Idomeni: Wenn Hoffnung alternativlos ist

Bild: F. Köhler

Nach dem EU-Flüchtlingsgipfel haben die Flüchtlinge von Idomeni auch die letzte Hoffnung auf ein Öffnen der Grenze verloren. Das Ausharren im griechisch-mazedonischen Niemandsland ist für sie dennoch alternativlos

Am Ende verliert auch Suleiman die Beherrschung. Tagelang hat er seine Frau, die längst die Hoffnung aufgegeben hat, beschwichtigt und versucht, sie bei Laune zu halten. Aber nun kann auch er den Frust nicht mehr zurückhalten: "Sie haben uns vergessen. Einfach vergessen. Wenn sie uns wenigsten sagen würden, wir sollen in Syrien krepieren, aber nicht mal das tun sie", schreit er in den überfüllten Raum, der mal ein Café war – damals als Europa noch grenzenlos war.

Über 10.000 Menschen leben wie Suleiman noch immer im griechisch-mazedonischen Niemandsland, dem Medien den Namen des kleinen Dorfs Idomeni gegeben haben. Seit Wochen hoffen sie hier darauf, dass sich das Versprechen auf ein sicheres Leben in Europa einlösen möge. Doch dieses gab ihnen bisher nur einen Alltag aus Schlamm, Lungenentzündung, überlaufenden Dixieklos und ein kleines bisschen Resthoffnung, dass sich das mit Nato-Draht verstärkte Tor am Ende der Bahngleise doch öffnen werde.

Frisör in Idomeni. Bild: F. Köhler

Seit Freitag hat Europa ihnen auch diese genommen: Die Spannung mit der die Flüchtlinge den Verhandlungen zwischen Türkei und EU entgegen fieberten, erinnerte ein bisschen an die entscheidenden Minuten während eines Fußballspiels. Nur ohne TV-Übertragung. Und ohne allzu große Hoffnung, dass die eigene Mannschaft siegreich aus dieser Partie gehen wird. "Hast du etwas von dem Treffen in Brüssel gehört", ist den ganzen Tag über die meist gestellte Frage. Nein… Inschallah… Wir hoffen auf Merkel… Gäbe es in Brüssel tatsächlich eine Mannschaft, die für die Öffnung der Grenze spielt, Flüchtlinge wie Suleiman in Idomeni würden sie wahrscheinlich "Team Merkel" nennen.

Suleiman. Bild: F. Köhler

Die Flucht des Kurden Suleiman begann vor zwei Wochen in dem, was einmal der kurdische Teil Syriens war und der Krieg zu Rojava machte. Sie endete vor einem Jahr in Berlin. "Die wollten die Kopie unserer Heiratsurkunde nicht anerkennen", redet er sich auch noch bei der dritten Wiederholung der Geschichte in Rage. "Die" ist die Berliner Ausländerbehörde. Wegen dieser habe er zurückkehren müssen, um die Familienzusammenführung mit seiner Frau, die in Idomeni gestrandet ist, selbst in die Hand zu nehmen. Die Zusammenführung glückte – nicht in Deutschland, sondern in einem Zelt an der Zapfsäule für "Super Bleifrei".

Camp Tankstelle. Bild: F. Köhler

"Camp Tankstelle" ist eines der vielen Camps im Umland von Idomeni, in das sich Flüchtlinge vor der Überfüllung und dem Schlamm erneut geflüchtet haben, das den unfreiwillig berühmt gewordenen Provinzbahnhof seit Wochen umgibt: Grüne Felder, die auch nicht wissen, wohin mit den Regenmassen der letzten Tage. Ein paar verlassene Traktoren, die der nächsten Ernte entgegenrosten. Die schneebedeckten Gipfel des Belasiza-Gebirges im Hintergrund, die zwischen Griechenland und Mazedonien zu einer Zeit die Grenze zogen, als es noch keinen NATO-Draht gab.

Bild: F. Köhler

Idomeni gilt nun als Symbol dessen, was gemeinhin als Versagen Europas in der Flüchtlingspolitik bezeichnet wird. Ein Versagen allerdings, auf das stets Verlass ist, wann auch immer an Europas Grenzen vermeintlich europäische Werte auf die Probe gestellt werden: Melilla, Lampedusa, Lesbos, Calais und nun Idomeni.

Bild: F. Köhler

Am Bahngleis hat ein junger Mann aus Damaskus, die überall spürbare Resignation über das gebrochene Versprechen Europa versucht, in Worte zu fassen. "Wir haben den Krieg überlebt. Aber ihr lasst mich wünschen, ich hätte es nicht", hat er auf ein Schild geschrieben. Den ganzen Tag steht er dort bis ihn am späten Nachmittag griechische Polizisten auffordern, den Weg frei zu machen. Für einige Minuten öffnet sich das Grenztor in Richtung Mazedonien: für den Güterzug, nicht für Menschen.

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