"Ich hatte schon im Hotel Kontakt mit dem Gift"

Der Spiegel veröffentlicht ein Interview mit Alexei Nawalny, der direkt Putin beschuldigt

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Anschlag auf Nawalny nicht nur zur Chefsache, sondern auch zu einem Hauptthema der Beziehung zwischen dem Westen und Russland erhob, machte gestern das weitere Vorgehen der EU von dem Ergebnis der OPCW-Untersuchung abhängig (aktierende Bundeskanzlerin wartet im Fall Nawalny das OPCW-Ergebnis ab). Die Bundesregierung hatte um technische Hilfe bei der Analyse des Giftstoffs gebeten. Wieder einmal prescht Der Spiegel nun vor und veröffentlichte heute ein Interview mit Alexei Nawalny, in dem er behauptet, dass Wladimir Putin persönlich hinter dem Mordanschlag stecken müsse.

Wie aus Spiegel-Angaben hervorgeht, wird Nawalny weiterhin gut beschützt. Zum Besuch der nicht weit von der Charité entfernten Redaktion wurde der russische Oppositionelle von vier LKA-Beamten sowie seiner Sprecherin Kirma Jarmysch begleitet. Der Spiegel bezeichnet Nawalny als den "prominentesten" russischen Oppositionspolitiker, was wohl erst nach dem Giftanschlag der Fall sein dürfte. Und unterstellt wird auch gleich vom Spiegel, ohne dass es dafür außer Behauptungen einen Beweis gibt: "Weil er mit einem Stoff vergiftet wurde, der praktisch nur aus staatlichen russischen Laboren stammen kann, wird weltweit die Frage nach der persönlichen Verantwortung von Russlands Präsident Wladimir Putin gestellt."

Nawalny selbst wendet sich über den Spiegel erst einmal an die Deutschen. Das ist nicht nur Dankbarkeit, die er sicher empfindet, sondern auch Kalkül, Deutschland hinter sich zu bringen: "Ich empfinde eine riesige Dankbarkeit allen Deutschen gegenüber. Ich weiß, das klingt jetzt etwas pathetisch, aber Deutschland ist für mich ein besonderes Land geworden. Ich hatte kaum eine Verbindung hierher, ich war überhaupt erst vor drei Jahren das erste Mal in Berlin! Und dann so viel menschliche Anteilnahme, von so vielen Leuten."

Nawalny befindet sich auf dem Weg der Besserung, er schildert sein Befinden und wird dann gefragt, wie alles ablief. Die Spiegel-Redakteure suggerieren, dass er wohl im Hotel in Tomsk mit dem Gift in Berührung gekommen ist. Nawalny greift dies auf und verweist auf die Wasserflasche, die sein Team dort gefunden haben soll, was mit einem Video bewiesen werden sollte, auf dem aber unterschiedliche Zeitangaben irritieren (Nach seinem Team wurde Nawalny im Hotel in Tomsk vergiftet).

Nawalnys Team hat die Flasche vom Tatort entfernt und seine Frau und Marija Pewtschich haben sie, so Nawalny im Interview, nach Deutschland zu den Ärzten gebracht, wo das Bundeswehrlabor angeblich Nowitschok-Spuren am Hals fand. Allerdings ist die Flasche als Beweismittel damit kaum mehr brauchbar: "Spuren des Gifts wurden auf einer Wasserflasche gefunden. Offenbar hatte ich eine kontaminierte Oberfläche berührt, dann zur Wasserflasche gegriffen, etwas daraus getrunken, sie wieder hingestellt und dann das Hotelzimmer verlassen. Deshalb gehe ich davon aus, dass ich das Gift über die Haut aufgenommen habe".

Zwei der drei angeblich von Nawalnys Team gefundenen Wasserflaschen in Nawalnys Hotelzimmer in Tomsk

Nawalny vermutet also, es könne mit dem Gift auf der Wasserflasche in Berührung gekommen sein, aber er habe viel berührt im Hotelzimmer. Und meint dann, man müsse auch seine Kleidung untersuchen, die in Russland zurückgeblieben ist und die er vor kurzem als Beweismittel verlangte. Abstrus bleibt, warum die Piloten eine Notlandung machten, die Ambulanz gleich am Flughafen war und die Ärzte ihm Atropin gaben, wenn staatliche Stellen den Mordanschlag betrieben hätten. Nawalny erklärt dies durch eine "Verkettung glücklicher Umstände". Im Hotel hätte man ihn wohl nicht sterben lassen wollen, das wäre zu riskant gewesen: "Das Personal hätte noch die Ambulanz rufen können." Eben die kam ja auch in Omsk, so dass sein Leben von russischen Menschen gerettet wurde, wofür er sich auch schon einmal bedankt hatte.

