"Ich hoffe, dass das Nichtessen von Tieren zur Normalität wird"

"Gütersloh für die Schließung aller Schlachthäuser 2020". Foto: Animal Rights Watch e.V. (ARIWA)

Tönnies und der Corona-Ausbruch. Interview mit der Aktivistin Friederike Schmitz: "Wer unnötiges Leid gegenüber Tieren ablehnt, muss auch die aktuelle Nutztierhaltung ablehnen"

Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischfabrikanten Tönnies werden die Rufe nach besseren Arbeitsbedingungen in der Tierindustrie lauter. Dem Bündnis "Gemeinsam gegen die Tierindustrie" reicht das nicht aus. Sie fordern die generelle Schließung von Schlachtfabriken. Telepolis hat mit der Aktivistin und Philosophin Friederike Schmitz gesprochen: Über das Leid von Mensch und Tier, die Freiheit, Schnitzel zu essen, und eine solidarische Welt ohne Ausbeutung.

Kritik an der Fleischindustrie ist derzeit in allen Medien. Was ist größer: Ihre Freude, dass öffentlich endlich über die Zustände gesprochen wird? Oder Ihre Enttäuschung, dass es dabei doch nur sehr wenig um Tiere geht?
Friederike Schmitz: Sicher wäre es schön, wenn wir alle Probleme gleichzeitig diskutieren würden. Aber das geht leider nicht immer. Wir haben das auch mit Corona erlebt, als plötzlich die Klimakrise keine Rolle mehr spielte. Ich finde schön, dass sich überhaupt etwas bewegt. Ich habe aber auch den Eindruck, dass alle, die Macht und Einfluss haben, nun versuchen, die Industrie am Laufen zu halten. Was getan wird, dient eher der Schadensbegrenzung: die Ankündigung, Werkverträge zu verbieten oder sie selbst nicht mehr abschließen zu wollen. Ob das wirklich passiert, ist natürlich auch nochmal unklar. Und es ist auch nicht, was aus unserer Sicht wirklich nötig wäre: nämlich die Tierindustrie abzuschaffen.
Hat die Ausbeutung von Mensch und Tier etwas miteinander zu tun oder fällt das bei Tönnies gerade nur zufällig zusammen?
Friederike Schmitz: Ich würde schon sagen, dass das zusammenhängt. Das ganze Geschäftsmodell funktioniert nur mit der Ausbeutung von Menschen und Tieren. Man presst aus beiden das meiste heraus. Beides hängt aber auch zusammen, weil der Umgang mit Tieren die Menschen belastet. Es herrscht enormer Druck, die Arbeiterinnen und Arbeiter werden gestresst, müssen die ganze Zeit Gewalt ausüben.
Diese Arbeit ist psychisch enorm belastend, weswegen wiederum die Tiere schlechter behandelt werden. Das heißt aber nicht, dass so etwas nur in der Fleischindustrie passiert: Auch in anderen Branchen herrschen kapitalistische Bedingungen, geht es darum, Gewinn zu machen und sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Einige wenige machen große Profite, während viele andere darunter leiden. Es gab auch Corona-Ausbrüche bei Erntehelfern. Denen geht es sicherlich ähnlich schlecht.
Gilt das Ihrer Meinung nach für die gesamte Tierindustrie oder ist Tönnies nur das schwarze Schaf?
Friederike Schmitz: Die Arbeitsbedingungen scheinen sich bei den großen Schlachtbetrieben nicht groß zu unterscheiden. Bei Wiesenhof gab es auch Corona-Ausbrüche. Unser Bündnis steht im engen Austausch mit Leuten, die sich in Niedersachsen für Arbeitsrechte in der Geflügelwirtschaft engagieren und die berichten von genau denselben Problemen: Zeitverträge, hohe Arbeitszeit, schlechte Unterbringung, fehlende Vertretung.
Tönnies selbst wirbt damit, dass das Unternehmen sehr viel Wert auf Tierwohl lege. Auch in der Öffentlichkeit kursieren bei dem Thema häufig positiv klingende Begriffe wie "artgerechte Haltung", "humanes Schlachten" oder einfach "Bio". Was ist dran an der Vorstellung von Tieren, die bis zu ihrer Schlachtung glücklich gelebt haben?
Friederike Schmitz: Am Wichtigsten ist erst einmal zu sehen, dass fast alle Tierprodukte, die in Deutschland verzehrt werden, aus konventioneller Haltung stammen, also solchen Schlachthöfen wie bei Tönnies. Leute stellen sich häufig vor, es ginge nur um das Billigfleisch oder nur bestimmte Auswüchse der Massentierhaltung - aber das Problem ist die normale Praxis: 99 Prozent aller Schweine leben auf 0,75 Quadratmeter, auf Spaltenböden, wo sie nichts machen können, sich verletzen, sich gegenseitig anfressen und krank werden.
Dasselbe gilt für Hühner. Fast alle Masthühner kommen aus Anlagen mit 20.000 bis 50.000 Tieren. Selbst wenn man der Meinung ist, dass es Alternativen gibt: Mengenmäßig spielen die in Deutschland eine verschwindend geringe Rolle.

