Immer mehr Zweifel am Selbstmord des Staatsanwalts

An Alberto Nismans Hand wurden keine Schmauchspuren gefunden - und die Tatwaffe war nicht seine

Am Sonntag wurde der argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman in seiner Wohnung erschossen aufgefunden - einen Tag, bevor er in einer nicht öffentlichen Parlamentssitzung seine Anklage gegen die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner begründen wollte, der er vorwarf, wegen eines Getreide-oder-Waffen-gegen-Öl-Geschäfts mit dem Iran die Ermittlung der Hintermänner eines Terroranschlags auf ein jüdisches Gemeindezentrum zu verhindern.

Sicherheitsstaatsekretär Sergio Berni hatte kurz nach dem Auffinden der Leiche verlautbart, es gebe keine Anzeichen für eine Fremdeinwirkung und Nisman habe sich selbst umgebracht. Parlamentsabgeordnete wie Cornelia Schmidt-Liermann zweifelten an dieser Selbstmordthese, weil der Jurist bis unmittelbar vor seinem Tod einen keineswegs depressiven Eindruck machte.

Solche Zweifel haben auch zehntausende einfache Argentinier, die in den letzten beiden Tagen mit Slogans "Yo soy Nisman" (Ich bin Nisman" - in Anspielung auf die Charlie-Hebdo-Solidaritätsschilder) und "Nisman es la víctima Nº 86" ("Nisman ist das 86. Opfer" - in Anspielung auf die 85 Toten des Terroranschlags von 1994) durch die Straßen zogen.

Yo-Soy-Nisman-Demonstration in Mar del Plata

Inzwischen werden die Zweifel durch forensische Ergebnisse unterfüttert: So wurden beispielsweise keine Schmauchspuren an Nismans Hand gefunden und bei der Kaliber-.22-Pistole der Marke Bersa, die man neben seiner Leiche fand, handelt es sich nicht - wie vorher angenommen - um Nismans angemeldete Privatwaffe.

Die Ermittler weisen allerdings darauf hin, dass die Schmauchspuren an Nismans Hand auch deshalb fehlen könnten, weil die entnommene Probe zu klein war. Und Cristina Fernández de Kirchner fragte sich öffentlich, ob es sich bei der .22er um die Waffe handeln könne, die dem gefährdeten Staatsanwalt angeblich am Samstag zu seiner eigenen Verteidigung zur Verfügung gestellt wurde.

Damit müssen sich die Ermittler jetzt ebenso beschäftigen wie mit Medienberichten, dass Nisman über gewissensgeplagte Geheimdienstmitarbeiter an Telefonatsinhalte gelangt sein soll, in denen Regierungsmitglieder darüber sprechen, dass man statt der vom Staatsanwalt ins Auge gefassten iranischen Politiker, Diplomaten und Geheimdienstler Rechtsextreme als Täter für die 1992 und 1994 durchgeführten Terroranschläge auf die israelische Botschaft und ein jüdisches Gemeindezentrum in Buenos Aires mit insgesamt 114 Toten präsentieren könnte.

In einem Telefonat soll Cristina Fernández de Kirchner ihren jüdischen Außenminister Hector Timerman explizit die Anweisung geben, neben den offiziellen diplomatischen Verhandlungen parallele Geheimgespräche mit dem Iran laufen zu lassen. Aufgrund dieses Materials soll Nisman letzte Woche einem Journalisten gesagt haben: "Egal ob ich da bin oder nicht - die Beweise sind auf jeden Fall da".

Abgeordnete der Regierungspartei kritisierten diese Berichte inzwischen als "Verschwörungstheorien", "groteske Geschichten", "fieberhafte Phantasien", "perverse Halluzinationen" und "Lügen". (Peter Mühlbauer)