Im Schweinsgalopp von George Orwell zu George Bush II

Zum hundertsten Geburtstag von George Orwell

Orwell ist längst mehr als ein Schriftstellername. "Orwell" steht für Diktatur und Faschismus, für die durch und durch verlogene Repressionssprache totalitärer Staaten, die das Denken schon in den zur Verfügung stehenden Wörtern, Redewendungen und der Grammatik kontrollieren, für perfide Überwachungsinstrumentarien, die den privaten Raum demontieren und Menschen zur Duldungsstarre in Zwangsöffentlichkeiten verurteilen. "Orwell" wurde zum Synonym staatlicher Pervertierung, die gerade seit dem vermeintlichen Schicksalstag "Nine/Eleven" wieder besonders aktuell sein könnte, um die Handlungsweise eines provozierten, in viele Richtungen ausschlagenden Leviathan zu begreifen.

George Orwell (25. Juni 1903 - 21. Januar 1950) hat seit 1938, früher als viele westliche Intellektuelle, seine Anklagen gegen den Sowjetkommunismus als einer Herrschaft der Lügen erhoben. Doch Orwells Dystopie ist zumindest mehr als nur die literarisch-historische Abrechnung mit Stalinismus und Nationalsozialismus, KGB oder Gestapo. Redet Orwell zum Zeitpunkt der Niederschrift seines Romans "1984" im Jahre 1948 auch von unserer Gegenwart und von dem, was uns erst noch blüht?

Belege sind schnell bei der Hand. Wächst Europa nicht zu einem undemokratischen Moloch zusammen, dessen "Bürgerferne" ein Euphemismus für die völlig unkontrollierte Macht über den Wolken ist? Ist Bushs Terrorjäger-Amerika mit US-Justizminister John Ashcroft, der inzwischen mit dem Aliasnamen Minister of Fear gebrandet wurde, nicht bereits der Vorhof zu Orwells Ozeanien?

Spionagesatelliten, Überwachungskameras, totale Email-Kontrolle, hypertrophe Datenbanken mit privaten Daten präsentieren uns just das Instrumentarium in mindestens der Perfektion, die George Orwell für den "Big Brother" entwarf. Und ist nicht Guantánamo Bay eine sonnige Horror-Gefängnisinsel mit einem joycamp, das der "Große Bruder" und sein "Ministry of Love" nicht besser hätte entwerfen können? Menschen leben in relativer Isolationsfolter jenseits des Rechtsstaates, ohne geregeltes Verfahren und Rechtsschutz.

Aber so unwürdig wie kritikwürdig nicht nur dieser, sondern praktisch jeder Knast der demokratischen Gesellschaften auch ist: Diese suizidalen Sumpflandschaften bürgerlicher Freiheitsrechte und Menschenwürde beschreiben längst noch keine flächendeckende gesellschaftliche Wirklichkeit, sondern zunächst eben Exzesse einer vielleicht vorübergehenden Staatsparanoia. Aber gilt dann nicht gerade: "Wehret den Anfängen!"

Kassandrische Seher wie Reg Whitaker The End of Privacy: How Total Surveillance Is Becoming a Reality - nehmen jedenfalls schon das orwellianische Ende einer gläsernen Kontrollgesellschaft vorweg - ähnlich wie weiland der Seher Günther Anders, der angesichts der atomaren Bedrohungen seinen Zeitgenossen "Apokalypseblindheit" attestierte. Indes: Die Apokalypse blieb aus.

Aber wenn der poetisch talentierte Don Rumsfeld vom alten Europa spricht, ist das von der Diffamierung des "Altdenk" doch gar nicht so weit entfernt. Rumsfeld ist "secretary of defense". Im Blick auf den schneidigen Angriffskrieg im Irak ist das doch geradezu die klassische Weise des "Newspeak", die Fakten einer hämischen Sprachregelung, dem performativen Dauerwiderspruch eines kriegslüsternen Staates zu opfern. Arundhati Roy hatte dem selbsternannten Zivilisationsretter Bush II. vorgeworfen, eben diese Unsprache zu wählen, die sich in Orwells "Krieg ist Frieden" manifestiert.

Aber unsere staatliche "Newspeak", die ja auch im bundesrepublikanischen Reformoptimismus-Geschwafel ihre bislang eher zarten Knospen treibt, bestimmt längst nicht die alltäglichen Sprachcodes der Menschen. Orwells Prinzipien des Neusprache stoßen sich vor allem an der Unbotmäßigkeit der Sprache selbst, die bestimmte Perversionen nicht mitmacht, so sehr es auch "politisch korrekten" Präskriptoren angelegen sein mag. Orwell, der seit 1922 fünf Jahre lang als Polizeioffizier der britischen Krone Herrschaftserfahrungen vor Ort sammeln durfte, misstraute der Widerstandsfähigkeit der Sprache. Doch ist die Sprache nicht regelmäßig intelligenter, emanzipierter, gar anarchischer als ihre Sprecher und Verhunzer?

