Impfpflicht garantiert Recht auf Gesundheit

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Jens Spahn greift auf Maßnahmen zurück, die lange Zeit Teil progressiver Bewegungen in aller Welt waren. Die Impfgegner stehen in einer langen rechten Tradition

Will jetzt nicht nur der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert, sondern auch der konservative Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ein Stück die DDR wiedereinführen? Schließlich setzt er sich für eine obligatorische Impfpflicht in Schulen, Kitas und Arztpraxen ein. Bei einer Weigerung sollen auch Sanktionen folgen.

"Sozialismus ist die beste Prophylaxe"

Damit greift er auf Maßnahmen zurück, die in der DDR bereits in den 1950er Jahren erfolgreich angewandt wurden. In einem "Zeitreise"-Beitrag des MDR hieß es:

Seit den 1950er-Jahren setzte die DDR eine gesetzliche Impfpflicht durch, die immer umfassender wurde: gegen Pocken, Kinderlähmung, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Tuberkulose und ab den 1970er-Jahren auch gegen die Masern. Empfohlen wurde, wie auch heutzutage, eine Grippe-Impfung. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr bekamen Heranwachsende insgesamt 20 Schutzimpfungen - staatlich verordnet.

Aus: MDR-Zeitreise

Dass die Kritik an Spahns Vorschlägen längst nicht so laut ist, wie die an Kühnert, dürfte auch daran liegen, dass sich die Ergebnisse der DDR-Impfpolitik sehen lassen können.

Die Erfolge der DDR-Impfprogramme waren enorm. Die Krankheitszahlen sanken rapide nach deren Einführung. Besonders spektakulär beim Kampf gegen die Kinderlähmung, zumal im Vergleich mit dem Westen. Während im individualisierten Westen 1960 noch Polio-Epidemien wüteten, war die zentral verwaltete DDR-Gesellschaft seit 1958 zu großen Teilen immunisiert gegen die Kinderlähmung.

Aus: MDR-Zeitreise

In dem MDR-Beitrag wurde noch einmal daran erinnert, dass der Kampf für eine möglichst flächendeckende Impfung und die Zurückdrängung von Krankheiten, die nach wissenschaftlichen Maßstäben verhinderbar sind, zum Programm vieler progressiver und linker Bewegungen überall auf der Welt gehörte. Mehr noch als in der DDR gehörten Massenimpfungen der Bevölkerung zu den ersten Maßnahmen in Nicaragua nach dem Sieg der sandinistischen Revolution 1979 und in Kuba nach 1959.

Die Impfkampagnen waren dort begleitet von einer Alphabetisierungskampagne, bei der den Menschen auch der Sinn und Zweck der Impfungen erklärt wurde. In jenen Zeiten hatte die Parole, "Sozialismus ist die beste Prophylaxe", mit der in der DDR die Impfpolitik beworben wurde, weltweit eine gewisse Glaubwürdigkeit. Es waren Regierungen mit sozialistischer Ausrichtung, so diffus die auch oft war, für die Impfung eine hohe Priorität hatten.

Recht auf Gesundheit

Es gab in vielen dieser Länder einen Run auf die Impfungen. Es gibt Fotos von Kindern, die sich auf die Impfungen vorbereiteten. Aber wir sehen auch sehr alte Menschen, die sich impfen ließen. Sie nahmen damit auch selbstbewusst ein Recht auf Gesundheit wahr.

Tatsächlich zeigten nicht nur die Statistiken in der DDR, dass durch die Impfungen viele auch lebensbedrohliche Erkrankungen massiv zurückgegangen sind und die Lebenserwartung der Menschen gesteigert wurde. Das war auch eine Klassenfrage.

Natürlich können Infektionskrankheiten theoretisch alle Menschen treffen. Praktisch waren und sind sie aber vor allen bei einkommensarmen Menschen oft schwerwiegender und könnten eher tödlich enden. Das liegt daran, dass sie sich nicht so teure medizinische Versorgung leisten können und durch ihre Lebensverhältnisse bei ihnen bestimmte Krankheiten schwerwiegendere Folgen haben können.

Es gab natürlich immer auch Gegner der Impfkampagnen, die teilweise mit religiösen Begründungen gegen die Impfungen agierten. In Nicaragua wurden Ärzte und Mitarbeiter der Impfkampagne von der rechten Kontrabewegung, die von den USA unterstützt, bewaffnet gegen die sandinistische Revolution kämpften, angegriffen und verletzt. Es gab damals von rechter Seite auch immer wieder Verschwörungstheorien gegen die Impfungen.

Rechte Anti-Impfkampagne hat eine lange Geschichte

Ihr wurde unterstellt, es gehe ihr nicht um den Schutz vor bestimmten Krankheiten, sondern um die Beeinflussung der Menschen. Diese Vorwürfe konnten nicht begründet werden, sie hatten aber den Zweck, Teile der Bevölkerung von Impfungen abzuhalten, indem diffuse Ängste verbreitet wurde.

In den 1980er und 1990er Jahren wurden diese rechten Kampagnen gegen die Impfpflicht klar als Strategie benannt, die Menschen in Abhängigkeit zu halten. Sie sollten nicht über ihren eigenen Körper entscheiden. Es wurde in diesen teilweise von klerikalen Kreisen gegen die Impfungen verbreiteten Propaganda davon gesprochen, dass es Sünde war, wenn Menschen die Ausbreitung bestimmter Krankheiten verhindern wollen und damit in das Wirken Gottes eingreifen.

Impfungen waren in diesem Sinne ein Stück Zivilisation, die den Menschen aus der Geworfenheit in die Natur oder deren Unterwerfung unter einen angeblichen göttlichen Willen teilweise befreit. An dieser reaktionären Kampagne gegen das Impfen knüpfen auch ihre heutigen Erben an.

In der Diskussion wird immer wieder auf Verschwörungstheorien gegen das Impfen verwiesen, die auch via Internet verbreitet werden. Doch es wird oft vergessen, dass die Kampagne gegen das Impfen viel älter als das Internet ist und sich einordnete in einen oft klerikal motivierten Kampf gegen progressive Regierungen in aller Welt, die das Impfen als Teil ihrer Politik eines Rechts auf Gesundheit für Alle ansahen.