In Dersim brennen die Wälder

Bild: ANF

Kurden und Aleviten machen türkisches Militär für die Waldbrände in der Region verantwortlich

In der türkischen Provinz Tunceli, die weitgehend mit der früheren alevitisch-kurdischen Provinz Dersim übereinstimmt, brennen seit Wochen die Wälder. Wie schon im vergangenen Jahr gibt es Vorwürfe, die das türkisches Militär beschuldigen (vgl. Türkisches Militär für Waldbrände im Nordosten verantwortlich).

Alevitische Gemeinden und das Forum für Aleviten in Deutschland schlagen Alarm und wenden sich an die deutsche Öffentlichkeit. Nach ihren Informationen sollen türkische Militärhubschrauber "Brandbomben und leicht entzündliche Stoffe über die Wälder Dersims und Bingöls abgeworfen" haben.

Dersim (1937);
(Bild: Karte: NordNordWest/CC BY-SA 3.0)

Am 14. August soll in einem Waldgebiet am Sincik-Berg in Dersim - angeblich nach der Bombardierung durch die türkische Luftwaffe - ein Feuer ausgebrochen sein, das mittlerweile tausende von Hektar umfasst. Bilder über verbrannte Schildkröten und Vögel, verendetes Damwild kursieren derzeit in den die sozialen Netzwerke. Bislang wurden Tausende von Hektar Wald vernichtet. Viele Dörfer und deren Felder in der Region sind akut gefährdet.

Freiwillige aus der Region versuchen die Brände zu löschen, sollen jedoch, wie es ihnen das Forum für Aleviten vorwirft, vom türkischen Militär daran gehindert werden. Außerdem würden die lokale Feuerwehr, staatliche Löschfahrzeuge oder Löschflugzeuge bewusst nicht eingesetzt.

Laut der englischsprachigen Ausgabe der kurdischen ANF-News sollen freiwllige Helfer mittlerweile Brände in Bersim unter Kontrolle gebracht haben.

Während die Türkei bei den Waldbränden in Griechenland ihre Unterstützung angeboten hatte, soll sie in Bezug auf die Waldbrände im eigenen Land behaupten, nicht über Löschflugzeuge zu verfügen. Internationale Unterstützung bei der Bekämpfung der Großbrände wird angeblich bewusst nicht angefordert.

Die Zerstörung der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt in den für diese Region einzigartigen Eichenwäldern mit ihren mehr als 400 endemischen Arten würden laut dieser Vorwürfe von der Regierung in Ankara in Kauf genommen.

Die türkische Regierung rechtfertige diese Maßnahme mit "Terrorbekämpfung". Letztendlich ist dies eine weitere Maßnahme der Enteignung und Vertreibung der dort lebenden Bevölkerung, die ihrer Lebensgrundlage beraubt werden.

Wenn die Brände die Dörfer erreichen, müssten diese zwangsevakuiert werden, aber sie sind sich selbst überlassen. Die Menschen in dieser Region ohne Industrie und produzierendes Gewerbe leben von der Landwirtschaft und Viehhaltung.

Um sich nun ein genaues Bild von der Lage zu machen, ist eine Delegation der HDP, darunter auch die Abgeordnete Saliha Aydeniz, nach Dersim aufgebrochen, um die Lage vor Ort inspizieren, wie das kurdische Medium ANF-News berichtet.

In diesem Bericht wird auch der Vorwurf, dass Löscharbeiten "durch den Staat" behindert werden, wiederholt. Auch die Quellen von ANF erheben die Anklage, dass die Waldbrände bewusst gelegt werden.

Die HDP-Delegation, die nun einen Ortsbesuch macht, wird wenig ausrichten können, da das türkische Parlament entmachtet ist.

Brandsätze des türkischen Militärs sollen laut ANF auch in den Bergen der Region Bingöl eingesetzt werden, deren Bevölkerung ebenfalls überwiegend alevitisch-kurdisch ist. Am 16. August brach in Bingöl ein Feuer in einem Wald zwischen den Dörfern Sivan, Doğanlı und Suveren aus. Das Gebiet ist militärisches Sperrgebiet. Vergeblich versuchten die Dorfbewohner, eine Ausbreitung des Brandes zu verhindern.

Aber auch andere Regionen in den alevitisch-kurdischen Gebieten sind betroffen: Ebenfalls am 16. August brach ein Feuer auf einer städtischen Müllhalde in Midyat in der Provinz Mardin aus und hat ein Waldgebiet erfasst. Mindestens zwanzig Hektar Wald sind vom Brand betroffen.

In den Bergregionen der Provinz Şırnak brennen die Wälder nach Militäroperationen und haben landwirtschaftliche Anbauflächen vernichtet. In der Umgebung des Dorfes Aşağıdere in der Provinz Beytüşşebap ist am 17. August ein Feuer ausgebrochen, das nach lokalen Berichten von einer Sondereinheit der türkischen Sicherheitskräfte gelegt wurde, die unter dem Namen "Mete Timi" bekannt ist.

Seit über 80 Jahren ist die Bevölkerung Dersims den Repressionen der verschiedenen türkischen Regierungen ausgesetzt. Diese reichen von permanenter ökonomischer Vernachlässigung bis hin zu Zwangsassimilation und Staatsterror mit Folter, Vertreibungen und Exekutionen.

Schon vor der Gründung der Türkischen Republik (1923) wurde die Provinz Dersim, das Hauptsiedlungsgebiet der kurdischen Aleviten in der Osttürkei, von den Osmanen angegriffen und Massaker verübt (siehe Das Dersim-Massaker an den alevitischen Kurden in der Türkei).

