Impressionen von der Buchmesse 1999

Von der "Weltreligion" zur "Weltliteratur"

Da sind sie wieder, die Mahner, die Vor- und Nachdenker, die Beschreibenden, die Wächter, die Liebenden, die Unverstandenen, die Unglücklichen und die Unsterblichen. Zwischen Dilettanten und Genies, den sogenannten Prominenten und Unbekannten zeigt sogar ein unerschrockener Kreis seine neuesten Multimediaprodukte in Frankfurt. Die diesjährige Buchmesse schließt am 18. Oktober ihre Pforten und hat dann sechs Tage lang 90.000 Neuerscheinungen präsentiert. Zehn Jahre nach der Maueröffnung wurde das Partnerland Ungarn durch seine Präsentation mit dem Schwerpunktthema "Ungarn unbegrenzt" geehrt.

Die vielen kleinen und großen Götzen (Bücher) werden auf einer Messe präsentiert und einige wenige werden zelebriert. Alle sind Ausgeburten der Seele, sie haben Kraft gekostet und waren eigentlich doch nicht fertig geschrieben, denn man hätte noch so viel zu sagen gehabt. Eine Buchmesse hat nun die Aufgabe, diese geistigen Ergüsse der Öffentlichkeit vorzustellen. Weil sie ein paar wenige Obergötzen als Schreiberlinge hat, werden diese Lieblinge noch durch endlose Pressekonferenzen geschleppt und sollen von ihren Schmerzen, von ihrer Lebenskraft und Erfahrung berichten, um dann in die seit ewigen Zeiten gültigen Rituale zu verfallen, nämlich den anderen zu danken. Zu Dank sind sie alle verpflichtet, dem Herrn, der Familie und dem Lektorat für die individuelle Betreuung (war also doch ein ziemlicher Krampf). Nicht zu vergessen dem Verleger natürlich und der Fernsehanstalt, die schon immer ein solches Projekt durchführen wollten. Obwohl alles etwas ideologisch gefärbt klingt, ist es sicher ehrlich gemeint, aber nun soll endlich auch Geld verdient werden. Erfolg heißt die Faustformel und lässt sich auch so darstellen:

Ruhm und Ehre mal Enthüllung = Kapitalertrag bzw. Gewinnmaximierung
oder
Ruhm und Ehre plus Riesenwerbeetat = maximale Gewinnsteuerung

Die erste Formel trifft das links schlagende Herz oder die nun ausgekochte, blubb-suchende Exgattin eines Musikproduzenten. Für die zweite Formel steht u.a. Bertelsmann: als Globalplayer setzt der Verlag laut Focus für nur vier Autoren eine Werbekampagne im Wert von 2.5 Millionen Mark ein.

Ein Buch ist ein Buch und dazwischen sind Seiten mit Buchstaben oder Bildern, so könnte die pauschale Antwort lauten. Wenn doch alles so einfach zu klären wäre, wie es Bobby Brederlow mit dem Down-Syndrom tut, der seine einfachen, aber dennoch wahren und unumstößlichen Lebensweisheiten auf klare Nenner bringt. Er sagt einfach "Kaputt ist kaputt", wenn sein Bruder traurig über einen zerbrochenen Teller ist. Also, ein Buch ist ein Buch - Aber da gibt es dann große und kleine, gebundene und geklebte Bücher, einige mit Ledereinband und andere wiederum mit goldenen Lettern. Manche haben große Buchstaben, viele eher kleine, weil es sonst noch mehr Seiten geworden wären. Verzierungen und Verschnörkelungen aller Art teilen diese Bleiwüste - die schon längst digital geschrieben und gedruckt wird - in Abschnitte ein und verhelfen somit dem Leser zu einem weiteren sinnlichen Erlebnis. Mit Bildern und schwarzen oder bunten Zeichnungen soll die Fantasie entlastet werden, denn welcher Stadtmensch kennt schon eine Wiese mit kecken Gänseblümchen, die sich im ersten Morgenlicht erwartungsfroh den wärmenden Strahlen der Sonne entgegenstrecken?

Letztlich kommt es auf den Inhalt an, würden wahrlich alle Kritiker sagen, allen voran der skurrile Reich-Ranicki vom Literarischen Quartett. Launisch wie immer wird er die Modernen der heutigen Tage zerreißen, besonders wenn es sich wieder einmal um einen seiner vielen Erzfeinde handelt, wie den letzten Literatur-Nobelpreisträger des auslaufenden Millenniums Günter Grass. Man bescheinigt sich gegenseitig Größenwahn und erhält so auch seine Schlagzeilen.

Oskar Lafontaine behauptet nach seinem kurzentschlossenen Rücktritt zum Privatmann nun in voller Länge "Das Herz schlägt links", gräbt öffentlich in der Dreckkiste von Machtbeziehungen der Regierung und weiß hinterher natürlich, wie man eine kompromisslose und bessere Politik macht. Vom Inhalt her ein Selbstläufer, gilt hier dann noch die marxistische Erfolgsformel:

Provoziere einen Skandal (Expo lässt grüßen),
erzeuge Schlagzeilen durch intime Geheimnisse
oder Durchbrechen von Tabus
= werbefreie Gewinnmaximierung.

