Impfhoffnungen und Impfrisiken

Jens Spahn: "Das Impfen ist der Weg raus aus dieser Pandemie"

Es gibt Rekorde, die sind überflüssig. Am Freitag, weniger als eine Woche vor Weihnachten, meldete das Robert Koch-Institut (RKI) mit 33.777 coronapositiven Fällen einen neuen Tageshöchstwert seit Beginn der Pandemie. Die Zahl der gemeldeten Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 lag am Freitag bei 813.

Schon diese Zahlen machen deutlich: Der bereits Anfang November initiierte "softe" Lockdown hat nicht die gewünschte Wirkung entfaltet - jedenfalls, wenn die Messlatte eine Umkehr der Zahl der Ansteckungen war. "Das Virus bestraft Halbherzigkeit", hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Begründung der Einschränkungen Anfang November erklärt. Sechs Wochen später und fast 15.000 Tote später steht die Frage im Raum, ob die Bundesregierung nicht zu wenig beherzt zur Sache gegangen ist.

Um verlorene Zeit wett zu machen und sich der andauernden Bestrafung durch das Virus zu entziehen, muss nun schnell gehandelt werden. Nachdem die deutschen Behörden, wie auch die deutsche Bevölkerung sich womöglich zu halbherzig verhalten haben, liegt es nahe, die Hoffnung auf eine zügige Durchführung der Impfmaßnahmen zu setzen. Wenn die Menschen nicht so richtig können oder nicht so richtig wollen, wie sie könnten, dann müssen technologische Lösungen her.

"Das Impfen ist der Weg raus aus dieser Pandemie", erklärte Gesundheitsminister Jens Spahn am Freitag im Frühstücksfernsehen des ZDF. Man erlebe gerade, wie hart das Virus zuschlagen könne. Und nun habe man einen Impfstoff, "so schnell wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte", der an so vielen Probanden getestet worden sei, "wie selten ein Impfstoff zuvor". Dies biete Anlass zur begründeten Zuversicht.

Ähnlich zuversichtlich, aber vorsichtiger, hatte sich die World Health Organization (WHO) einige Tage zuvor geäußert. "Impfstoffe bedeuten nicht Null Covid", so Michael Ryan, einer der führenden Experten der WHO. Die neuen Impfstoffe und Impfungen seien ein sehr wirkmächtiges Werkzeug im zur Verfügung stehenden Instrumentarium. Doch für sich genommen würden sie die Pandemie nicht beenden. Impfstoffe müssten Teil einer gesundheitspolitischen Strategie sein. Gute Hygiene und das Verhalten der Menschen seien weiterhin sehr wichtig.

Absolut sichere Impfstoffe gibt es nicht. Jedes pharmazeutische Produkt hat unerwünschte Wirkungen, von geringfügigen oder seltenen Nebeneffekten bis zu sehr ernsthaften Konsequenzen. Die Anwendung eines Medikaments wie auch eines Impfstoffs unterliegt somit einer Kosten-Nutzen-Analyse derzufolge die positiven Effekte die Risiken weit überwiegen müssen.

Zu den denkbaren Nebenwirkungen der nun einsetzenden Impfungen zählt, dass die Politik bemüht sein könnte, von ihren Fehlleistungen abzulenken und den Eindruck zu vermitteln, dass die Pandemie schon gelaufen ist. (Thomas Schuster)