Im Netz der Monsterspinne

Bild Tarantel: Filmplakat Tarantula (1955) / Public Domain. Bild Putin: Kremlin.ru / CC-BA-SA-4.0

Real Game of Thrones

Die Seifenoper, wer wen heimlich abgehört und wer wessen Post gestohlen hat, steht im exzeptionalistischen Königreich noch immer auf dem Spielplan und da Fakten Mangelware sind basiert das Libretto nach wie vor auf "Fake News" und Fiktionen.

Zu einem kleinen dramaturgischen Höhepunkt kam es, als der Chef der Polizei und ein Obermeister der Intelligence vom Parlament zu dieser Sache befragt wurden. Auch sie konnten nicht mit Beweisen dienen, dass Hillarys Post tatsächlich von russischen Häschern entwendet wurde und wer genau in Donalds prächtiger Turmburg belauscht und ausgespäht worden ist, betonten aber, dass König Obama keinen Befehl für diesen Lauschangriff gegeben habe. Dies hatte König Donald ja behauptet und war dafür einmal mehr der Lüge gescholten worden. Ob zu Recht oder zu Unrecht blieb allerdings auch nach dieser Anhörung offen, denn heraus kam, dass Donald möglicherweise doch abgehört wurde, aber nur beiläufig und "aus Versehen".

War die Bespitzelung des Kandidaten also nur eine Art Kollateralschaden wie er bekanntlich in den besten Hochzeitsgesellschaften vorkommt? Diese spannende Frage wurde im Kongress nicht weiter erörtert. Dafür setzte aber eine Abgeordnete ein weiteres Highlight in Sachen König Wladimir: War der Ultraböse ja als "Verbrecher", "Killer" und "Hitler" bisher schon geläufig, mutiert er jetzt zur "Tarantel", die "im Zentrum eines Spinnennetzes" sitzt und Menschen in ihre Falle lockt. Einige wenige steinalte Leute im Königreich erinnerten sich an die gigantische Riesenspinne "Tarantula" und wurden wie einst in diesem "B-Picture" genannten Horror-Lichtspiel von kaltem Grauen gepackt.

Die meisten schüttelten aber angesichts dieser Dramaturgie nur noch den Kopf und fragten sich, wo denn "King Kong", "Godzilla" und "Spiderman" bleiben, wenn man sie mal braucht. Zumal Wladimir der Schreckliche auf diese Anwürfe sogleich reagiert hat: mit einer aggressiven Erhöhung seines Wehretats um minus sieben Prozent! Während die westlichen Bündnispartner noch beraten, wie sie auf diese "Provokation" reagieren, stellte ein Abgeordneter während der fünfstündigen Anhörung schon die ganz harten Fragen: "Wird der Eiserne Vorhang wieder zugezogen, in Osteuropa?"Ja klar, Wladimir baut schon die Mauer und Angela wird dafür bezahlen!

Gegen "Tarantula" kam damals ja ein junger Mime erstmals zum Großeinsatz, der später als "Dirty Harry" bekannt wurde und Bomben mit neuartigem Stoff abwarf, der "Napalm" genannt wurde. Ob dieser Soff aber gegen die neuartige ultraböse Mutation der Riesenspinne und den von ihr gesteuerten Klon auf dem Thron hilft ist freilich fraglich, zumal Dirty Harry als Fan des neuen Königs für ein Remake nicht zur Verfügung stehen würde.

Das Königreich der kognitiven Dissonanz

Obwohl "Blockbuster" genannte Lichtspiele mit riesigen Monstern im Königreich schon immer ein großer Erfolg waren, hatte sich die Gilde der Herolde und Lautsprecher bei ihren "Nachrichten" genannten Produktionen eigentlich darum bemüht, über dem Niveau von Horrormärchen und Räuberpistolen zu bleiben. Zwar gehörte die "Kirche der Angst" seit je zum Standardrepertoire der Politik - Untertanen, die sich nicht fürchteten, waren für die Herrschenden nur schwer zu steuern -, doch auf ein derartiges B-Picture-Level wie mit der Saga von der Monsterspinne Wladimir und ihrem Klon Donald war man lange nicht mehr gesunken.

Wie zu Hochzeiten der "Mc Carthy Ära" genannten Hexenjagd, als politische Paranoiker unter jedem Bett einen "Kommunisten" witterten und die "Qualitätspresse" genannten Lautsprecher komplett den Verstand verloren, spielten in diesem kranken Zirkus auch jetzt wieder alle mit.

Doch anders als damals wollten sich im ganzen Königreich außer ein paar russophoben Hysterikern und den unter chronischer Spinnenangst Leidenden niemand mehr wirklich fürchten. Zum einen, weil die Leute andere und näher liegende Sorgen und Ängsten hatten, und zum anderen, weil die Gilde der Herolde und Lautsprecher ihr Monopol auf die Deutungshoheit verloren hatte und das Publikum sich anderweitig mit Nachrichten versorgte. Und so auch schon vor Jahren erfahren hatte, was der mutige Ed, der die geheimen Werkzeuge der unsichtbaren Meister der Intelligence enthüllt hatte, aller Welt mitteilte: "Wenn ich an meinem Schreibtisch saß und eine private Postadresse hatte, konnte ich jeden abhören, von deinem Buchhalter bis zu einem Bundesrichter oder den König selbst."

