Im Kapitalismus wird wenigstens niemand ausgebeutet

Was spricht für den Kapitalismus? - Teil 4

Zum Glück haben wir die Sklaverei und die feudale Leibeigenschaft überwunden. Das Arbeitsrecht verhindert Ausbeutung. Doch tut es das wirklich? Ist nicht viel mehr umgekehrt der Fall, dass es der Ausbeutung eine dauerhafte Verlaufsform gibt?

Vorab an den Leser: Die Reihenfolge der hier präsentierten Argumente aus dem Buch "Das Kapital" (Band 1) von Karl Marx folgen einem logischen Aufbau. Deshalb bitte ich den Leser, sofern nicht geschehen, vor dem Lesen des 4. Teils zunächst die Teile 1 bis 3 zu konsultieren.

Argument 7: Der Lohn ist eine verdeckte Form der Ausbeutung

Betrachten wir einen geglückten Kapitalzyklus. Ist der Verkauf der produzierten Ware erfolgreich, dann fließen auf diese Weise die verausgabten Kosten K für Produktionsmittel und Lohn wieder zurück in die Hände des Investors, und darüber hinaus noch ein Überschuss M. Dieser Mehrwert enthält kein Atom des Werts der eingegangenen Produktionsmittel und der verausgabten Arbeitskraft, denn die wurden ja beider gerade mit K schon bezahlt. Trotzdem ist der Mehrwert ja auch ein Produkt von Arbeit und kommt nach Marx auch nur durch Arbeit zustande. Also ist M fremde Arbeit in Geldform, die so durch den Kapitalisten angeeignet wird.

Diese Sorte von Aneignung fremder Arbeit passiert in jedem gelungenen Kapitalzyklus des produktiven Gewerbes. Wenn man nun die Gewohnheit hat, bei unbezahlter Aneignung fremder Arbeit von Ausbeutung zu sprechen, dann muss man dies folgerichtig auch hier tun. Nur ist es eben eine versteckte Sorte der Aneignung. Ja eben weil sie nur über gerechte Tauschakte von Eigentum zustande kommt, ist sie nicht so augenscheinlich wie z.B. in der Sklaverei, dem Diebstahl, der erzwungenen Tributzahlung, der Schutzgelderpressung oder dem vorenthaltenen Lohn, deren Ausbeutungscharakter jeder sofort einsieht.

Man kann die kapitalistische Ausbeutung nicht mit den Augen sehen, sondern kann sie sich nur als Nachvollzug einer Kette von Argumenten klar machen. Der Arbeiter denkt nicht, dass er "beschissen" wurde, denn er hat ja seinen Lohn wie vereinbart bekommen. Er weiß zwar, dass das Unternehmen, welches ihn beschäftigt, wächst und gedeiht, und weiß doch nicht warum, also wie der Mehrwert genau zustande kommt. Im Zweifel erklärt er es sich genau so wie der Kapitalist es sich selbst erklärt, aber der weiß es trotz seines Managementstudiums ebenso wenig, weil er einen anderen Mehrwertbegriff hat. Er erklärt sich den Zuwachs und sein Recht auf ihn auf andere Weise als Aneignung, z.B. durch sein unternehmerisches Risiko oder dass er so ein toller Hecht ist und besonders gute Deals abgeschlossen hat, usw. Für die Praxis muss er es auch nicht wissen. Weder der Arbeiter noch der Kapitalist sind sich also dieser alltäglichen Ausbeutungsform bewusst. Deswegen ist es für ersteren kein Grund für einen Skandal und für letzteren kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Diesen Schein des Arbeitslohns, welcher den Ausbeutungscharakter der kapitalistischen Gesellschaft verschleiert, ist es auch, der zu den entsprechenden Illusionen führt. Seine verschiedenen Verlaufsformen, z.B. als Stunden-, Prämien- oder Akkordlohn, verschleiern diesen Zusammenhang leider noch mehr. Deshalb bespricht Marx die verschiedenen Lohnarten im Detail im Buch in den Kapiteln 17, 18 und 19.

