Illusionen der gegenwärtigen Bildungspolitik

"Wohlstand für alle heißt Bildung für alle!" verspricht Bundeskanzlerin Merkel als Motto für den "Bildungsgipfel"

Bundeskanzlerin Angela Merkel lädt im Oktober nach Dresden zum „Bildungsgipfel“ ein. Vertreter der Bundes- und der Landesregierungen debattieren, wie an den deutschen Schulen Chancen gerechter verteilt und Talente aus den unteren Schichten gefördert werden können. Aber was immer „Chancengleichheit“ eigentlich bedeuten soll - in Bildungseinrichtungen kann sie bestimmt nicht hergestellt werden.

Schon im Vorfeld des Treffens versuchten die beiden Regierungsparteien, sich ins gute Licht zu rücken. Am weitesten aus dem Fenster lehnte sich dabei Jens Bullerjahn, der Finanzminister von Sachsen-Anhalt und Mitglied im Bundesvorstand der SPD. Er argumentierte, wenn seine Partei tatsächlich die gebührenfreie Förderung von der Kindestagesstätte bis zum Uni-Studium wolle, dann müsse sie Steuern erhöhen – eine Forderung, die von der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion sofort und entschieden zurückgewiesen wurde. Kein Wunder, schließlich könnte die SPD der CDU wahrscheinlich keinen größeren Gefallen tun, als im kommenden Wahlkampf mit Steuererhöhungen anzutreten. Die Grünen fordern schon länger, den „Solidaritätszuschlag“ für die ostdeutschen Länder in einen „Bildungs-Soli“ umzuwidmen, worauf die Linke wiederum erwartungsgemäß mit Protest reagierte.

CDU-Vertreter wie die Bundesbildungsministerin Annette Schavan dagegen finden das Gerede über Geld kleinlich. „Für den Bildungsgipfel gilt: Erst geht es um Konzepte, dann um die Finanzierung“, sagte die Ministerin. Die CDU will bei den Lehrplänen ansetzen und den Unterricht in den so genannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) verbessern.

In Dresden werden nun der Bund und die Länder eine gemeinsame „Qualifizierungsinitiative“ vorstellen, die das Regierungsprogramm Aufstieg durch Bildung ergänzen soll. Künftig sollen etwa bestimmten Facharbeitergruppen leichter ein Hochschulstudium aufnehmen können. Weil aber die Schulen und zum größten Teil auch die Universitäten Angelegenheit der Bundesländer sind, enthielt das Programm bisher nur Maßnahmen im Bereich der Berufsausbildung und der Frühförderung. Unternehmen können beispielsweise seit Januar für ihre Ausbildungsplätze staatliche Fördergelder beantragen.

An Reformvorschlägen und angekündigten Strukturveränderungen des deutschen Bildungssystems herrscht also kein Mangel. Wie der Spiegel im Vorfeld der Veranstaltung in Dresden bündig zusammenfasste: "Mehr und bessere Bildung, möglichst früh und dann möglichst lang - das wollen alle."

„Die neue soziale Frage des 21. Jahrhunderts heißt Bildung“, schrieb die CDU 1997 in ihr zeitgenössisches „Zukunftsmanifest“, verfasst unter anderem von Jürgen Rüttgers, Roland Koch und Christian Wulff. Diese Behauptung war schon damals nicht besonders originell. Schließlich hatte der britische Premierminister Tony Blair schon drei Jahre zuvor „Education, education, education!“ zum Kern der modernen Sozialpolitik erklärt, und in Deutschland wollte die SPD unter Gerhard Schröder ihm nacheifern.

Mittlerweile kommt kein sozialer Missstand mehr öffentlich zur Sprache, ohne dass er mit „Bildung“ verknüpft würde. Statt der alten, herkömmlichen Armut herrscht „Bildungsarmut“, „Bildungschancen“ sind ungleich verteilt und unter den Einwanderern grassiert angeblich die „Bildungsverweigerung“. Der gegenwärtige Werbesprech der Kanzlerin, die gerade von einer „Bildungsreise“ durch die Bundesrepublik zurückgekehrt ist – pardon: „durch die Bildungsrepublik“ - treibt nur auf die Spitze, was seit den 90er Jahren Gemeingut ist: Ob Jugendkriminalität, Armut oder Arbeitslosigkeit, die Bildung soll es richten.

