"Ich will keine Märtyrerin werden"

Die Geschichte der Ayaan Hirsi Ali

Der Mörder des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh hinterließ an der Leiche seines Opfers einen Brief, in dem er schrieb: "Ayaan Hirsi Ali: Du hast mit deinen Feindseligkeiten gegen den Islam einen Bumerang losgeworfen. Du weißt, dass dieser Bumerang zu dir zurückkommen wird". Die Parlamentsabgeordnete schrieb das Drehbuch von van Goghs letztem Kurzfilm, jetzt muss sie im Untergrund leben.

Ayaan Hirsi Ali hat in ihrem Leben schon eine Menge durchgemacht. Ihre eigene Lebensgeschichte treibt sie voran in ihrem Kampf für die Frauen, speziell für muslimische Migrantinnen – gegen Misshandlung, gegen genitale Verstümmelung, gegen Zwangsehen und Ehrenmorde.

Geboren wurde "die schönste Frau der holländischen Politik" 1969 in Somalia als Tochter der vierten Frau eines Reformpolitikers, der das Land verlassen musste. Die Familie lebte kurz in Saudi-Arabien, dann in Äthiopien, schließlich in Kenia. Der Vater fördert die Bildung seiner Töchter, von Widerspruch innerhalb der Familie hält er allerdings nicht viel. Nach dem Abitur besteht er darauf, dass sie ihren in Kanada lebenden Cousin heiratet. Die Reise zum fernen Gatten nutzt sie zur Flucht vor dieser Zwangsheirat, wie sie später der BBC berichtete:

Auf meinem Weg nach Kanada hatte ich in Deutschland Zwischenstopp. Ich war mit dieser Heirat nicht einverstanden, also ließ ich das Flugzeug abfliegen – und nahm den Zug in die Niederlande. Wenn man will, kann man sagen, ich bin davongelaufen.

Moving stories: Ayaan Hirsi Ali

Als Flüchtling schlägt sich Ayaan Hirsi Ali mit Jobs durch, als Putzfrau, als Postsortiererin. Sie ist eine Kämpferin, lernt Holländisch, studiert schließlich Politik an der Universität Leiden. 1997 wird sie Mitglied der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid (PvdA), der sie sich politisch verbunden fühlt. Sie arbeitet für die Wiardi Beckman Stichting, den Think Tank der Arbeiterpartei und setzt sich intensiv für Immigranten, besonders eingewanderte Frauen ein.

Ihre provokanten öffentlichen Auftritte machen sie bekannt. Sie verkündet, eine "Ex-Muslima" zu sein, eine vom Glauben Abgefallene. Immer wieder bezeichnet sie den Islam als rückständige Religion, sie prangert die Unterdrückung von Frauen im Namen Allahs an und ruft muslimische Mädchen und Frauen zu einer kritischen Haltung auf:

Es sind die Menschen, die Gott erschaffen haben. Nicht umgekehrt. Wir müssen unseren Verstand gebrauchen. Verstand ist wichtiger als Religion.

Frauenrechte sind für sie Menschenrechte, universell und unteilbar gültig. Wenn Frauen misshandelt werden, gibt es dafür in ihren Augen keine Entschuldigung, schon gar keine kulturelle oder religiöse. Für sie ist Wegschauen keine Toleranz, sondern Ignoranz - und sie fordert von der Politik, unterdrückte Frauen in ihrem Emanzipationsprozess zu unterstützen, auch oder gerade, wenn sich dieser Emanzipationsprozess gegen tradierte religiöse Vorstellungen richtet. Als die ersten Morddrohungen aus der Ecke der Islamisten kommen, taucht sie unter, geht mit Unterstützung der Sozialdemokraten für eine Weile in die USA. Die Schlagzeilen, die sie die ganze Zeit macht, sind ihrer Partei eher peinlich. Einige Genossen fordern ihren Ausschluss wegen parteischädigenden Verhaltens, denn die PvdA setzt auf einen Kurs des kulturellen Verständnisses, der wechselseitigen Akzeptanz.

Für Ayaan Hirsi Ali ist diese Kuschelstrategie im Grunde nicht akzeptabel, die Auseinandersetzung und Konfrontation mit gewalttätigen Männern, die sich in ihrer Misshandlung von Frauen auf den Koran berufen, muss ihrer Meinung nach unvermeidlich und kompromisslos stattfinden. Unter dem Deckmantel der Multi-Kulti-Toleranz an den Problemen vorbei zu schielen, statt sich ihnen zu stellen, ist ihrer Meinung nach:

Das schlechte Gewissen des weißen Manns, nichts anderes. Das hat mit Respekt vor anderen Kulturen nichts zu tun.