Der produktive Kapitalzyklus - bei Marx "GWG" genannt (kurz für: Geld-Ware-Geld) - wie er millionenfach auf der Welt zeitgleich stattfindet, ist das Herzstück des Kapitalismus. Die Produktion des ganzen stofflichen Reichtums unserer Gesellschaft lebt von solchen Zyklen. Also gehört die mit ihm verbundene Sorte der Ausbeutung zum Kapitalismus schlichtweg dazu. Man kann diesen elementaren Zyklus nicht so reformieren, dass dabei diese Sorte Ausbeutung abgeschafft wird. Das GWG-Schema bietet jedenfalls keine hilfreichen Ansatzpunkte für solch eine Reform. Wer z.B. das Heil in der Umverteilung des erzielten Mehrwerts durch erhöhte Besteuerung des Unternehmergewinns sucht, akzeptiert also, dass der unbesteuerte Restbetrag nach wie vor auf diese Weise angeeignet wird. Ferner schwächt man durch zu starke Besteuerungen das Unternehmen, indem man es seiner Investitionsmittel für den nächsten GWG-Zyklus also die fortlaufende Reinvestition beraubt. Ein schwaches Unternehmen fährt weniger Gewinne ein. Damit es weiterhin konkurrieren kann, wird der Arbeiter auf ein neues Lohnniveau verpflichtet oder gleich durch kostengünstigere Maschinen ersetzt.1 Dem Arbeiter ist durch eine höhere Besteuerung nicht unbedingt geholfen.

Oder man könnte alternativ dazu auf die radikale Idee verfallenen, den privaten Kapitalisten abzuschaffen, indem man seine Funktion gleich durch den Staat ersetzt, und die Warenwerte zentral diktiert. Dann bekommt halt andere Widersprüche zustande. Wie man es auch dreht und wendet, die Sorte Ausbeutung bleibt, es sei denn, man schafft GWG komplett ab.

Exkurs 1: historische Formen der Ausbeutung

Was unterscheidet die kapitalistische Ausbeutung von anderen historischen Ausbeutungsformen, also z.B. von der Sklaverei der Antike oder der Fronarbeit im mittelalterlichen Feudalismus?

Dem Sklaven kommt sein ganzes Leben wie eine Ausbeutung vor. Nichts von dem, was er produziert, gehört ihm. Er produziert alles für seinen Herren. Aber sein Eindruck täuscht ihn, denn nicht seine ganze Arbeit wird ihm genommen. Ein Teil seiner abgenommen Arbeit fließt ihm in anderer Form zurück: er bekommt von seinem Herren Nahrung und Kleidung, denn schließlich will er ihn ja als Arbeiter erhalten. So ein Sklave ist schließlich nicht billig im Einkauf. Und je nach dem, was der Sklave leisten können muss, ist dieser Rückfluss, ebenso wie auch in der kapitalistischen Gesellschaft, nach Bedarf für die Reproduktion der Arbeitskraft organisiert, also entsprechend größer oder kleiner je nach Tätigkeit.

Wenn er z.B. einen Bergwerksklave ist, braucht er für den Vollzug seiner angeordneten Tätigkeit nur Kraftfutter, Lumpenkleidung und etwas medizinische Versorgung, und vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten, um die Arbeitsmoral aufrechtzuerhalten. Wenn er aber Tutor der Herrenkinder ist, ein gebildeter Sklave, dann braucht er eventuell Bücher, und andere Lehr- und Lernmaterialien. Eventuell muss er sich sogar schicklich kleiden können, und wenn er den Zöglingen gewisse Werte vorleben muss, muss ihm vielleicht sogar ein gewisser repräsentativer Lebensstandard zugesprochen werden. Vielleicht muss er sogar die Verwaltung über die anderen Sklaven organisieren, dann muss er fast selbst wie Herr auftreten können. Trotzdem weiß er bei aller eingeräumter Freiheit: auch er steht durchgehend und vollständig unter dem Kommando seines Herren, ist dessen Willen untergeordnet. Auch er kann die Ausbeutung durch seinen Herren förmlich sehen, nur kann er sich mit seiner Notlage vielleicht besser arrangieren, zumal seine persönliche Nähe zum Dominus des Hause eher Aussichten darauf verspricht, irgendwann einmal freigelassen zu werden und selbst Sklaven besitzen zu dürfen. Warum dies durch einen Aufstand riskieren?

