Im Reich von Terrorex 04

Auf einer Messe in Sachen Homeland Security proben Militär und Geheimdienst den Ernstfall

Der Alptraum beginnt um 10.45 Ostküstenzeit: ein Frachtflugzeug, präpariert mit einer 'schmutzigen' Bombe, vernichtet das Kapitol. Die Mehrzahl der Abgeordneten, Senatoren und Kabinettmitglieder ist sofort tot, das Gelände radioaktiv verseucht. Kurz darauf wird die Zentrale des Geheimdienstes CIA vernichtet, und keiner weiß, ob der Präsident noch lebt. Und das ist erst der Anfang. Es folgen Anschläge auf Pipelines in Alaska, auf Chemiefabriken und Atomkraftwerke, auf Synagogen und Diskotheken. Das Szenario übertrifft die Attacken vom 11. September 2001 bei weitem, doch wie damals soll Osama bin Laden der Drahtzieher sein. Neu sind die zahlreichen weiblichen Attentäter und die Verwendung von Trucks als fahrende Bomben.

Hier werden die Regeln für die Simulation erklärt

Währenddessen im Krisenzentrum, wo alle Überlebenden von Rang und Namen versammelt sind. Über die Leinwand geistern Bilder vom Anschlag auf den Kongress. Vergeblich versuchen die Überlebenden, Kontakt aufzunehmen mit dem Präsidenten. Die Stimmung ist mehr als bedrückend, als der Verteidigungsminister die Rolle des Präsidenten übernimmt. Jetzt kommt es darauf an, die richtigen Entscheidungen zu treffen: Werden die Terroristen und Hintermänner nicht schnellstens gefasst, drohen weitere Anschläge.

Alle spielen mit

Wir befinden uns in den Klauen von Terrorex 04, einem Planspiel der besonderen Art. Veranstaltet von der US-Regierung für die US-Regierung. Als Teil einer Tagung in Sachen Homeland Security , zu deutsch Heimatschutz, an der Mitglieder von Geheimdiensten, Regierung und Militär, Wissenschaftler und Unternehmer teilnehmen. Und alle spielen mit. Selbst ausländische Journalisten, sofern sie darauf bestehen. Mehr als eine Rolle bei der örtlichen Polizei ist leider nicht drin. Man will sich nur begrenzt in die Karten sehen lassen.

Heimatschutz ist ein weites Feld, auf dem seit dem 11.9.2001 große und kleine Firmen ihr Glück versuchen. Es geht um Geld. Viel Geld. 31 Miliarden Dollar stehen dem 2003 gegründeten Heimatministerium allein in diesem Jahr zur Verfügung. Natürlich geht es auch um die Ehre, das eigene Land zu verteidigen. Aber Ehre allein macht nicht satt. Also präsentieren auf der dritten 'Regierungskonferenz zu neuen Technologien in Sachen Heimatschutz' [3rd Government Conference on Emerging Technologies - Partnerships for Homeland Security] über einhundert Firmen ihre Ideen und Produkte. Die Palette reicht von Netzwerksicherheit über Data-Mining bis hin zu Luftbildern. Schauplatz des Geschehens ist Las Vegas, wo zeitgleich die Consumer Electronics Show (CES stattfindet. Allerdings nimmt sich die Heimatschutz-Tagung mit ihren rund 1.000 Teilnehmern neben der CES und ihren weit über 100.000 Besuchern sehr bescheiden aus.

Ausmerzung und Einübung

Terrorex klingt in angelsächsischen Ohren nach einer Art Insektenspray, dabei signalisiert die Endsilbe '-ex' zweierlei: Ausmerzung und Einübung (exercise), wobei das eine aus dem anderen folgt. Hoffen zumindest die Veranstalter und Sponsoren. Ersonnen wurde die Simulation von Anti-Terror-Berater Russell Keat und dem Planspiel-Experten Carl Solomon, seines Zeichens technischer Direktor des Sponsors Boeing Advanced Information Systems (AIS), vormals Conquest und seit 2003 eine Tochter von Boeing, die nicht zuletzt Sicherheitstrainings für Fluggesellschaften anbietet.

Russ Keat, dem Hauptautor von Terrorex, geht es nicht um die Vorwegnahme realer Katastrophen, auch wenn er mit seinen Prognosen oft richtig lag, sondern um den Lerneffekt. Und um Kontakte: Die Mitspieler sollen untereinander Netzwerke bilden, damit sie im Ernstfall einen Ansprechpartner haben. Weil Kooperation der Schlüssel zum Erfolg ist. Seit dem 11.9. mischen in den Vereinigten Staaten so viele Organisationen im Heimatschutz mit, dass selbst ausgebuffte Agenten den Überblick verloren haben und froh sind über Vorträge wie den von William Spalding vom 2003 gegründeten Threat Terrorist Integration Center (TTIC), das nichts weiter zum Inhalt hat, als die eigene Behörde und insbesondere deren Zuständigkeiten zu erklären.

