Im Rachen des Thesaurus

Beobachtungen zum Synonymwörterbuch von Microsoft

Alles fing damit an, dass ich im Büro an einem Text schrieb, in dem das Wort „dunkel“ vorkam. Ein „dunkler Bart“, um genau zu sein. Weiter oben saß bereits eine „dunkle Brille“ im Gesicht des Artikels. Ohne Zweifel war es zu dunkel. Da ich mein blaues, papierenes Synonymwörterbuch von Duden nicht zur Hand hatte, warf ich den virtuellen Thesaurus von Microsoft Office an, wie früher schon einige Male. Inzwischen war ich, ganz unverschuldet, bei Version 2007 angelangt. „Dunkel“ markieren, so dass es noch dunkler wurde, wie kurz vor Anbruch der Dämmerung. Zur Überprüfungsfunktion und zum Thesaurus. Rechts erschien eine Kaskade von Substantiven und Adjektiven. Ich scrollte und scrollte, und da war es: das Wort „negerfarbig“. Nie gehört. Nie gesehen. Nie für möglich gehalten.

Ich googelte und altavistate. An einer Hand abzählbare Treffer, in der Legendensammlung „Passional“ aus dem 13. Jahrhundert und bei Wilhelm von Humboldt ein paar Jahrhunderte später, in Brehms Tierleben (wo es über den amerikanischen Schieferaffen heißt: „die nackte Stelle am Schwanze und die Zunge sind negerfarbig, also bräunlichschwarz“) sowie in einem mysteriösen Forum und einem geschlossenen Blog. Da ich immer noch keinen Duden zur Hand hatte, ja überhaupt kein Wörterbuch, konnte ich das Wort nicht auf dem Papier suchen, das mir geduldiger und vertrauenswürdiger erschien. Ich beschloss, auf Entdeckungsreise in Word zu gehen, wie die inneren und äußeren Entdecker, die Wilhelms und Alexanders.

Aber wo anfangen und wohin sich wenden? Die Welt ist so groß wie ihre Entdecker, und unsere Sprache ist es auch. Sollte ich eine Systematik entwickeln und in ihren Schubladen kramen? Oder assoziativ von Begriff zu Begriff hüpfen, dem Hypertext angemessen, der der Thesaurus auch war? Für wen wollte ich meine Beobachtungen aufschreiben? Für interessierte Leser aller Art oder für womöglich uninteressierte, aber überkritische Wissenschaftler? Die Entscheidung war getroffen. Einfach mal machen. Erkenntnisgewinn stellt sich von selbst ein.

Ich erinnerte mich daran, dass ich den virtuellen Thesaurus nicht allein für die Überarbeitung von Texten, sondern ebenso in der Hochschullehre eingesetzt hatte. Ich dozierte im technischen Bereich und in der Literatur- und Sprachwissenschaft. Dem erstaunten studentischen Publikum führte ich vor, welche Synonyme Microsoft für „Mädchen“ kannte: „Fräulein, Besen, Kind, Bluse, Biene …“. Spätestens an dieser Stelle begannen alle zu lachen. Ich bildete angeberische Beispielsätze wie „Die Mädchen fielen über mich her.“ Mit Bienen ergab sich ein völlig anderes Bild, in dem ich einen eher jämmerlichen Anblick bot.

Ein Synonymwörterbuch muss möglichst viele Wörter für einen Austausch anbieten. Schon beim „Mädchen“ war mir aber aufgefallen, dass die Programmierer des Thesaurus bis in die äußersten Randbereiche der Sprache vorgedrungen waren. „Fratz“, hieß es da weiter, „Jungfrau, Ricke, Käfer“. Käfer? Nun ja, warum nicht, wenn bereits die Bienen summten. Und weiter: „Maid, Pflänzchen“. Ich hatte gehört, dass in Sachsen die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen, aber dass sie selbst die Bäume oder vielmehr die Sprösslinge waren, hatte sich mir verborgen. Obwohl, die „Sprösslinge“ passten ja soweit … Und schließlich: „Püppchen, Bub“. Ach nein, „Bub“ war bereits ein Antonym. „Der Bub spielte mit dem Püppchen.“ Bis dieses ihm eine Ohrfeige verpasste.