„Wohlstand für alle heißt Bildung für alle!“ formuliert die Bundeskanzlerin kürzlich, in Anlehnung an den „Vater des Wirtschaftswunders“ Ludwig Erhard. Bei einem Festakt unter dem Motto „60 Jahre Soziale Marktwirtschaft“ am 12. Juni hielt Merkel eine launige Rede, in der sie einmal mehr betonte, dass eine bessere Ausbildung der Arbeitskräfte der Schlüssel zum Erfolg ist.

Bildung für alle – das schafft die Voraussetzungen dafür, dass jeder seine Chancen unabhängig von der sozialen Lebenssituation seiner Eltern nutzen kann. Dass Migranten in unsere Gesellschaft integriert werden, damit sie am Aufstieg teilhaben und der Gemeinschaft ihr Talent zu Verfügung stellen. Dass heute 40 bis 50 Prozent der Kinder, die in deutschen Großstädten eingeschult werden, einen Migrationshintergrund haben, zeigt die Größe dieser Aufgabe, vor der wir stehen.

Wie einst der Wirtschaftsminister Ludwig Erhard bemühte Angela Merkel sich aber auch, Optimismus zu verbreiten.

Wir haben heute 1,6 Millionen Arbeitslose weniger als vor drei Jahren. Wir haben die höchste Beschäftigtenzahl seit der Wiedervereinigung. Und wir sind wieder Exportweltmeister geworden, zum Beispiel bei Umwelttechnologien, im Maschinenbau und in der Automobilindustrie.

So wollte Merkel die Deutschen wahrscheinlich aufmuntern. Ob dazu die Zahl der Beschäftigten taugt? Laut Statistischem Bundesamt sind zwischen 1997 und 2007 1,5 Millionen "Normalarbeitsverhältnisse" abgebaut worden, während die Zahl derjenigen in so genannten „atypischen Beschäftigungsformen“ - befristete und geringfügige beziehungsweise Teilzeit- und Leiharbeit – um 2,6 Millionen anwuchs.

„Untypisch“ beschäftigt zu sein, bedeutet zwar nicht automatisch, „Geringverdiener“ zu sein. Aber auch der Niedriglohnsektor ist regelrecht explodiert. Niedriglohn ist gegenwärtig definiert als ein Bruttostundenlohn unter 9,61 Euro in West- beziehungsweise 6,81 Euro in Ostdeutschland. Nach einer Studie des Duisburger Instituts Arbeit und Qualifikation ist die Zahl derjenigen, die nicht mehr verdienen, seit 1995 um zwei Millionen auf 6,5 Millionen gewachsen. Die Sozialforscher fanden übrigens auch heraus, dass die Mehrheit von ihnen eine abgeschlossene Berufsausbildung hat (67,5 Prozent). Nur jeder vierte Niedriglohnempfänger hat keinen Schulabschluss.

Wie stehen die Chancen wirklich, durch Bildung aufzusteigen? Zwischen den Ergebnissen der Bildungsforschung und der politische Debatte liegen Welten. Überraschenderweise ist es weder Ökonomen noch Sozialwissenschaftlern bisher gelungen, überhaupt einen kausalen Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Position nachzuweisen. Das liegt natürlich auch daran, dass der Prozess, in dem Menschen eine bestimmte gesellschaftliche Stellung erlangen, das ganze Leben umfasst und damit der komplexeste Untersuchungsgegenstand überhaupt ist. Ob und was Schule, Ausbildung und Studium zu sozialem Aufstieg oder Abstieg beitragen, wird also nie „wissenschaftlich“ zu klären sein. Das dürftige Fazit der wissenschaftlichen Debatte lautet ungefähr, dass ohne einen bestimmten Bildungstitel gewisse Arbeitsstellen eben einfach nicht zu kriegen sind.

Vergleichsweise einfach ist dagegen der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem Lernerfolg. Bekanntlich schneiden überall auf der Welt die Kinder aus den unteren Schichten in der Schule schlechter ab; allerdings hängen Herkunft und Schulerfolg in Deutschland besonders eng zusammen. Dass Schulen die gesellschaftliche Benachteiligung effektiv ausgleichen würden, ist nirgendwo der Fall – was Bildungsforschern aller Couleur klar ist. Mitte der 70er Jahre stellten Walter Müller und Karl Ulrich Mayer fest, dass

der Erfolg im Schulsystem in einer so massiven Art von Bedingungen der familiären Herkunft abhängig ist, dass dem Schulsystem als solchem nur eine geringe chancenegalisierende Funktion zukommt. Im Gegenteil, das Bildungssystem wirkt vielmehr in der Weise, dass über Ausbildung Herkunftsprivilegien auf die nächste Generation übertragen werden.

