Im Stadion, um das Stadion und um das Stadion herum

Der Fußball als Hass- und Gewaltmaschine

Die APPD schlug einst die Einrichtung von Gewalterlebnisparks vor, Sonderzonen der Enthemmung, in denen die Testosteronvergifteten aller Couleur ihre Phantasien ausleben könnten. Die Fußballstadien haben längst diese Funktion übernommen, aber was dort an Hass zum Ausdruck kommt, steht mit dem gesellschaftlichen Umfeld in Wechselwirkung.

23.11.06: In Paris ereignet sich nach einem Spiel des israelischen Clubs Hapoel Tel Aviv gegen Paris St. Germain ein tödlicher Zwischenfall: Ein großer Mob von St. Germain-Anhängern bedrängt einen einzelnen Fan des Gegners. Man schreit rassistische, nationalistische und antisemitische Parolen. Ein dunkelhäutiger Zivilpolizist schreitet ein und verteidigt sich und den einzelnen Hapoel-Fan zunächst mit Tränengas. Als die beiden in ein McDonalds-Restaurant fliehen, folgt ihnen die aufgehetzte Meute nach, und zu guter Letzt kann sich der Polizist nur noch durch gezielte Schüsse aus seiner Dienstwaffe des Mobs erwehren. Ein Anhänger von St. Germain stirbt, ein anderer wird schwer verletzt.

26.9.06, Berlin. Während eines Kreisligaspiels zwischen den Klubs TuS Makkabi und VSG Altglienicke in Ostberlin kommt es zu antisemitischen Provokationen. Der Schiedsrichter hört und sieht nichts, in der 78. Minute verlassen die Spieler von TuS Makkabi schließlich das Feld. Selbst als sie vor dem Stadion in ihre Autos steigen wollen, werden sie weiter bedrängt und bedroht. Der VSG Altglienicke wird vor dem DFB-Sportgericht zu einer lächerlichen Strafe verurteilt, während man an dem passiven Schiedsrichter ein Exempel statuiert (lebenslängliche Sperre), und ihn dadurch allein für die Vorgänge verantwortlich macht (was er nun einmal nicht ist).

Als im April 2006 der Chemnitzer FC gegen St. Pauli antritt, erklingt der beinahe schon traditionelle Schlachtruf: "Eine U-Bahn bauen wir, von St. Pauli bis nach Auschwitz", die Tumulte während des Spiels halten auch danach im Umfeld des Stadions noch an. Die Fans von Dynamo Dresden werden regelmäßig von der Gegenseite als "Juden" mit der Vernichtung bedroht. Manche der Dresdner Fans selbst sind auch nicht besser.

An jedem Spieltag müssen sich dunkelhäutige Fußballspieler aller Ligen Beleidigungen anhören, ob in Ost- oder in Westdeutschland. Vereine mit einer Geschichte, in der hier und da auch Juden vorkommen, wie z.B. Ajax Amsterdam oder Tottenham Hotspur werden als "Judenklubs" stigmatisiert.

Ein italienischer Spieler begrüßt seine Anhänger mit ausgestrecktem rechtem Arm.

Während der Fußball-WM jagt der "entspannte" spaßnationalistische Volksmob nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft Italiener durch die Fußgängerzonen. Im alten jüdischen Viertel Roms tauchen nach dem Finalsieg der Italiener Hakenkreuze an den Wänden auf.

Rassenwahn und Faschismus feiern im Zusammenhang mit dem europäischen Fußball ein fröhliches und bisweilen blutiges Comeback.

Antworten auf solche Fragen haben immer ein Element der Spekulation an sich. Aber zumindest kann man festhalten, dass der Fußball das Kampfspiel Europas ist. Er ist der patentierte Wanderzirkus der kämpferischen Erregung, das liegt an den Zutaten für das Kochrezept: große Menschenmassen, ein Antagonismus auf dem Spielfeld, der je ernster genommen wird, je zufälliger er konstruiert ist, aufgepeitschte Emotionen und viel, viel Testosteron in der Luft.

Die römischen Kaiser gaben den Massen Brot und Spiele als Ventil, im modernen Europa gibt es Bier und Fußball. Dass die Lizenz zum Dampfablassen dann als Aufruf zum Abfeiern männlicher Gewaltrituale begriffen wird, kann bei einer nüchternen Betrachtung nicht verwundern. Dass Faschismus, Rassismus und Antisemitismus hier einen Nährboden finden, liegt leider ebenso nahe.