Freiheit kann auch bedeuten, die Produktion mitzubestimmen

Wie würde der Ausstieg aus der Tierindustrie, den sie fordern, eigentlich konkret ablaufen?
Friederike Schmitz: Für uns ist das verbunden mit einer größerer Agrarwende. Wir wollen eine ökologische und soziale Produktionsweise, die nicht mehr an Gewinn und Marktlogik orientiert ist. Vorbilder im Kleinen gibt es schon aber unsere Vorstellung ist, dass das im Großen passieren muss. Auch weil Ernährung so existentiell ist und große Auswirkungen auf Umwelt und Klima hat, sollte man das nicht den Wettbewerbskräften überlassen.
Also staatliche Planwirtschaft?
Friederike Schmitz: Nein, es geht um Selbstorganisation der Arbeiterinnen und Arbeiter, um den direkten Austausch mit Konsumenten, faire Arbeitsbedingungen und darum, dass gute und gesunde Lebensmittel unabhängig vom Einkommen allen zur Verfügung stehen. Wir als Bündnis haben noch keinen konkreten Fahrplan aber man könnte sich am "Klimaplan von unten" orientieren, der von mehreren Gruppen der Klimagerechtigkeitsbewegung erarbeitet wurde.
In dem geht es auch darum, wie ein Rückbau der Tierindustrie funktionieren kann: Zum Beispiel muss es einen Baustopp für Neuanlagen geben. Es muss attraktive Ausstiegs- und Umschulungsangebote für Tierhalter und Strukturwandelprogramme für bestimmte Regionen geben, die von den Profiteuren der Tierindustrie finanziert werden.
Dazu gehört auch ein Verbot von Futtermittelimporten und Festlegungen von Flächenquoten für Futtermittelanbau, weil einfach zu viel Land verwendet wird für die Tierhaltung. Subventionen können umgeschichtet werden - hinzu Alternativen zur Tierhaltung wie ökologischem Obs- und Gemüseanbau. Das betrifft die Produktionsseite. Aber auch auf der Ernährungsseite muss viel passieren.
Was genau?
Friederike Schmitz: Wir brauchen Informations- und Bildungsarbeit über die Vorteile pflanzlicher Ernährung. Aber auch einfache Maßnahmen können helfen. Zum Beispiel sollten öffentliche Kantinen verstärkt vegane Gerichte anbieten. Wenn Regierungen das Ziel verfolgen würden, den Konsum von Tierprodukten zu senken, könnte sich schon total viel ändern.
Es geht auch darum, an unserem Bild von Freiheit zu arbeiten: Freiheit muss nicht bedeuten, aus möglichst vielen Produkten zu wählen, die auf ungerechte Weise hergestellt wurden. Freiheit kann auch bedeuten, die Produktion mitzubestimmen. Wenn wir uns mehr damit befassen, würde vielleicht irgendwann dieses Bild verschwinden, dass es nur darum geht, den Konsum zu beschränken. Es geht um einen gesellschaftlichen Wandel, der zu mehr Freiheit führt, nicht zu weniger.
Viele Leute würden jetzt einwenden: Freiheit bedeutet auch, ein Schnitzel essen zu können. Sie haben ein Buch mit Grundlagentexten zur Tierethik veröffentlicht. Warum sollten Menschen keine Tiere essen?
Friederike Schmitz: Ich glaube, das folgt aus den ethischen Überzeugungen, die die meisten Menschen sowieso schon haben. Die meisten Menschen sind überzeugt, dass wir Tiere nicht unnötig töten und leiden lassen sollten. Wenn wir uns an diesen Grundsatz halten, dann reicht das praktisch schon aus: Die momentan existierende Nutztierhaltung ist unnötig, weil wir nicht auf diese Weise Tierprodukte produzieren müssen und ich würde sagen: Weil wir gar keine Tierprodukte produzieren müssen.