Auf die Frage, warum im Unterschied zum Skripal-Anschlag nur er mit dem Gift in Kontakt gekommen sei, antwortete Nawalny wenig überzeugend: "Ich glaube, dass sie ihre Schlüsse aus dem Fall Skripal gezogen haben, als 48 Menschen kontaminiert wurden und eine unbeteiligte Frau starb. Deswegen wurde das Gift wahrscheinlich nicht auf einen Gegenstand aufgetragen wie das Waschbecken oder die Dusche, die ich vielleicht gar nicht benutze. Oder auf mein Mobiltelefon, das ich vielleicht Kira gegeben hätte - und dann hätte es statt eines verdächtigen Todes gleich zwei gegeben. Wie gesagt: Ich spekuliere hier nur. Offenbar handelt es sich um ein raffinierteres Mittel, und es wurde auf einen Gegenstand aufgetragen, den nur ich berühre." Auch die Skripals überlebten den Anschlag, die Frau starb Wochen später, ob die Parfümflasche, in der das Gift enthalten war, etwas mit dem Anschlag auf die Skripals zu tun hatte, ist nicht geklärt. Es bleibt die Frage, warum niemand, der sich um ihn nach seinem Zusammenbruch gekümmert hat, wobei er auch berührt wurde, auch Vergiftungssymptome zeigte.

Er räumt ein, dass das, was er wisse, aus Medien stamme, gibt sich aber dann doch sehr bestimmt: "Was wir sicher wissen, ist: Ich hatte schon im Hotel Kontakt mit dem Gift. Es handelt sich um Nowitschok, genauer: eine neue Version davon. Dieses Gift ist nur einem kleinen Kreis von Personen zugänglich." Die Spiegelredakteure fragen in der Regel nicht nach, allerdings ist Nawalnys Version auch die, die der Spiegel verbreitet.

Das Gespräch gipfelt in Nawalnys Schuldzuweisung: "Ich behaupte, dass hinter der Tat Putin steht, und andere Versionen des Tathergangs habe ich nicht. Ich sage das nicht, um mir zu schmeicheln, sondern ausgehend von Fakten. Das wichtigste Faktum ist Nowitschok. Der Befehl, es einzusetzen oder herzustellen, kann nur von zwei Männern stammen - dem Chef des FSB oder des Auslandsgeheimdienstes SWR." Es könnte auch der GRU sei, jedenfalls könnten nur die drei, direkt Putin unterstellten Geheimdienstchefs den Auftrag gegeben haben. Man habe ihn dann erst einmal in Omsk sterben lassen wollen - wohl gemerkt, er bekam dort Atropin, was ihm das Leben rettete -, warum man ihn aber dann doch nach Deutschland hat transportieren lassen, bleibt rätselhaft. Er sollte kein Opfer werden, was er aber doch wurde.

Am Schluss stellt er den Anschlag auf ihn in den Kontext der Proteste in Belarus gegen Lukaschenko und in der Region Chabarowsk sowie der Korruptionsermittlungen seiner Organisation. Man habe auf ihn und seine Leute großen Druck ausgeübt, als dies nichts fruchtete, habe man vielleicht zu extremeren Mitteln gegriffen.

Immerhin fragen die Spiegel-Redakteure: "Und wenn es doch nicht Putin war?" Nawalny: "Wenn er es nicht war, dann wäre alles noch viel schlimmer. Ein Becher Nowitschok reicht, um alle Passagiere einer großen Berliner U-Bahn-Station zu vergiften. Wenn der Zugang zu dem Kampfstoff nicht bei 3 Leuten liegt, sondern bei 30, dann ist das eine globale Bedrohung. Das wäre schrecklich." Aber wieder keine Nachfrage, es sind ja auch alles nur Vermutungen.

Nawalny will nach Russland zurückkehren und trotz der Bedrohung dort seine Aktivitäten weiterführen wie bislang. Putin attestiert er, dieser habe das "Stadium des Wahnsinns" erreicht, und er warnt: "Wenn der Kreml erst mal Gefallen gefunden hat an solchen Operationen, warum dann nicht auch einen deutschen Politiker ausschalten, der sich zum Beispiel gegen Nord Stream 2 ausspricht?" (Florian Rötzer)