Beim leibeigenen Fronarbeiter ist das etwas anders. Er sieht vermutlich am deutlichsten, in welchem Umfang er ausgebeutet wird. Sein Feudalherr nimmt ihm einen fest vereinbarten Teil seiner Arbeit weg: der Kirchenzehnt oder ähnliche Regelungen. Den anderen Teil seiner Arbeit darf er behalten. Oft war die Arbeiten für den Fürsten einerseits und die Arbeiten für sich andererseits auch noch räumlich und zeitlich getrennt. Es wurden bestimmte Pflichtarbeitstage durch den Kirchenkalender festgelegt. Die anderen Arbeitstage hatte er für sich. Die Arbeit für den Herren vollzieht er auf dessen Acker, die andere hingegen auf dem eigenen. Zumindest im Idealfall - Verstöße gegen diese göttliche Ordnung wird es sicherlich ebenfalls massenweise gegeben haben.

Solche antiken oder mittelalterlichen Verhältnisse bedürfen keiner theoretischen Agitation. Man muss den Betroffenen im Grunde nicht erst erklären, dass sie ausgebeutet werden. Sie sehen ja mit eigenen Augen, dass sich Dritte an ihnen bereichern. Und wenn sie mit diesem Arrangement nicht zufrieden sind, dann tun sie sich eben zusammen und rebellieren dagegen. Die Geschichte ist ja bekanntlich voll von Sklavenaufständen, Bauernkriegen und bürgerlichen Revolutionen.

Ganz anders im Kapitalismus. Er ist der Gegenentwurf zur Sklaverei. Auch hier wird der Arbeiter ausgebeutet. Dem Arbeiter erscheint die gesamte Arbeit aber umgekehrt als eine, die er ausschließlich für sich macht, jedenfalls solange der Chef ihn nicht unbezahlte Überstunden machen lässt.

Erstens zwingt ihn keine Peitsche, die Arbeit anzunehmen. Er muss den Arbeitsvertrag nicht unterschreiben. Zweitens bekommt er einen Gegenwert für seine Tätigkeit, den Lohn, und drittens darf er diesen Lohn völlig frei nach eigenem Gusto ausgeben. Will er eine bessere Wohnung, muss er halt mehr zahlen, also mehr arbeiten, aber er kann auch eine Bruchbude vorziehen und das Geld lieber für seine Hobbys oder seinen Urlaub sparen. Ganz wie er mag. Und wenn ihm sein Job nicht gefällt, kann er sich eben woanders bewerben. Wir haben schließlich die Freiheit der Berufswahl, er ist nicht an seine Scholle gebunden. Die Ausbeutung, der er unterworfen ist, geschieht ganz im Einklang mit seinem Willen und nicht gegen ihn. Die Leute streben ja nach einer Karriere, versuchen den Beruf nach ihrer Berufung auszuwählen. Und deswegen ist die Arbeiterklasse so schwer für ihre eigene Ausbeutung zu sensibilisieren. Sie stört sich nicht daran, weil ihr nichts verkehrt daran vorkommt. Und wenn ihr doch etwas verkehrt vorkommt, dann meist das Falsche. Dann schleudert sie ihren Herren so aparte Vorwürfen entgegen wie "Missmanagment", ganz so als ob sich der Konkurrenzerfolg des Unternehmens mit Gewissheit planen ließe.

Also wagen wir es und machen diese Ausbeutung augenscheinlich. Dazu der nächste Exkurs.

Exkurs 2: Berechnung des Ausbeutungsgrads

Im Kapitalismus ist die Ausbeutung zwar versteckt, jedoch in ihrem Ausmaß nicht geringer als in früheren Gesellschaften. Das ist keine leere Behauptung, denn man kann den Ausbeutungsgrad sogar quantitativ messen und vergleichen - im Buch geschieht dies exemplarisch in Kapitel 7. Das nun folgende ist ein rein fiktives Beispiel, bei dem es nur darum geht, die Rechnung nachzuvollziehen. Wer die Zahlen für fantastisch hält, z.B. weil er als Arbeitnehmer oder -geber selbst Einblick in die Finanzen eines Betriebs hat, kann sie durch solche ersetzen, die realistischer erscheinen. Die Leser werden hiermit aufgefordert, eigene Berechnungen dieser Art für ihre eigenen Lebensumstände im Forum zu publizieren. Das folgende Beispiel wird auf Tagesbasis gerechnet, weil ich die Kosten übersichtlich halten will, aber man es kann nach demselben Prinzip genauso gut auch monats- oder jahresweise berechnen. Dies bietet sich besonders an, wenn das Produkt nicht innerhalb eines Tages gefertigt wird, z.B. Agrarprodukte, die erst gesät, gepflegt und schließlich Monate später geerntet werden müssen.

