Im Panoptikum des Datenkapitalismus

Bild: Bild: EFF/CC BY-2.0

Smarte Dinge, Social Scoring und Politik als soziale Physik

Würden alle Bundesbürger täglich beim Nachhausekommen ihren Briefkasten aufgebrochen, die Post geöffnet, in die Wohnung eingebrochen und alle Sachen durchwühlt vorfinden, es gäbe sofort einen gewaltigen (medialen) Aufschrei und massive Proteste. Im Reich des Digitalen ist Vergleichbares gängige Praxis, doch es regt sich so gut wie kein Widerstand. Denn das Eindringen staatlicher und privater Akteure in die Intim- und Privatsphäre geschieht dort unfühlbar und ungreifbar. Von wem man wie und warum gelesen, gespeichert, berechnet und gehandelt wird, bleibt im Ungefähren und Fernen.

Einer der größten Datenhändler Deutschlands ist die Firma Schober. In der Datenbank von Schober sind 50 Millionen Privatadressen mit jeweils hunderten Zusatzmerkmalen zu Konsumverhalten, der Wohn- und Lebenssituation und weiteren soziodemographischen Faktoren gespeichert. Mit diesen Daten wird der "Customer Lifetime Value" einer Person bestimmt, sprich deren Kreditwürdigkeit und Kaufkraft. Diese Kategorisierung nennt sich "Scoring" und ist mittlerweile ein Milliardengeschäft - allerdings ohne dass die Betroffenen daran mitverdienen würden beziehungsweise überhaupt nur eine Ahnung davon haben, dass dem so ist. Wie der grüne Politiker Malte Spitz in seinem Buch zum privaten wie staatlichen "Data-Mining"1 ausführt:

Jeder von uns hat einen solchen Score, ohne es zu wissen. Die Rechenverfahren dazu sind ein Geschäftsgeheimnis, das die Firmen für sich behalten dürfen, wie der Bundesgerichtshof im Januar 2014 geurteilt hat. Dabei entscheidet dieser Score-Wert wesentlich über unser Leben. Nicht etwa nur, wenn wir ein Haus oder ein Auto kaufen wollen. Schon wenn man bei einem Versandhaus bestellt oder einen Handyvertrag abschließen will, fragt die Gegenseite den Score ab.

Malte Spitz

Der Score hängt zudem nicht nur von der eigenen Bezahl- und Kredithistorie ab, sondern auch davon, wo man wohnt. Dieses Verfahren heißt "Geo-Scoring" und hat erhebliche Konsequenzen. Malte Spitz zitiert hierzu aus einem Gespräch mit Peter Schaar, dem ehemaligen Bundesbeauftragten für den Datenschutz:

Geo-Scoring führt zu einer Diskriminierung von Personen, die sich ohnehin in einer schwierigen Situation befinden. Braucht jemand aus einem weniger betuchten Umfeld einen Kredit, hat er wahrscheinlich einen sehr schlechten Score-Wert und muss dreimal so viel Zinsen bezahlen wie einer, der in einer Gegend mit solventerer Bevölkerung lebt und deshalb ein gutes Kreditrating hat. Das ist eine Art Selffulfilling Prophecy: Hätte er einen günstigen Zinssatz bekommen, hätte er den Kredit wahrscheinlich pünktlich bezahlt. So schafft er das möglicherweise nicht, gerät immer tiefer in die Schuldenkrise und hat keine Ahnung, dass das an einem Score-Wert liegt, von dem er noch nie was gehört hat und den er durch eigenes Verhalten kaum beeinflussen kann.

Malte Spitz

Dass dies wiederum zu weiteren sich selbst verstärkenden Effekten einer Ghettoisierung führen kann, liegt auf der Hand. Zumal dieses Prinzip nicht nur den Zinssatz von Krediten betrifft, sondern auch die Beitragshöhe von Versicherungen: Wer in einem weniger solventen Stadtteil wohnt, zahlt für eine Kfz- oder Hausratsversicherung eine höhere Prämie.

Und natürlich kann auf Grundlage der persönlichen Datenprofile auch die Werbung individuell angepasst werden. Die Acxiom Deutschland GmbH, eine Tochter der Acxiom Corporation, dem größten amerikanischen Datenhändler, kann laut eigenen Angaben für jeden Straßenabschnitt Deutschlands die Zugehörigkeit zu zehn unterschiedlichen Kulturkreisen ausweisen - mit Kategorien wie "außereuropäisch-islamisch, Spätaussiedler, Balkan oder afrikanisch/südlich der Sahara".2 Solche Informationen verkauft Axciom an Unternehmen, die gezieltes "Ethno-Marketing" betreiben wollen.

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