Mustafa Kemal Atatürk sicherte anfänglich allen Bürgern der neuen türkischen Republik ohne Ansehen der ethnisch-religiösen Zugehörigkeit die gleichen Rechte zu. Darauf verließen sich die Aleviten, sie vertrauten auf die Modernisierungsansätze Atatürks.

Die Scheichs und Stammesführer der Aleviten stellten sich deshalb auch auf Atatürks Seite beim nationalen Befreiungskampf gegen die Besatzungsmächte (1919 - 1923). Auch die nicht-alevitischen Kurden beteiligten sich an diesem Befreiungskampf, da Atatürk zuvor diesen und anderen Minderheiten Autonomiezugeständnisse gemacht hatte.

Der Vertrag von Lausanne (1923) revidierte dann allerdings diese Autonomiezugeständnisse. Zum Teil ist es heute noch so, dass die Aleviten in der Hoffnung auf Anerkennung ihrer Religion mehr der kemalistischen CHP vertrauen als der HDP, die sich heute tatsächlich für die Anerkennung aller Minderheiten einsetzt.

Obwohl sie damals schon feststellen mussten, dass Atatürk ihre Wünsche nach Anerkennung nicht duldete, weil er sie im Widerspruch zu seinem Republikanismus sah, da er proklamierte: "Alle, die in der Türkei leben, sind Türken."

1926 gab es daher große Unruhen in Dersim, 1930 wurden ca. 10.000 Aleviten in westliche Gebiete der Türkei deportiert, mit dem Ziel, sie zu assimilieren. 1934 wurde im türkischen Parlament das "Zwangsevakuierungsgesetz" beschlossen, das 1935 den rechtlichen Rahmen für die Deportation der Aleviten schuf.

1936 proklamierte Atatürk in seiner Eröffnungsrede des Parlaments: "Wenn es etwas Wichtiges in unseren inneren Angelegenheiten gibt, dann ist es nur die Dersim-Angelegenheit. Um diese Narbe, diesen furchtbaren Eiter in unserem Inneren, samt der Wurzel anzupacken und zu säubern, müssen wir alles unternehmen, egal was es koste, und die Regierung muss mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet werden, damit sie dringend erforderliche Entscheidungen treffen kann."

Das türkische Kabinett beschloss am 4. Mai 1937 in geheimer Sitzung:

Dieses Mal wird die Bevölkerung in dem aufrührerischen Gebiet zusammengezogen und in andere Gebiete überführt werden. […] Wenn man sich lediglich mit einer Offensivaktion begnügt, werden die Widerstandsherde fortbestehen. Aus diesem Grunde wird es als notwendig betrachtet, diejenigen, die Waffen eingesetzt haben und einsetzen, vor Ort endgültig unschädlich zu machen, ihre Dörfer vollständig zu zerstören und ihre Familien fortzuschaffen.

Türkisches Parlament, 1937

Im Sommer 1937 brannte das türkische Militär die alevitischen Dörfer nieder, etwa 70.000 Aleviten fielen diesen Angriffen zum Opfer und ca. 50.000 Menschen wurden deportiert. Wie heute schwieg die westliche Welt, das Massaker wurde, wie die Zerstörung der kurdischen Städte und die Vertreibung der kurdischen Bevölkerung heute, als innere Angelegenheit der Türkei betrachtet.

1938 war der Aufstand in Dersim niedergeschlagen, die als "Säuberung" benannte Aktion der türkischen Armee endete in der Umbenennung von Dersim in "Tunceli" (dt.:Eiserne Hand), und auf den Bergen prangt seitdem bis heute in Steinen: "Ich bin stolz ein Türke zu sein."

Über 72.000 Menschen wurden in Dersim getötet. Weitere Zehntausende wurden zwangsumsiedelt. Und die Vertreibung und Diskriminierung der Aleviten hält an - weil sie mehrheitlich Kurden sind. Die europäischen Regierungen schweigen beharrlich und ermuntern Erdogan geradezu, die Vernichtung der alevitisch-kurdischen, der ezidisch- kurdischen Kultur, eigentlich der gesamten kurdischen Kultur zu vollenden.

Hier und dort unter dem Label, den sogenannten "PKK-Terror" bekämpfen zu wollen. Doch wer glaubt heute noch an dieses Mantra, wenn es in nahezu jeder Familie Mitglieder gibt, die sich der PKK angeschlossen haben, weil es sonst niemanden gibt, der sich für ihre Anerkennung als kulturelle Minderheit wirklich einsetzt? Die linke demokratische Partei HDP, die dies auf legalem, parlamentarischen Weg versucht hat, wurde durch Erdogan ausgeschaltet.

Das Parlament hat kaum mehr etwas zu melden. Letztendlich muss man konstatieren, dass die AKP-Politik im Verbund mit den westlichen Regierungen, die sich der Kriminalisierung der PKK der Türkei auch in ihren Ländern angeschlossen haben - und das sollte nicht unerwähnt bleiben, dass diese Initiative von der Türkei ausging - immer mehr vor allem junge Menschen von der Richtigkeit der Politik der PKK überzeugt.

Die einen finden den Guerilla-Kampf richtig, die anderen die Politik der politischen Institutionen der kurdischen Arbeiterpartei, die sich für ein föderales demokratisches Modell unter Beteiligung aller ethnischen und religiösen Minderheiten einsetzt. Will man den Bemühungen der PKK um kulturelle Anerkennung des kurdischen Volkes etwas entgegensetzen, kann man das nicht militärisch erreichen.

Die einzige rationale Lösung besteht im Dialog. Auch mit der PKK. Genügend Friedensangebote hat sie ja schon gemacht. Um dies zu erkennen, muss man kein Terrorist oder PKK-Sympathisant sein. Vielleicht gelingt es ja in der Post-Ära von Erdogan, diesen Diskurs zu führen. (Elke Dangeleit)

Anzeige