Im selbstreferentiellen Zettelkasten

Letzte Gespräche mit dem Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann

Auf die Frage, ob die Bestandteile seines legendären Zettelkastens einfach so durchnummeriert seien, antwortete Niklas Luhmann im Radiogespräch mit Wolfgang Hagen: "Ja, dann gibt es also schon Clusterbildung und so etwas, aber im Prinzip ist es eine Unendlichkeit, die also nach innen, wenn man also, sagen wir mal, den Zettel 21/3a17 hat, dann kann man 18 machen oder man kann 17a machen und ..."

Ein schmaler Band, der soeben im "Kulturverlag Kadmos Berlin" erschienen ist, thematisiert nicht nur die eigenwilligen Arbeitsmethoden des 1998 verstorbenen Soziologen, sondern auch die großen Linien der Luhmannschen Medientheorie, politische Ansichten und persönliche Lebenserfahrungen. Das alles geschieht in durchaus ungewöhnlicher Form, denn das von Wolfgang Hagen herausgegebene Buch besteht lediglich aus zwei Radiogesprächen, einem Fernsehinterview und einer Diskussionsrunde, die Hagen mit Dirk Baecker und Norbert Bolz veranstaltete.

Trotzdem verläuft die Reise durch das gigantische, bisweilen etwas unübersichtliche Gedankengebäude ohne größere Zwischenfälle. Die Leser wandern mit dem Soziologen, der vom ostwestfälischen Bielefeld aus die wissenschaftliche Welt veränderte, in selbstreferentiellen Systemen und kommunikativen Labyrinthen umher, finden aber immer wieder auf den breitgetretenen Pfad der Massenmedien zurück, durch die wir bekanntlich alles über unsere Gesellschaft, "ja, über die Welt, in der wir leben, wissen".

Sie wohnen der Geburt der Luhmannschen Systemtheorie bei, die von manchen Beobachtern zweifelhafter Weise auf den Umstand zurückgeführt wird, dass ihr Entwickler in einem Kriegsgefangenenlager körperlich gezüchtigt wurde:

Von hier aus, von der Erfahrung aus, dass es Unordnung gibt, ließe sich die Herkunft der Systemtheorie aus dem Begehren ableiten, Ordnung zu schaffen.

Koschorke/Vismann: Widerstände der Systemtheorie: Kulturtheoretische Analysen zum Werk von Niklas Luhmann

Darüber hinaus kommt Luhmanns Verhältnis zur Studentenbewegung der späten 60er Jahre zur Sprache. Die Distanz zur Ordinarienuniversität habe er teilen können, erklärt der Professor gegenüber Wolfgang Hagen, trotzdem durchzieht seine Rückerinnerung ein tiefes Unbehagen in der Subkultur:

Aber das, was dann nachher mit Emanzipation ..., das war ja wirklich fast unerträglich, von der Benehmensseite her, aber auch von den vagen Vorstellungen, die sie hatten.

Diese Einschätzung offenbart ein grundlegendes Defizit, das die theoretischen Modelle Luhmanns seit jeher kennzeichnet und im Betrachter erhebliche Zweifel weckt, ob die Welt des 21. Jahrhunderts, die ganz offenkundig von präzise beschreibbaren Macht-, Erwerbs- und Gestaltungsinteressen dirigiert wird, noch als Nebeneinander autopoietischer Funktionssysteme begriffen werden kann. Wenn Luhmann gegen den Begriff der Ausbeutung polemisiert, weil beispielsweise in den Favelas "gar nichts auszubeuten ist", wenn er behauptet, die Ursachen für massenhaften Fernsehkonsum hätten "kein direktes gesellschaftliches Korrelat", oder vermutet, Werbung sei ohnehin wenig effektiv, weil man ein Auto schließlich doch bei der Firma kaufe, "die am nächsten zu meinem Wohnhaus ihre Werkstatt hat", droht der Akademiker, an den Klippen der Realität zu scheitern.

Denn selbst unter der Voraussetzung, dass es außerhalb der Gesellschaft keine kommunikative Position gibt, von der aus man über dieselbe reden könnte, und dass die modernen Massenmedien das kommunikative Zentrum dieser Gesellschaft darstellen, ergibt sich keine zwingende Notwendigkeit, amoralisch und gänzlich unkritisch auf die politischen, sozialen, kulturellen oder eben medialen Gegebenheiten zu reagieren. Zumal die Massenmedien selbst keine amorphen Funktionssysteme sind, sondern jederzeit zur Manipulation der Öffentlichkeit und zur Durchsetzung bestimmter Partikularinteressen missbraucht werden können.

In dem abschließenden Dreiergespräch mit dem schönen Titel "Über das Tempo der Massenmedien und die Langsamkeit ihrer Beobachter" findet der Medientheoretiker Norbert Bolz Luhmanns Ausführungen in dieser Frage folgerichtig "ein bisschen unterbelichtet". Wer die eine oder andere Luhmann-Bemerkung länger und von verschiedenen Seiten betrachtet, wird die sanftmütige Freundlichkeit der Bolzschen Charakteristik erst voll zu würdigen wissen:

Nein, also ich wüsste nicht, wie ich Kriterien finden könnte, die mir sagen, was gut für den Menschen ist und was nicht gut für den Menschen ist. Da bin ich zu individualistisch orientiert. Für den einen ist es gut, für den anderen ist es nicht gut, und das Ganze wird damit zurückgespielt auf eine Frage der Kommunikation: Was ist durchsetzbar, was ist nicht durchsetzbar, wer hat die Folgen zu tragen? Ich habe ... Ich meine, ich bin ja auch kein Psychologe, ich habe keine Vorstellung, wie man eine Theorie begründen könnte, die sagen würde: Fernsehkonsum ist aus diesen und diesen psychologischen Gründen ungesund oder was immer man da an negativen Urteilen formulieren kann.

Luhmann im Gespräch mit Hagen

Die titelgebende Frage, warum der große Theoretiker der Massenmedien selbst keinen Fernseher besitzt, wird unter diesen Gesichtspunkten ebenso nüchtern wie vorbehaltlos beantwortet:

Weil in den wenigen Momenten, wo ich Zeit habe, nie irgendwas kommt, was mich interessiert.

Aus der Perspektive selbstreferentieller Systeme ist diese Teilnahmslosigkeit schlüssig, bei der Suche nach Lösungen für die Probleme einer Gesellschaft, deren Kommunikationswege, Denkstrukturen und Emotionen von einer aggressiven, mit ethischen Grundsätzen nur lose verbundenen Medienmaschinerie dominiert werden, helfen sie freilich nicht weiter. Luhmanns vermeintliche Einsicht in die Funktionsweise der subjektlosen Systeme erscheint mitunter als modernisierte und intellektuell ausgefeilte Variante jenes bereits von Herbert Marcuse kritisierten eindimensionalen Denkens und Verhaltens, "worin Ideen, Bestrebungen und Ziele, die ihrem Inhalt nach das bestehende Universum von Sprache und Handeln transzendieren, entweder abgewehrt oder zu Begriffen dieses Universums herabgesetzt werden."

Der Publikation kommt so zweifellos das Verdienst zu, durch die geschickte Zusammenstellung der Beiträge auf engstem Raum auch die Bruchstellen in Luhmanns Denken offengelegt zu haben.

Wolfgang Hagen (Hg.): Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? Letzte Gespräche mit Niklas Luhmann, Kulturverlag Kadmos Berlin, 16,90 € (Thorsten Stegemann)

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