Identitätspolitik: "Schlechtes Gewissen einer Wohlstandselite"

Judith Basad über Ihr Buch "Schäm dich!", die Kritik an der Identitäts-, Gender- und Antirassismus-Politik und die Weltsicht von Sprachaktivisten

Judith Sevinç Basad studierte Germanistik und Philosophie und schloss ihren Master mit einer Arbeit über totalitäre Tendenzen in der queerfeministischen Bewegung ab. Sie arbeitete für die Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die einen geschlechtergerechten und liberalen Islam praktiziert. Seit 2020 erscheint ihre Online-Kolumne "Triggerwarnung" in der Zeitschrift Cicero. Sie lebt als freie Autorin in Berlin. Ihr Buch Schäm dich! – Wie Ideologinnen und Ideologen die Welt in Gut und Böse einteilen ist im Westend-Verlag erschienen.

Ihr Buch ist eine Kampfschrift gegen die Identitätspolitik. Häufig verwenden Sie dort den Ausdruck "Social Justice Warriors". Was versteht man darunter?

Judith Basad: Unter Social-Justice-Aktivismus versteht man in erster Linie den Aktivismus, der an (US-)amerikanischen Universitäten stattfindet. Eigentlich beschreibt "Social Justice" die (US-)amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die sich in den 1950er Jahren für die Rechte von Schwarzen und später auch für die Rechte von Frauen und Homosexuellen eingesetzt hat.

Seit den 2010er Jahren kam aber ein neuer Aktivismus auf, der immer krassere Methoden anwendete, um das Ziel der "Sozialen Gerechtigkeit" durchzusetzen. Um Rassismus zu bekämpfen, werden etwa an Unis Veranstaltungen gesprengt oder Tage eingeführt, an denen Aktivisten weiße Studenten auffordern, die Uni nicht zu besuchen. Das ist ein Aktivismus, der wieder in Hautfarben denkt und glaubt, durch postmoderne Theorien die Welt verändern zu können oder sie in einen besseren Ort zu verwandeln.

Und diese Welle ist nach Deutschland übergeschwappt?

Judith Basad: Ja, darüber geht es in meinem Buch: Wie sich dieser Aktivismus, der damals einer guten Intention folgte, während der letzten Jahrzehnte mehr und mehr in eine reaktionäre Bewegung verwandelt hat, und wie sich diese Bewegung gerade in Deutschland äußert.

Die deutsche Gesellschaft ist anders als die in den USA. Schwarze sind bei uns relativ selten, weswegen wir Rassismus-Diskussionen eher über Migranten führen …

Judith Basad: Das ist gerade das Absurde daran: Dass sich solche Theorien wie die Critical Whiteness oder die Critical Race Theory an den Problemen der US-amerikanischen Gesellschaft orientieren, also an den Zuständen in einem Land, das einen viel höheren Anteil an Schwarzen, eine andere koloniale Vergangenheit und andere soziale Probleme hat als Deutschland.

Sie sagen, dieser von Theorien unterstützte Aktivismus geht auf postmoderne Theorien zurück. Die sind vornehmlich in Frankreich entstanden und dann in die USA gekommen. Wäre es dann doch eher eine europäische Denkrichtung?

Judith Basad: Man sagt gerne, es sei ein postmoderner Aktivismus, aber eigentlich haben diese Theorien mit dem Postmodernismus nichts mehr zu tun. Es wurde eher ein postmodernes Cherry-Picking betrieben.

Das funktioniert so: Man fischt sich einzelne Bausteine aus der Postmoderne heraus, wie etwa die Annahme, dass es objektive Erkenntnisse nicht mehr geben kann, weil alles durch bestimmte Machtstrukturen gesteuert wird. Gleichzeitig werden diese Theorien aber pervertiert, indem behauptet wird, dass alles "sozial konstruiert" ist, was von alten weißen Männern erfunden wurde. So wird der Schmerz der Betroffenen zur einzig realen Konstante. Ergo: Nur das, was diskriminierte Randgruppen erfahren, ist real, ist "wahr" oder gut – alles andere existiert einfach nicht, ist falsch oder moralisch verwerflich.

Das klingt ziemlich einfach gestrickt.

Judith Basad: Ja, auf jeden Fall. Diese plumpe Weltsicht zieht sich durch den ganzen Aktivismus: Der Westen, Weiße, Männer und Heterosexuelle sind Täter, der Orient, Migranten, Frauen und sexuelle Minderheiten sind Opfer. Diese "gesellschaftliche Struktur", von der häufig die Rede ist, kann dann nur durch spezielle Methoden wie Antirassismus-Seminare überwunden werden oder indem man Weißen die Jobs wegnimmt.

Eine solche Form der Biopolitik hat mit Foucault oder Derrida nichts mehr zu tun, da diese Philosophen keine politischen Prämissen aus ihren Theorien abgeleitet haben. Auch die Poststrukturalisten, die die Grundlage für das Gendern und den ganzen Sprachaktivismus bilden, haben nie gefordert, dass die Sprache etwa in staatlichen Institutionen verändert werden muss, um eine gerechtere Gesellschaft zu erreichen. Letztendlich wird dieses postmoderne Cherry-Picking betrieben, um eine Ideologie durchzusetzen, die nur noch in Hautfarben, Binaritäten und Feindbildern denkt. Das ist meiner Meinung nach sehr gefährlich.

Sie sagen auch, es seien Menschen aus einer bestimmten Schicht, die diese Theorien verfolgen und diese Ideologie durchsetzen wollen. Wie würden Sie diese Schicht beschreiben? Für die Rechten sind es vor allem die "linksversifften Grünen", sie meinen damit relativ wohlhabende Menschen, die keine großen Probleme haben. Was treibt diese Menschen an?

