Ich weiß, was ich letzten Sommer getan habe

Menschen erinnern sich unterschiedlich gut an ihre eigene Vergangenheit, und unterschiedlich zuverlässig

Freilich: Über den Alltag könnte ich wenig Sicheres erzählen. Welches Essen ich gekocht habe, wie oft den Rasen gemäht, welche Bücher gelesen, welche Gespräche geführt - das ist im Nebel der Vergangenheit entschwunden. Aber ich erinnere mich recht gut an den Sommerurlaub 2017. Den langen Zwischenstopp in Wien, die Abholung am Flughafen Tirana, das Hotel am Strand, den Leihwagen, die Ausflüge, den Ortswechsel, das Schwimmen im See, die Wanderungen, das alte Kloster, die Rückreise.

Ich habe zu diesen Erlebnissen einen anderen Erinnerungszugang als zu meinem gelernten Wissen über Hirngebiete, Philosophen, Renaissancefürsten oder Aquarienfische. Beides fällt im weiteren Sinne unter "deklaratives Gedächtnis", denn ich kann es in Worte fassen (im Gegensatz dazu, wie man auf einem Bein steht oder die erste Bachinvention flüssig spielt). Die mittleren und unteren Schläfenlappen des Gehirns, und darin insbesondere der Hippokampus, sind unverzichtbare Durchgangsstationen für diese Form von Gedächtnis. Jenseits davon aber trennt sich das episodische, autobiographische Gedächtnis vom semantischen Faktengedächtnis. Im Gehirnscanner kann man unterscheiden, welches von beiden gerade verwendet wird.

Das autobiographische Gedächtnis ist offensichtlich dem Selbstbild nahe verwandt. Daher überrascht es nicht, dass es vorwiegend solche Gebiete der Hirnrinde beansprucht, die zum sogenannten Ruhezustandsnetzwerk (default mode network, "Ideen aus dem neuronalen Untergrund") gezählt werden. Indem wir Begebenheiten aus dem gurgelnden Ozean der Erinnerung fischen, frischen wir sie auf, erzählen sie uns neu, um uns selbst neu darin zu erzählen. Darauf kommen wir zurück.

Je häufiger wir eine Begebenheit sprachlich wiedergeben, desto semantischer wird die Erinnerung. Vom Wiederaufrufen der sinnlichen Erfahrung verschiebt sich die Wippe zum wohlorganisierten sprachlichen Wissen. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass sich die Hirnrindenaktivität während des Erinnerns von den hinteren, sensorischen Regionen zunehmend in die vorderen, ordnenden verschiebt, je älter man wird.

Aber auch zwischen Individuen gibt es Unterschiede. Die Einen erinnern sich an ihren Sommerurlaub, indem sie sich Bilder vor das innere Auge rufen, die Anderen, indem sie Namen und Epochen der besichtigten Kirchen aufzählen. Auch dieser Unterschied spiegelt sich im Gehirn: Jener Bestandteil des Ruhezustandsnetzwerks im mittleren Schläfenlappen, der allgemein mit autobiographischer Erinnerung zu tun hat, hat besonders enge funktionale Verbindungen in die hinten liegenden Sinnesfelder bei Leuten, die sich episodisch, sinnlich erinnern, und umso üppigere Verbindungen nach vorne, je mehr die Versuchspersonen zu einer semantischen Erinnerungsweise neigen.

Eine Gaussverteilung individueller Unterschiede gibt es bei fast allen Maßen, und stets faszinieren die Extreme. Seit einer Studie von 2012 sind der Wissenschaft Personen mit "Highly superior autobiographical memory" (HSAM) bekannt. Dabei handelt es sich sozusagen um abgemilderte Varianten von Ireneo Funes aus J.L. Borges‘ Erzählung "Funes el memorioso". Menschen mit HSAM können Ereignisse, die sie selbst miterlebt haben, in großem Detailreichtum wiedergeben. Typisch ist auch die Fähigkeit, mühelos Datum und Wochentag zu einer Erinnerung zu nennen.