Vorzeigefrau der Rechten

Ende 2002 bietet ihr die rechtsliberale Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) einen sicheren Listenplatz für das Parlament und freie Hand für ihre politische Arbeit an, sie wechselt das politische Lager. Die Konservativen brauchen sie als Aushängeschild, um ihrer Migrationspolitik den Beigeschmack von Rassismus zu nehmen, vertreten sie doch im Grunde die Überfremdungs-These. Ayaan Hirsi Ali nutzt die Partie und ihren Parlamentsitz, um weiter und noch intensiver gegen die männliche Gewalt zu kämpfen, der zu viele Einwanderinnen ausgesetzt sind. Sie will die Frauen retten – vor dem Islam und dem Herrschaftsanspruch, den er den Männern ihnen gegenüber verleiht. Die Sozialdemokraten sind in ihren Augen zu lahm, sie spöttelte:

Der Islam vertröstet auf das Paradies, die Sozialdemokraten auf eine Besserung in zehn oder zwanzig Jahren.

Sie fordert von den Einwanderern kompromisslos die Integration in die niederländische Gesellschaft. Und sie stellt ihre Forderungen laut, provokant und schrill. Kritiker werfen ihr vor, sie inszeniere sich vor allem selbst und polarisiere unnötig. Das kümmert sie nicht weiter, sie setzt noch einen drauf. In der Zeitung Trouw bezeichnet sie den Propheten Mohammed als pervers:

Sie können das im Koran nachlesen. Mohammed stahl Sayneb, die Frau seines Jüngers, und behauptete, das sei Allahs Wille. Er verliebte sich in Aisha, die neunjährige Tochter seines besten Freundes. Ihr Vater bat ihn zu warten, aber Mohammed wollte nicht warten. Was passiert also? Er erhält eine Botschaft von Allah, die sagt, dass Aisha sich für ihn bereithalten soll. Mohammed ist ein Tyrann.

Seitdem macht sie endgültig keinen Schritt mehr ohne Leibwächter an ihrer Seite.

Unterwerfung

Der Filmemacher Theo van Gogh war einer, der andere gerne grob provozierte. Muslime bezeichnete er als "Ziegenficker", er polemisierte aber in ähnlicher Art und Weise auch gegen die christliche und die jüdische Religion. Der Schriftsteller Leon de Winter bezeichnete ihn als "Berufsprovokateur in der Medienwelt". Genau der richtige Partner für ein Filmprojekt, das Ayaan Hirsi Ali im Kopf hatte – eine in Bild gesetzte Polemik gegen die Unterdrückung von Frauen im Namen des Islam.

Die Parlamentsabgeordnete schrieb das Drehbuch, van Gogh inszenierte den 11-minütigen Kurzfilm Submission (Unterwerfung, vgl. Da staunt der Islamist). Eine Frau erzählt in Gebetsform von ihren Gewalterfahrungen, zu sehen ist unter einem transparenten Schleier ihr nackter Körper, auf den zwischen den Wunden von Peitschenhieben kalligrafische Koranverse geschrieben sind.

Szenenbild aus Submission

Ende August wurde der Film im Rahmen einer Fernsehsendung über Ayaan Hirsi Ali ausgestrahlt (vgl. Zomergasten). Drohungen von religiösen Fanatikern folgten. Theo van Gogh nahm sie nicht wirklich ernst, er bezeichnete sich selbst als "Dorfnarren" und als seine Drehbuchautorin bedauerte, ihn diesem Risiko auszusetzen, kommentierte er:

In dem Moment, wo dich diese Überlegungen davon abhalten, deine Meinung zu äußern, gibt es doch keine freie Meinungsäußerung mehr? Das ist Wasser auf die Mühlen der Islamisten.

Er bezahlte seine freie Meinungsäußerung mit seinem Leben, sein Mörder feuerte mehrere Schüsse auf ihn ab und schnitt dann dem Toten die Kehle durch. Eine Hinrichtung mit öffentlicher Signalwirkung. Der mit einem Messer in seine Brust geheftete Brief, in dem Ayaan Hirsi Ali explizit angesprochen wird, deutet daraufhin, dass van Gogh vielleicht nur deswegen zum Opfer wurde, weil der wahnsinnige Täter an die gut geschützte Abgeordnete nicht heran kam.

Sie lebt seither an einem gut geschützten, unbekannten Ort. "Ich bin wütend, dass er tot ist und dass ich lebe", schrieb sie aus dem Untergrund. "Ich fühle mich schuldig, dass ich zu Theo gegangen bin mit dem Skript von Submission. Ich fühle mich schuldig, dass ich ihn missbraucht habe, da er keine Angst hatte."

Parallelgesellschaften und Religionskritik

Die Reaktion in den Niederlanden war leider keine breite muslimisch-christlich-jüdisch-atheistische Welle der Solidarität mit dem Toten und der bedrohten Abgeordneten. Statt Massendemonstrationen zur Verteidigung der Meinungsfreiheit und des intellektuellen Rechts auf Kritik an Religionen, brannten Moscheen und Kirchen (vgl. Dschihad in Amsterdam?). Politiker verlangen mehr Integration und Sprachkenntnisse von Migranten, obwohl alle wissen, dass der Mörder in Amsterdam geboren wurde und fließend Niederländisch spricht (vgl. Dschihad oder Selbstjustiz?). Die Einwanderer rücken angesichts der Ausgrenzungswelle, die ihnen entgegen schlägt, in ihren "Parallelgesellschaften" (die man früher Gettos nannte) enger zusammen. Statt einem geeinten Aufschrei aller Intellektuellen, egal welcher Religionszugehörigkeit, weitgehendes Schweigen.

