Idlib: Der letzte Hort der dschihadistischen Herrschaft in Syrien

"Zivilisten verlassen die Provinz Idlib durch humanitären Korridor." Screenshot Video RT, YouTube

Baschar al-Assad nennt die Rückeroberung Idlibs als vorrangiges Ziel. Auf die Türkei kommen Schwierigkeiten zu

Idlib gehört zu seinen nächsten Zielen, hat der syrische Präsident Baschar al-Assad letzte Woche russischen Medien mitgeteilt: "Nicht nur Idlib."

Man werde auch in Territorien im Osten Syriens, "die von unterschiedlichen Gruppen kontrolliert werden", einmarschieren. Gemeint ist das Gebiet bei al-Hasaka, wo die USA aufgrund ihrer Kooperation mit kurdischen Streitkräften gegen den IS präsent sind.

Wie lange dieses Bündnis noch als Grundlage für die US-Präsenz herangezogen werden kann, hängt davon ab, wie die augenblicklichen Verhandlungen zwischen den Vertretern der Kurden und der syrischen Regierung verlaufen. Sicher ist man sich über die "Fachwelt" hinaus darin, dass Assad an seinem Versprechen, dass er ganz Syrien zurückerobern werde, festhalten wird.

Die letzten sieben Kriegsjahre haben das Durchhaltevermögen Assads dokumentiert - überlebt hat aber auch der kommunistische Oppositionelle Riad Turk, als lebendiges Zeichen dafür, dass Kritik an Assad lange Wurzeln hat und nicht auf Islamisten, Salafisten und Dschihadisten beschränkt war, die mithilfe der Unterstützung aus Kuwait, Katar, Saudi-Arabien, der Türkei und den USA sowie deren westlichen Verbündeten ziemlich rasch das Kommando des Aufstandes gegen die Assad-Baath-Herrschaft übernommen haben.

Der Großteil der Bevölkerung ist nicht am Aufstand gegen Baschar al-Assad interessiert, wie die israelische Politologin und Journalistin Elizabeth Tsurkov in einer Untersuchung, die viel Aufsehen erregt hat, Anfang Juli vor Augen führte (vgl. Syrien: Bevölkerung angewidert von Milizen).

Auch der letzte der "guten syrischen Rebellen", wie die US-Publikation Daily Beast ihr Porträt von Raed Al Sheikh überschreibt (der aber immerhin zu einer Gruppe namens "Armee der Mudschahedin" gehörte), ist davon überzeugt, dass die meisten Zivilisten in den von der Opposition kontrollierten Gebieten nun akzeptieren, dass Baschar al-Assad Herrscher über Syrien bleibt:

Diese Leute sind keine Kämpfer. Sie haben sieben Jahre lang in der Hölle gelebt. Sie sind kriegsmüde. Sie sind der Bomben und der Furcht müde. Das ist kein Leben.

Raed Al Sheikh, syrischer Oppositioneller, Mitglied der Miliz Syrian Liberation Front

Als Ursache für das Scheitern nennt der Mann, der als "Media Aktivist" gute Beziehungen zu westlichen Journalisten knüpfte (was immer ein großer Trumpf der Opposition war und dem Narrativ der von Russland gesteuerten oder unterminierten Berichterstattung entgegenzuhalten ist), die kriegerischen Konflikte unter den militanten Oppositionsgruppen.

Deswegen sei der Krieg gegen das "Assad Regime" schon vor der Rückeroberung Aleppos Ende 2016 verloren gewesen. Die Hauptschuld weist er der al-Nusra-Front zu:

Als die Gruppe (Jabhat al-Nusra, Einf. d. A.) im Jahr 2015 dem Assad Regime Idlib wegnahm, begann sie damit, Einfluss auf die FSA-Milizen in den Dörfern der Umgebung auszuüben. Diejenige, die nicht vollständig mit der HTS (Hayat al-Tahrir al-Sham, der Name für die Nachfolgemiliz der al-Nusra, Einf. d. A.) kooperierten, wurden angegriffen und ihnen wurden die Waffen weggenommen. Sie zerstörten Milizen. Meine alte Miliz, die Jaish al-Mujahideen, ist wegen der HTS verschwunden.

Raed Al Sheikh, syrischer Oppositioneller, Mitglied der Miliz Syrian Liberation Front

Als Idlib im Frühjahr 2015 von Dschihadisten und Salafisten erobert wurde, sprach noch niemand von HTS; die wichtigsten Milizen waren die al-Nusra-Front und Ahrar al-Sham, das Bündnis Jaish al-Fatah, wo sich andere Milizen dem syrischen Dschihad anschlossen, war dominiert von der al-Nusra-Front. Diese Allianz unter Führung der al-Nusra war maßgeblich bei der Eroberung von Idlib.

Die Eroberung von Idlib und daran anschließende Offensiven der Dschihadisten auf Hama gaben den Ausschlag, dass Russland im September des Jahres 2015 in den Krieg in Syrien eingriff und danach peu à peu den Verlauf völlig veränderte.

Seither wurden viele Milizen zur Aufgabe gedrängt; Idlib wurde zu einem Auffangbecken der militanten Opposition. Dort kam es zu erbitterten Konkurrenz- und Separationskämpfen. So kämpften auch Teile der einstigen Kampfgenossen al-Nusra und Ahrar al-Scham gegeneinander.

Stand der Dinge Ende Juli 2018 ist, dass die syrische Armee mit russischer Unterstützung und schiitischer Milizen den Südwesten Syriens völlig erobert hat - trotz zum Teil erbitterten Widerstands viel schneller als erwartet, was auch mit der Kriegsmüdigkeit erklärt wird, welche die Verhandlungen, die die Milizen zur Aufgabe brachten, erleichterte.

Russische Verhandler sollen zumindest einigen Milizen geraten haben, dass es besser sei, nicht nach Idlib zu gehen, weil es dort bald zu einer Offensive kommen könnte.

Der in der Regel sehr gut unterrichtete al-Monitor-Autor Fehim Tastekin nennt folgende Milizen, die mit al-Qaida verbunden sind, als einflussreich in Idlib ("sie machen das Gebiet unregierbar"): Huras al-Din und damit die verbündeten Milizen Jaish al-Malahim, Jaish al-Badiya, Jaish al-Sahil, Saraya al-Sahil und Jund al-Aqsa - allesamt Hardcore-Dschihadisten mit Direktanschluss an al-Qaida.

Auch HTS und Ahrar al-Sham wie auch anti-russische kaukasische Dschihadisten sind in Idlib, geschätzt insgesamt 100.000 Milizenkämpfer. Fehim Tastekin zählt die al-Qaida-Verbündeten auf, um die Schwierigkeiten zu veranschaulichen, die auf die Türkei zukommen, wenn die syrische Regierung ernst macht mit ihren Plänen, Idlib zurückzuerobern.

Erdogan hat Putin kürzlich gewarnt, dass eine solche Offensive nicht akzeptabel sei. Das könnte das Ende des Astana-Prozesses bedeuten. Die Türkei tritt dort als Garantiemacht der Opposition auf und steht in vielfältigen Beziehungen mit HTS und anderen Milizen. Ein Angriff auf Idlib würde diese Beziehungen stark strapazieren.

Dazu kommt, dass die Offensive eine Massenflucht Richtung türkischer Grenze auslösen könnte. Die Bewohner der Provinz Idlibs werden auf zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen geschätzt. Auch die islamistischen Milizen könnten auf die Idee kommen, in die Türkei zu flüchten. Informierte Kreise sprechen davon, dass Baschar al-Assad die Offensive bereits im September beginnen könnte. (Thomas Pany)

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