"Ich muss erstmal meine Freunde fragen"

Verhindern Handys und Internet die Abnabelung?

Soziale Netzwerke machen selbstständiger, aber auch abhängiger. Letztere Theorie vertritt die Soziologin Sherry Turkle: Wer ständig in wenigen Sekunden seine Freunde per Telefon oder Internet um Rat fragen kann, wird nicht selbstständig, besonders in der kritischen Phase beim Wechsel von der Kindheit zur Jugend.

Die Soziologin Sherry Turkle, die einst im Internet sehr große Chancen zur Selbstentfaltung sah, wurde im aktuellen New Scientist interviewt, der soziale Netzwerke – ob nun über Handy oder Internet – als Leitthema hat. Offensichtlich sieht Turkle die Entwicklung der sozialen Telekommunikation in den letzten 10 Jahren sehr kritisch, 1996 war sie noch weit optimistischer (Ist das Internet männlich, weiblich oder beides?), in ihrem Buch "Leben im Netz" (Originaltitel „Life on the screen“) stufte sie beispielsweise MUDs als therapeutisch nützlich ein. Heute dagegen hält sie zu große Vernetzung für schädlich.

Während für die meisten, die die Funktion des Ausschalters am Telefon verstanden haben und ihn auch zu benutzen wissen, ein Handy mehr Selbstständigkeit bringen kann, insbesondere in kommunikativ schlecht versorgten Ländern (Handys erobern die Entwicklungsländer), kann das Gerät in einem bestimmten Alter auch das genaue Gegenteil bewirken, so Turkle: Kinder, die in die Pubertät kommen, können sich nicht von den Eltern abnabeln, wenn diese ständig mit ihnen per Handy in Kontakt bleiben wollen und lernen auch sonst nicht, eigenständige Entscheidungen zu treffen, da sie sich entweder nicht trauen oder sich gar verpflichtet fühlen, erstmal bei ihrer Clique nachzufragen, ob sie denn auf diesen oder jenen Vorschlag eingehen können – der Freundeskreis ersetzt somit übergangslos die Überwachung durch die Eltern.

Sherry Turkle

In einem bestimmten Alter haben Jugendliche den Wunsch, sich vom Elternhaus zu lösen und selbstständig zu werden, am liebsten durch eine eigene Wohnung, auf jeden Fall aber zumindest stundenweise, indem sie alleine spazieren gehen, Radfahren oder später auch mit dem Auto "flüchten". Auch die Freunde wissen dann oft nicht, wo der oder die Betreffende ist, die Eltern werden nervös, es könnten sich ja auch falsche Freunde eingefunden haben. Doch diese Entwicklungsphase ist notwendig – wird sie unterdrückt, so findet die Pubertät dann eben einige Jahre später statt, und zwar meist mit heftigeren Folgen.

Elektronische Nabelschnur

Die Verwendung von "Always On"-Kommunikation in diesem Alter empfindet Turkle nun als – auch wenn es sich ja gerade um schnurlose Geräte handelt – elektronische Nabelschnur, als Gängelband, wobei die Jugendlichen dies eben nicht so empfinden – denn sonst würden sie ihre Handys einfach ausschalten und den Eltern nachher erzählen, dass die Batterie leer war – sondern schlichtweg die Selbstständigkeit nicht erlernen. Statt sich auf sein eigenes Gefühl zu verlassen, fragt der Handybesitzer stattdessen erstmal bei seinen Freunden nach, was er denn wohl korrekterweise zu fühlen habe.

Zwar bringt ein Mobiltelefon mehr Sicherheit für die Kinder, doch gewöhnen sie sich nicht daran, dass sie sich in der Stadt schon einmal verlaufen können, sie brauchen ja nur zuhause nachzufragen. Ein Phänomen, das man zur CeBIT-Zeit übrigens auch in Hannover im Taxi erleben kann: Zu dieser Zeit muss jeder, der überhaupt ein Taxi fahren kann, hinters Steuer, auch wenn es dann an der lokalen Ortskenntnis mangelt. Die amüsante Folge bei einer nächtlichen Taxifahrt durch die mittlerweile leere Stadt: Die Taxifahrerin rief alle zwei Minuten ihren Mann zuhause im Bett an, der offensichtlich normalerweise in Hannover Taxi fuhr, und fragte ihn, wie sie fahren musste, bis sie sich schließlich von ihm komplett per Handy durch Hannover lotsen ließ. Da dies vor einigen Jahren geschah, als Handygespräche noch deutlich teurer waren als heute, hat sie an dieser Fahrt mit Sicherheit nichts verdient und machte auch keinen besonders kompetenten Eindruck, obwohl es für den Fahrgast sicherlich schlimmer ist, wenn der Fahrer sich auf seine Kosten kilometerweit verfährt und dann behauptet, das habe so schon alles seine Richtigkeit.

