hälfte des Jahres die Füße hochlegten und aufs Jahr gerechnet pro Tag durchschnittlich 5 bis 6 Stunden arbeiteten, gab es seit der Reformation nur noch den Sonntag sowie Ostern und Weihnachten als arbeitsfreie Tage, den Rest der Zeit wurde geschuftet.

Wenn wir nur unserem Beruf gehorchen, so wird kein Werk so unansehnlich und gering sein, dass es nicht vor Gott bestehen und für sehr köstlich gehalten würde. Unsere Arbeit, unser Broterwerb ist Gottesdienst und heilig. Müßiggang und Prasserei sind es, die die Menschen verderben. Darum arbeitet fleißig und lebt bescheiden, meidet Rausch, Tanz und Spiel. Das sind die Versuchungen des Teufels.

Diese Worte stammen aus der Feder eines weiteren Arbeitsfanatikers: Johannes Calvin, der die Gedanken Luthers verbreitete und dabei stark zuspitzte. Vier Jahrhunderte später zeigte der Soziologe Max Weber in seinem Klassiker "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" (1904), wie sehr die Lehren der Reformation auf die Denk- und Handlungsweise des Kapitalismus Einfluss genommen hatten: Gottes Wege sind unergründlich. Wer wird erlöst und wer nicht?

Diese offene Frage empfanden viele als quälend - und sie folgten der "Lösung" Calvins, sich durch harte Arbeit zu empfehlen. Nebenbei bemerkt setzten sich die Reformatoren auch über das biblische Verbot hinweg, Ländereien in Privatbesitz zu nehmen: "Das Feld vor ihren Städten soll man nicht verkaufen; denn das ist ihr [das der Leviten] Eigentum ewiglich" (3. Mose 25, 34). Luther und Calvin war das gleichgültig.

Wirtschaftlicher Erfolg, disziplinierter Fleiß und rastlose Arbeit im Diesseits waren von nun an die einzigen Indikatoren für eine Erlösung im Jenseits. Damit waren Luther und Calvin die ersten, die den Begriff der Arbeit durchweg positiv besetzten. Während Jesus noch ein glücklicher Arbeitsloser war, wurden Faulheit und Zeitvergeudung spätestens jetzt zur buchstäblichen Todsünde - und eine Kritik am der kapitalistischen Erwerbsethik erst recht.

Doch in Wahrheit liegt die Todsünde beim Kapitalismus selbst, wie der gewaltsame Allmende-Raub zeigt. Mit der "Einhegung" weiterer Bereiche geht die Geschichte heutzutage weiter - sei es mit den genannten Wasserquellen, sei es mit dem Land Grabbing und mit absurden Patenten auf Lebewesen oder dem kuriosen, 2002 vergebenen Patent auf die Züchtung von Brokkoli (EP 1069819). Bis heute gilt, was ein anonymer Kritiker des Allmende-Raubs um das Jahr 1764 dichtete:

"The law imprisons man or woman / Who steals the goose from off the common, / But leaves the greater felon loose / Who steals the common from the goose."

"Das Gesetz sperrt ein, ob Mann oder Frau / wer eine Gans von der Allmende stiehlt, / Doch lässt’s die größeren Gauner unbehelligt / die der Gans die Allmende stehlen."

Patrick Spät lebt als freier Journalist und Buchautor in Berlin. Zuletzt erschien von ihm: "Und, was machst du so?", Zürich: Rotpunktverlag, 2014.

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