Immobiliencrash auf europäischer Tagesordnung

Große französische Bank von der US-Immobilienkrise stark betroffen und die Europäische Zentralbank versucht, Finanzmärkte mit Rekordgeldspritze zu beruhigen

Warnungen vor dem anstehenden Crash des Immobilienmarkts gab es auch in Europa in den vergangenen Jahren (Spanien vor Immobiliencrash?). Inzwischen ist auch europäischen Finanzinstituten klar geworden, dass sich die platzende Immobilienblase in den USA (Spekulationsblase in den USA platzt) deutlich in Europa auswirken wird. Nachdem in den USA mit dem bankrotten US-Hypotheken-Finanzierer "American Home Mortgage Investment" erneut ein Opfer zu verzeichnen ist, zog die französische Großbank "BNP Paribas" die Notbremse. Die Europäische Zentralbank (EZB) half mit einer ungeahnten Spritze von fast 95 Milliarden Euro frischem Geld nach, um die Finanzmärkte zu beruhigen und eine Panik zu vermeiden.

Nun ist offensichtlich, dass die Immobilienkrise aus den USA nach Europa geschwappt ist und noch dazu einen Kernstaat trifft. Schon am 7. August hat die BNP Paribas sich dazu entschlossen, "vorübergehend" keine Rücknahme von Anteilen von Investmentfonds mehr vorzunehmen. Wegen mangelnder Zahlungsfähigkeit im amerikanischen Markt könne deren Fondswert nicht mehr berechnet werden, teilte die Bank gestern mit.

Es handelt sich zunächst um drei Fonds mit einem geschätzten Wert von etwa 1,6 Milliarden Euro: Parvest Dynamic ABS, BNP Paribas ABS Euribor und BNP Paribas ABS Eonic. Bei den Asset-Backed-Securities Fonds (ABS) handelt es sich um Fonds, die in Wertpapiere investieren, die wiederum durch Vermögenswerte abgesichert sind. Die Mitteilung der Bank ist einigermaßen dramatisch, denn es wird erklärt, in bestimmten Marktsegmenten auf dem US-Markt seien keine Transaktionen mehr möglich, weshalb praktisch die Aktiva dieser Fonds abgeschrieben werden müssten.

Nun wurde auch bekannt, dass es sich nicht um den einzigen Fall handelt. Auch die Düsseldorfer WestLB, die Deutsche Bank-Tochter DWS und die Privatbank Sal. Oppenheim sind betroffen. Sal. Oppenheim hat einen ABS- Fonds mit einem Volumen von 750 Millionen Euro geschlossen. Der Fond werde von der österreichischen Kapitalanlagegesellschaft Hypo KAG verwaltet, erklärte die Bank. Interessant an deren Aussagen war, dass sie angeblich nicht im amerikanischen Subprime-Markt investiert habe. Dieser Markt mit schlecht abgesicherten Immobilienkrediten wurde bisher als Krisensektor gewertet (Am amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt droht ein Desaster). Offensichtlich ist damit, dass große Teile des US-Finanzsektors von der platzenden Immobilienblase erfasst werden.

Dass der US-Hypotheken-Finanzierer American Home Mortgage Investment inzwischen Zahlungsunfähigkeit angemeldet hat, passt ins Bild. Denn die Firma gehört nicht zu den riskanten Kreditgebern. Aber auch sie wurde nun von Druckwelle der platzenden Immobilienblase zu Boden gerissen. Zunächst hatte die Firma am Freitag 90 Prozent ihrer fast 7500 Angestellten entlassen. Doch der Befreiungsschlag kam zu spät. Anfang der Woche musste die Firma aus Melville bei einem Gericht in Delaware Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts beantragen, was ihr eine grundsätzliche Sanierung erlaubt, während die Schulden nicht bedient werden müssen. American Home sieht sich als Opfer "außergewöhnlicher Verwerfungen", weil ihre Sicherheiten für frühere Hypothekar-Kredite durch den Preisverfall am US-Immobilienmarkt massiv entwertet wurden.

Die Firma ist ein Beispiel dafür, wie schnell der Absturz kommen kann, wenn man sich in großer Höhe am Abgrund bewegt. Sie gehörte zu den am schnellsten wachsenden US-Firmen für Hypothekenkredite und stand auf den Top 10 der Immobilienfinanzierer des Landes. Noch im erst Quartal dieses Jahres verzeichnete die Firma einen Zuwachs von 27,2 Prozent bei der Vergabe von Krediten im Vergleich zum Vorjahrjahreszeitraum.

