In Bangladesh rebellieren die Studenten

Die von der Armee gestützte Übergangsregierung kommt mehr und mehr in Bedrängnis

Während Studentenunruhen, die sich am 20. August von Dhaka binnen 24 Stunden in ganz Bangladesch ausbreiteten, wurden erstmals lautstark und außerparlamentarisch Forderungen nach einer Rückkehr zur Demokratie erhoben. Die Revolte verschärft endgültig den Ton der Machthaber und hinterlässt eine Kluft zwischen Übergangsregierung und großen Bevölkerungsteilen.

Die armeegestützte Übergangsregierung in Dhaka, die Mitte Januar den Ausnahmezustand erklärte, wurde in der vergangenen Woche zum ersten Mal offen herausgefordert. Nach Studentenunruhen, die in der University of Dhaka am Montag begannen und sich bis Dienstag auf weitere Städte übertrugen, verhängte die Regierung eine landesweite Ausgangssperre.

Bild: CIA

Auslöser war eine Schlägerei zwischen Soldaten und Studenten der Hauptstadt-Universität während eines Fußballspiels. Die Studenten forderten daraufhin den Abzug der Soldaten vom Uni-Gelände. Es kam zu Straßenschlachten zwischen den Hochschülern mit der Polizei und Soldaten, die mit Tränengas, Schlagstöcken und Gummigeschossen gegen die Demonstranten vorgingen. Studenten schleuderten Steine und legten zunächst auf dem Campus der Universität Feuer. Später wurden Dutzende Fahrzeuge in Brand gesteckt und Straßen im Zentrum der 16-Millionen-Metropole verbarrikadiert. Die Unruhen breiteten sich auch auf andere Hochschulen aus, wie etwa die im südöstlichen Chittagong und im nordwestlichen Rajshahi.

Nach Angaben der Behörden wurden in Dhaka knapp 150 Menschen verhaftet, darunter einige Studentenführer und Hochschullehrer. Insgesamt wurden vierhundert Personen verletzt. Ein junger Rikschafahrer kam an der Universität in Rajshahi ums Leben. Er erlag seinen Verletzungen, nachdem er von mehreren Gummigeschossen in die Brust getroffen worden war. In Dhaka beschränkte sich die Gruppe der Randalierer nicht mehr allein auf Studenten und entsprechende Dachverbände. Die Festnahme zahlreicher Studentenanführer zeigte daher kaum die erwünschte Wirkung. Stattdessen verschlechterte sich die Lage weiter: Unbeteiligte Trittbrettfahrer nutzten die Möglichkeit, während der Auseinandersetzungen anderenorts Diebstähle und Plünderungen zu begehen.

Die Regierung unter Leitung des Ökonom Fakhruddin Ahmed ist seit Mitte Januar dieses Jahres im Amt. Vor einigen Wochen hat sie die Wiederherstellung der demokratischen Strukturen für Ende kommenden Jahres zugesagt. Bisher erfreute sich die Regierung aufgrund ihres Reformpakets, das sich hauptsächlich gegen Korruption und sonstige Kriminalität richtet, großer Popularität.

Die Armeespitze beschuldigte „böse Kräfte“ und politische Opportunisten die Aufstände verlängert zu haben Mitglieder der Regierung erklärten mittlerweile, dass durch das entschiedene Vorgehen der Sicherheitsbehörden gegen die Randalierer das Land vor einem Bürgerkrieg gerettet wurde.

Die Auseinandersetzungen sind die bislang größte Konfrontation mit den neuen Machthabern und stellen eine signifikante Kursänderung des Regimes dar. Der Rückhalt in der Bevölkerung schwand in den Wochen vor den Unruhen bereits zusehends (Dhakas "Minus-Zwei-Politik").

Von der Universität der Hauptstadt aus wurden in der Vergangenheit gingen bereits zweimal Proteste gegen Militärregierungen – die unter General Ziaur Rahman und die von General Ershad – aus, die dadurch zum Rücktritt gezwungen wurden. Durch die besondere Rolle während des Unabhängigkeitskampfes 1971 von Pakistan gilt die im Herzen der Hauptstadt Dhaka gelegene Universität als „Herz und Seele der Nation“. Zu den Millionen von Opfern des pakistanischen Militärs gehörten viele Hochschullehrer und Studenten. Umso mehr werden die vorübergehenden Schließungen von Hochschulen und Colleges (Oberschulen) sowie die Inhaftierungen mehrerer Universitätsprofessoren durchs Militär in der Öffentlichkeit äußerst kritisch betrachtet.

Die zeitlich limitierten Ausgangssperren bleiben für Dhaka und fünf weitere Verwaltungshauptstädte wohl noch einige Tage bestehen. Da viele Apotheken und Märkte trotz der vorübergehenden Aufhebung des Ausgehverbots geschlossen sind, wodurch es zu Engpässen in der medizinischen Versorgung und bei Lebensmitteln kommt, wird das öffentliche Leben in diesen Orten zunächst weiterhin eingeschränkt. Beschwerden und Klagen über die gestiegenen Lebenshaltungskosten, die mit ein Grund für das wachsende Misstrauen und das harsche Vorgehen der Studenten gegenüber der Regierung sein dürften, werden so kaum verstummen. (Christoph S. Sprung)

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