Idlib: Drohungen der Türkei Richtung Damaskus

Mitglieder der Miliz Hai'at Tahrir al-Sham (HTS) in Hama. Foto (2017): Qasioun News Agency / CC BY 3.0

Mehr Waffen und Munition für verbündete Milizen und ein Coup des türkischen Geheimdienstes in Latakia

Die Türkei steht wegen der angekündigten Idlib-Offensive unter Druck; nun hat sie gekontert. Laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters sollen mit der Türkei verbündete Milizen in Idlib Waffen und Munition aus dem Nachbarland erhalten haben.

Die Rede ist von großen Mengen Munition und Grad-Raketen, die in den letzten Tagen geliefert wurden. Damit sei sichergestellt, dass die Milizen Kämpfe für eine längere Zeit durchhalten, wird ein hochrangiger Kommandeur der sogenannten Freien Syrischen Armee zitiert. Die Quellen für die Nachricht sind einzig Vertreter von Milizen, wie die Nachrichtenagentur aber immerhin bereits in der Überschrift deutlich macht.

Es ist also eine Botschaft mit der Reuters-Nachricht verbunden; ohnehin dürften die großen Kriegsparteien die Lieferungen längst beobachtet haben. Es wurde ja auch schon vor Tagen darüber berichtet, dass Waffen und Munition von der Türkei nach Syrien transportiert werden, als Grund wurde dafür genannt, dass die türkischen Beobachtungsposten der Deeskalationszone in Idlib mit den Lieferungen verstärkt würden.

Die Nachricht, dass die Türkei nun verbündete Milizen aufrüstet, ist eine Botschaft Richtung Damaskus und Moskau, die dort sicher nicht mit großer Freude aufgenommen wird. Ankara will die Regierung in Damaskus vor einem Angriff auf Idlib abschrecken, so wird die Botschaft laut einem al-Monitor-Bericht unter westlichen Insidern verstanden.

Dazu passt auch ein anderer Konter vonseiten der Türkei auf die beabsichtigte Idlib-Offensive. Der türkische Geheimdienst hat den mutmaßlichen Drahtzieher des Bombenanschlags auf die türkische Grenzstadt Reyhanli mit über 50 Toten im März 2013 aus Syrien in die Türkei gebracht.

Der Clou der Geschichte ist, dass die Operation des MIT in Latakia stattfand, wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu heute berichtet. Die syrische Stadt am Mittelmeer ist, wie es türkische Medien formulieren, eine "Bastion des syrischen Regimes".

Ob der Mann namens Yusuf Nazik nun tatsächlich, wie es der Anadolu-Bericht darlegt, der Hauptverantwortliche für den Anschlag ist, wie er es selbst in einem Video gestanden haben soll, ist freilich nicht nachweisbar. Eindeutig aber sind zwei mit der Nachricht verbundene Botschaften.

Erstens, dass die Türkei in empfindliche Gebiete der syrischen Machthaber eindringen und dort nach eigenen Interessen agieren kann; zweitens, dass die Türkei mit der Festnahme eine Anklage gegen die syrische Regierung untermauert.

Laut dem Video-Geständnis des Verdächtigen beschuldigt er nämlich die syrische Regierung als Auftraggeber für den Bombenanschlag. "Ich rufe es dem syrischen Staat laut zu, der türkische Staat wird euch irgendwann dafür bezahlen lassen", wird Yusuf Nazik von Andalu wiedergegeben.

Wann genau Nazik vom MIT aus Latakia herausgeholt wurde, wird nicht an die Öffentlichkeit gegeben. Auch das gehört zum Kalkül der Drohung, die verstehen lässt, dass der türkische Staat "irgendwann", ganz nach seinen eigenen Plänen, zuschlagen kann.

Erdogan hatte kürzlich auf eine für ihn nicht schmeichelhafte Art bei einem Treffen mit den beiden Astana-Partnern Wladimir Putin und Hassan Rouhani mit dem Vorschlag eines Waffenstillstands in Idlib eine Abfuhr erhalten, die öffentlich live übertragen wurde. Seither ist sein Verhältnis zu Russland merklich angespannter.

Dass der türkische Präsident, dessen Abneigung gegen den früheren Freund Baschar al-Assad unzweideutig ist, vor ein paar Tagen in der US-Publikation Wall Street Journal einen Beitrag mit dem Titel "Die Welt muss Assad stoppen" veröffentlichte, führt zu Spekulationen darüber, was eine Wiederannäherung der Nato-Partner Türkei, USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland in Sachen syrischer Regierung vielleicht doch noch bewegen könnte.

Fakt ist, dass Erdogan vom Astana-Partner Russland eine schwierige Order bekam. Die Türkei sollte als Garantiemacht der Opposition dafür sorgen, dass die Terroristen der Nachfolgeorganisation der al-Nusra-Front, Hai'at Tahrir asch-Sham (HTS) - der Chef bleibt al-Golani und auch sonst blieb bei dem al-Qaida-Ableger vieles gleich - von den anderen Milizen getrennt werden.

Man kennt die Forderung und beim Ergebnis bleibt auch alles beim Alten: Bislang hat das nicht im gewünschten Ausmaß geklappt. Weil HTS nicht mitspielt, heißt es. Dahinter steht natürlich mehr. Die Türkei distanziert sich zwar öffentlich von der Dschihadisten-Miliz und bekräftigt die Absicht, dass Idlib von Terroristen zu säubern sei, wozu man auch die HTS zählt. Aber im Hintergrund pflegt man auch andere Verbindungen.

Anzeige