"Ich vergleiche Sex-Spielzeuge gerne mit Küchenmaschinen"

Ingelore Ebberfeld über die Sexualisierung unserer Gesellschaft

Ob im Internet oder im Fernsehen, ob in der Pop- oder der Hochkultur: In der Öffentlichkeit ist Sex heutzutage direkter präsent als in früheren Jahrzehnten. Sind die Menschen dadurch aber glücklicher und selbstbestimmter geworden? Die Sexualwissenschaftlerin und Kulturanthropologin Ingelore Ebberfeld kommt in ihrem Buch Der sexuelle Supergau zum gegenteiligen Schluss.

Frau Ebberfeld, in Ihrem Buch ist von einem "sexuellen Tsunami" die Rede. Was heißt das?
Ingelore Ebberfeld: Wir werden von einer sexuellen Welle überflutet. Im öffentlichen Raum spielt sich soviel Sexuelles ab, dass wir mehr oder weniger daran ersticken, obwohl wir uns angewöhnt haben, diese sexuellen Zeichen zu übersehen. Das ist so wie mit dem Straßenverkehr: Im Schilderwald einer Großstadt lernt man nur noch das zu sehen, was man braucht, der Rest wird nur am Rande wahrgenommen. Am Rande wahrgenommen heißt aber nicht, nicht wahrgenommen. Und keine Frage, diese öffentliche Sexualität, die uns Tag für Tag überflutet, verändert uns, auch unsere Sichtweise auf die Geschlechter.
Hat diese Sexualisierung der Gesellschaft etwas mit der umfassenden Ökonomisierung des Lebens zu tun?
Ingelore Ebberfeld: Wenn ich eine mit einem sexuellen Gestus beworbene Pizza kaufe, dann hat diese Pizza erst einmal nichts mit Sexualität zu tun. Aber wenn ich durch ein sexuelles Signal zum Kauf dieser speziellen Pizza verführt werde, was bedeutet das? Nun, dass eine eigentlich neutrale Sache mit sexuellen Zeichen versehen wird, weil ich gezielt auf der sexuellen Ebene angesprochen werde soll, denn dort bin ich äußerst empfänglich. Das heißt, wenn es darum geht, Produkte an den Mann zu bringen, benutzt der Markt unsere sexuellen Vorstellungen, um Dinge, die gar nichts mit Sex zu tun haben, besser verkaufen zu können. Das geht vom Hamburger über das Auto bis zum Rasenmäher.

"Wir werden immer kritischer unserem Aussehen gegenüber"