Das Rechenbeispiel: Wir nehmen an, dass das zu verkaufende Produkt insgesamt von n = 10 Arbeitern zusammen gesetzt und vertrieben wird. Von diesen bekommen 4 als Hauptarbeiter einen Tageslohn von je 150 Euro, 2 als Zuarbeiter und 2 im Vertrieb je 100 Euro, 1 Sekretär für die Verwaltung 120 Euro, und ein Nachtwächter 80 Euro. Das Unternehmen zahlt seiner Belegschaft also pro Tag einen Gesamtlohn V von:

V = 4x150 + 4x100 + 120 + 80 Euro = 1.200 Euro

Dies ergibt einen Durchschnittslohn von v = V/n = 1200/10 Euro = 120 Euro. Mit V bzw. v bezeichnet Marx den Gesamt- bzw. Durchschnittslohn. Der Buchstabe steht für "variables Kapital". Als weitere Kosten nehmen wir C = 3.600 Euro an ("konstantes Kapital"). Unter diesem Posten werden alle auf den Tag gerechneten Sachkosten der Produktion jenseits des Lohns gezählt, z.B. Miete, Lizenzen, Werkstoffe, Werkzeuge und Maschinerie (jedenfalls partiell berechnet im Sinne einer Abschreibung) etc.

Um an dieser Stelle Verwechslungen vorzubeugen: Der Begriff des konstanten Kapitals hat nichts mit dem der "Fixkosten" aus der VWL zu tun. Marx macht einfach den Unterschied zwischen jenem Kapitalanteil, welches sich wertmäßig einfach überträgt ("konstant"), und solchem, welches aufgewandt wird, um daraus neuen Wert zu schöpfen ("variabel").

Ferner nehmen wir an, dass die Arbeiter ein tägliches Gesamtprodukt, z.B. ein Auto, mit einem Wert von z.B. 12.000 Euro produzieren und vertreiben. Dies ergibt uns jedenfalls einen täglichen Gesamtmehrwert von:

M = 12.000 - 1.200 - 3.600 Euro = 7.200 Euro

Oder einen durchschnittlichen Mehrwert pro Arbeiter:

m = M/n = 7.200/10 Euro = 720 Euro

Diesen Mehrwert setzen wir nun ins Verhältnis zum Lohn und bekommen die Rate des Mehrwerts für den durchschnittlichen Arbeiter:

R = M/V = 7.200/1.200 = 6 = 600%

D.h. für jeden investierten Euro gewinnt der Kapitalist einen Mehrwert von 6 Euro.

Notiz am Rande: Marx weißt in diesem Zusammenhang darauf hin, wie man mit Zahlen die Wahrheit verschleiert - oder wohlwollend ausgedrückt -, wie man sich mit Statistiken selbst täuschen kann, und benennt an diversen Stellen die jeweiligen Rechenfehler. Z.B. haben einige seiner Zeitgenossen die Mehrwertrate ähnlich, aber doch anders berechnet, indem sie zu den Lohnkosten auch noch die Sachkosten dazugerechnet haben. Ihre fehlerhafte Rate des Mehrwerts R* berechnen sie wie folgt:

R* = M/(V+C) = 7.200/4.800 = 1,5 = 150% (Achtung falsch!)

Man vergrößert auf diese Weise den Nenner und verkleinert dadurch die resultierenden Rate. Dies lässt sie harmloser erscheinen, ist aber begrifflich verkehrt. Natürlich sieht man sich bei dieser Rechnung im Recht, denn schließlich fallen die Sachkosten als Ausgaben ja auch wirklich an, und diese Sachkosten sind ja auch notwendig, um überhaupt den Arbeitsprozess als Ganzes zu finanzieren und in Gang zu setzen. Aber sie dürfen nicht mitgerechnet werden, weil sie sich vom Standpunkt der Arbeitswertlehre ohnehin auf das Endprodukt übertragen und somit letztlich auf den Käufer abgewälzt werden (vgl. oben Argument 4). Man muss es mir an dieser Stelle einfach glauben. Für die genaue Erklärung muss man bei Marx im Detail nachvollziehen, wie sich das mit der Wertübertragung und Wertneuschöpfung exakt verhält (Kapitel 6 im Buch). So viel also zur hochgelobten Mathematik, man muss sie schon richtig einsetzen.