Statt Ungleichheit zu beseitigen, wirken die Bildungseinrichtungen sozusagen als Filter: Sie wählen und sondern aus – beziehungsweise liefern die Grundlage für die Selektion auf dem Arbeitsmarkt durch Personalabteilungen, Manager und Unternehmer. Diese Verteilung folgt aber nicht (nur) entsprechend der individuellen Leistungsfähigkeit, sondern wird von der Herkunft beeinflusst. So lässt sich beispielsweise ziemlich genau bestimmen, um wie viel besser ein Kind aus einer Arbeiterfamilien sein muss als die Klassenkameraden aus Akademikerfamilien, um vom Lehrer eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen.

Oft wird diese Selektion graphisch als Trichter dargestellt. Die „Schwellen“ dieses „Bildungstrichters“ sind die Übergänge von einer Einrichtung zur nächsthöheren: die Wahl der Schulform nach der Grundschule, dann der Übergang in die Sekundarstufe II, danach die Hochschulreife und schließlich der Beginn eines Studiums. Auf jeder Stufe sind die Auswirkungen der Selektion stärker als auf der vorherigen, sprich: Immer weniger Arbeiterkinder kommen über die Schwelle. Laut der 18. Sozialerhebung, die das Hochschul-Informations-System (HIS) im Sommersemester 2006 durchführte, sind sie mit einem Faktor von 0,5 unterrepräsentiert (gemessen an ihrem Anteil an der altersspezifischen Bevölkerung). Die Kinder von Beamten sind dagegen mit einem Faktor 1,8 überrepräsentiert, Kinder von Selbständigen mit einem Faktor 1,5.

Seit der PISA-Studie kreist die Debatte hierzulande besonders um die Gliederung in Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien; sie gilt als Grund dafür, dass das deutsche System besonders ungerecht sei. Aber auch diese Ansicht ist mindestens verkürzt. Helmut Fend, der bis 2007 in Zürich und Konstanz Pädagogik-Professor war, hat einen großen Teil seines Berufslebens damit verbracht, zu untersuchen, wie Schulen die „soziale Disparität“ wenigstens vermindern können. Bekannt wurde er auch deshalb, weil er sich seit den 70er Jahren für die integrierte Gesamtschule ausspricht. Anfang des Jahres schrieb er in der Zeit:

Selten hat mich das Ergebnis meiner Forschungen so überrascht und enttäuscht wie diesmal: Die Gesamtschule schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems – entgegen ihrem Anspruch und entgegen den Hoffnungen vieler Schulreformer, denen ich mich verbunden fühle.

Dabei hatte Fend in einer umfangreichen Untersuchung in den 70er Jahren herausgefunden, dass die Aufteilung der Schülerinnen und Schüler in Kurse entsprechend ihrer wirklichen Leistungsfähigkeit, wie sie in den Gesamtschulen praktiziert wird, eher der Bildungsgerechtigkeit entspricht als die Verteilung auf unterschiedliche weiterführenden Schulen. Aber in einer aktuellen Studie, in der Fend und Kollegen die weiteren Lebenswege von Gesamtschülern und Schülern im üblichen Schulsystem verglichen, zeigte sich, dass die Herkunft weiterhin den Ausschlag gab.

Solange die Schule intern agieren kann, also die Kinder und Jugendlichen beisammen hat und sie nach Leistungen gruppiert, kann sie die soziale Selektivität durchaus reduzieren. Wenn es um die weiteren Bildungsstufen geht, um die risikobehafteten Entscheidungen beim Schulabschluss, bei der Ausbildung und bei den Berufslaufbahnen, dann verliert sich dieser schulische Einfluss, und die familiären Ressourcen in der Gestaltung der Entscheidungen treten in den Vordergrund.