Der Zugang zur Konferenz selbst ist weitaus einfacher als erwartet. Keine Passkontrollen am Eingang, keine Sicherheitsschleuse, nicht einmal die Teilnehmerausweise werden inspiziert. Und das, obwohl kurz vor Weihnachten landesweit die Alarmstufe Orange ausgerufen worden war. Wobei die Namensschilder sowieso nicht viel beweisen, so ganz ohne Bild und Fingerabdruck. Man sei hier mehr oder weniger unter sich, sagen die Besucher, und ja, bei früheren Veranstaltungen sei etwas mehr kontrolliert worden. Das einzig sichtbare Zugeständnis an die erhöhte Sicherheitsstufe sind der Golfkriegs-Veteran Al und die auf Sprengstoffe spezialisierte Hündin Maly, die erst im Dezember aus dem Irak zurückgekehrt ist. Unablässig streifen sie durch die Gänge der Technologie-Ausstellung, stets beäugt von den Spielern. Könnte ja sein, dass die beiden Teil der Simulation sind. Möglich ist alles, sagen die Veranstalter - weshalb besonders paranoide Teilnehmer bei der Eröffnungsparty auf offene Getränke verzichten. Sicher ist sicher. Wer will schon an schnödem Spiel-Gift sterben und bei der täglichen Spiel-Pressekonferenz vom eigenen Tod erfahren?

Deckname 'Viva Las Vegas'

Einer der wenigen Nicht-Amerikaner auf der Messe ist Mark Pfeiffer. Die Firma des Deutsch-Österreichers ist spezialisiert auf Spracherkennung und steuert das entsprechende Tool zur Überwachung von Telefongesprächen für das Planspiel bei. Im Rahmen von Terrorex 04 spielt er zunächst einen Antiterrorspezialisten des BKA mit Kontakten zum MAD; später gibt er den Anwalt für ein Mitglied jener deutschen Terrorzelle, die Bombenanschläge auf diverse Schulen in Las Vegas verüben wollte. Deckname der Anschläge: 'Viva Las Vegas'. Nachdem er für seinen Mandanten "Gerhard" Immunität und Deportation im Gegenzug für die Preisgabe des Bombenverstecks ausgehandelt hat, gerät er selbst ins Visier der Fahnder. Denn Pfeiffer kennt nicht nur "one", den Initiator der Anschläge, sondern hat mit dessen Hilfe die Berliner Terrorzelle finanziert. Pfeiffer lockt "one" in eine Falle des FBI - er selbst landet in Guantánamo. Pfeiffer nimmt die drastische Wendung mit Humor: "Und da soll einer sagen, Anwälte kommen gut davon!"

Situation room: Alles was hochrangig ist und noch lebt, ist hier. Hinten der Einschlag einer schmutzigen Bombe in Form eines Frachtflugzeuges auf das Kapitol (in Farbe die Zugrichtung)

Um den Horizont der Teilnehmer zu erweitern, werden Feuerwehrleute zu CIA-Agenten gemacht und umgekehrt. Denn eines der größten Probleme der vielen Organisationen und Behörden, die sich landauf landab dem Kampf gegen Terror verschrieben haben, sind die so genannten unterschiedlichen Kulturen. So kann ein und dasselbe Wort bei der jeweiligen Organisationen seine je eigene Bedeutung haben. Bei den Rassenunruhen in Los Angeles im Jahr 1992 zum Beispiel wurde die örtliche Polizei von Marines unterstützt. An einer unübersichtlichen Stelle bat ein Polizist um Absicherung (cover), und der Marine erledigte das auf seine Weise: Er ballerte drauf los, um eventuelle Feinde in Schach zu halten. Der Polizist drehte fast durch, denn was er mit "Absicherung" gemeint hatte, war weitaus diskreter.

Ständig neue Katastrophenmeldungen

Die Tagung dauert zweieinhalb Tage, wobei die Nachmittage jeweils dem Planspiel gewidmet sind. Eine problematische Aufteilung, wie sich im Laufe der Zeit herausstellt: Großer Enthusiasmus am ersten Nachmittag und bei der anschließenden Presseerklärung des wiederaufgetauchten Spiel-Präsidenten, danach lässt die allgemeine Spielbereitschaft merklich nach. Generell gilt: Je geringer die praktische Erfahrung, desto größer der Frust. Im Reich von Terrorex 04 herrscht Chaos, ständig kommen neue Katastrophenmeldungen herein, wer jetzt nicht weiß, welche Behörde was leistet und wer in welcher Reihenfolge aktiv wird, verliert schnell den Anschluss.