Wer hier noch nicht direkt einsieht, was diese ominöse Quote mit Ausbeutung zu tun hat, muss sich diese Geldbeträge zunächst in Arbeitszeiten umrechnen. Dies wird jetzt zur Veranschaulichung nachgeliefert.

Jeder Arbeiter schöpft pro Tag einen Mehrwert. Er muss daneben aber auch noch seinen Lohn reproduzieren, also auch diesen als Wert neu schöpfen. Mehrwert m und Lohn v ergeben zusammen das durchschnittliche "Wertprodukt" pro Arbeiter pro Tag m+v:

m+v = 720 + 120 Euro = 840 Euro

Das ist sozusagen das wertmäßige Tageswerk unseres Durchschnittsarbeiters. Angenommen, sie arbeiten alle im Schnitt t = 8 Stunden, damit die Rechnung einfach und realistisch wird. Das heißt wir erhalten als durchschnittliches Wertprodukt pro Arbeiter pro Stunde:

(m+v)/t = 840/8 Euro = 105 Euro

Jetzt folgt ein Dreisatz, um zu bestimmen, wie lange ein durchschnittlicher Arbeiter arbeiten muss, um seinen Lohn von 120 Euro zu reproduzieren:

  • 105 Euro entsprechen 60 Minuten | :105
  • 1 Euro entspricht 60/105 Euro | x120
  • 120 Euro entsprechen 120x60/105, das sind also etwa 70 Minuten

D.h. 1 Stunde und 10 Minuten arbeitet der durchschnittliche Arbeiter für sich (Lohn v) und 6 Stunden und 50 Minuten (= 410 Minuten) für den Boss (Mehrwert m). Dies war aber nur der durchschnittliche Arbeiter. Das Unternehmen beschäftigt jedoch 10 Angestellte. Zeitlich ausgedrückt eignet sich der Unternehmer also eine Masse an Mehrwert von 10x410 Minuten = 4.100 Minuten = 68 Stunden und 20 Minuten an. Das ist sein maximal hinzugekommener privater Reichtum, vorausgesetzt er kann tatsächlich alle Produkte erfolgreich zu ihrem Wert verkaufen. (Wenn sie über längere Zeit auf Lager liegen, können die Bewegungsgesetze des Werts auch dafür sorgen, dass sie in der Zwischenzeit an Wert verlieren.) Dieser privat angeeigneter Reichtum wird hinterher vielleicht noch etwas besteuert und er muss eventuell auch noch mit anderen Kapitalisten teilen, potentiellen Kreditgebern etwa (dazu mehr in Buch 3), aber das ist eben insgesamt der in Zeit ausgedrückte Wertbetrag, den die gesamte Belegschaft pro Tag als Überschuss über den eigenen Lohn hinaus abliefert.

Man kann sich leicht vorstellen, wie diese Mehrwertmasse in einem Großunternehmen wie Volkswagen mit mehr als 600.000 und Daimler mit etwa 300.000 Angestellten nach oben schnellt. Wer sich also mal gefragt hat, wie ein Bill Gates in einer Minute viele Tausende von Dollars verdienen kann: genau so geht‘s. Mehr zur Masse des Mehrwerts in Kapitel 9.

Marx nutzt als Berechnungsgrundlage die Differenz zwischen dem, was eine Arbeitskraft selbst kostet, nämlich ihre Reproduktionskosten (sprich: Lohn), und dem, was sie durch ihre Betätigung am Arbeitsplatz an Neuwert schafft. Deswegen letztlich ja auch überhaupt die ganze Geschichte mit der Arbeitswertlehre. In der marxschen Wendung will sie auf eben diesen Schluss hinaus. In einer Nutzenwertlehre würde diese Differenz erst gar nicht als Aneignung begriffen werden können.

Das obige Resultat des Rechenbeispiels lässt sich auch anhand eines Schemas illustrieren, welches Marx in Kapitel 8 einführt.

