Im dunklen Schützengraben der Kulturfront

Zwischen der Rehabilitation des Hakenkreuzes, urwüchsigen Klängen und einer undogmatischen Studie über Neofolk

Mitte bis Ende der 1990er Jahre sorgten Berichte für Aufsehen, die sich faschistoiden Inhalten in den Musikstilen Gothic, Dark Wave und deren Quasi-Ableger Neofolk widmeten. Letztgenanntes firmiert auch unter den Label Apokalyptic Folk, beides umschreibt die Szene mit Begriffen wie "esoterischer Untergrund", "okkulturelle Musik", "urwüchsige Klänge" oder "naturbezogener Folk". Inhaltlich geht es um Heidentum, Antikapitalismus und -modernismus, Sozialdarwinismus, "nordische" Mythologie, Soldatentum, Untergangsstimmung und Eurozentrismus. Zwei Autoren aus dem Umfeld jener Szene wollten sich nun "umfassend und undogmatisch dem schwärzesten Kapitel des Musik-Undergrounds" (Verlagsinfo) annehmen. Heraus kam die über 500 Seiten lange Gegendarstellung an die Kritiker: "Looking for Europe".

Doch vorweg das Positive: Wer sich mit jenen Zirkeln beschäftigen will oder muss, dem liegt nun erstmals ein Nachschlagewerk mit Bildmaterial, Personenregister und einem Lexikon-ähnlichem Teil zu den Musikern, Bands und Projekten vor. Behandelt werden von Andreas Diesel und Dieter Gerten etwa umstrittene Bands wie Death In June, Blood Axis, Der Blutharsch oder "Strength Through Joy" (Kraft durch Freude).

Inhaltlich geht es dabei eher um deren musikalisches Schaffen – all das, was für Diskussionen sorgt, bleibt in diesem Teil eine Randnotiz. Kontroverser wird es erst, wenn das letzte Drittel des Buches beginnt. Hier wird die Diskussion um die Verherrlichung oder aber das "Aufdecken" der Gräuel und Mechanismen NS-Deutschlands im Rahmen jener musikalischen Kunstrichtung thematisiert. Die Ankündigung des Verlages, nicht nur Protagonisten der Szene, sondern auch deren Kritiker zu Wort kommen zu lassen, ist indes fast gescheitert: Es wird nahezu nicht angemessen oder nur unverständlich auf die Vielzahl der möglicherweise auch unberechtigten Kritikpunkte eingegangen; zudem kommen als Kritiker nur der Musikjournalist Martin Büsser und die Grufties gegen Rechts Kassel zu Wort.

Auffallend ist jedoch eines an der Argumentation der Protagonisten, der teils auch die Buchautoren folgen: Ähnlich wie Ernst Jünger, auf den sich neben dem Vordenker des Italofaschismus Julius Evola (Der Zauberer der schwarzen Scharen) so mancher im Neofolk beruft, sieht man sich als Elite, die sich durchaus mit eingangs erwähnten Themen beschäftigen dürfe und "natürlich" etwas gegen Rechtsextremisten und pöbelhafte Stiefelnazis habe. Wenn die Buchautoren also immer wieder betonen, die Neofolker seien keine Neonazis, dann zielt das leicht am ursprünglichen Vorwurf vorbei, der da war, die umstrittensten Vertreter seien teilweise in Anlehnung an die "Konservative Revolution" Teil der "Neuen Rechten", jener "nonkonformen" Frei- und Querdenker, die auch die "Denker" Jünger, Evola oder die Ästethik einer Leni Riefenstahl neben vielem anderen schätzen und zurücklotsen möchten in den kulturellen Tagesdiskurs. Das erinnert an die Rechtspostille Junge Freiheit (JF), die sich denn auch für Neofolk erwärmen kann.