Meiner assoziativen Methode folgend, griff ich das „Kind“ heraus. Hier wurde es schon viel komplizierter. Es gab mehrere Rubriken, nämlich „Unschuld, Trabant, Nachkomme, Baby“. Mit der „Unschuld“ konnte ich wenig anfangen. „Trabant“ war faszinierend, enthielt aber nur die zwei Wörter „Kind“ und „Trabant“. Dass „Kind“ das Synonym für „Kind“ war, leuchtete mir unmittelbar ein. Der „Trabant“ kreiste das Wort ein und entfernte sich zugleich davon. Die Kategorie „Nachkomme“ war sauber durchdekliniert, vom „Sprössling“ (aha!) bis zum „Erbe“. Das „Baby“ krabbelte zum Spiegel und erblickte neben einigen bekannten Menschenarten den seltenen „Hemdenmatz“ und das rare „Wiegenkind“, aber auch das beliebte „Nesthäkchen“. Daneben Besonderheiten wie „Bambino“ und „Infant“. Hatten vielleicht italienische Auswanderer, die in Deutschland eingewandert waren und nun in die USA … Keine Ahnung. „Infant“ wollte ich, wie andere Begriffe, später nachschlagen.

Das Erbe hat mich seit jeher interessiert, als Wort und Bedeutung. Der Thesaurus machte das Wort noch interessanter und spaltete es in „Erbgut“ und „bekomme“ auf. Die substantivische Kategorie kannte das „Erbgut“, den „Besitzer“ und die „Erbmasse“. Mir persönlich fielen noch zahlreiche andere nahe liegende Begriffe ein, natürlich die „Erbschaft“, aber auch der „Nachlass“. Leider nichts davon in dem elektronischen Buch mit sieben Siegeln (man gelangt über „Erbschaft“ zu „Erbe“, nur eben nicht umgekehrt). Die Rubrik der Verben – „Erbe“ wurde als 1. Person Singular identifiziert – kannte Begriffe wie „bekomme“, „empfange“ und „erlange“. In der Tat, wenn ich meinen Großvater beerbe, bekomme ich etwas von ihm. Als Antonyme wurden u.a. „vererbe“ und „vermache“ angegeben. Auch das ist nicht falsch: Der Großvater vererbt, der Enkel erbt. Ein schönes Antonym wäre auch „zahle Erbschaftssteuer“, doch so weit (und so deutsch) dachte das Wörterbuch nicht.

Die „Erbmasse“ führte mich zum „Erbe“ zurück, aber auch weiter zum „Genotyp“, zur „Anlage“ und zum „Idioplasma“. Letzteres Wort, das ich bisher nicht gekannt hatte, sicher aus reiner Unwissenheit auf diesem Gebiet, war eine Sackgasse; ich konnte es durch sich selbst oder wieder durch „Erbmasse“ ersetzen. Zeit, leicht irritiert und schwer atmend auszuruhen.

Ich war mit wenigen Sätzen vom „Mädchen“ zum „Idioplasma“ gelangt. Der Thesaurus verweigerte sich im Naheliegenden, eroberte aber das Exotische. Er war selbst, wie ich, ein Entdecker. Und manchmal schien er Wörter zu entdecken, die es gar nicht gab. Freilich hatte ich noch keinen Beweis dafür, denn nach wie vor mangelte es mir an einem Thesaurus aus Fleisch und Blut. Aber allein die Tatsache, dass ein Textverarbeitungsprogramm einige Textstücke produzierte, denen ich in 40 Jahren nicht begegnet war, ließ mich schaudern.

Ich befand mich unmittelbar vor dem Rachen des elektronischen Thesaurus. Er spuckte Wörter aus, die die Welt noch nicht gesehen hatte. Sie blieben auf dieser kleben und machten sie fremd. Auch die Kategorien, die von einem Begriff abgeleitet wurden, waren mitunter verblüffend. Und verblüffend war wiederum, was sie enthielten. Der Sprung von einem Substantiv zum Verb oder zum Adjektiv ließ sich nicht vermeiden. Der Thesaurus war wie ein Hund von geringem Verstand, der sich brav hinsetzte, wenn man begeistert ausrief: „Dies ist ein schöner Platz!“ Er reagierte auf die Gestalt eines einzelnen Worts. Und der „Platz“ konnte ein Ort sein, aber auch ein Befehl. Ja, wenn er nicht nur das Wort, sondern darüber hinaus den Satz um das Wort herum erfassen würde! Aber die Sätze bleiben den klügeren Tieren und den Menschen vorbehalten.

Ich hatte bei dem Mädchen angefangen und wollte nun gendergerecht den Jungen mitnehmen, der sich als Antonym in der Nähe getummelt hatte. Der Thesaurus unterschied feinsinnig in die Rubriken „Buben“, „Buben“ und „Buben“ sowie „flegelhaften“, „blutjungen“ und „werfen“. Das erste „Buben“ war als Plural gemeint, das zweite als Singular, das dritte als Genitiv. Die Phantasie der Techis ging bei den Jungen längst nicht so weit wie bei den Mädchen. „Bengel, Burschen, Jüngling, Kerl“ – dazu brauche ich doch kein Synonymwörterbuch. „Flegelhaften“ war spannend, da es Adjektive und das Wort „halbwüchsigen“ enthielt. So wurden Zusammenhänge deutlich und Wahrheiten offenkundig.

