Ihr seid nicht allein

Nach längerem Schweigen entdecken die Intellektuellen die Umbrüche in der arabischen Welt

Die arabische Welt, zumindest Teile davon, sind in Aufruhr. In Tunesien und Ägypten haben die Massen die alten Machthaber schon zum Teufel gejagt; im Jemen, in Bahrain und Jordanien, in Syrien, Algerien und Marokko weiß man das noch nicht so genau; im Iran haben die Mullahs noch mal die Notbremse gezogen, während sie in Libyen außer Kontrolle geraten ist; und im Oman und, vor allem, in Saudi-Arabien, der spirituellen Hochburg des islamischen Fanatismus? Dort ist es derzeit (noch) vergleichsweise ruhig. Zumindest dringt wenig über revoltierende Menschenmengen nach draußen.

Entzündet haben sich die Aufstände nicht, weil jeder junge Araber einen Account bei Facebook oder Twitter hat, er sich vielleicht durch Google fernsteuern lässt oder seine Zukunft fortan im dauerhaften Blabla entdeckt (Die Twitter-Revolution ist abgesagt); entzündet haben sie sich, weil sich die Lebensmittelpreise massiv verteuert hatten, eine unmittelbare Folge der Rohstoffspekulation an den Weltbörsen sowie des grassierenden Bio- und Klimawahns in den westlichen Staaten, was die Preise für Getreide, Mais und andere Rohstoffe in exorbitante Höhen schießen ließ (Demokratie- oder Hungerrevolten?).

Auch die schlechte Jobsituation in den Ländern, die im Übrigen auch in Griechenland, Portugal und Spanien nicht ganz unbekannt ist, spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Seit Jahrzehnten sind dort gut ausgebildete junge Leute, häufig mit abgeschlossenem Universitätsstudium, gezwungen, sich ihren Unterhalt als Gemüsehändler, Zigarettenverkäufer oder Handyladenbetreiber zu sichern. Oder sie müssen sich als Reise- oder Fremdenführer fern der Heimat in den Touristikhochburgen der arabischen Emirate verdingen. Für die Gründung einer Familie oder/und das Anmieten einer eigenen Wohnung reichen die Gehälter und Einkommen jedenfalls bei weitem nicht aus.

Dem Westen war dieser "soziale Sprengstoff", der in den Ländern des Maghrebs ruht, nicht völlig unbekannt. Auch deswegen hat die EU aufgrund der Bestrebungen Nicolas Sarkozys die "Mittelmeer-Union" jüngst aus der Taufe gehoben. Und zwar auch gegen den erklärten Willen der Nordländer und von Angela Merkel (Europas Zukunft liegt im Süden).

Trotzdem wurde die Union von den Unruhen überrascht und politisch auf dem falschen Fuß erwischt. Niemand wusste so recht, wie er den Zorn und die Wut der Jungmänner auf ihre politischen Führer deuten und darauf reagieren sollte. Zumal ihre Regierungen Jahrzehnte lang ihre schützenden Hände über die Despoten gehalten, beste Geschäfte mit ihnen gemacht und politische Verträge zum Wohle Europas und auch Israels geschlossen hatten.

So verwundert es nicht, dass eine politische Strategie, wie man mit den aufgeflammten Protesten, den arabischen Transformationen und der politischen Neustrukturierung des Raums an der Südflanke Europas umgehen sollte (Europa hat kein Konzept), nicht zu erkennen ist, weder in Paris, Berlin oder Brüssel, noch in Tel Aviv und in Washington (We Choose Consultations).

Auch die westlichen Intellektuellen schienen zunächst von dieser Rat- und Sprachlosigkeit befallen (Das Problem der Intellektuellen mit Arabiens Aufruhr). Vor allem die französischen, die ansonsten immer schnell mit Wort und Rat bereitstehen, wenn irgendwo eine Minderheit, ein Stamm oder eine Gruppe unterdrückt, verunglimpft oder ungerecht behandelt wird und dagegen aufbegehrt. Lag ihr beredtes Schweigen vielleicht daran, dass sowohl der tunesische Herrscher Ben Ali als auch der ägyptische Führer Hosni Mubarak Mitglieder der "sozialistischen Internationale" waren?

Doch auch die Neokonservativen in den USA, die vielleicht tatsächlich Grund zum Jubeln gehabt hätten, blieben lange Zeit merkwürdig stumm. Und das, obwohl mit zeitlicher Verzögerung genau das in den nordafrikanischen Ländern eingetreten war, was George Bush vor Jahren mit seiner Irak-Kampagne lostreten wollte, eine Demokratisierungswelle, die alle arabischen Autokraten und Potentaten hinwegfegt.

Zunächst versuchte man sich ihr Schweigen mit der Sorge um die Zukunft des Staates Israel zu erklären. Kritiker monierten, Glucksmann, Lévy, Finkielkraut und Co. müssten Rücksicht auf die Interessen Israels nehmen. Zum einen hätten sich die Despoten im Maghreb als überaus verlässlich gezeigt, was den Burgfrieden mit Tel Aviv angeht. Zum anderen hätten sie politische Bollwerke gegen den politischen Islam errichtet und den diversen israelischen Regierungen mehr oder weniger freie Hand im Umgang mit den Palästinensern gestattet.

Kämen in Tunis und Kairo, in Damaskus und Amman islamistische Regierungen an die Macht, könnte das, so die Befürchtung, unabsehbare Folgen für den Westen und seinen Vorposten in der Region haben. Zu sehr erinnerten sie die Vorgänge im Maghreb an Khomeini und die Ereignisse im Iran anno 1979 (Frankreichs allzu vorsichtige Intellektuelle).

Erst als Mubarak am 18. Februar endlich gestürzt war, das ägyptische Militär auch offiziell die Macht übernommen hatte und verlauten ließe, dass sie alle internationalen Verträge achten und den Frieden mit Israel respektieren würden, fand zumindest André Glucksmann zu seiner gewohnt klaren und entschieden parteiischen Sprache zurück wieder.

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