Judith Basad: Dahinter steckt ein religiöses Bedürfnis, das meiner Meinung nach mit einer Wohlstandsverwahrlosung einhergeht. Denn bei denjenigen, die in dieser Bewegung am lautesten sind – die etwa im Netz andere als Rassisten beschimpfen und Veranstaltungen sprengen – handelt es sich um eine Bildungselite, die gerne damit angibt, dass sie Foucault und Judith Butler verstanden haben.

Diese Art von Aktivismus ist deswegen so erfolgreich, weil sich alles ums Weißsein dreht. Motto: Wie können "wir Weißen" bessere Menschen werden? Für mich ist ziemlich offensichtlich, dass dahinter ein schlechtes Gewissen einer Wohlstandselite steckt, die behütet aufgewachsen ist und nun für diesen Wohlstand Reue empfindet.

Wenn weiße Studenten sich demonstrativ im Fernsehen, in Artikeln oder auf Social Media für ihre Hautfarbe schämen, dann ist das nichts anderes als die Sehnsucht nach Unterwerfung, Buße und Läuterung – damit man der Welt zeigen kann, dass man jetzt zu den moralisch Guten gehört.

Sahra Wagenknecht hat auch gerade in neues Buch mit dem Titel "Die Selbstgerechten" veröffentlicht. Sie argumentiert ähnlich wie Sie. Sehen Sie sich auf der ähnlichen politischen Linie?

Judith Basad: Auf jeden Fall. Ich mag Sahra Wagenknecht sehr gerne. Ihre Systemkritik ist mir etwas zu hart, aber ihre Analyse der gesellschaftlichen Zustände und der woken, identitätspolitischen Bewegungen finde ich sehr treffend.

Nun könnte man auch sagen, dass die Ausrichtung auf die Identitätspolitik etwa in den USA den Trumpismus gefördert hat, also den Widerstand der ärmeren weißen Schicht gegen die Bildungselite, die Sie auch kritisieren. Wenn in Deutschland die Politik mehr in diese Richtung geht, wird damit der rechte Rand, also die AfD und Identitäre Bewegung gestärkt?

Judith Basad: Ja, davor habe ich Angst. Es gibt doch innerhalb der Antirassismus-Bewegung und der Gender Studies eine ideologische und menschenverachtende Schlagseite. Ich habe im Buch beschrieben, wie in den Gender Studies Selbstmordanschläge verharmlost werden, indem die Täter als Opfer eines kolonialrassistischen Systems dargestellt werden.

Der Westen wird per se als kolonialer Ausbeuter und Täter gesehen, sodass auch Genitalverstümmelung verteidigt werden, weil man Angst hat, dass diese afrikanische Tradition durch die Dominanz des Westens ausgerottet werden könnte. Was sich teilweise in diesen Disziplinen abspielt, ist einfach menschenverachtend. Da schlägt sich teilweise eine moralische Perversion Bahn.

Vor einigen Monaten gab es eine Debatte im Bundestag über einen Antrag der AfD, dass man die Gender Studies aus diesen Gründen abschaffen sollte. Die Abschaffung eines ganzen Wissenschaftszweiges ist natürlich genauso totalitär wie der Aktivismus, den man eigentlich kritisiert. Das ging natürlich zu weit.

Aber die AfD hatte den Antrag teilweise gut begründet. Die Redner haben genau auf diesen ideologischen Aktivismus, der sich als Wissenschaft verkauft, hingewiesen und diesen analysiert. Was dann geschehen ist, war bezeichnend. Alle anderen Parteien, die keine Ahnung hatten, was in den Gender Studies abgeht, haben auf die AfD draufgeschlagen und gesagt, es sei übel rassistisch und rechtsextrem, so eine Meinung zu vertreten.

Genau hier liegt das Problem: Für den Normalbürger ist es vollkommen verständlich, dass in diesen Disziplinen Inhalte verbreitet werden, die moralisch verwerflich sind. Aber nur die AfD traut sich, etwas dagegen zu sagen. Die anderen Parteien knicken ein, weil sie Angst haben, dass sie dann - wenn sie die gleiche Kritik äußern - als AfD-nah oder als "Nazis" abgestempelt werden. Wenn eine solche Polarisierung schon im Bundestag stattfindet und es im Moment keine Partei gibt, die diese krassen Tendenzen in diesem Aktivismus differenziert kritisiert, dann mache ich mir ernsthaft Sorgen.

Fallen Sie denn nicht auch selbst in dieses Schema? Wenn Sie ein solches Buch schreiben, werden Sie doch wahrscheinlich auch dem Lager der Rechten zugeordnet. Eine Zone dazwischen gibt es nicht. Das ist auch bei Sahra Wagenknecht geschehen.

Judith Basad: Ja, klar. Diese Aktivisten sind unfassbar aggressiv. Sie können mit der Kritik nicht umgehen. Sobald man den Aktivismus kritisiert, wird einem vorgeworfen, nicht gegen Rassismus und für Gleichstellung kämpfen zu wollen. Aber das stimmt nicht. Nur weil ich eine Bewegung wie den Feminismus oder den Antirassismus kritisiere, heißt das nicht, dass ich eine Gegnerin der Idee bin, die dahintersteht. Dieser Populismus wird dann aber auch im Netz, etwa auf Social Media, sehr verkürzt angetrieben. Das spaltet letztendlich die Gesellschaft.

Das vollständige Gespräch ist auf krass & konkret erschienen, das Video gibt es hier: "Social Justice Warriors und die Erlösung durch Moral"

(Florian Rötzer)