Wer wollte, gab bei der Anmeldung seine Telefonnummer frei - um während der Simulation diverse Nachrichten zu empfangen. Allerdings notierten einige Spieler nicht ihre Mobilnummer, sondern vielmehr ihre geschäftliche oder gar private Nummer - mit dem Ergebnis, dass die Nachrichten über Anschläge auf Kongress, Pipelines und Synagogen nicht beim Spieler selbst, sondern bei Kollegen und Angehörigen landeten. Doch selbst wenn die Botschaften das Mobiltelefon erreichten, waren sie reichlich kryptisch, denn der Empfang im Tagungsbereich ist denkbar schlecht.

General Whelden in seiner Rolle als Präsident

Im Zweifelsfall hilft das Skript der so genannten Trusted Agents - der eingeweihten Mitspieler - weiter, in dem die für die jeweilige Gruppe relevanten Ereignisse verzeichnet sind. Wobei jede Entscheidung den weiteren Verlauf des Planspiels verändern kann: Wer seine Rettungsmannschaften nicht ausreichend absichert, verliert bei Folge-Anschlägen wertvolles Personal. Damit alle mitbekommen, was andernorts passiert ist, gibt es einmal am Tag eine Pressekonferenz. Leider hapert es mit den technischen Fähigkeiten der Spiel-Presse, so dass die Ansprache des Terrorex-Präsidenten nicht via TV übertragen wird, sondern vielmehr live stattfindet. Kein schlechter Ersatz, denn General a.D. Whelden ist sehr überzeugend.

Improvisation und grenzüberschreitendes Denken sind ausdrücklich erwünscht, doch unter Zeitdruck führt die Lizenz zur Grenzüberschreitung mitunter zu unschönen Szenen. So kommt es am letzten Abend nach langem Hin und Her und trotz schwerster Gewissensbisse seitens der Spieler bei der Befragung einer Hauptverdächtigen - verkörpert von Russ Keat - zum Einsatz der "Wahrheitsdroge" Natrium Pentathol. Im Spiel lohnt sich die umstrittene Aktion, denn auf diese Weise kann die Terroroperation "Viva Las Vegas" verhindert werden, bei der Selbstmordattentäter eine ganze Reihe von Schulen in die Luft sprengen wollten. Kurz nachdem Russ Keat den entscheidenden Hinweis gegeben hat, stürmen Sondereinheiten eine Suite im Luxushotel Bellagio am Strip von Las Vegas und verhaften 'Gerhard', der Auskunft gibt über das Bombenversteck, das echte IRA-Experten für Terrorex 04 präpariert haben.

Anschlag auf ein Atomkraftwerk in Kalifornien

Insgesamt ist die Bilanz der Spieler recht gut, denn sie konnten nicht nur die Operation 'Viva Las Vegas' vereiteln, sondern auch 'Big Mushroom', den Anschlag auf ein Atomkraftwerk in Kalifornien. Außerdem wurden die meisten Bösewichte verhaftet. Ungeklärt bleibt allerdings, wie es zu den Anschlägen auf Kongress, Senat und CIA kommen konnte. Beziehungsweise wird diese Frage gar nicht erst gestellt, weil sie den Rahmen dieser Simulation sprengen würde. Simuliert wurde eine Reihe verheerender Angriffe auf das US-amerikanische Festland, darunter auf eine Vielzahl so genannter 'soft targets', auf 'weiche Ziele' also, die nach landläufiger Auffassung nicht besonders gefährdet und darüber hinaus meist schwer zu überwachen sind. Einkaufszentren, Schulen und verkehrsreiche Kreuzungen zum Beispiel.

Selbstmordweste in der Bombenfabrik von "Gerhard", der im Bellagio von 4 FBI-Agenten wirklich festgenommen wurde und und in Handschellen gelegt wurde. Die Hündin Maly hatte den Sprengstoff entdeckt. "Gerhard" wurde überführt durch einen Anruf, den die Spracherkennungssoftware als verdächtig eingestuft hatte.

Auch wenn nicht alles perfekt war, verlässt Krisenmanager Russ Keat die Tagung mit einem neuen Gefühl der Sicherheit. Er ist mehr als zufrieden mit der Leistung der Spieler - er ist regelrecht dankbar. Die Erfahrungen aus dieser Simulation werden nicht nur in zukünftige Planspiele, sondern auch in reale Präventionsmaßnahmen einfließen. Am Ende lädt der Terrorex-Präsident alias General Whelden ein zur nächsten Tagung in Sachen Heimatschutz, die im Juni in Orlando, Florida, stattfindet. Im Gegensatz zur Wintertagung und ihrem Fokus auf neue Technologien liegt der Schwerpunkt der Sommertagung auf 'Information Sharing', dem Austausch von Informationen also. Auch Whelden will konkrete Vorschläge erarbeiten für die Zusammenarbeit der im Heimatschutz involvierten Behörden. Damit Szenarien wie die aus Terrorex 04 niemals Wirklichkeit werden. (Katja Schmid)

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