Die weitere Rubrik mit dem Adjektiv „blutjungen“ wartete mit Vorschlägen wie „jugendfrischen“ (selten), „kindischen“ (unpassend), „kindlichen“ (passend) und „mädchenhaften“ (im Kontext irritierend, aber passend) auf. Ebenfalls beim Weiblichen landete man in der Kategorie „werfen“ mit den Wörtern „entbinden“ und „zur Welt bringen“. Man könnte also sagen, dass die Katze, die eigentlich bloß jungen wollte, zu ihrem Leidwesen entbunden wurde. Ich sprang weiter, vom „Bengel“ zum „Frechdachs, Strick, Dreikäsehoch, Laffe, Fant und Gelbschnabel“, und geriet in einen regelrechten Wortrausch.

Was war ich doch für ein nüchternes „Müttersöhnchen“ – auch dieses gehörte zum Angebot – gewesen, als ich nur den „Grünschnabel“ gekannt hatte! Vom „Gelbschnabel“ hopste ich – über die Kategorie „Rowdy“ (aha!) – zum „Luder“ (oho!), vom „Luder“ geriet ich direktemang zum „Aas“, einmal im Singular und einmal im Plural. Der Singular war eine Endstation im doppelten Sinne, wo ein „Kadaver“, eine „Tierleiche“ und „faulendes Fleisch“ herumlagen.

Der Rausch ist vorbei, der „Kater“ (Rubriken „Tiere“, „Nachwirkungen“ und „Nachwehen“) da. Ich bin daheim und umgeben von Büchern. Ich nehme die Duden aus dem Regal, doppelt hält besser, das gelbe „Deutsche Universalwörterbuch“ und das blaue Werk „Die sinn- und sachverwandten Wörter“. Ein „Gelbschnabel“ ist in ihnen nicht zu finden (wohl aber im notfallmäßig und online herbeigezogenen „Deutschen Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm, einen jungen Menschen meinend, der den Rat der Alten verachtet). Der „Fant“ ist im Universalwörterbuch tatsächlich ein „junger, noch unerfahrener, unreifer Mensch“, der „Strick“ verweist im Synonymwörterbuch wahrhaftig auf „Junge“. Der „Infant“ ist zwar etymologisch ein Kind, ein Knabe oder ein Edelknabe, bedeutet aber heutzutage aus gelber Perspektive einen bestimmten Titel bzw. dessen Träger.

Mit blauen Augen ist eine „Bluse“ einfach eine Bluse, und mit dem „Besen“ reitet man eher zum Männlichen als zum Weiblichen hin: Verwiesen wird zunächst auf „Handfeger“, „Mop“ und „Staubsauger“, dann noch eindeutiger auf „Penis“ – und im Anschluss daran auf den Spruch „Ich fresse einen Besen, dass …“. Manche Wörter also veraltet, manche grenzwertig, manche falsch, manche Verbindungen nicht nachvollziehbar.

Mir fällt der Begriff „negerfarbig“ wieder ein. In Brehms Tierleben hatte es weiter geheißen: „Wir haben … bei diesen Affen nicht das sanfte Wesen bemerkt, welches Humboldt ihnen zuschreibt, fanden sie im Gegentheile bösartiger, frecher und unverschämter als alle übrigen Arten.“ Emsiges Blättern der Seiten und tiefes Bohren des Blicks. In keinem meiner schlauen Bücher werde ich fündig.

Was hat das zu bedeuten? Wird der Thesaurus wirklich, wie bösartig unterstellt, von Techis gemacht? Veranstalten die Programmierer (die der Thesaurus angeblich ebenso wenig kennt wie die Techis) etwa Saufgelage (die der Thesaurus humanistisch gebildet „Bacchanale“ nennt), bei denen aus eher humoristischer Bildung heraus Neologismen (im Thesaurus ganz korrekt „Wortneubildungen“) entstehen? Oder soll man nicht von schlechten Scherzen sprechen, sondern eben von (gefährlichen) Versuchen, die Welt neu zu benennen und alt zu deuten? Verschwindet im Rachen des Thesaurus nicht nur ein Teil der seriösen Sprachkunde, sondern auch ein Teil der aufgeklärten Gesellschaft? Das sind viele Fragen, auf die ich leider zu wenige Antworten habe. Was meinen Sie?

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