"Ich werde Terrorist"

Youssef Zaghba

Der dritte London-Attentäter, der Italo-Marokkaner Youssef Zaghba (22), war den Behörden seit 2016 als Extremist bekannt

"In seinem Blick habe ich die Radikalisierung gelesen". Mit diesen Worten der Verzweiflung und der Scham beschreibt Valeria Collina, die Mutter des dritten Londoner Attentäters, Youssef Zaghba, die Eskalation des religiösen Fanatismus ihres Sohnes.

"Letztes Jahr, als ich nach England ging, war er strenger; dann konnte ich in seinen Augen eine Radikalisierung der Prinzipien und des islamischen Glaubens erkennen. Das ist in England passiert. Er hatte einen düsteren Blick", sagte die Mutter des Italo-Marokkaners Youssef Zaghba, der bereits im März 2016 am Flughafen von Bologna von der Polizei festgehalten worden war. Sie hat die Journalisten bei sich zuhause empfangen, in Fagnano bei Bologna.

"Im Moment ist es unmöglich, etwas zu sagen, das Sinn macht: ich weiß, was eine Mutter empfinden muss, aber ich kann nicht für einen anderen um Vergebung bitten, ich kann nicht einmal um Vergebung im Namen des Islams bitten, denn das ist nicht der Islam. Ich kann sie nur durch meine Tragödie verstehen, aber ich wage es nicht, sie zu vergleichen; es ist, als ob ich mich schämen würde, zu sagen, dass ich auch eine Mutter bin und ebenso leide."

Die Staatsanwaltschaft von Palermo hat letzte Woche die Festnahme von weiteren 15 Personen wegen Verdachts auf international organisierte Kriminalität zur Begünstigung illegaler Einwanderungen und Tabakwarenschmuggel, angeordnet. Mit schnellen Luxusschlauchbooten soll die Organisation auch gefährliche Straftäter von Tunesien nach Marsala befördert haben, die von der tunesischen Polizei wegen mutmaßlichen Verbindungen zum Dschihad gesucht werden. Unter anderem auch ein Krimineller, den die italienische Polizei, bei seiner eventuellen Einreise in Italien, sofort abweisen würde.

Laut den örtlichen Ermittlern, habe die Organisation eine "Bedrohung für die nationale Sicherheit" dargestellt. Die Schleuser haben Personen nach Italien gebracht, die Tausende von Euro für die Überfahrt bezahlen konnten. In der Nähe der Landestrände und -buchten stand den Geschleusten ein "Shuttleservice" bis zu den logistischen Stützpunkten zur Verfügung, von denen aus sie dann, erfrischt und neu eingekleidet, das jeweils ausgewählte Endziel erlangten.

Youssef Zaghba, hingegen, der dritte Terrorist, der während des Londoner Attentats ums Leben gekommen ist, wurde im März 2016 am Flughafen von Bologna gestoppt. Er hatte einen Direktflug nach Istanbul gebucht, hatte kein Gepäck und trug nur einen kleinen Rucksack, seinen Reisepass und eine einfaches Ticket nach Istanbul mit sich. Diese Umstände, sowie sein auffälliges Benehmen beim Check-in schienen der Polizei verdächtig, weshalb sie ihn festhielten und befragten.

Auf die Frage der Polizeibeamten nach den Gründen seiner Reise antwortete der 21-Jährige mit doppelter Staatangehörigkeit überraschend direkt: "Ich werde Terrorist". Darauf folgte eine Anzeige wegen internationalem Terrorismus, die allerdings keine weiteren Konsequenzen hatte. Die Ermittler hatten sofort seine Mutter benachrichtigt, die nach der Scheidung von ihrem marokkanischen Mann nach Italien zurückgezogen war.

Sie hatte den Beamten sofort ihre Bedenken anvertraut: "Ich erkenne ihn nicht mehr, er macht mir Angst. Den ganzen Tag sitzt er am Computer und sieht sich seltsame Dinge an." Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft hatte die Polizei sofort Zaghbas Wohnung durchsucht und seinen Computer beschlagnahmt.

Es war auch die Mutter, die die Ermittlern auf die Londoner Spur geführt hat, denn seit Youssef in London lebte und in einem pakistanischen Restaurant arbeitete, wo er Islamisten kennengelernt hatte, hatte er sich verändert.

Für sein Handy, auf dem Isis-Propaganda-Videos gespeichert waren, hatte er Sim-Karten aus verschiedenen Ländern. Doch das Gericht hatte dem Einspruch des jungen Italo-Marokkaner stattgegeben. Die Richter befanden die Anhaltspunkte für eine Terrorismusanklage als unzureichend und verordneten die sofortige Rückgabe von Handy und Computer, was eine eingehende Kontrolle der Kontaktpersonen verhinderte.

Die Umstände von Zaghbas Verhaftung am Flughafen von Bologna im März 2016, die Anzeige wegen internationalem Terrorismus und seine Überwachung waren im Frühjahr 2016 im SIS (Schengener Informationssystem; die europäische Datenbank für die Sicherheitsbehörden der Schengen-Länder) eingetragen worden. Zu diesen Informationen hatten die Briten Zugang.

Der SIS wurde im Januar dieses Jahres von der englischen Polizei wohl auch konsultiert, als Zaghba am Londoner Flughafen Stansted bei seiner Einreise zur Sicherheitskontrolle angehalten wurde; deshalb ist es auch nicht nachvollziehbar, warum der britische Geheimdienst und die Polizei abstreiten, jemals über die Gefährlichkeit Zaghbas informiert worden zu sein.

Doch laut dem nationalen Richterverband (ANM) sei Youssef Zaghba den Behörden in Bologna nicht einfach durch die Lappen gegangen, denn "nach italienischem Recht stellt der bloße Besitz terroristischen Propagandamaterials, das aus dem Internet heruntergeladen werden kann, keine Straftat dar, weshalb keine freiheitsentziehenden Maßnahme angeordneten werden konnten."

Dem jungen Mann wurden aufgrund seiner vermuteten Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung islamischer Herkunft sein Handy und sein iPad beschlagnahmt; eine Annahme, die ordnungsgemäß überprüft werden musste. "Vom Material ist in der Staatsanwaltschaft eine gerichtliche Kopie zu weiteren Untersuchungszwecken erstellt worden." Es ist den italienischen Behörden also kein juristischer Fehler unterlaufen, weder in Bezug auf den Verdächtigen, noch auf das beschlagnahmte Material. (Jenny Perelli)

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