Wenn also ein kleiner Angestellter der Meister wie der junge Ed mit einem Knopfdruck jeden Menschen im Königreich belauschen und seine Post abzapfen konnte - wie wahrscheinlich ist es dann, dass von den 60.000 Lauschern und Spionen der Meister keiner mal schnell auf den Knopf drückte, als der Irre mit der Eichhörnchenfrisur der prädestinierten Thronfolgerin Hillary im Wahlkampf gefährlich wurde ?

Es ist so unwahrscheinlich, dass König Obama gar keine explizite Anweisung geben musste, es geschehen zu lassen - um dann, kurz vor seinem Abgang, noch eine kleine Zeitbombe zu hinterlassen. Mit einem Dekret, dass die 17 geheimen Agenturen der Meister der Intelligence ab sofort ihre Informationen unter einander weitergeben dürfen, was bis dahin streng untersagt war. Und prompt dazu führte, dass die abgehörten Gespräche von Donalds Sicherheitschef General Flynn bekannt wurden und er zum Rücktritt gezwungen wurde.

Und so wird es weitergehen mit den Lecks aus den Tiefen des Königreichs, bis Donald freiwillig oder unfreiwillig den Thron räumt. Soeben hat der Gründer des Wachhundevereins "Judicial Watch" Klage eingereicht, die Beweise seines Klienten zu sichten, der für die Meister der Intelligence gearbeitet und ihnen 47 "Festplatten" genannte Datenspeicher entwendet hatte. Beweise, die angeblich dokumentieren, wen die Meister alles abgehört haben: den Vorsitzenden des höchsten Gerichtshofs, 156 Richter sowie zahlreiche prominente Geschäftsleute, darunter auch einen bekannten Baulöwen namens Donald.

Dass es bis heute keinen Beweis gibt, wer die Post von Hillary und in ihrer Parteizentrale gestohlen hat, sondern nur die Behauptung einer privaten "Sicherheitsfirma"; dass die Polizei diese Einbrüche nie untersucht hat und sich nur auf diese Behauptung verlässt, dass auch die Meister der Intelligence absolut nichts vorzuweisen haben, was den Postdiebstahl und den Einfluss des Ultrabösen auf Donalds Wahlsieg belegt... all das hat die Herolde und Lautsprecher bekanntlich seit Monaten nicht abgehalten, die faktenfreien Gerüchte in Endlosschleife als "Nachrichten" zu senden.

Während Donald nach kaum zwei Monaten schon als "Lügenkönig" in die Geschichte eingegangen ist, haben die Lautsprecher, die "Mainstreammedien" genannt werden, das postfaktische Zeitalter damit definitiv eingeläutet. Und so kam es, dass nahezu das gesamte Königreich in einen Zustand der "kognitiven Dissonanz" gestürzt wurde.

Wer in die so bezeichnete Gemütslage gerät, reagiert reflexartig immer auf dieselbe Weise: durch das Ausblenden sämtlicher Fakten, die seine fundamentalen Überzeugungen ins Wanken zu bringen drohen. So mussten die vollen Herzens von König Donald überzeugten Anhänger seit Monaten ausblenden, dass hier nicht ein Retter der Nation auf dem Thron sitzt, sondern ein eitler Milliardär und Dilettant für den in vielen Bereichen "Keine Ahnung - aber davon reichlich!" gilt - während die Anti-Donald-Fundamentalisten auf gar keinen Fall die Tatsache an sich heranlassen können, dass Donalds Pläne, neue Jobs ins Land zu holen und mit dem Ultrabösen "klar zu kommen", ja gar nicht verkehrt sind. Und lieber das Märchen von Wladimir als Tarantula ernst nehmen, als ihren Verstand einzuschalten.

Immerhin einen Rest davon hat sich das höchst seriöse Organ "Foreign Affairs" bewahrt, das für Außenpolitiker und Diplomaten zur Pflichtlektüre gehört und noch zu rationalen nüchternen Analysen fähig ist: "Seit 25 Jahren haben Demokraten und Republikaner auf eine Weise agiert, die für Moskau ziemlich gleich aussah. Washington betrieb eine Politik, die Moskaus Interessen (und manchmal auch internationale Gesetze) ignorierte, mit dem Ziel Moskau mit militärischen Allianzen und Handelsblockaden zu umzingeln. Es ist kein Wunder, dass Russland dagegen hält. Aber ein Wunder ist es, dass die politische Elite das nicht versteht, obwohl es scheinbar sogar der außenpolitische Neuling verstanden hat." (Mathias Bröckers)

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