Der achtstündige Arbeitstag wird veranschaulicht als ein Balken, der in zwei Teile gestückelt wird. Den roten Teil nennt Marx "notwendige Arbeitszeit", die der Arbeiter braucht, um seinen Lohn und damit seinen Lebensstandard zu finanzieren, der es ihm ermöglicht, seine Arbeitskraft täglich aufs Neue zu reproduzieren. Der blaue Balken steht für "überschüssige" oder "Mehrarbeit", deren Ertrag dem Kapitalisten zufällt. Die dargestellten Pfeile deuten an, dass die Grenzen der beiden Balken im Grunde variabel sind.

Welchen Effekt die Verschiebung dieser inneren und äußeren Grenze des Arbeitstags hat, kann man sich an weiteren Rechenbeispiel klar machen. Belässt man die Länge des Arbeitstags wie sie ist, aber erhöht dafür den Lohn so sehr, dass der rote und der blaue Balken gleich lang sind, also je 4 Stunden, dann wären v und m gleich groß. Der Arbeiter würde die Hälfte seiner Arbeitszeit für sich und die andere Hälfte für den Kapitalisten ableisten. Dies würde letzterem bloß folgende mickrige Mehrwertrate einbringen:

R = V/M = v/m = 4 Std / 4 Std = 1 = 100%

Für jeden investierten Euro erhält der Kapitalist immerhin einen Mehrwert von einem weiteren Euro. Das ist deutlich schlechter als im obigen Rechenbeispiel. Man hätte dieselbe Rate auch dadurch bekommen können, indem man den Arbeitstag von 8 auf 2 Stunden und 20 Minuten verkürzt hätte. Für die Rate des Mehrwerts, also das Maß der Effizienz der Ausbeutung ist beides gleich gut. Einen Unterschied gäbe es aber im Hinblick auf die Masse des Mehrwerts, also die Masse des angeeigneten Reichtums. Der fällt hier natürlich kleiner aus.

Vom Standpunkt des Kapitals ist die Marschrichtung also klar: die innere Grenze nach links (= Lohnsenkung) und die äußere nach rechts (= Verlängerung des Arbeitstags) verschieben, und am besten gleichzeitig auch noch die Arbeit selbst intensivieren durch die Wahl eines erneuerten Arbeitsprozesses. Denn je intensiver die Arbeit in der jeweiligen Branche - also nicht individuell, sondern im Durchschnitt -, umso mehr Wert schafft sie, umso höherwertiger also die zu verkaufende Ware.

Marx bespricht in Kapitel 15 einige Manöver seitens Kapitalisten an, wie er all dies bewerkstelligt, selbst ohne einen richtigen Begriff vom Wert zu haben. Und für manche Entwicklungen braucht es auch gar keine gezielten Manöver, sondern sie ergeben sich als Resultat der Konkurrenz von selbst, z.B. durch den sich wechselseitig anheizenden technischen Fortschritt (vgl. Teil 5).

Nicht nur das Kapital kennt seine Manöver. Es gibt auch politische Begleitmaßnahmen, die auf solche Effekte abzielen. Die Politik hat ihren Handlungsspielraum vor allem in der Größe des Staatshaushalts. Sie hat also jenseits des Kapitals selbst ein Motiv, dafür sorgen, dass viel Mehrwert in ihrem Standort produziert wird, an dem sie sich durch Besteuerung bedienen kann. Also arbeitete sich jede noch so linke Protestpartei, sofern sie systemkonform mitregieren möchte, früher oder später zu dem Standpunkt voran, dass es dem Land vor allem dann gut geht, wenn es der Wirtschaft gut geht. So wurde in Deutschland aus einer anfangs rebellischen Arbeiterpartei unter Liebknecht und Bebel, die immerhin noch den Marx gepredigt hatten, ein Liebling des Kapitals. Dasselbe Schicksal hat auch die Grünen ereilt, als sich endlich der "Realo"-Anteil der Partei nach und nach seiner "Fundi" entledigt hat bzw. die Fundis selbst zu Realos wurden. Diese beiden Parteien waren es, die sich anfangs antikapitalistisch nannten und doch den Kapitalismus nicht abschaffen wollten, die im Verbund die Agenda 2010 durchboxten und so nach der Aufgabe der Sowjetunion und des nicht mehr fälligen Systemvergleichs den Niedriglohnsektor wieder einführten, was natürlich auch die beabsichtigten Wirkungen auf das allgemeine Lohnniveau hatte. (Lohnsenkungen im Allgemeinen müssen sich nicht direkt an einer verminderten Lohnsumme zeigen. Sie muss überhaupt nicht kleiner werden muss, wenn dies z.B. mit einer Entwertung der Währung durch Inflation einhergeht. Aber das ist ein völlig anderes Thema.)