Eine andere Studie erzählt beispielhaft von einer Frau mit HSAM, welche auf die Frage, was am 19. Oktober 1987 passierte, umgehend antwortete: "Es war ein Montag. Das war der Tag des großen Börsenkrachs, und die Cellistin Jacqueline du Pré starb an dem Tag." (Das stimmt alles.) Die meisten der beschriebenen HSAM-Fälle beschäftigten sich hingebungsvoll, nahezu obsessiv mit ihren Lebenserinnerungen, aber es scheint, dass diese Besessenheit Folge, nicht Ursache der Erinnerungsfülle ist: Die HSAM-Fälle üben nicht, sondern sie müssen ihre Erinnerungen im Geiste ordnen oder auch aufschreiben, um sie zu bewältigen.

Dabei betrifft die erhöhte Gedächtnisleistung nur die Autobiographie. In Standard-Gedächtnistests waren die Menschen mit HSAM nicht besser als Kontrollpersonen. Selbstverständlich schoben die Studienleiter ihre Probanden auch in den Magnetresonanztomographen und beschrieben allerhand neuroanatomische Unterschiede zwischen HSAM-Personen und Kontrollpersonen. Diese waren ziemlich verstreut und fanden sich vorwiegend in Regionen, die schon zuvor mit autobiographischem Gedächtnis in Verbindung gebracht worden waren.

Es gibt auch das Gegenteil: Menschen, die sich ihre eigenen Erlebnisse überhaupt nicht bildlich vor das innere Auge rufen können. In Reaktion auf das wissenschaftliche Interesse an überlegener autobiographischer Erinnerung sind auch solche Leute in letzter Zeit untersucht worden. Kanadische Forscher unterzogen drei Probanden mit, wie sie es nannten, "severely deficient autobiographical memory" (SDAM) einer Batterie von psychologischen Tests und verschiedenen bildgebenden Verfahren. Interessanterweise waren alle drei Personen überdurchschnittlich intelligent, führten ein normales Leben und schnitten in den meisten Gedächtnistests unauffällig ab. Nur ihre visuelle Erinnerung war so unterirdisch schlecht, dass schon die winzige Stichprobe für einen signifikanten Unterschied zur Kontrollgruppe genügte.

Zeitgleich, und anscheinend von den Autoren unbemerkt, beschrieb eine andere Arbeitsgruppe Menschen, die ganz allgemein über kein visuelles Vorstellungsvermögen verfügen ("Blinde Fantasie"). Die offensichtliche Möglichkeit, dass es sich um dasselbe Phänomen handelt, wird daher nicht erörtert. Es gibt allerdings Argumente dagegen. Erstens, dass die HSAM-Probanden am Gegenpol keine überdurchschnittliche Vorstellungsgabe haben. Und zweitens, dass sich bei den SDAM-Probanden ein deutlich verkleinerter Hippokampus in der rechten Hemisphäre fand. Was dafür spricht, dass es sich um ein spezifisches Gedächtnisproblem handelt, nicht um ein allgemeines Vorstellungsproblem.

Der Gedanke liegt nahe, dass Leute, die sich haarklein an alles erinnern, und die sogar, als Ausweis der Objektivität, Datum und Wochentag dazu nennen können - dass solche Leute besonders zuverlässige Zeugen sein müssen.

Die menschliche Erinnerung ist nämlich ansonsten mitnichten sonderlich zuverlässig. "Ich habe es mit eigenen Augen gesehen" beweist, wie man mittlerweile weiß, nahezu nichts. Erinnerungen werden im Augenblick des Abrufs konstruiert und auch überformt: Wir erinnern immer nur den letzten Abruf eines Gedächtnisinhalts. Darum ist es so schwer, sich vors innere Auge zu rufen, wie die Straße, die man täglich zur Arbeit fährt, vor der Umgestaltung ausgesehen hatte.

