Im Reich des Silbernen Löwen

Durch die Wüste: Hadschi Halef Chrobog, Susanne von Arabien und wir

"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben..." - diese klassisch-romantische Erfahrung machten nun auch Jürgen Chrobog und Susanne Osthoff, schon vor den letzten Wochen bekannte Morgenlandversteher, stellvertretend für ihre ganze Nation. Mit höchst aufschlussreichen Folgen: Der Orient ist zwar faszinierend, als Ort eines anderen, gefährlicheren, abenteuerlicheren Lebens - nur mag das jetzt keiner den Beteiligten so recht gönnen. Stattdessen zeigt sich ein schon in der Debatte um die Hartz IV-Reformen beobachtbares Phänomen: Die deutsche Gesellschaft ist schnell bereit, Freiheiten zu opfern, es herrscht ein breiter Konsens, Menschen statt als Bürger in erster Linie als Kostgänger anzusehen.

"Nord und West und Süd zersplittern/ Throne bersten, Reiche zittern:/ Flüchte Du, im reinen Osten/ Patriarchenluft zu kosten..." Das Morgenland als Jungbrunnen und Ort individueller (Selbst-)Befreiung dominierte das Orient-Bild schon bei Johann Wolfgang von Goethe, der wie später auch Karl May, dort zwar nie persönlich war - doch sein Gedichtzyklus "Westöstlicher Diwan", für Germanisten vom Fach gar Ausdruck von Goethes "Scheherazadennatur" steht am Anfang des besonderen deutschen Orientverhältnisses, dessen neueste Blüten man dieser Tage im Zusammenhang mit den Entführungsfällen von Susanne Osthoff und der Familie Jürgen Chrobogs begegnen konnte.

"Es war hervorragend. Wir haben uns gut verstanden" meinte Magda Chrobog kurz nach Ende ihrer Entführung über das Verhältnis zu den Geiselnehmern. "Sehr, sehr großzügig" seien die Entführer gewesen - wie der Araber bekanntlich ist. Ihr Mann fügte hinzu, man sei "gut behandelt" worden, der Jemen sei ein "wunderbares Land", das er liebe. Und die Söhne erzählten von "interessanten Erfahrungen" und Gesprächen, von "Gastfreundschaft" war die Rede, nie, "zu keinem Zeitpunkt" habe man das Gefühl gehabt, "dass unser Leben in Gefahr ist", sagte Chrobog in einem Interview noch im Jemen. "Sogar mit den eigenen Handys" durfte die Familie telefonieren. Wenn man den Chrobogs im Fernsehen eine Weile so zuhörte, mochte man meinen, es könne einem eigentlich nichts Besseres passieren, als als Deutscher im Nahen Osten entführt zu werden - Kidnapping als erweiterter Abenteuerurlaub, power walking durch die Wüste, weiche Matratzen und freundliche Bewirtung inklusive. Und am Ende lässt sich das Ganze womöglich noch gut im TV, in Zeitungen und in Buchform vermarkten: "Meine Woche im Reich des Silbernen Löwen."

Nun ist es, da gibt es überhaupt keine Frage, der Familie Chrobog zu gönnen, dass die Entführung so angstfrei vonstatten ging und glimpflich endete. Doch bei näherer Betrachtung entpuppen sich die Berichte und Interviewfetzen, die in den letzten Wochen im Zusammenhang mit diesem Fall und zuvor mit der Entführung von Susanne Osthoff durch die deutschen Medien geistern, weniger als "objektive" Berichte, denn als eine Seite eines merkwürdig janusköpfigen, inhaltlich disparaten Orient-Diskurses.

Dessen eine Seite beginnt mit Goethe. Unvoreingenommen, in vieler Hinsicht idealisierend betrachtete er den Orient. Genau las er die Dichtung der Araber, fein säuberlich erklärte er die Unterschiede zwischen Kurden und Persern. Die arabisch-islamische Welt wird durch ihn vom schlechthin Anderen in etwas verwandelt, was Teil der europäischen Identität ist. "Herrlich ist der Orient/ Übers Mittelmeer gedrungen/ Nur wer Hafis liebt und kennt/ Weiß, was Calderon gesungen."

Als die Sonnenscheibe sich über dem Horizont zeigte, stiegen alle ab und warfen sich zur Erde, um das Morgengebet zu verrichten. Es war ein erhebender Anblick, diese Hunderte im Staube vor jenem Herrn liegen zu sehen, der heute noch einen Jeden von uns zu sich rufen konnte.