"Neusprache" erscheint heutzutage weniger als staatliche Verordnung denn als eine gesellschaftlich verbreitete Sprachpygmäenpraxis, die im kognitiven Elendsviertel von Pisa, Giga und "irgendwo" Gaga haust. Wenn etwa Jugendliche das Wort "krass" als konkurrenzloses Dauerattribut ihrer krassen Weltbeschreibung benötigen, ist das nicht nur "krass". Das ist der Ausweis der Armseligkeit einer Sprache, der jegliche Komplexität abhanden gekommen ist.

Doch weder können dafür allein staatliche Agenturen verantwortlich gemacht werden, noch bezeichnet das den kollektiven Standard vor dem endgültigen Sündenfall in die Sprachlosigkeit. Vor allem lässt sich die staatliche Dämlichkeit etwa in der Schulpolitik noch lange nicht mit dem "Dolus malus" des perfiden Big Brother verwechseln. Sind es nicht eher jene Leute, die "Nichts als die Wahrheit" verkünden, die gefährlichen Generalvereinfacher, einschaltquotenheischenden Dummschwätzer und Container-Persönlichkeiten (Panoptismus als Unterhaltung), die Gesellschaften etwas schlechter machen und leider gerade nicht auf die überfällige Zensur des Big Brother stoßen?

Und selbst wer die berüchtigte Kulturindustrie aus ihrem ideologischen Massengrab reanimieren will, verhilft damit noch nicht der "Denkpoli" (Gedankenpolizei) Orwells zur Wiedergeburt. Weder mit Wahrheitsdrogen und schon gar nicht mit Parteiprogrammen und -plakaten wäre es je gelungen, Gedanken dauerhaft so zu domestizieren, dass Menschen rückstandslos verblöden.

Nun kann man, wie es einige Adepten des orwellianischen Gesellschaftsbildes tun, George Orwell gegen den Strich seiner eigenen holzschnittartigen Karikaturen bürsten. Die Gedankenpolizei wäre nicht länger eine Agentur fieser Überwacher, sondern die Beschreibung eines Prinzips, die verlogenen Demokratien eignet. Sind die Basisideologie des gerechten Tauschs, das ungerechte Abstraktum "Geld", der menschenverachtende Markt der Weltwirtschaft nicht die neuen Agenten einer subtiler arbeitenden Gedankenpolizei, als sie Orwell beschrieb? Agent Smith ist ein Programm (Matrix Refused! Vulgo: Bestimmt das schnöde Sein das mehr oder minder unglückliche Bewusstsein?

Doch gerade wer solche spätmarxistischen Fragen noch stellen kann, widerstreitet sich selbst, weil sich das Denken eben nicht so einmachen lässt, dass 2 + 2 schließlich 5 ist. Gegenüber Orwells "Newspeak"- und Logikfolter-Vision gilt für die Sprache - nicht anders als für das Leben, wie es der Biologe im Jurassic Park feststellt -, dass sie sich schließlich doch ihren Weg bahnt.

Was ist etwa von der sozialistischen Witzsprache der DDR übrig geblieben? Selbst die Nazis, die Gustave le Bons "Psychologie der Massen" gut rezipiert hatten und die Klaviatur moderner Propagandatechnologien riefenstahlhart einzusetzen wussten, vermochten nicht, den Flüsterwitz und die politisch unkorrekte, also korrekte Bezeichnung gegenüber ihren Sprachregelungen endgültig zu unterdrücken. Unbeschadet des Wissens:

Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.

Victor Klemperer

Der Umstand, dass George Orwells plakative Antiutopie so immergrün erscheint, sollte uns etwas stutzig machen. Vielleicht ist dieser Kampf gegen die Herrschaftsideologie selbst die etwas zu wohlfeile Ideologie eines ehrenwerten, aber eindimensionalen Freiheitsmythos geworden.

Orwells Warnungen, wenn sie nur hinreichend allgemein bleiben, laufen doch selbst Gefahr, in die vereinfachenden Strickmuster von Gesellschaftstheorien zu verfallen, die alles und daher meistens nicht viel erklären. Das berüchtigte "Doppeldenk"-Prinzip etwa eignet sich letztlich nicht als reales Modell einer perfiden staatlichen Indoktrination. Menschen, die dauerhaft in eine solche "Doublebind"-Situation gerieten, ohne zwei sich ausschließenden Aussagen etwa metakommunikativ überprüfen zu können, würden schließlich eben doch nur verrückt. Solche hirnzerrütteten Staatskreaturen und Parteiroboter kann selbst eine veritable Diktatur dauerhaft nicht erfolgreich ausbeuten. Es sei denn, sie wäre heimlich wie der real virtuelle Sozialismus an ihrem Untergang interessiert.