Ganz besonders interessiert sich die Bildungsforschung für die Übergänge zwischen den verschiedenen Bildungseinrichtungen: Schicken Eltern ihre Kinder aufs Gymnasium, möglicherweise trotz der Warnung der Lehrer? Traut sich der Abiturient aus einer Arbeiterfamilie, ein Studium aufzunehmen? Der höchste erworbene Abschluss ist schließlich eine Grundlage der weiteren Berufslaufbahn und wäre also die Bedingung, um sozial aufzusteigen.

Aber bei diesen Entscheidungen spielen Faktoren eine Rolle, die vom Bildungssystem selbst beim besten Willen nicht beeinflusst werden können. Es sind Fragen wie: Lohnt es sich überhaupt, Geld und Zeit in eine weitere Ausbildung zu investieren? Oder droht ohne Uni-Abschluss gar der soziale Abstieg? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wertete 2004 Daten aus der Langzeitbefragung SOEP aus. Es zeigte sich, dass das Einkommen der Eltern allein nicht ausreicht, um den Bildungstrichter zu erklären.

Selbst wenn Eltern mit Hauptschulabschluss über ein sehr hohes Einkommen verfügen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kind auf das Gymnasium wechselt, immer noch geringer, als bei einem Kind, dessen Eltern Abitur und ein geringes Haushaltseinkommen haben. Für den Übergang in die Hauptschule haben die Bildung und das Einkommen der Eltern den entgegengesetzten Effekt. Haben Eltern eine hohe Bildung, besuchen ihre Kinder – auch bei einem niedrigen Haushaltseinkommen – eher das Gymnasium; haben sie eine formal niedrige Bildung, gehen ihre Kinder oft zur Hauptschule.

Offenbar ist auch ein guter Verdienst der Eltern nicht unbedingt die Grundlage für eine steile Bildungskarriere der nächsten Generation, auch kulturelle Einflüsse spielen eine gewisse Rolle. In der Regel wirken aber „Milieu“ und „Verdienst der Eltern“ zusammen und sorgen gemeinsam dafür, dass sich die soziale Ungleichheit in und durch die Bildungseinrichtungen erhält.

Das gilt für den Übergang von primärer zur sekundären Schulbildung ebenso wie für die Universitäten. Akademikerkinder entscheiden sich für die Universität, sofern sie eine Alternative überhaupt erwägen und das Studium nicht ohnehin als angestammtes und selbstverständliches Recht betrachten. Arbeiterkindern scheint es dagegen riskant. Werner Georg von der Universität Konstanz hat die Ungleichheit während des Studiums nach ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital gegliedert. Seine Aufzählung der Faktoren der Ungleichheit ist lang und bestimmt trotzdem nicht vollständig:

Ökonomisches Kapital

  1. Studienfinanzierung (Eltern, Stipendien, Darlehen)
  2. Notwendigkeit der Erwerbsarbeit während des Studiums
  3. Stress aufgrund der finanziellen Situation
  4. Sorgen wegen der finanziellen Zukunft

Soziales Kapital

  1. Selbstverständlichkeit zu studieren
  2. Schwierigkeiten beim Kontakt zu Professoren
  3. Zufriedenheit über den Kontakt zu Lehrenden
  4. Zufriedenheit über den Kontakt zu Studierenden
  5. Job als Hilfskraft für Lehre
  6. Job als Hilfskraft in der Forschungen

Kulturelles Kapital

  1. Feste Absicht, einen Sprachkurs im Ausland zu besuchen
  2. Absicht, im Ausland zu studieren
  3. Internetnutzung zu Hause
  4. Besuch von Vorlesungen über andere Fachgebiete
  5. Besuch von Vorlesungen für ein allgemeines Publikum
  6. Absicht, Kurse in einer anderen Sprache zu besuchen
  7. Schwierigkeiten mit den Studienanforderungen
  8. Dissertationsabsicht

Die Chancen für einen individuellen Aufstieg durch Bildung stehen also schlecht. Die Bildungspolitikerin Sybille Volkholz fasst die Lage folgendermaßen zusammen:

In Deutschland scheint es wenig Anreize zu geben, durch individuelle Anstrengung gesellschaftlich aufzusteigen. Die größten Aufstiege waren kollektive Fahrstuhleffekte, die in den 60er Jahren ganze Berufsgruppen nach oben beförderten und ungelernte Tätigkeiten mit ausländischen Gastarbeitern besetzten. An diesem System scheint sich bis heute wenig grundsätzlich geändert zu haben.