Sobald wir unnötiges Leid gegenüber Tieren ablehnen, müssen wir auch die aktuelle Nutztierhaltung ablehnen, und zwar inklusive der Biohaltung. Da kann man vielleicht immer noch sagen: Was ist mit dem glücklichen Rind auf der Weide, das ich selbst erschieße?
Ja, was ist mit dem?
Friederike Schmitz: Meine Antwort ist: Das gibt es praktisch nicht. Die Diskussion, ob man Tiere überhaupt töten darf, ist sehr theoretisch. Ich finde, auch dagegen gibt es gute Gründe: Tiere hängen auch an ihrem Leben, sie haben auch eine Zukunft zu verlieren, haben ein Interesse am Weiterleben, nicht anders als bei uns Menschen. Es ist im Interesse des Tieres, nicht getötet zu werden. Und wenn ich als Mensch nicht darauf angewiesen bin, ist es falsch, das zu tun, selbst wenn es glücklich auf der Weide stand.
Aber wie gesagt: Das ist nicht, worum es uns beim Bündnis "Gemeinsam gegen die Tierindustrie" geht. Uns geht es darum, was man im Supermarkt, im Restaurant oder in der Kantine bekommt. Keines dieser Tiere hat glücklich auf der Weide gestanden. Ich würde daher sagen, dass auch Menschen, die eigentlich gern Fleisch essen und darin ihre Freiheit sehen, damit Dinge unterstützen, die ihren eigenen Werten widersprechen.
Es widerspricht Dingen, die sie selbst über Tiere glauben und zum Beispiel bei ihrem Haustier auch vertreten: Die meisten Leute fänden es nicht in Ordnung, zehn Hunde auf wenigen Quadratmeter oder in Käfigen im Keller zu halten, wo sie nichts machen können, außer zu fressen. Bei Schweinen ist es nichts anderes.
Zumindest kleine Schritte in diese Richtung scheint es zu geben. In jedem Supermarkt gibt's neuerdings Tofu, immer mehr Menschen ernähren sich vegan. Haben Sie eine positive Vision, wie das Verhältnis von Mensch und Tier in 20, 30, 50 Jahren aussehen könnte?
Friederike Schmitz: Ich finde es auf jeden Fall positiv, dass immer mehr Menschen darüber nachdenken und ihre Ernährung umstellen. Aber unsere Position ist, dass es nicht reicht den Konsum zu verändern. Es braucht auch viel mehr politisches Engagement, Protest und Widerstand. Meine erste Hoffnung wäre also, dass eine Massenbewegung entsteht, die sich für die Abschaffung der Tierindustrie einsetzt. Ähnlich wie es beim Thema Kohle oder Klima der Fall ist.
Wenn wir auf diese Weise gesellschaftliche Kräfteverhältnisse und den Diskurs verändern können, ist meine Hoffnung, dass das Nichtessen von Tieren zur Normalität wird. Wir werden Tiere als eigenständige Individuen respektieren, anstatt sie als Waren- und Produktionsmaschinen zu behandeln.
Es geht hier aber nicht nur um schöne Utopien: Nicht zuletzt in Anbetracht der Klimakrise müssen wir die Gesellschaft grundlegend verändern, und zwar in kürzester Zeit. Es ist schon zu spät, dramatische Klimaveränderungen und ökologische Katastrophen zu verhindern, aber wir können sie noch abbremsen, und wir können die Landwirtschaft besser an veränderte Bedingungen anpassen.
Wichtig ist außerdem, wie wir mit den Folgen der Krisen umgehen. Im Bündnis gegen die Tierindustrie kämpfen wir für eine gerechte Gesellschaft für Menschen und Tiere. Eine Gesellschaft, die den großen Herausforderungen solidarisch begegnet, anstatt die einen auszubeuten und sich gegenüber den anderen abzuschotten. (Fabian Goldmann)