Statt "Submission" auf jedem Fernsehkanal in Europa zur besten Sendezeit zu zeigen, war der Film nur vorübergehend im Netz abrufbar – seit 3. Dezember aber nicht mehr (vgl. Ifilm). Statt liberale Muslime zur Erarbeitung einer Charta des modernen Islam in Europa zu ermutigen, wie sie der Schriftsteller Zafer Senocak fordert (vgl. Intellektuelle statt Imame), ist die obskure "Leitkultur" in die politische Debatte zurück gekehrt und populistische Politiker fordern die totale Assimilation von Einwanderern an diese Imagination (vgl. Anpassung an eine "europäische Leitkultur"?).

Vergessen wird in der Debatte schnell, dass die Gleichberechtigung von Frauen kein christliches Gut, sondern der Erfolg eines politischen Kampfes seit der Aufklärung darstellt. Die christlichen Kirchen sind historisch nicht gerade berühmt für ihre Förderung des Feminismus. Erst kürzlich offenbarte der Vatikan seinen Gläubigen erneut sein marienzentriertes Frauenbild (vgl. "Was er euch sagt, das tut!"). Der frühere US-Präsident Jimmy Carter trat vor wenigen Jahren unter Protest aus der Kirche der Southern Baptists aus, weil dort unter anderem wieder die Unterordnung der Frau unter ihren Ehemann verkündet wird (Jimmy Carter breaks lifelong ties to Southern Baptists).

Wer auch immer sich auf Gott oder Götter beruft, um andere zu unterdrücken oder zu misshandeln, muss in unserer Gesellschaft scharf kritisiert werden dürfen. Das gilt natürlich auch für prügelnde Muslime, die sich zum Beispiel auf diesen Koranvers berufen:

Die Männer sind die Verantwortlichen über die Frauen, weil Allah die einen vor den andern ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. (...) Und jene, von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, ermahnt sie, lasst sie allein in den Betten und straft sie.

Koransure 4, Vers 34

Es ist immer ein Grenzgang, Religion zu kritisieren, denn Gläubige empfinden Zweifel an ihren Dogmen schnell als Blasphemie ( § 166: Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen). Es ist sicher an der Zeit, die Grenzziehungen zwischen Religion und Staat, die notwendigen Begrenzungen von Religionsfreiheit in der Demokratie zu diskutieren – selbstverständlich bezogen auf alle Religionen.

Morddrohungen

Muslimische Fanatiker reagieren seit Jahren mit Todesdrohungen auf Islamkritik. Als der Iran 1989 den Schriftsteller Salman Rushdie mit einer Fatwa belegte, die einem Mordaufruf gleichkam, reagierte die Welt mit breiter Empörung. Inzwischen beschließen einzelne Gläubige oder fanatische Splittergruppen aber auch ganz allein, wer den Tod verdient hat. Seit mehr als zehn Jahren lebt die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Taslima Nasrin aus Bangladesh mit dem Damoklesschwert eines religiösen Todesdekrets im Exil. Kürzlich erhielt sie den UNESCO-Toleranzpreis (Award Ceremony of the UNESCO – Madanjeet Singh Prize for the Promotion of Tolerance and Non-Violence).

Nach den Todesdrohungen gegen Ayaan Hirsin Ali traf es die belgische Senatorin Mimount Bousakla, die es gewagt hatte, die Dachorganisation der Muslime in ihrem Land zu kritisieren, weil sie den Mord an van Gogh nicht verurteilt hatten. Sie ist vorerst abgetaucht.

Aus dem Untergrund hat sich inzwischen auch Ayaan Hirsin Ali wieder zu Wort gemeldet. Sie hat nicht vor, aufzugeben. In einem Interview, dass sie an einem geheim gehaltenen Ort dem NRC Handelsblad gab, erklärt sie mit gewohnter Deutlichkeit:

Ich will keine Märtyrerin werden – und doch will ich weitermachen. (...) Nein, ich werde mich überhaupt nicht anpassen. Hinter verschlossenen Türen sagen die Menschen: Ja, der Islamismus ist gefährlich, aber gegen den Rest ist nichts einzuwenden. Ich sage: Der Islam in Reinform ist lebensgefährlich. (...) Was unsere Freiheit bedroht, ist nicht zuletzt die untergeordnete Stellung der Frauen im Islam. Wenn man diese Stellung verbessert, wird innerhalb des Islam ein Umbruch stattfinden. Es sind die Frauen, die die Kinder gebären und erziehen. Darum wende ich mich an Frauen und Mädchen. Sie sind der Schlüssel für Veränderungen.

(Andrea Naica-Loebell)

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