Karl May, "Durch die Wüste"

Popularisiert wurde derlei dann vor allem durch Karl May, mangels Realitätsschock durch größere deutsche Kolonien fast ohne Idealisierungseinbußen. Sein Morgenland ist ein Tagtraum aus den überladenen Salons der Belle Epoche, er besteht aus Wasserpfeifen und Wunderlampen, Haremsdamen und Hadschis, flatternden Burnussen, süßlich duftenden Basaren, bitterem, mit Kardamon gewürztem Kaffee und wilden Ritten über Salzwüsten, zwischen Sklavenkarawanen, fanatischen Derwischen und korrupten Beamten. Peter Scholl-Latour und Gerhard Konzelmann konnten hier ein knappes Jahrhundert später nahtlos anknüpfen, den Glanz Jerusalems, das jahrtausendealte Erbe des osmanischen Reiches und die Güte Saladins beschwören, und mit den Patriarchen von heute auf dem Perserteppich Tee trinken - "Glaube weit, eng der Gedanke" analysiert schon Goethe mit Scholl-Latourscher Schärfe. Oder Karl May, religionssoziologisch noch präziser: "Ma scha Allah kan wama lam jascha lam jekun - was Gott will, geschieht; was er nicht will, geschieht nicht! - - -"

Und noch Susanne Osthoff - "Will mich unter Hirten mischen/ An Oasen mich erfrischen" - entspricht, wenn sie sich offenbar im Irak heimischer fühlt, als in Bayern, diesem Bild vom guten Deutschen, der im wilden Orient erst zu sich selbst kommt. Auch die Chrobogs, so diagnostizierte einfühlsam die FAZ auf die nur rhetorische Frage "Muß man seine Ferien im Jemen verbringen?", brachen "in die Südwestecke Arabiens" auf, "um sich an den natürlichen und kulturellen Schönheiten dieses noch weitgehend archaischen Landes zu erfreuen." Welch alteuropäisches Gegenbild zum "westlichen Wohlstandsmenschen" (FAZ) mit seiner "Vollkaskomentalität" (Hobbysoziologe Jürgen Chrobog, noch vor seinem Jemen-Urlaub)!

Für die deutschen Medienkonsumenten ergab der Fall gleich noch en passent Gelegenheit zu einigen ethnologischen Erkenntnissen. Die Bewohner des Jemen, so nochmal die FAZ, "müssen ... immer" dort leben. Immerhin haben sie Abwechslung, denn Leute entführen und als Geiseln halten, kommt "relativ häufig vor". Vielleicht, weil die Jemeniten "noch weitgehend in Stämmen organisiert sind." Und - "genau hier liegt der springende Punkt" -: "In der Stammesgesellschaft des Landes ist es noch immer schwer, das Rechts- und Gewaltmonopol des Staates durchzusetzen." Dolch im Gewande, Stammesstolz, traditionelle oder am religiösen Recht orientierte Regeln und so - "Dies gehört mit zum Hintergrund" der geschehenden Geschichte. Wer dahin geht, freiwillig, dem mag man Realitätsferne und Leichtsinn, "irrealen Idealismus" vielleicht vorwerfen. Aber auch Offenheit und Neugier, der romantische Wille eines Eichendorffschen Taugenichts, es genau wissen zu wollen und die Welt zu erkennen.

Das dies kein rein ästhetisches Streben ist, dass ein stärkerer, man möchte fast sagen faustischer Wille zur Erkenntnis und eine historische Mission hinter solchem Treiben steht, dazu sei noch der große Hans Magnus Enzensberger zitiert, der schon im vorigen Jahrtausend den entscheidenden Satz in den Sand meißelte:

Von seinen Erfahrungen her dürfte kein Volk so qualifiziert sein wie das deutsche, das zu verstehen, was heute in der arabischen Welt geschieht. Hans Magnus Enzensberger, "Hitlers Wiedergänger", Der Spiegel, 04.02.1991

Den gegenläufigen Diskurs repräsentiert vor allem der Umgang mit Susanne Osthoff. Wer sich zu sehr und in der falschen Weise, womöglich gar mit falscher Gesinnung für das Fremde im Allgemeinen und den Orient im Besonderen interessiert, wird von der öffentlichen Meinungspolizei in Gewahrsam genommen und erntet beleidigte und enttäuschte Reaktionen (vgl. "Verstehen Sie?"): Sie ist keine von uns. Dabei geht es gar nicht so sehr um den zugegeben bizarren TV-Auftritt im "Heute Journal", als um die Tatsache, dass Osthoff offenbar ihre Landsleute nicht so liebt, wie diese glauben, das erwarten zu dürfen, dass sie keine "gute", sprich heimatliebende Deutsche ist, sondern statt bei Aldi zu jobben, gern und möglichst schnell in den Irak zurück will, dass sie Muslimin ist und keine "aufgeklärte" Westlerin, und dass sie - in Deutschland besonders schlimm - keine "gute Mutter" ist, sondern ihre Tochter in einem Internat aufwachsen lässt.