Die Immobilienkrise wirkt sich, logischerweise, auch auf andere Zweige der Ökonomie aus, Spekulationsblasen gab es und gibt es nicht allein im Immobiliensektor (Überall Blasen). Direkt betroffen vom Immobiliencrash ist auch schon die große Baufirma Toll Brothers Inc.. Erwartet wird ein Umsatzeinbruch von 21%. Nach ersten Angaben hat die Baufirma bis zum 31. Juli nur noch 876,8 Millionen Euro eingenommen, im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch 1.108 Millionen. Seit Monaten gehe es mit dem Immobiliensektor bergab. "Und mit den Zweifeln, die sich um die Hypotheken ranken, können sich die Verkäufe von Häusern weiter verschlechtern, bis sich die Kreditmärkte wieder erholen". Diese noch recht positive Prognose gab Robert Toll, Präsident von Horsham ab. Entlassungen werden auch hier die Folge sein, die sich wieder negativ auf die Nachfrage auswirken werden und die Krise weiter antreiben werden.

Die Verwicklungen in den US-Markt sind aber nur ein Teil des Problems und machen lediglich schneller deutlich, dass die Immobilienkrise längst Europa erreicht hat. Die dauernden Anhebungen der Kreditzinsen durch die EZB haben längst für eine allgemein abnehmende Kauftätigkeit bei Immobilien geführt. Viele Wohnungen sind praktisch längst nicht mehr zu verkaufen (Spekulationsblase in den USA platzt). Solche oder ähnliche Entwicklungen gibt es in Spanien, Frankreich, Irland, Schweden, Holland und Portugal.

Das schreibt auch "Global Property Guide" auf ihren Webseiten. Die Firma ist auf Informationen über den weltweiten Immobilienmarkt spezialisiert und warnt vor "stagnierenden" Preisen. Allerdings darf den Analysten eine gewisse Betriebsblindheit bescheinigt werden. Ihre Zahlen sind noch immer zu positiv. Für Spanien gibt sie weiter einen Preisanstieg von 7,2 Prozent an. Das entspricht bestenfalls noch den Wunschvorstellungen der Klienten von Global Property Guide. basiert aber nicht auf tatsächlich realisierten Verkäufen. Denn faktisch sind die Preise für verkaufte Wohnungen in vielen Regionen schon zum Teil deutlich gefallen und die Zeiten für den Verkauf einer Wohnung werden immer länger.

Interessant ist deshalb an deren Aussagen eher, dass ein genereller Trend festgestellt wird. Dabei sei egal, wie die Verteilung zwischen Miet- oder Eigentumswohnungen im jeweiligen Land ist, selbst der jeweilige Lebensstandard spiele keine Rolle. In der Eurozone hätten sich die Preissteigerungen stark abgeschwächt: Spanien, Frankreich, Irland und Schweden (jeweils etwa 5 Prozent weniger), Griechenland sogar knapp 8 Prozent und in Portugal lägen die Preissteigerungen nun schon unter der Inflationsrate, während sie in Holland stagnierten.

Die Kaufkraft im jeweiligen Land wirkt sich dann nur darauf aus, wie stark die Krise auf die jeweilige nationale Ökonomie durchschlagen wird. So werden die Effekte in Frankreich deutlich schwächer ausfallen als beim Nachbar in Spanien. In Frankreich dürfen sich die Familien per Gesetz nur bis zu einem Drittel ihres Einkommens mit einem Immobilienkredit verschulden. Zudem werden meist über den gesamten Zeitraum feste, für die Familien gut zu kalkulierende Zinssätze vergeben. Ganz anders in Spanien, wo die Banken das Zinsrisiko voll auf die Kreditnehmer abwälzen dürfen und deshalb Rekordgewinne schreiben. Von dieser ständig kritisierten Politik haben auch die Sozialisten (PSOE) nach ihrem Wahlsieg 2004 keinen Abschied genommen (Verschulden auf Lebenszeit in Spanien).

Dass auch die Europäischen Zentralbank (EZB) inzwischen die Lage in der Eurozone als bedenklich einschätzt, hat sich nun gestern deutlich gezeigt. Sie hat zur größten Rettungsaktion der Finanzmärkte seit den Anschlägen vom 11. September 2001 angesetzt. Nachdem viele Banken sich aufgrund des unklaren Ausmaßes der Krise mit Geld eindeckten, um liquide zu bleiben, sah sich die EZB zum Handeln gezwungen. Sie pumpte in einer einzigartigen Aktion fast 95 Milliarden Euro an frischem Kapital in den Geldmarkt, um eine Panik zu vermeiden, welche die Situation drastisch verschlimmern würde. Befürchtet wird allgemein, dass noch viel mehr Banken von der US-Hypothekenkrise betroffen sind. Es ist ein Befreiungsschlag der EZB, nachdem man in Brüssel jahrelang dem Treiben im Immobiliensektor tatenlos zugeschaut hat. Ob das späte Eingreifen nun noch Wirkung zeigt, darf allerdings stark bezweifelt werden.

Update: Die Europäische Zentralbank hat heute erneut 61 Milliarden Euro in den Markt gepumpt. Der Dow J., der Nikkei-Index und der Dax sanken weiter ab, noch stärker der TecDax, besonders stark verlieren Bankenwerte. Begehrt sind derzeit festverzinsliche Wertpapiere.

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