Ideologie der Meritokratie als Herrschaftstechnik

Die Eliten nutzen traditionell Techniken der Angsterzeugung, um die Kluft zwischen demokratischer Rhetorik und kapitalistischer Realität zu übertünchen

Eine "gute" Regierung, so war man schon in der Antike überzeugt, könne nur eine Regierung der Wenigen und Tüchtigsten sein. Platon wie Aristoteles sahen daher, wenn auch in unterschiedlicher Weise, die Regierungsform der Demokratie als eine Verfallsform guter Regierungsformen an. Eine Demokratie könne nämlich dazu führen, dass die Mehrzahl der Nichtbesitzenden - also "Untüchtigen" - die Eigentumsordnung in Frage stellt, was für die Minderheit der Besitzenden - also Tüchtigen - von Nachteil sei.

Die meritokratische Ideologie geht jedoch über die Vorstellung hinaus, dass politische Herrschaft den Besten und Geeignetsten zukommen solle. Vielmehr sucht sie für soziale Hierarchien einer Gesellschaft insgesamt eine Rechtfertigung zu liefern. In einer meritokratischen Gesellschaft nimmt jedes Mitglied die von ihm verdiente, gesellschaftliche Position ein. Die Reichen haben ihren Reichtum und ihre soziale Position durch ihre Tüchtigkeit verdient, und aus gleichem Grund sind die Armen zu Recht arm. Die meritokratische Ideologie dient gerade dazu zu verschleiern, dass zwischen beiden ein gesellschaftliches Beziehungsverhältnis besteht. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts forderte ein unbekannter römischer Autor:

Man beseitige die Reichen und es gibt keinen Armen mehr! Wenn niemand mehr besitzt, als das was nötig ist, so haben alle das, was nötig ist. Denn wenige Reiche sind die Ursache von vielen Armen.

Aus dem Traktat De Divitiis

Wörtlich bedeutet Meritokratie, dass diejenigen zur Ausübung von Macht legitimiert sind, die sich durch Leistungen ein Verdienst erworben haben. Bereits in dieser Bestimmung wird eine charakteristische Zirkularität erkennbar, denn welches Verdienst könnte größer sein als dasjenige, zur besitzenden und herrschenden Klasse zu gehören?

Auch wenn das Wort "Meritokratie" neueren Ursprungs ist, so reichen die Wurzeln meritokratischer Rechtfertigungsbemühungen sozialer Unterschiede weit in die Zivilisationsgeschichte zurück. Sie fanden bei Platon und Aristoteles einen wirkmächtigen Ausdruck, dessen Echo über alle egalitär-demokratischen Bestrebungen hinweg bis in die Gegenwart nachhallt.1 Meritokratie und Kapitalismus sind dabei eine besonders enge Beziehung eingegangen, weil der Kapitalismus über den Kapitalbesitz ein präzisierbares und quantifizierbares Maß zur Bewertung von Verdienst offeriert.2

Es gehört zur Beschaffenheit des Menschen, dass der sich in einer glücklichen sozialen Situation Befindende nicht einfach glücklich sein will, sondern dazu neigt, sich zu vergewissern, dass er auch ein Recht auf dieses Glück besitzt und somit die Not anderer Menschen als ebenfalls gerechtfertigt betrachten kann. Max Weber sprach 1916 in seiner Einleitung zur Wirtschaftethik der Weltreligionen von einer "Theodizee des Glücks" - Theodizee bezeichnet dabei die christlichen Versuche einer Erklärung, wie es ein allmächtiger und gütiger Gott zulassen könne, dass guten Menschen so viel Böses widerfahre.

Das Glück will legitim sein. Wenn man unter dem allgemeinen Ausdruck: "Glück" alle Güter der Ehre, der Macht, des Besitzes und des Genusses begreift, so ist dies die allgemeinste Formel für jenen Dienst der Legitimierung, welchen die Religionen dem äußeren und inneren Interesse aller Herrschenden, Besitzenden, Siegenden, Gesunden, kurz: Glücklichen zu leisten hatte: kurz die Theodizee des Glücks.