Weil Osthoff sich ein wenig wunderlich gebärdet und nicht jenen Verhaltensklischees entspricht, die man von soeben befreiten Geiseln erwartet, weil sie sich nicht von "Kerner" interviewen lässt, weil sie anstrengend ist, abgehackt und in manchmal unzusammenhängenden Sätzen spricht und auf die Frage "Wie geht es Ihnen?" nicht wie jeder normale Mensch, zumal im deutschen Fernsehen, "Super!" oder zumindest "Gut" antwortet, sondern "Schlecht", wo sie doch gerade "von uns" befreit wurde, wo "wir" alle doch mit ihr gebangt haben, möchte man, nach den schweren Stunden, die man da daheim vor dem Fernseher verbringen musste, bitteschön die Steuergelder zurück, die das alles gekostet hat. "Geiz ist geil!" - das gilt auch hier. Am meisten hat man dabei offenbar Angst davor, Osthoff könnte gar in den Irak zurückkehren. Was das wohl erst kosten könnte! Da sieht sogar die einst liberale ZEIT die "Grenzen der Fürsorgepflicht des Staates" erreicht. Glücklicherweise ist das alles nicht so einfach. Glücklicherweise gibt es eine grundrechtlich verankerte Reisefreiheit aller Bürger. Glücklicherweise können weder Staat, noch Mehrheitsgesellschaft von ihnen Unbequemen Wohlverhalten fordern. Noch nicht einmal Loyalität. Das Grundgesetz verpflichtet den Staat zum Schutz seiner Bürger, auch dann, wenn sie nicht den mehrheitlich geteilten Verhaltensnormen entsprechen.

Unausgesprochen steht hinter alldem die Formel "Selber schuld!". Und wer selber schuld ist, dem muss der Staat nicht helfen. Das verbindet nun den Fall Osthoff mit den Hartz IV-Reformen: In beiden Fällen geht es darum, dass die Freiheit des Einzelnen, Fehler zu machen, "selber schuld" zu sein, nicht mehr schutzwürdig sein soll. Wer Fehler macht, hat sie auch auszubaden. Nur die wenigen Klugen unter den Neoliberalen erkennen, dass damit zugleich auch das von ihnen so geschätzte Risiko und der Mut, etwas zu unternehmen, nicht mehr als schutzwürdig gelten. Das Vertrauen in die Sekurität der Verhältnisse ist genau die Voraussetzung für individuellen Mut. Wo jedes kleine Ausscheren aus dem Mainstream aber schon mit der Strafe des Todes bedroht ist, unter den Bedingungen des universalen Bürgerkriegs, da werden alle Menschen zu Feiglingen. Aber dass einer Fehler macht und machen darf, macht ihn erst zum Menschen. So sind es gerade die Feigen, die beispielhaft im Fall Osthoff den Rückzug des Staates aus der Verantwortung fordern. Auf Solidarität kann dann keiner hoffen, wenn er aus dem Gleis schert.

Von "Vollkaskomentalität" kann man in diesem Zusammenhang mit guten Gründen sprechen, allerdings nicht im Sinne von Jürgen Chrobog, der diese kurz vor seiner Entführung in Interviews kritisiert hat - in Bezug auf Susanne Osthoff. Diese Sicht definiert den Bürger statt als Inhaber von Rechten als Kostgänger des Staates, der nichts für diesen leistet, sich "immer wieder in Gefahr begibt", und "allgemein eine Rundumversicherung des Staates" erwartet. Dass Chrobog bald darauf selbst zu so einem Kostgänger wurde, gibt all dem zwar eine ironische Note. Doch in vorauseilendem Gehorsam bot Chrobog kurz nach Rückkehr an sich "in angemessener Weise an den Kosten zu beteiligen" - ein guter Bürger des neoliberal entkernten Staates. Dabei herrscht "Vollkaskomentalität" eher bei jenen, die immer zuhause bleiben, die allenfalls das Risiko eines Mallorca-Urlaubs auf sich nehmen, und sich dafür über all jene empören, die am Fernsehschirm ein wenig anders aussehen und auftreten, als sie.

Von Bürgerfreiheit bleibt da nicht viel übrig. Wirklich frei sein darf in Deutschland einstweilen nur der Künstler, alle anderen haben sich anzupassen. Aber zur Freiheit der Bürger gehört die Freiheit zur Gefahr, die Freiheit, sich selbst zu verwirklichen, die Freiheit sogar zur Dummheit. Keiner hat, da darf man sicher sein, unter ihrer Entführung mehr gelitten, als Susanne Osthoff selber. Und niemand Dritter hat das Recht, wie eine Mutter zum ungehörigen Kind zu sagen: "Selber schuld!"