Orwells Vision bleibt eine plakative Metapher, die in dem Versuch, die totale Manipulation des Menschen konkretistisch zu schildern, leicht darüber hinwegtäuscht, dass die Gefahren für die Freiheit viel subtiler, aber wohl auch fragiler angelegt sind. In demokratischen Gesellschaften werden Unfreiheiten geschickter verpackt, als es die vormaligen Lügenmeister des real nicht existierenden Sozialismus vermochten.

Zwar lässt sich der Antagonismus von Staat und Bürger, der dem Orwellschen Repressionsszenario zugrunde legt, nicht schlechterdings leugnen. Seitdem aber Staat und Gesellschaft in unabsehbare Bewegung geraten sind, folgen die Frontlinien in Gesellschaften längst nicht mehr nur diesem Mechanismus. Die Soziologie, übrigens nicht nur die Systemtheorie, hat die Perspektive des Subjekts (=Unterworfenen) ohnehin immer stärker angezweifelt oder gar völlig aufgegeben, um überhaupt erst plausible (Selbst)Beschreibungen von modernen Gesellschaften möglich zu machen. Die Antinomie "Freiheit versus Manipulation" greift dagegen zu kurz, um damit alle gesellschaftlichen Prozesse auszudeuten.

Gesellschaften und ihre Staaten bergen viele Probleme, die anderen Paradigmen folgen als der Abwehr staatlicher Eingriffe in die Privatsphäre. "Erlebnis-, Wissens- oder Risikogesellschaften", die mit unzähligen, oft unlösbar erscheinenden Problemen der Zukunftsplanung etwa in der Gentechnologie oder im IT-Bereich geschlagen sind, lassen sich nicht simplizistisch mit der Elle staatlicher Überwachungsgelüste begreifen. Längst hat sich der staatliche Überwachungsoptimismus nicht zu einem illuminierten System der Total information awareness (s.a. Totale Überwachung) verschworen, das es nach der Informationsparanoia von modernen Hexenjägern werden soll.

Was nicht ist, kann ja noch werden? Eher wohl nicht. In jeder allgegenwärtigen Informationsherrschaft stecken Dialektiken, die trotz expandierender Datenspeicher nicht aufgelöst werden können. Daten müssen erst zu Wissen umgewandelt werden und noch ist die Technologie nicht in der Lage, auch die repressive Totalauswertung dieser Daten zu gewährleisten.

"With terrorism you do not have the luxury of sometimes waiting to figure out if the guy is truly a terrorist", erklärte jüngst der amerikanische Staatsanwalt Eric M. Straus der New York Times gegenüber dem Vorwurf, dass auf Grund falscher Hinweise der amerikanischen Öffentlichkeit unschuldige Bürger verdächtigt und inhaftiert wurden. Das ist zwar schlimm, aber zeigt zugleich, welche Eseleien, die schließlich immer noch geeignet sind, Köpfe von Politikern rollen zu lassen, in dem Orwell-Fantasma "Total information awareness" stecken.

Mindestens ebenso läuft einer staatlichen Überwachungsherrschaft der Zuwachs an individuellen Herrschaftsmitteln zuwider, seitdem sich die vormals einseitigen Sender-Empfänger-Verhältnisse in verzwickte, wuchernde und häufig unbotmäßige Kommunikationsknoten verändert haben. Noch gibt es eine politische Netzkultur, die sich gegen Zentralisierung und Schnüffelpraktiken wehrt. Und selbst wenn die staatlichen Überwachungsmöglichkeiten noch besser werden, verändern sich - Fluch einer dialektischen Technik! - im Zweifel auch die Möglichkeiten, sich dem erfolgreich zu entziehen.

Diese zahlreichen Schwächen des "Big Brother" mögen die Visionen Orwells nicht völlig antiquiert erscheinen lassen. Orwell legte den Finger in eine Wunde des pervertierten Staates, ohne damit aber zugleich den literarischen Vorentwurf einer kompletten Gesellschaftstheorie oder künftiger Gesellschaften zu liefern. Solange es Leser von Telepolis gibt, vor allem die Dauerposter, deren Meinungskaskaden, Postings und Riposten jedem "Agent Smith" die Überwachung mächtig sauer machen, solange besteht doch noch ein wenig Hoffnung...

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