Manche haben aber auch Glück, sie werden vom mächtigsten Mann der Welt geschasst und dürfen nicht mehr offizielle Lehren verkünden. Sie werden freigestellt, entdecken nun alle Freiräume der Weltreligionen und suchen fortan den verbindenden Ethos aller religiösen Strömungen der Welt. Hans Küng begab sich auf Spurensuche und zeigt ab sofort im wahrsten Sinne multimedial wie sich "Die Weltreligionen auf den Weg" machen. Ab Sonntag 20.15 Uhr sendet 3SAT die gleichnamige siebenteilige Dokumentation beginnend mit den Traumpfaden der australischen Ureinwohner. Gleichzeitig erscheint das Buch beim Piper-Verlag und in Zusammenarbeit mit dem Schroedel-Verlag können Lehrer die dazugehörige CD-ROM und auch das Buch bestellen. Erst rund wird das Medienpaket, wenn man noch die dazugehörige Videoedition beim Komplett-Media GmbH-Verlag bestellt. Sensibel stellt Küng die drei großen Stromsysteme der Religionen vor und zeigt auf, ob sie wirklich als "unbewegt" und "unstimmig" aufzufassen und zu erleben sind. Untermalt von ergreifenden Bildern dokumentiert er ohne dogmatischen Anspruch auf Vollständigkeit. Er bezeichnet sein nun vorliegendes Werk als Teil seines Seins und wünscht sich nichts mehr als einen gemeinsamen Weltethos im friedlichen Dialog miteinander. So heißt es im Vorwort zusammenfassend:

Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.
Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.
Kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Maßstäbe.
Kein Überleben unseres Globus ohne ein globales Ethos, ein Weltethos.

Küng dankte noch seinen unermüdlichen Sekretärinnen, die seine von der Hand geschriebenen und dann diktierten Manuskripte in "unendlich vielen Fassungen immer wieder neu erstellt haben". Bei vielen Autoren klingt es idealtypisch so: "Seht her, ich begreife Schreiben noch als Handwerk". Scheinbar wird das Schreiben und Lesen von Büchern immer noch als das höchste Kulturgut des Menschen angesehen. Wer nichts liest und sein Wissen nur aus dem Fernsehen bezieht, gilt in dieser Welt eben noch immer als Kulturbanause. Wenn ein alter Stift oder die alte Schreibmaschine benutzt wird, dann erlebt man das Schreiben eben noch grundständig und nicht so verdeckt wie in diesen Kisten mit dem großen schwarzen Loch. Einmal in einem Computer abgespeichert und ausgeschaltet, muss eine Festplatte eine unsägliche Sogwirkung haben und stürzt eben ab und zu ab. Weltbewegendes könnte auf diese Weise verloren gehen. Andere sagen wiederum, am Bildschirm begänne man schneller zu schwafeln, weil das Umkopieren von Absätzen, die Verbesserung oder Ausbesserung kaum noch Arbeit verursacht. Beim Papierbeschreiben sei man konzentrierter und besänne sich auf das Wesentliche.

Wie auch immer, heutzutage kann jeder, der meint etwas zu sagen zu haben, auch Buchautor werden, denn mit ein paar Hundert Mark Einsatz legt man das fertige Manuskript auf den Server der digitalen Buchverlage und das jeweils bestellte Buch wird sogleich gedruckt und an den Kunden ausgeliefert. Books on Demand heißt diese neue Vertriebsform und soll natürlich nicht nur dem kleinen unbekannten Schreiberling zu Ruhm verhelfen, sondern in erster Linie den Verlagen Kosten ersparen. Digital kann man auch noch ein individuell zusammengestelltes Buch bestellen. Ein bisschen Kinderbuch, ein bisschen Roman und ein wenig Dokumentation und schon hat man sein Monatsbuch.

Lange angekündigt und in jeder Startrek-Serie zu sehen, sollen jetzt die elektronischen Bücher den deutschen Markt erobern. So wurden zwei neue US-Lesegeräte vorgestellt, die den digitalen Büchern zum Durchbruch verhelfen sollen. Noch gibt es nicht viele Titel, dennoch wurde bereits der erste Literaturpreis für ausschließlich für eBooks geschriebene Bücher von Microsoft ausgerufen. Die Wartezeit, bis die Geräte den deutschen Markt wirklich erreichen, kann man mit der Software für den Palm-PDA von Digibuch überbrücken und die ersten deutschen Titel bestellen. Auf Dauer werden sich hier aber nur Geräte durchsetzen, mit denen man mehr anstellen kann, als nur Bücher zu lesen.