Nicht verwunderlich dürfte es daher sein, dass der derzeitige Herausgeber der Musik- und Kulturzeitschrift Zinnober, Dominik Tischleder, zwar Probleme damit hat, mit Neonazis in einen Topf geworfen zu werden, indes keine darin sieht, dass JF-Autoren für ihn schreiben oder, wie in der aktuellen Ausgabe, der Vordenker der "Neuen Rechten", Alain De Benoist, interviewt wird. Tischleder befürchtet dessen ungeachtet viel mehr ein "Verwischen (...) der Grenzen" zwischen "diesem tölpelhaften braunen Bereich", nämlich dem Publikum des rechtsextremen Liedermachers Frank Rennicke und den elitären Zirkeln der Neofolk-Macher und -Fans. Erfrischend offen ist es in einer solchen Welt hehrer, sich teils dennoch widersprechender Philosophie, wenn der Ex-Chef von "Zinnober" und Gründer von dessen Vorläufer "Sigill", Stephan Pockrandt, in Interviewpassagen betont, er habe sich geändert und vertrete heute andere Ansichten. Das hindert ihn freilich nicht daran, ähnlich des Jargons der Stiefelnazis kritische Journalisten und Wissenschaftler "Antifaschos" zu nennen.

Es stehe "außer Frage, dass die Thematisierung des Nationalsozialismus und der Gebrauch entsprechender Symbolik im Rahmen von musikalischer Verarbeitung legitim ist, sofern die künstlerische Beschäftigung keine Bekehrung des Publikums zu entsprechenden Ideologien anstrebt oder an Gewaltaufrufe geknüpft ist: Beides kann für die in diesem Buch besprochenen Bands ausgeschlossen werden", schlussfolgern die Autoren auf Seite 407. "Death In June" mit einem Faible für die SA, die mit dem Symbol des SS-Totenkopfes für sich werben und in Militäruniformen auftreten, handeln also demnach legitim (vgl: Schwarzbraune Seelenfänger). Und der Kopf der Band "Blood Axis", Michael Moynihan, der in seinem Verlag den Ariosophen Karl Maria Wiligut verlegt, damit andere "aus erster Hand (...) erfahren" können, was der Antisemit damals so mitzuteilen hatte, auch (vgl. Hasse deinen nächsten, wie dich selbst). Zur Nutzung von Hakenkreuzen meint Moynihan:

Ich weiß nicht, ob es wirklich möglich ist, es gänzlich zu 'rehabilitieren', da es wegen der Ereignisse der Dreißiger und Vierziger nun ein so schweres Stigma trägt. (...) Das Hakenkreuz existiert seit vielen, vielen tausend Jahren und hatte immer Konnotationen der Heiligkeit, des Glücks und positiver Kräfte. Eine zwölfjährige Verbindung mit dem Dritten Reich löscht den Rest seiner Geschichte nicht aus, und ich weigere mich, Leuten zu glauben, die behaupten, dies sei der Fall.

Ein sehr hehres Ziel. Und auch wenn Moynihan aus den USA kommt, also nicht mit dem oft so genannten deutschen Schuldkomplex belastet ist – er dürfte wissen, dass Neonazis überall auf der Welt heute noch das Hakenkreuz-Banner schwenken, um dem Gedanken Ausdruck zu verleihen, dass Adolf Hitler jederzeit wieder belebt werden sollte...

Auch wenn man den Autoren von "Looking for Europe" zugute halten muss, dass sie sich bemüht haben, Interessenten eine Vielzahl von Materialien an die Hand zu geben. Das Buch riecht etwas danach – um im Bild Moynihans zu bleiben – als wollten sie jene über die Jahre teilweise umdenkenden, sich dann in Bezug auf frühere Aussagen sogar erheblich selbst widersprechenden Protagonisten des Neofolks, der Esoterik und der Verschwörungstheorien rehabilitieren. Denn oft versuchen sie darzustellen, was die Neofolk-Protagonisten sich in all dem Wust aus rational oft nicht wirklich begreifbaren Argumenten und Lobgesängen wohl gedacht haben. Den Kritikern, die sie einmal als solche aus "linksradikalen, namentlich antifaschistischen Kreisen" titulieren, geben sie indes selten genug Raum, so das unbedarfte Leser ohne Vorkenntnisse der jeweiligen Kritikpunkte (vgl: Schwarzbraune Seelenfänger; Raunende Runen) wohl nur zu einem Schluss kommen: die Neofolker haben irgendwie putzig einen an der Waffel, aber ihre Kritiker sind sträflich dumm. "Umfassend und undogmatisch" (Verlagsinfo) wäre anders gewesen.

Das Buch erscheint Mitte Oktober inklusive einer 4-CD-Box mit Bands der Szene, auch den umstrittensten. Andreas Diesel, Dieter Gerten: Looking for Europe – Neofolk und Hintergründe; Prophecy Productions, Zeltingen-Rachtig 2005. (Michael Klarmann)

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