Was verraten beide Diskurse zusammen nun über die bundesrepublikanische Gesellschaft? Zumindest dass ihr vor lauter Sicherheitsmentalität Toleranz, gelassene Großzügigkeit und nicht zuletzt der Sinn fürs Abenteuer abhanden gekommen sind. Ein anständiger deutscher Bürger fährt Weihnachten zur Familie oder in den Schwarzwald oder bestenfalls noch Ski in den Bergen. Aber doch nicht in die Wüste! Wenn sogar eine so bürgerlich anmutende Familie wie die Chrobogs ausgerechnet während des deutschen Weihnachtsfests der Heimat den Rücken kehrt und lieber in der schneefreien Wärme, in der Wüste der Beduinen feiert, als unterm Tannenbaum, dann kann es mit der von manchen behaupteten "Rückkehr der Bürgerlichkeit" (Paul Nolte) nicht wirklich weit her sein.

Eine Archäologin soll doch bitte in ihrer Bibliothek bleiben, eine Mutter gefälligst bei dem Kind. Und dem Staat, den Anweisungen der Botschaftsdiplomaten, die meist noch nicht mal die Landessprache beherrschen und den Internetwarnungen des Auswärtigen Amtes hat man als braver Michel natürlich Wort für Wort Folge zu leisten! Vor allem Osthoff hielt es da lieber mit dem von Karl May formulierten Muster:

Wer ein Land, ein Volk nicht nur oberflächlich kennen lernen, sondern wirklich studieren will, der muß trachten, ganz in diesem Volke aufzugehen und auf jedes Band, welches ihn davon abhält, verzichten können. Darum habe ich auf meinen Wanderungen stets die großen, ausgetretenen Straßen vermieden, allen hinderlichen europäischen Ballast von mir geworfen und mich auf mich selbst verlassen ... dann kommt man auch mit ganz anderen Erfolgen heim, als wenn man auf dem breiten, bequemen Wege derer reist, denen ihre reichen Mittel oder fürstliche Protektionen alle Pfade ebnen und alle Hindernisse beseitigen.

Das Abenteuer, anders gesagt wäre keines, hätte es nicht mit Risiko und Gefahr zu tun. Ob in Romanen oder im "richtigen Leben" - wenn Menschen aus ihrer alltäglichen friedlichen Sicherheitszusammenhängen in eine fremde, gefährliche Welt aufbrechen und dort allerlei (Lebens-)Gefahren gegen finstere Mächte zu bestehen haben, ist der Ausgang ungewiss. Zu Goethes Zeiten ist das alles bereits in Grimms Märchen "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen", angelegt: Ein verkappter Bildungsroman über einen vermeintlichen Dummkopf, der sich einfach nicht gruseln mag, obgleich ihm die Allianz aller Spießbürger suggeriert, das müsse er doch jetzt endlich tun. Eigentlich geht es, daran lässt das Märchen keinen Zweifel, ums "krümmen" und "abhobeln" des Einzelnen durch Familie, Kirche, Staat und Unterwelt. Auch Osthoff war ausgezogen, das Fürchten zu lernen

Wagen wir mal die Vermutung, dass hinter unserer postheroischen Feindschaft gegenüber dem Abenteuer noch eine zweite, tiefere Feindschaft steckt: die gegen das Glück selbst. Ob nun aus Missgunst, aus eigener gescheiterter Sehnsucht nach Reisen in die Ferne, zwei weitere Lieblingsschimpfworte der deutschen Gesellschaft werden hier zwischen den Zeilen aktuell: "Selbstverwirklichung" und, noch schlimmer: "Hedonismus". Beides, klar, ein Erbe der unseligen 68-er, die uns Deutschen den Mumm und die Arbeitswut ausgetrieben haben. Längst leistet sogar der einst von Arabern kolonisierte Spanier mehr als der Durchschnittsdeutsche, schafft die Siesta ab, wo sie in Mecklenburg-Vorpommern gerade eingeführt wird.

Doch Osthoff/Chrobog zeigen, dass der Hedonismus an der Angst der Mehrheitsgesellschaft scheitert. Die geizigen Antihedonisten gönnen ihren Nachbarn so wenig, wie sich selbst, schon gar keine Selbstverwirklichung. Das belegt unser Umgang mit den deutschen Nahost-Geiseln, das Geifern von Medien und Normalverbraucher über fehlende Vorsicht und Kosten für den Steuerzahler. Was wir aber, zum Tag der Heiligen Drei Könige und von den Morgenlandverstehern Chrobog und Osthoff lernen könnten, ist genau das: "Ich glaubte es wäre ein Abenteuer, aber in Wirklichkeit war es das Leben." (Joseph Conrad) (Rüdiger Suchsland)

Anzeige