Imran Khan: Vom Sportidol zur Hoffnung Pakistans

Sonntags vor dem Mausoleum von Staatsgründer Jinnah. Foto: Gilbert Kolonko

In Pakistan ist Cricket Nationalsport und Spiegelbild eines Landes das in seiner 70-jährigen Geschichte mehr Tiefs als Hochs erlebt hat - So überrascht es nicht, dass augenblicklich ein ehemaliger Cricketstar als letzte politische Hoffnung gilt

Sonntagmorgen in Lahore auf der Mall-Road: Es knallt! Ein trudelndes Motorrad kommt ins Blickfeld, dessen Fahrer beide Arme von sich gestreckt hat - dahinter rollt ein kleiner weißer Ball. Kurz darauf stürzt das "Paar" zur Seite. Sofort rennen Jugendliche von allen Seiten heran, von denen einige noch ihre Cricketschläger in den Händen halten. Ruckzuck haben die morgendlichen Spieler den Gestürzten in eine sitzende Position gebracht und "verarzten" ihn und Motorrad. Ein paar Minuten später winkt der Fahrer tapfer von seiner Honda zurück, denn er weiß: Am Sonntagmorgen in Pakistan gehören die Straßen den cricketspielenden Jugendlichen.

Anzeige

Wenn ich Straßenspieler nach dem Sieger der pakistanischen Vereins-Champions-Liga frage, ernte ich irritierte Gesichter - und "Imran-Imran"-Rufe. In Pakistan zählt die Nationalmannschaft - und die hatte ihren letzten großen Erfolg 1992. Damals führte ein gewisser Imran Khan das pakistanische Cricketteam als Kapitän zum einzigen Weltmeisterschaftstitel. Legenden bilden sich bis heute um die Ausstrahlung und die Überzeugungskräfte Khans beim Titelgewinn. Einem Spieler, der sich mit Durchfall krank melden wollte, soll Khan gesagt haben: "Wir brauchen dich. Du läufst auf und wenn du aufs Spielfeld scheißt."

Nach dem Titel glänzte die Nationalmannschaft ohne Khan durch Spielerrevolten, dem ersten wegen Spielmanipulation zu einer Haftstrafe verurteilten Cricketspieler und korrupten Funktionären, die Startplätze in den Auswahlmannschaften nach der Höhe des Schmiergeldes vergeben und nicht nach Talent. Der Tiefpunkt folgte bei der Weltmeisterschaft 2007 in der Karibik. Pakistan verlor in der Vorrunde gegen eine Art besseres Hobbyteam aus Irland. Sofort machte das Wort "Matchfixing" die Rede. Einen Tag später wurde der pakistanische Trainer Bob Woolmer tot in seinem Zimmer aufgefunden; der erste Obduktionsbericht lautete: Tod durch erdrosseln. Daraufhin mussten alle pakistanischen Spieler ihre Fingerabdrücke bei der Polizei Jamaikas abgeben. Dass Monate später die offizielle Todesursache Woolmers mit Herzversagen angegeben wurde, half dem ramponierten Ruf des pakistanischen Crickets nicht mehr.

Dass es noch schlimmer geht, zeigte sich 2009. Das Nationalteam Sri Lankas war zu Gast in Lahore und saß im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Stadion, als 12 Bewaffnete den Bus angriffen. Acht Menschen starben, mehr als ein halbes Dutzend Spieler wurden verletzt. "Das ist das Ende des Internationalen Crickets in Pakistan und ich bin jetzt arbeitslos", sagte mir kurz darauf ein befreundeter Sportfotograf. Seitdem muss die pakistanische Nationalmannschaft ihre Heimspiele in Dubai austragen.

Kurz vor der Weltmeisterschaft 2011 in Indien, Sri Lanka und Bangladesch - Pakistan war als Gastgeberland ausgeschlossen worden - wurden drei pakistanische Nationalspieler wegen Spielmanipulationen in England zu Haftstrafen verurteilt. Das cricketverrückte Pakistan kehrte seiner Nationalmannschaft den Rücken. Das Land wurde gerade von Bombenanschlägen der pakistanischen Taliban überzogen, dazu lag die Wirtschaft (durch die hohen Ölpreise, wegen einer "überforderten" Regierung und von der Weltwirtschaftskrise getroffen) völlig am Boden. Beinahe unbemerkt stürmte dann ein junges pakistanisches Team von Sieg zu Sieg und plötzlich standen sie im Halbfinale: Gegen Indien in Indien.

Jetzt erwachte ein ganzes Land. Sunnitische und schiitische Geistliche und die von ihnen belächelten sufistischen Babas waren plötzlich im Ziel vereint und beteten in den Moscheen und Schreinen Pakistans für einen Erfolg ihrer Nationalmannschaft. Dann verkündeten Pakistans Politiker, dass Gott auf ihrer Seite stehe und ein Scheitern nur daran liegen könne, dass ihre Spieler mal wieder ein Match verkaufen. Trotz dieses enormen Drucks hatten die pakistanischen Spieler ihre indischen Gegner beinahe am Boden. Dann: batting collapse. So nennt man es im Cricket, wenn plötzlich nacheinander die besten Schläger eines Teams ausscheiden, ohne viele Punkte zu machen.