Diese Art von Abhängigkeit führt auch nicht zu normalen Telefonaten oder gar dem längeren gemütlichen Ratsch unter Freunden, sondern eher zu irritierenden Kurzanrufen von wenigen Sekunden. Die Opfer solcher Anrufe sind dann bereits auf Kurzwahltasten gelegt und werden teilweise sogar mehrmals in der Minute angewählt und in ihrer Arbeit oder Freizeit unterbrochen. Ein aus diesem Grunde nicht besonders beliebter Kollege hatte allerdings schon vor Jahren diese merkwürdige Angewohnheit am normalen Festnetztelefon entwickelt, das Handy ist hierfür also nicht Bedingung, nur die Chance des Angerufenen, den ständigen Nachfragen zu entkommen, schlechter. Doch befürchtet die Soziologin, dass zukünftig derartiges Verhalten häufiger wird, wenn die Jugendlichen schon als Kinder immer ein Mobiltelefon der Eltern dabei haben. Das eigenständige Denken entwickelt sich nicht, es wird stattdessen ständig in der Gruppe nachgefragt, was unter Zwischenschaltung eines Telekommunikationsmediums eben sehr merkwürdig auf die anderen Mitglieder der Gruppe wirken kann, ohne dass dies dem Unselbstständigen auffällt.

Schneller, öfter, oberflächlicher

Zwar kann die Generation MTV mit ständigen Unterbrechungen durch Telefonanrufe, SMS, Instant Messenger & Co. auf den ersten Blick deutlich besser umgehen als ältere Generationen. Doch dieses ständige Agieren und Reagieren ohne Ruhe zum Nachdenken macht es dem Betroffenen sehr schwer, sich einmal Zeit für sich selbst zu nehmen und zu sich zu finden. Auch dies ist natürlich kein neues Phänomen, wir kennen alle jene Leute, oft weiblich, die am liebsten ihre gesamte Freizeit in Kneipen herumhängen und von einem zum anderen rennen und mit ihm reden, um bloß nicht über sich selbst nachdenken zu müssen. Doch auch hier kann das Problem sein, dass der Betreffende am Telefon nicht mitbekommt, wie sehr er den anderen auf den Wecker fällt, während dies in der Kneipe spätestens dann auffällt, wenn sich alle anderen von der Nervensäge wegsetzen.

So vorteilhaft also die telekommunikative soziale Vernetzung sein kann, so kann sie doch im Extremfall zu Menschen führen, die nicht mehr selbst denken und fühlen, sondern denken und fühlen lassen; die erst einmal drei andere Personen aus ihrer Clique anrufen, ansimsen oder per ICQ/IM fragen müssen, um zu einer Entscheidung zu kommen. In der frühen Jugend ist eine solche Phase durchaus normal, doch mit der elektronischen Nabelschnur könnte sie zum Dauerzustand werden, so Sherry Turkle, und die Überflutung mit immer mehr Informationen dazu führt, dass der Betreffende in eine völlig oberflächliche Welt abgleitet, in der es nur noch darum geht, auf eingehende Anrufe und SMS möglichst schnell zu reagieren.

Derartige Menschen langweilen sich dann logischerweise extrem schnell, wenn der übliche ablenkende Kommunikationszirkus (Telekommunikativ überfordert?) unterbleibt und tun sich damit auch sehr schwer, an Schulen oder Universitäten zu lernen. Da sie keine eigene Meinung haben, fällt es ihnen auch sehr schwer, Verantwortung zu übernehmen und tiefere Freundschaften einzugehen.Stattdessen zählt nur noch die Anzahl von Kontakten – Quantität statt Qualität. Wer sich bislang Gedanken machte, ob er die richtige Hose der richtigen In-Marke trägt, macht sich nun darum Sorgen, wie oft sein Profil bei Myspace oder OpenBC wohl abgerufen wird…. (Wolf-Dieter Roth)