Marx selbst hingegen zitiert ein Beispiel aus dem England des 19. Jahrhunderts, nämlich die politisch durchgesetzte Aufhebung der Zollschranken für importiertes Getreide. Infolge dieser Aufhebung wurde das Hauptnahrungsmittel der Arbeiter durch Getreideimporte deutlich vergünstigt, weswegen sich seinerzeit ja überhaupt sehr viele Arbeiter an der Durchsetzung dieser Kampagne beteiligt hatten (Stichwort: Anti-Korngesetze, Peterloo-Massaker). Allerdings nicht unbedingt zu ihrem eigenen Vorteil. Denn dadurch, dass der Arbeiter seine Arbeitskraft nun mit weniger Geld reproduzieren konnte, hat er seinem Arbeitgeber gleichsam bewiesen, dass sein Lohn im Grunde zu hoch ist und herabgesetzt werden kann. Was dann ja auch letztlich auf die eine oder andere Weise geschah. Die Fabrikkapitalisten konnten so ihren Mehrwertertrag weiter ausbauen auf Kosten ihrer Klassenbrüder, der zuvor politisch einflussreicheren Agrarkapitalisten, die nun ihrerseits ihr Produkt infolge der ausländischen Konkurrenz verbilligt verkaufen mussten.

Ohne solche politische Vorleistung kann man als Unternehmer nicht einfach den Lohn wegkürzen. Erstens ist es schwer durchzusetzen (Stichworte: Gewerkschaft, Tarifbindung, Arbeitsschutzgesetze etc.), und zweitens ist es manchmal auch unzweckmäßig, weil ein unterbezahlter Arbeiter seine Arbeit schlecht macht, also weniger Wert schöpft - sei es, weil er mit weniger Geld in der Tasche unmotivierter ist, sei es, weil er mangels Lohn gar unterernährt ist, sei es, weil ihm mangels bezahlbarer Freizeitaktivitäten die Lebenslust vergeht, oder sei es, weil er durch Nebenjobs noch woanders hinzuverdienen muss und deshalb auf der eigentlichen Arbeit übermüdet ist. Überstrapazierte Arbeiter können in Streik treten oder sich gar zur Betriebssabotage verschwören. Das will man nicht.

Der Lohn kann erst gesenkt werden, wenn die Reproduktionsfähigkeit der Arbeitskraft nicht darunter leidet. Der Arbeiter muss schon auch noch fit genug bleiben können, um auf der Arbeit zu erscheinen, denn ohne seine Arbeit wird auch der Kapitalist nicht reicher. Wie die Senkung der Reproduktionskosten durchgesetzt werden kann, ohne gleich Gewalt androhen zu müssen, ja sogar ohne, dass es denn Beteiligten selbst bewusst sein muss, können wir im nächsten Teil begutachten.

Also gut, was spricht denn nun für den Kapitalismus? Dass die Leute hierzulande nicht ausgebeutet werden? Na ja, zumindest nicht in der Art, dass die Ausgebeuteten es selbst mitbekommen. Denn noch immer halten sich sehr viele, schwer auszurottenden Illusionen über das produktive Kapital, z.B. dass das Kapital Arbeitsplätze schafft. Mit solch einem falschen Bewusstsein über die eigene Lebenswirklichkeit ausgestattet spricht jedenfalls rein gar nichts gegen den Kapitalismus. Im nächsten Teil besprechen wir, wie die Sache mit den geschaffenen Arbeitsplätzen wirklich aussieht und behandeln auch Momente des falschen Bewusstseins über den Kapitalismus auf Seiten der Kapitalistenklasse. Immerhin, so heißt es, soll sie ein paar ehrenrettende Argumente auf Lager haben, die für dieses System sprechen. Schauen wir mal.

Teil 5: Das Trickle-Down-Prinzip

(Brend Tragen)