So verlor Pakistan am Ende doch noch, aber bei der Rückkehr passierte das Unerwartete: Die Mannschaft wurde jubelnd empfangen. Vielleicht war das auch ein Zeichen, dass es den Menschen Pakistans um mehr als die Weltmeisterschaft geht. Seit der Gründung 1947 durch das Militär oder den Bhutto- und Scharif-Familien regiert ist Pakistan ein eigentlich reiches Land mit einer kleinen Schicht von vermögenden Landlords, ein paar superreichen Familien und einer überwiegend materiell armen Bevölkerung. Extrem islamisiert wurde erst ab 1977 durch General Zia-ul-Haq und unter Mithilfe der Saudis und der U.S.A.

Dass nun ein ehemaliger Cricketspieler als Hoffnung für ein neues Pakistan steht, überrascht wenig. Imran Khan hält sich nicht groß an die Regeln der Politik. 17 Jahre lang kaum mehr als eine Einmannpartei, galt er als Don Quijote, der unermüdlich gegen die Windmühlen der pakistanischen Korruption ankämpfte. Doch 2013 gewann er mit seiner Partei PTI die zweitmeisten Stimmen bei den Parlamentswahlen und die Provinz Khyber Pakhtunkhwa.

Anzeige

Anfänglich konzentrierte er sich darauf, seine Provinz zu einem Vorzeigemodell für Pakistan zu machen, aber schnell schwenkte er auf Konfrontation mit der aktuellen Regierung von (jetzt Ex-)Ministerpräsident Nawaz Scharif um. 2014 rief Khan zum großen Marsch auf Islamabad auf; anschließend besetzten seine Anhänger für Wochen die Gegend um das Regierungsgebäude. Die Besetzung war vorwiegend ein friedliches Fest, bei dem auch tausende von Frauen teilnahmen: Nur an einem Tag war sie gewalttätig; diese Bilder gingen dann um die Welt.

Seitdem vernachlässigt Imran Khan immer mehr die eigentliche Parlamentsarbeit und liefert sich dafür Schlammschlachten mit der politischen Konkurrenz, bei denen auch Khan immer öfter mit Halbwahrheiten und Gerüchten um sich wirft. Khans ältere Kritiker sehen in ihm immer noch den Playboy und Lebemann, der er nach seiner aktiven Cricketzeit gewesen sein mag. Trotzdem ließ er in dieser Ära das erste Krankenhaus für Krebspatienten in Pakistan bauen und engagierte sich in vielen anderen sozialen Projekten.

Andere Kritiker werfen ihm vor, dass er keine Ahnung von Politik habe und mit Hilfe der Armee Ministerpräsident des Landes werden will. Doch ein Strohmann der Armee ist der ehemalige Cricketstar nicht. 1999 begrüßte Khan zwar den Putsch von General Musharraf- (wie auch der Großteil der Bevölkerung), doch 2002 und 2007 war Khan einer der ersten, der sich gegen den Armeediktator stellte. Dazu war er der erste namhafte Politiker der sich bei den Menschen Bangladeschs für die Gräueltaten der pakistanischen Armee während des Unabhängigkeitskampf Ostpakistans 1971 entschuldigte.

Nach der Weltmeisterschaft 2011 ging es dann wieder bergab mit der Nationalmannschaft. "Wir sind das Brasilien des Crickets - Reich an Talenten, die oft zu ungeduldig zu viel wollen und geführt von korrupten Funktionären, die keinen Plan haben um etwas aufzubauen", sagt Finanzberater Ali, der auch als Ü-40 noch Sonntags auf der Straße den Schläger schwingt.

So wie Imran Khan zurzeit wie Phönix aus der Asche wieder obenauf ist (da durch seinen unermüdlichen Eifer das Thema Korruption endlich im Mittelpunkt steht) und Ministerpräsident Sharif indirekt wegen Verstrickungen in Sachen Panama-Offshorekonten doch noch gefallen ist, geht es gerade auch dem Cricketteam: Im Finale der diesjährigen Champions Trophy in London schlug Pakistan das hochfavorisierte Indien vernichtend. Held des Siegs war der 25-jährige Werfer Mohammad Amir, der die drei besten indischen Schläger "ausbowlte". Vor sieben Jahren wurde er bei einem Testmatch Pakistans der Spielmanipulation überführt und 5 Jahre gesperrt.

Die Zukunft wird zeigen, ob Amir für einen Sinneswandel im pakistanischen Cricket steht - und ob ein solcher durch die pakistanische Gesellschaft geht: Wählt sie 2018 wieder die Bhuttos und Scharifs - oder einen praxisfernen aber nicht korrupten Imran Khan? Für einen wirklichen Neuanfang müsste jedoch das Tun der pakistanischen Armee ins Blickfeld rücken. Denn diese Armee und das allgegenwärtige Schreckensgespenst ISI (der wichtigste Geheimdienst), die eigentlich Werkzeuge des Staates sein sollten, machen weiter was sie wollen. (Gilbert Kolonko)

Anzeige