Sinnlos betrunkene Männer in großen Haufen, die nach einem Ventil für ihre Aggressionen suchen und auf dem Spielfeld den durch Regeln kaum gebändigten Sportkrieg als Lebensersatz vorgeführt bekommen, neigen in Europa offenbar zu solchen Haltungen. Überraschend ist nur, mit welchem Nachdruck sich der Wahn im Fußballstadion derzeit manifestiert. Zwei Faktoren sind dafür wahrscheinlich maßgebend. Einmal haben die Täter den Hass offenbar nötiger als bisher. Wie auch in der aktuellen Rechtsextremismus-Studie (PDF-Datei) der Friedrich Ebert-Stiftung deutlich wird, geht Faschismus zurzeit gar nicht so sehr von den sprichwörtlichen deklassierten Arbeitslosen aus, sondern kommt gut und gerne aus der gesellschaftlichen Mitte, die davor Angst hat, dass ihr die Deklassierung erst noch bevorsteht.

Damit soll ganz gewiss nicht gesagt sein, dass der Faschismus keine emotionalen und ideologischen Gründe abseits psychosozialer Gegebenheiten hat. Aber dass das Gefühl einer universalen verschärften Konkurrenz, die alles und alles bestimmt, die Bedrohten dazu einlädt, Opfer außerhalb ihrer peer groups zu suchen, ist plausibel. Da das Treten nach unten immer leichter fällt, müssen sich Außenseiter in solchen Situationen vorsehen. Es ist kein Zufall, dass der Antisemitismus in den Stadien plötzlich so wild aufschäumt, denn der "Jude" als der Außenseiter schlechthin wird besonders gern als Opfer gecastet.

Bemerkenswerterweise ist das unabhängig davon, ob auf dem Spielplatz, bei den gegnerischen Fans, oder sonstwie im aktuellen Zusammenhang überhaupt Juden anwesend sind - wenn keine Juden da sind, konstruiert man sie sich eben hin. Der zweite maßgebliche Faktor heißt: Erlaubnis. Weder auf dem Feld, noch in den Zuschauerrängen, noch in der Gesamtgesellschaft wird dem Problem übermäßige Aufmerksamkeit gewidmet. Das vielbeschriebene Nachlassen rassistischer Exzesse in der ersten und zweiten Bundesliga hat wie bekannt ja nur dazu geführt, dass der Zirkus in die unteren Ligen abgewandert ist, um sich dort erst so richtig breit zu machen.

Aus dem Fernsehen ist er weggeschminkt worden, aber in der Provinz blüht er auf. Studien wie die der Friedrich Ebert-Stiftung gibt es seit Jahren; seit Jahren werden die Ergebnisse mit rituellem Entsetzen wahrgenommen und dann vergessen. Aus all dem zieht der Fußballfaschist die vollkommen richtige Schlussfolgerung, dass sein Verhalten zumindest teilweise innerhalb seines Lieblingssports und in der Gesellschaft akzeptiert wird, was immer die ernsthaften Sportfunktionäre, Politiker, Soziologen und Jugendexperten in den Medien so von sich geben. Kommt dann noch eine regionale oder zumindest temporäre Hegemonie rechtsextremer Einstellungen hinzu, ist die Einladung an das Hasskasperle unwiderstehlich: Hier bist du Schwein, hier darfst du's sein.

Löblich sind die Initiativen, die auf diese explosive Lage seit Jahren hinweisen und die den allgegenwärtigen Tendenzen der Verharmlosung und Vertuschung etwas entgegenhalten. Man nehme nur die Aktion 3. Welt Saar, die zusammen mit dem Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) immer wieder klarmacht, dass zum Beispiel die "Uh-Uh-Uh"-Rufe, mit denen schwarze Spieler verhöhnt werden, eben keine gutmütige Folklore sind, sondern eine Spielart des rassistischen Pogroms.

Aber übersehen diese sinnvollen Initiativen nicht vielleicht etwas? Wollen sie nicht wahr haben, dass der Fußball selbst als "Theater der Grausamkeit" (A. Artaud) genau die Rolle spielt, die die Gesellschaft ihm zuweist? Dieses Theater der Grausamkeit ist das Selbstgespräch unserer Gesellschaft über die Gewalt, die sie für Andersartige bereit hält. Auf seiner Bühne entsteht immer neu die immergleiche Drohkulisse, die diesen Andersartigen entgegen gehalten wird. Fußball als gesellschaftliches Ereignis ist selbst das Problem in einer Gesellschaft, die Prügelknaben nötig hat. Gewalt gegen Ausgegrenzte braucht immer einen Ort, an dem sie sich reproduziert - und dass ihr das Fußball-Stadion als Spielplatz genommen wird, darauf braucht man nicht zu hoffen.

Kommentare lesen (84 Beiträge)
Anzeige