"Impfung" gegen Krebs?

Labormaus vom Stamm C57BL/6. Symbolbild: Public Domain

Neue Behandlungsmethode lässt bei Mäusen auch Metastasen verschwinden

Ein Team um die an der Stanford University School of Medicine forschenden Mediziner Ronald Levy und Idit Sagiv-Barfi hat bei Experimenten mit Mäusen herausgefunden, dass die Injektion zweier immunstimulierender Mittel in einen Tumor T-Zellen so aktiviert, dass auch entfernte Metastasen eliminiert werden. Nun wird die Methode auch am Menschen getestet, wie die kalifornische Hochschule diese Woche bekannt gab.

Metastasen, die schwer zu finden sind, aber heimlich weiter wachsen, sind bislang das zentrale Problem bei der Krebsbehandlung. Chemotherapien mit Zytostatika sind hier nicht immer erfolgreich und haben so schwere Nebenwirkungen, dass viele Menschen Behandlungen abbrechen. Solche Nebenwirkungen würden bei der neuen Behandlung nicht auftreten, wenn sie auch bei Menschen funktioniert. Bei Mäusen funktioniert sie Levy und Sagiv-Barfi nach bei vielen verschiedenen Arten von Krebs, bei denen die Heilungschancen aktuell sehr unterschiedlich sind.

Begonnen wurden die Tierversuche mit Mäusen, die Lymphdrüsentumore auf zwei Seiten ihrer Körper hatten. In einen dieser Tumore injizierte man die beiden Mittel und stellte dabei fest, dass nicht nur dieses Geschwulst, sondern auch das in der anderen Körperhälfte schrumpfte. Auf diese Weise konnten 87 von 90 Testmäusen bereits beim ersten Versuch geheilt werden. Bei den drei übrigen, bei denen der Krebs nach der ersten Behandlung wieder auftrat, verschwand er nach einer zweiten.

Tierversuche mit Brust-, Darm- und Hautkrebs brachten ähnliche Ergebnisse. Sogar Mäuse, deren Erbgut man so verändert hatte, dass sie in allen zehn Zitzen Brustkrebs entwickeln, reagierten auf die Therapie. Weil die Behandlung der ersten erkrankten Zitze den Krebsausbruch an den anderen hemmte, stieg die Lebenserwartung der Tiere deutlich. Die Wissenschaftler hoffen deshalb, dass die Behandlung auch beim Menschen die Neuentstehung genetisch bedingter Tumore verhindern kann. Die Therapie wirkt aber nur auf Zellen des behandelten Krebstyps, wie Sagiv-Barfi herausfand, als sie einer Maus drei Tumore einpflanzte: Hier verschwanden nur die beiden behandelten Lymphdrüsentumore, aber ein Darmkrebs mit einem anderen unbehandelten Zelltyp wuchs ungehindert weiter.

Auch beim Menschen wird die Methode zuerst an 15 Lymphdrüsenkrebspatienten getestet. Von den beiden Mitteln, die die Mediziner einsetzen, ist eines bereits für die Humanbehandlung zugelassen; das andere wurde in mehreren klinischen Studien getestet, die nichts mit dem neuen Ansatz zu tun hatten: Das erste Mittel, ein CpG-Oligonukleotid bringt Immunzellen dazu, den Rezeptor OX40 auszubilden. Das zweite Mittel, das an diesen Rezeptor OX40 andockt, sorgt dafür, dass T-Zellen, die die Krebszellen erkennen, diese auch angreifen und sich dabei nicht von Abwehrmechanismen der Tumorzellen behindern lassen.

Levy gilt als Pionier der Immuntherapieforschung gegen Krebs. In seinem Labor wurde unter anderem das Medikament Rituximab entwickelt - einer der ersten monoklonalen Antikörper, die man für die Behandlung von Menschen zugelassen hat. Mit an der neuen Entdeckung beteiligt waren neben ihm und der in Israel geborenen Sagiv-Barfi die Onkologen Debra Czerwinski und Shoshana Levy, die Molekulardarstellungsforscherin Israt Alam, der Bioingenieur Aaron Mayer und der Radiologe Sanjiv Gambhir.

Eine andere vielversprechende Methode im Kampf gegen Krebs ist eine Gentherapie mit Schimärenantigenrezeptorzellen, so genannten "CAR-T-Zellen", die am 30. August 2017 in den USA zugelassen wurden (vgl. Genetisch manipulierte Immunzellen bekämpfen Krebs). Mit ihnen dürfen bislang jedoch nur Leukämiepatienten behandelt werden, die auf andere Behandlungen nicht ansprechen und deren Überlebenschance ohne die neue Therapie zwischen 16 und 30 Prozent liegen würde. Mit den CAR-T-Zellen, die der Pharmakonzern Novartis unter dem Handelsname Kymriah anbietet, soll sie auf 60 Prozent steigen.

In China arbeitet man währenddessen mit einer so genannten "Genschere" an einer neuen Methode, Speiseröhrenkrebs über Crispr-Cas9-Immunzellen zu bekämpfen. Die dazu verwendeten Cas9-Proteine werden Bakterien wie dem Staphylococcus aureus oder Streptococcus pyogenes entnommen (vgl. China auf der Überholspur bei klinischen Versuchen mit neuer Gentherapie?). (Peter Mühlbauer)

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