In Experimenten ist es mühelos möglich, Leuten falsche Erinnerungen einzugeben. Bittet man sie, sich ein fiktives Ereignis aus der Kindheit genau auszumalen, dann wird ein erheblicher Anteil der Versuchspersonen beim nächsten Treffen eisern darauf beharren, dieses Ereignis sei wirklich passiert: "Ich erinnere mich doch ganz genau!" Etwa daran, Bugs Bunny in Disneyland gesehen zu haben. Aber Bugs Bunny ist nicht von Disney, sondern von Warner. Sind HSAM-Fälle dagegen gefeit? Nein. Eher sogar im Gegenteil.

Die renommierte Psychologin und Gedächtnisforscherin Elizabeth F. Loftus, die grundlegende Forschung zu falschen Erinnerungen durchgeführt hat, verglich HSAM-Individuen und Normalsterbliche. Tests bestanden zum Beispiel darin, Listen von Wörtern auswendig lernen zu lassen (z.B.: "Tisch, Schatten, Licht, Ständer, Schirm"), in denen jeweils ein naheliegendes Köderwort (hier: "Lampe") gerade nicht enthalten war. Werden sie später aufgefordert, aus einer erweiterten Wortliste diejenigen Wörter auszuwählen, die sie ursprünglich gesehen haben, kreuzen die meisten Menschen auch das Köderwort an. HSAM-Leute und Kontrollpersonen unterscheiden sich darin nicht.

Ebenso gibt es keinen Unterschied, wenn man sie suggestiv fragt, ob sie sich daran erinnern, die allgemein bekannten Fernsehaufnahmen eines bekannten, meist katastrophalen Ereignisses (hier: Absturz von United Airlines 93 am 11.9.2001) gesehen zu haben. Ein knappes Drittel der Befragten bestätigte das, viele lieferten sogar Details dazu. Dabei stellen die Wissenschaftler bei diesem Test stets sicher, dass es solche Aufnahmen nicht gibt.

Und als die Forscher ihren Probanden erst eine kleine Geschichte als Diashow vorführten, und dieselbe Geschichte etwas später als Text zu lesen gaben, aber mit einigen eingebauten Fehlern, hielten sogar mehr HSAM-Probanden als Kontrollpersonen die Fehlinformation später für die richtige.

Es gehört demnach, so schließt Loftus, zur Natur des Gedächtnisses, dass es formbar ist. Seit Jahren verbreitet sie diese Kunde, auch als Gutachterin vor Gericht. Denn wenn es jedem Menschen geschehen kann, dass er im Brustton der Überzeugung behauptet, sich an Ereignisse zu erinnern, die er sich in Wirklichkeit nur einbildet, dann wirft das gängige Vorstellungen von Wahrheitsfindung über den Haufen. Augenzeugen, die immer noch als Goldstandard der Beweisführung gelten (im Gegensatz zu "Das war ja nur ein Indizienprozess."), können sich irren. Der Mensch ist kein Videorecorder.

Zugleich legen die unerhörten Gedächtnisleistungen von Menschen mit HSAM aber auch nahe, dass das Gedächtnis sich aus zwei Quellen speist: dem abgespeicherten Erinnerungsmaterial und der formenden Einbildung. Es ist wie ein Töpfer, der eine gewisse Menge Ton zur Verfügung hat - der eine mehr, der andere weniger - und daraus Skulpturen formt. Es ist einerseits nicht alles nur ausgedacht: Rohmaterial wird auf jeden Fall verwendet. Aber Überformung findet andererseits auf jeden Fall statt, auch bei Menschen, die sich erinnern, was an einem Montag vor fast dreißig Jahren geschehen ist.

Ich hingegen müsste sogar nachschlagen, an welchem Datum wir letzten Sommer losgeflogen sind. Aber das finde ich auch gut so. Die obsessive Vergangenheitsverarbeitung von HSAM-Individuen wäre nichts für mich. Mein Leben lebe ich in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. (Konrad Lehmann)

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