Max Weber

In einem Hirtenbrief der Bischöfe Spaniens von 1954 hieß es: Es muss Arme geben, damit die Reichen das Gebot der Nächstenliebe überhaupt erfüllen können. Erst das Leiden der Armen ermöglicht den Reichen, ihre Güte zu zeigen. Die Armen sind also nicht nur unverzichtbar als materielle Basis für den Reichtum der Reichen; sie sind auch unverzichtbar für deren spirituelle Erbauung.

Reichtum wünscht sich moralisch zu nobilitieren. Mit Reichtum können sich die Reichen sogar die Verehrung durch die Armen erkaufen. Von John D. Rockefeller bis Bill Gates zeigt sich, welch wirkungsvolle und ertragreiche Wege einer Metamorphose zum "Philanthropen" kapitalistische Demokratien denjenigen offerieren, die durch Ausbeutung von Gemeingütern, Menschen und Institutionen großen Reichtum akkumuliert haben.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien" von Rainer Mausfeld, das am 2. Juli im Westend Verlag erschienen ist.

Die Ideologie der Meritokratie gehört zu "all denjenigen Strategien, deren Funktion es ist, die Dinge so, wie sie sind, zu rechtfertigen".3 In kapitalistischen Demokratien dient die Ideologie der Meritokratie dazu, den Status quo einer Herrschaft der Besitzenden zu rechtfertigen und die Nicht-Besitzenden zu einer Duldung und Zustimmung zu bringen, indem ihnen die Hoffnung vermittelt wird, dass sie bei genügender Leistung und Anstrengung ihren sozialen Status verbessern könnten. Durch eine derartige Ideologie einer Leistungsgesellschaft wird suggeriert, dass die eigene soziale Position durch Begabung und Leistung bestimmt sei und in diesem Sinne die Gesellschaft eine gerechte sei.

Tatsächlich bestimmen jedoch, wie Franz Neumann feststellte, nicht "die Anstrengungen des Einzelnen, seine Intelligenz, seine Vision, seine Risikobereitschaft" den sozialen Erfolg: "Für den Erfolg in der heutigen Gesellschaft ist es viel wichtiger, mit den Mächtigen gut zu stehen, als sich durch eigene Kraft zu bewähren. Zu den paradoxen Eigenschaften einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft gehört es, dass sie denjenigen, die über Kapital verfügen, das feudale Privileg auf ein unbegrenztes leistungsloses Einkommen verschafft, also das paradiesische Privileg, ohne Arbeit, ohne Risiko und ohne sich einzuschränken gleichsam im Schlaf reich zu werden, wie John Stuart Mill 1848 bemerkte.4

Die Ideologie einer Leistungsgesellschaft, in der der gesellschaftliche Status eines Menschen durch seine individuell erbrachten Leistungen bestimmt sei, ist so tief in unserer Kultur verankert, dass wir sie gar nicht mehr als Ideologie bemerken. Schule, Universitäten und der gesamte Bildungsbereich dienen ihrer Verbreitung und sind auf ihrer Grundlage organisiert. Sie führt bei denjenigen, die nicht zu den sozial glücklich Gestellten einer Gesellschaft gehören, dazu, dass diese sich die Ursachen für ihre Situation selbst zuschreiben. Sie erzeugt daher bei einem großen Teil der Bevölkerung angst- und schamauslösende Versagensgefühle.

Diese werden jedoch nicht als Realangst ungerechten sozialen Verhältnissen zugeschrieben und in eine gesellschaftliche Veränderungsenergie umgesetzt. Vielmehr werden die gesellschaftlichen Verhältnisse, die nicht mehr als etwas Überwindbares und Abänderbares erkannt werden können, gleichsam nach innen verlegt. Die Versagensängste werden zu Binnenängsten, die eine lähmende Scham erzeugen können und dadurch wiederum zu einer Entpolitisierung beitragen. Diese Transformation von Realangst in Binnenangst wird im Neoliberalismus durch die Ideologie des "unternehmerischen Selbst" zu ihrem Extrem geführt.