Warum hat der Leistungs- und Konsumdruck bei Sex und Erotik so stark zugenommen?
Ingelore Ebberfeld: Obwohl Menschen verschieden veranlagt sind und wenngleich sie altersbedingt Veränderungen hinsichtlich der sexueller Leistungsfähigkeit und sexuellen Lust erfahren, wird so getan, als müssten sich alle Individuen auf dem selben sexuellen Niveau befinden. Die Lust, die wir beim sogenannten Blümchensex verspüren, reicht nicht mehr aus, sondern muss immer mehr gesteigert werden. Es muss immer etwas Neues her. Hier tritt das Individuum in einen Kreislauf ein, in dem es immer stärker unter Druck gerät.
Können Sie ein Beispiel dafür geben?
Ingelore Ebberfeld: Ich bin der festen Überzeugung, Frauen waren immer bemüht, gut auszusehen und attraktiv zu erscheinen. Aber heutzutage erfahren sie diesbezüglich einen massiven Druck von außen, durch Bilder die ihnen täglich vermittelt werden. Wobei aus dem Porno-Bereich bestimmte Körper-Standards mittlerweile Einzug in unseren Alltag gefunden haben, denen ein normaler Mensch, auch und gerade in seinem Alterungsprozess überhaupt nicht genügen kann. Damit werden wir immer kritischer unserem Aussehen gegenüber, auch weil wir auf gleichaltrige Menschen treffen, die diesem Druck nachgeben.
Wir erliegen also einem speziellen Jugendkult und zwar nicht nur auf der Ebene des Körpers, sondern auch auf der Sexuellen. Das Resultat: Wir sind nicht glücklich damit, wie wir sind, sondern unglücklich darüber, nicht so zu sein, wie wir sein sollten.
Welchen Anteil hat die Werbung an dieser Entwicklung?
Ingelore Ebberfeld: Ich würde die Frage nicht auf die Werbung beschränken: Medien allgemein zeigen uns beständig, wie wir zu sein haben und wie wir uns mehr Lust verschaffen können. Dabei wird alles gezeigt, was man zeigen kann. Schamhaftes Verhalten ist passé. Zügelloses Sexualverhalten wird mehr und mehr üblich, zum Beispiel das einer Mylie Cyrus, die mit ihren Reizen wirklich nicht geizt und wer das kritisiert, gilt schon als prüde und verklemmt.
Ingelore Ebberfeld. Foto © Jonas Huckstorf / Westend
Schlägt sich diese Tendenz auch in den Bereichen der Hochkultur nieder?
Ingelore Ebberfeld: Selbst hier werden in einem hohen Maße Grenzen überschritten. Zum Beispiel ist Nacktheit im Theater nichts Besonderes mehr. Auch Beine werden gespreizt, es werden Kunstpenisse eingesetzt, um diese anstelle echter zu masturbieren. Performance-Künstler schrecken mittlerweile vor nichts mehr zurück. Vorderhand soll durch ein solches Verhalten geschockt und sollen gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen werden, ich finde derlei einfach nur schamlos.
In der aktuellen Pop- und Hip-Hop-Musik geht es sexuell sehr unkorrekt zur Sache. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Ingelore Ebberfeld: Es gibt Teile in der Pop- und Hip Hop-Musik, die mich sprachlos machen. Wer sich die Texte anhört oder das Verhalten der entsprechenden Musiker auf der Bühne sieht, mag derlei gar nicht weiter kommentieren. Es werden obszöne Gesten gezeigt und ein dermaßen rüdes Vokabular benutzt, das weit unter die Gürtellinie geht. Hier wird keine kulturelle Haltung oder ein Protest mehr angezeigt, sondern es geht einfach nur um das Ausleben von Personen, die sich das alles erlauben können. Diese Menschen werden offiziell auch noch mit Auszeichnungen bedacht. Ich denke nicht, dass dies das richtige Zeichen ist.
Im Internet gehen Narzissmus, Sex und Selbstentblößung eine recht symbiotische Beziehung ein. Welchen Einfluss hat dies auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen?
Ingelore Ebberfeld: Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass zum Beispiel ein Großteil der Kinder und Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, dadurch beeinflusst wird. Es wäre fatal und naiv zu meinen, das alles würde spurlos an ihnen vorbeirauschen. Allein die Sprache auf unseren Schulhöfen ist so von sexistischen und abfälligen Termini durchsetzt, dass ich mir schwerlich vorstellen kann, dies hätte keinen Einfluss auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern.
Gibt es empirische Studien zur sexuellen Verrohung der Jugendlichen?
Ingelore Ebberfeld: Es sind nicht nur Jugendliche die verroht sind, sondern auch und gerade Erwachsene. Sie sind es, die immer brutalere Filme produzieren, immer mehr zeigen und Pornos für lau ins Netz stellen: Niemals ist soviel Nacktheit, Intimität und rüdes Vokabular öffentlich ausgebreitet worden wie heute. Um das festzustellen, bedarf es keiner empirischen Studie.
Trotzdem kann jemand so sprechen und anders handeln …
Ingelore Ebberfeld: Natürlich. Aber alles was wir benutzen, wie wir sprechen, uns öffentlich bewegen und verhalten hat Auswirkungen auf unser Menschsein. Es macht zum Beispiel einen riesigen Unterschied, ob jemand sagt: Hör auf zu heulen oder hör auf zu weinen. Die Sprache zeigt das Verhältnis des Menschen zum anderen und seiner Welt. Veränderungen in diesem Bereich hinterlassen Spuren.
Können Sie uns erklären, warum die weibliche Ejakulation und der G-Punkt heutzutage so wichtig geworden sind?
Ingelore Ebberfeld: Das öffentliche Sprechen über Sexualität fing in den 1960er und 1970er Jahren mit den Studien von Kinsey und Masters and Johnson an. Das völlig zurecht, wenn man bedenkt, welche Vorstellungen damals herrschten. Gleichzeitig wurden damit aber auch gewisse Standards gesetzt. Wer diesen Standards nicht genügt, gerät unter Leistungsdruck. Das gilt auch für den seit einiger Zeit postulierten G-Punkt und die weibliche Ejakulation. Ich hoffe, diese propagierten Lustquellen versiegen ebenso schnell wie die in den 1970ern angepriesenen, die höchste Lust versprachen, nämlich der gemeinsame und der multiple Orgasmus.
Wie erklären sie den wachsenden Konsum von Sex-Toys?
Ingelore Ebberfeld: Ich vergleiche Sex-Spielzeuge gerne mit Küchenmaschinen, nehmen wir zum Beispiel einen Eierkocher: Das Simpelste ist, Wasser in den Topf, auf den Herd stellen, Ei hinein und fertig. Wird das Ei durch den Eierkocher besser? Nein. Das Einzige, was anders ist, man muss auf die Uhr achten, weil es nicht bimmelt. Beispielsweise wurden Sex-Kugeln bei Frauen zum Renner, nachdem sie in einem dreibändigen Softporno-Roman erwähnt wurden. Und, wen haben sie etwas gebracht? Den Herstellern solcher Produkte allemal, die immer aggressivere Werbung betreiben. Bei Sex-Spielzeug handelt es sich um eine hervorragende Propaganda, der geglaubt wird, sobald sie oft genug wiederholt wurde.