Gesellschaftsforscher behaupten, ohne Bücher würde eine Gesellschaft untergehen. Entsprechend wird bei kulturellen Vergleichen zwischen Staaten auf die Lesegewohnheiten der Bevölkerung geachtet. Im Volksmund heißt es dann eher, der Trend gehe zum Zweitbuch. Seit einigen Jahren (1993) tummeln sich denn auch schon die Multimedia-Anbieter auf der Buchmesse und stellen die neusten Produkte vor. In erster Linie geht es den Herstellern dabei um die Möglichkeit, ihre Erzeugnisse im Buchhandel zu positionieren. Inzwischen scheint sich aber ein Trend abzuzeichnen, dass immer weniger Aussteller in der Electronic Media Halle vertreten sind. Und es sind nicht mehr nur die klassischen Verlage wie BHV, Cornelsen, MicroPress, Terzio, DataBecker, Tivola oder Systhema, sondern es gibt nunmehr auch Aussteller, die ausschließlich im Internet zu finden sind. Aus diesem Grund wurde noch der Themenschwerpunkt Buch@Internet angeboten.

Der Kampf "Buch gegen Software" ist längst ausgefochten, weil er überhaupt nicht stattfand. Modern aufbereitete Edu- und Infotainmentsoftware kann immer nur dann sinnvoll eingesetzt werden, wenn zum einen der Computer überhaupt vorhanden ist und zum anderen, wenn das Buch sinnvoll ergänzt werden kann. In nur wenigen Fällen kann die runde silberne Scheibe das Buch wirklich verdrängen.

Lernen soll in spielerischen Umgebungen Spaß machen. Entsprechend wurde auch der neue "Kinder-Software-Ratgeber 2000" von Thomas Feibel vorgelegt. In gewohnter und nicht immer geliebter Schnörkellosigkeit beschreibt er eine Unzahl von Programmen und vergibt Mäuse-Auszeichnungen. Neuaufgelegt wurde der Ratgeber "Lernen am Computer". Beides gibt es auch als CD-ROM-Ausgabe. Einen ungewöhnlichen Weg geht Tivola, hier liegen die ersten Bücher vor, die es vorher als Spiel- und Sachgeschichten auf CD-ROM gab.

Lebendig aufbereitete Informationen bieten einen interessanteren "Lese-, Seh- und Hörstoff" als reine Textinformationen. Durch Einbindung von Audio, Video, Bild und Grafik entsteht ein eigenständiges Produkt und hat mit dem klassischen Buch nichts mehr gemeinsam. In vielen dieser Infotainment-Programmen wird dem Betrachter die Welt erklärt oder Personen näher gebracht. Die Welt kann die Umwelt im Großen und Ganzen sein und wird oft als Lexikon präsentiert. Aber es finden sich auch wieder unzählige CD-ROMŽs aus der kindlichen bzw. kindgerechten Welt. Goethe steht auch im Goethe-Jahr an erster Stelle und wird wie im Buchbereich mit Gesamtwerkausgaben gewürdigt.

Eine wirkliche Bereicherung am persönlichen Computer sind die Lexika. Allen voran die Encarta von Microsoft, die durch den wachsenden Konkurrenzdruck inzwischen deutlich günstiger zu erwerben ist. Der Trend geht aber auch hier eindeutig ins Internet. So wurde auf der Buchmesse verkündet, dass es die große vierundzwanzigbändige Brockhaus-Enzyklopädie nie auf CD-ROM geben wird. Vielmehr ist ab Februar 2000 eine Internet-Ausgabe geplant.

Für den wahren Germanisten ist endlich Kindlers Neues Literatur Lexikon auf einer CD-ROM erschienen. Systhema zeigt ganz eindrucksvoll eine Leseprobe zum Roman "Die Blechtrommel" von Günter Grass. Diese ist nur eine von 18.000 Beiträgen zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur. Durch die umfangreichen Recherchemöglichkeiten wird diese CD-ROM neben der LexiROM 2000 zum wichtigsten Werkzeug für die schreibende Zunft. Laut Systhema entspricht sie inhaltlich der 21bändigen Studienausgabe des "Kindlers", die leider nicht mehr lieferbar ist. "Die Daten wurden speziell für die elektronische Ausgabe bearbeitet und aktualisiert". Hoffentlich wird noch ein Schulpreis ausgehandelt, denn dieses Standardwerk der Weltliteratur sollte unbedingt im Computerlaufwerk einer Schul- und Universitätsbibliothek liegen. Wünschenswert wäre ein Mehrfach-DVD-Player, damit man immer schnell Zugriff auf die wichtigsten CDŽs hat.

"Die Stiftung dient dem Frieden, der Menschlichkeit und der Verständigung der Völker. Dies geschieht durch die Verleihung des Friedenspreises an eine Persönlichkeit, die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedengedankens beigetragen hat", heißt es in der Präambel des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. Die diesjährige Auszeichnung des Friedenspreises ging an den Historiker Fritz Stern. Er hat "die stets umstrittene historische Präsenz der Juden in der deutschen Politik und Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft in seinem Lebenswerk ausgewogen dargestellt", so der Stiftungsrat in seiner Begründung zur Verleihung. (Gerald Jörns)

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