Dass in der politischen Debatte über die Bildung gestritten wird, ist nicht neu. Mittlerweile wird dem Thema allerdings eine Bedeutung zugeschrieben, die sich mit ökonomischen oder sozialen Notwendigkeiten kaum erklären lässt. Immer neue Strukturveränderungen werden vorgeschlagen - die allerdings nichts kosten dürfen. Denn obwohl in Deutschland jede dritte Politikerrede mit „Frühförderung“ beginnt und mit „Universität“ aufhört, fließt keineswegs mehr Geld für Ausstattung oder Personal. Nur ein Beispiel: Im Jahr 2000 lag die Betreuungsrelation an den deutschen Hochschulen - das Zahlenverhältnis von Professoren zu Studierenden - durchschnittlich bei 57 zu 1. Sechs Jahre später kamen auf einen Professor sogar 62 Studenten.

Offenbar eignet sich das Reden über Bildung auch für andere Zwecke. Der Bildungsdiskurs enthält nämlich unausgesprochen die merkwürdige Annahme, Arbeitslosigkeit und Armut ließen sich beseitigen, hätten die Menschen nur die richtigen Qualifikationen. Employability soll das Problem sein, nicht Unterkonsumption, nicht Rationalisierung und Automatisierung. So verschiebt sich die Perspektive - einerseits von der Gesellschaft auf den Einzelnen, der sich um seine Tauglichkeit für den Arbeitsmarkt selbst zu kümmern hat, andererseits von der sozialen Situation, in der die Bildungseinrichtungen arbeiten, auf ihre organisatorischen Strukturen.

Entsprechend der Humankapitaltheorie gilt Bildung als „Ressource der Arbeitnehmer“, die abzuschlagen geradezu unmoralisch ist. Beides entlastet Politiker gewaltig: „Arbeitsplätze schaffen“ ist für Regierungen schwer bis unmöglich; vergleichsweise einfach ist es, Lehrpläne und Studienordnungen umzuschreiben – was ja angeblich ungefähr aufs selbe herauskommt.

In ihrer bereits erwähnten Rede aus Anlass von „60 Jahren sozialer Marktwirtschaft“ sagte die Kanzlerin zum Thema Qualifizierung:

... unser Bildungssystem, unsere Schulen und unsere Hochschulen, die Unternehmen, unsere ganze Gesellschaft – wir alle können noch viel mehr von Einsteigern und Aufsteigern profitieren. Das bezieht sich auf Einheimische genauso wie auf Zugezogene. Wie das geht? Auch hier weist Erhard den Weg. Erhard sagt: Lasst uns nicht über die Verteilung der Kuchenstücke streiten, sondern den Kuchen größer machen, dann bekommt jeder mehr und wir ersparen uns den Streit der Verteilung. Deshalb ist es auch heute unabdingbar, das Wachstum unserer Volkswirtschaft voranzutreiben.

Nun hat die Entwicklung im letzten Jahrzehnt gezeigt, dass Wirtschaftswachstum keineswegs automatisch den Wohlstand der breiten Bevölkerung vermehrt (und so den Streit um den Anteil am Kuchen überflüssig macht). Aber auch Merkels Annahme ist irrig, dass eine hohe Qualifikation der Bevölkerung mehr Wirtschaftswachstum bedingt. Schön auf den Punkt brachte das die englische Bildungsforscherin Alison Wolf, die heftig protestierte, als die britische Regierung vor fünf Jahren ankündigte, sie wolle die Quote der Studienanfänger erhöhen.

Viele Politiker halten grob vereinfachend ein hohes Einkommen für ein sicheres Indiz für mehr Produktivität. Weil diejenigen mit Hochschulzeugnis mehr verdienen als andere, glauben sie, es sei ausreichend, alle zu Graduierten zu machen. Das ist ein Fehlschluss. Wenn das wahr wäre, müsste Ägypten heute eines der reichsten Länder der Welt sein, und die Schweiz das ärmste in Europa. Der Zusammenhang ist viel komplexer. Immer mehr Akademiker zu fordern ist ungefähr so, wie zu behaupten, dass fünf Aspirin besser sind als zwei, weil zwei Aspirin gut sind.

(Matthias Becker)

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