In Deutschland können immer weniger Journalisten von ihrem Beruf leben

Nach einer Studie sinkt bei den Journalisten die Zahl der freiberuflich Tätigen und ist bei ihnen Kinderlosigkeit weit verbreitet

Wurden 1993 noch rund 54.000 hauptberufliche Journalisten gezählt, waren es 2005 nur noch 48.000. Dabei hat sich vor allem die Zahl der Freiberuflichen dezimiert, so die Ergebnisse einer repräsentativen Studie über „Journalismus in Deutschland“ von 2005. Die Untersuchung wurde von dem Hamburger Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg und seinem Team durchgeführt, wurde jetzt im Fachblatt Journalist vorgestellt und wird im September als Buch veröffentlicht.

Mareike K. hat sich als Journalistin in München selbstständig gemacht - notgedrungen nach ihrer Kündigung bei einer Tageszeitung - und schreibt nun Filmrezensionen. Um finanziell zu überleben, jobt sie zwei oder drei Tage pro Woche in einer Werbeagentur - das macht den Löwenanteil ihres Einkommens aus. Damit gehört Mareike zu der großen Heerschar der prekär Beschäftigten, die sich zwar immer noch und irgendwie als Journalisten verstehen, sich aber mit diversen Jobs, als Ich-Ag oder Existenzgründer am Existenzminimum entlang hangeln. Und damit gehört Mareike auch nicht zur Grundgesamtheit der Journalistenstudie, dort wurden nämlich nur hauptberufliche Journalisten befragt, auch Pressesprecher und Öffentlichkeitsarbeiter mussten draußen bleiben.

Während die Zahl der so gezählten hauptberuflichen Journalisten in fester Anstellung seit 1993 mit rund 36.000 nahezu gleich geblieben ist, ist die Zahl der freiberuflichen Journalisten geschrumpft, mit 12.000 stellen sie nur noch ein Viertel aller Journalisten in Deutschland - vor zehn Jahren machten sie mit 18.000 noch ein Drittel aus. Dieser Schrumpfungsprozess steht zunächst in Widerspruch zu der steigenden Zahl von Journalisten, wie sie etwa in den Berufsverbänden gezählt werden, löst sich aber auf, wenn man die zentrale Begriffsdefinition der Studie betrachtet: Als Hauptberuflicher wird gezählt, wer mehr als die Hälfte seines Einkommens mit journalistischer Tätigkeit verdient - Mareike und der Rest des intellektuellen Proletariats fallen somit heraus, auch die mehr als 7.000 bei den Ämtern arbeitslos gemeldeten Journalisten. Die Zeitungs- und Anzeigenkrise Ende der 1990er Jahre schlägt sich so als „Bereinigung des Marktes“ für freie Journalisten nieder, die manch einer beruflich nicht überlebt hat.

Doch auch bei den fest in Lohn und Brot stehenden Journalisten gibt es Verschiebungen. Die elektronischen Medien haben als Arbeitgeber an Bedeutung gewonnen, während vor allem kleinere Tages- und Wochenzeitungen sowie Anzeigenblätter und Nachrichtenagenturen an Personal eingespart haben, die Spannen reichen dabei von 30 bis zu mehr als 50 Prozent. Hintergrund hierfür sind die Konzentrationsprozesse auf dem Pressemarkt und der Rückgang selbstständiger Printmedien. Gleichfalls sank die durchschnittliche Zahl hauptberuflicher Journalisten pro Redaktion bei Tageszeitungen um acht Prozent und bei Publikumszeitschriften um bis zu 20 Prozent gegenüber 1993. Dies bedeutet nichts anderes, als dass immer mehr Arbeit von immer weniger Redakteuren bewältigt wird - die Zeit für kritische Recherche und damit die Qualität des Journalismus nehmen ab.

Was die Zahl der Arbeitsplätze anbelangt, scheint die Zukunft bei den elektronischen Medien zu liegen, der Rundfunk und dabei vor allem das Fernsehen beschäftigen heute über ein Drittel mehr Journalisten als vor zwölf Jahren. Völlig neu entstand der Online-Bereich, in dem heute immerhin mehr als 2.000 hauptberufliche Journalisten arbeiten. Die Stabilität dieses journalistischen Arbeitsmarktes sei jedoch noch nicht abschließend einzuschätzen, hätten sich doch bisher keine Finanzierungsmodelle für den Netz-Journalismus als tragfähig erwiesen, so die Autoren.

Dieser Online-Bereich weist eine Besonderheit auf, denn er präsentiert sich als Jungbrunnen der Medienbranche: Fast die Hälfte des Personals ist jünger als 36 Jahre und nur ein Zehntel älter als 45 Jahre. Demgegenüber ist der „typisch deutsche Journalist“ knapp 41 Jahre alt, männlich und mit Hochschulabschluss, arbeitet bei den Printmedien, lebt in einer festen Beziehung und verdient im Schnitt 2.300 Euro netto pro Monat. Damit ist der Durchschnittsjournalist seit 1993 um vier Jahre gealtert, auch eine Folge der reduzierten Ausbildungsanstrengungen während der Medienkrise. Stichwort Ausbildung: Auch in der Medienbranche ist mittlerweile die „Generation Praktikum“ angekommen, die Zahl derer, die eine (oft unbezahlte) Hospitanz oder ein Praktikum gemacht haben, hat sich gegenüber 1993 mehr als verdoppelt.

In den Medien arbeiten immer mehr Frauen, ihr Anteil hat sich von 20 Prozent Ende der 1970er Jahre auf 37 Prozent im Jahre 2005 gesteigert. Ihr Anteil ist beim Fernsehen am höchsten, bei Zeitungen am niedrigsten. Zwar dominiert nach wie vor die geschlechtsspezifische Ressortverteilung (Familie, Kinder, Beauty- und Wellness-Themen), doch scheinen sich die Grenzen in den zentralen Ressorts langsam aufzuweichen. Nach wie vor sind in der Medienbranche Beruf und Familie sehr schwer zu vereinbar: Fast 60 Prozent der Journalisten in Deutschland haben keine Kinder und Journalistinnen bekommen mit einer Geburtenrate von 0,5 Kinder deutlich weniger Nachwuchs als die Frauen in Deutschland insgesamt (1,4 Kinder). Während gut die Hälfte der Journalisten keinen Nachwuchs hat, sind es bei den Journalistinnen zwei Drittel.

Info: Die Studie „Journalismus in Deutschland“ wurde von den Medienwissenschaftlern Siegfried Weischenberg (Hamburg), Armin Scholl (Münster) und Maja Malik (Hamburg/Münster) durchgeführt und erscheint unter dem Titel „Die Souffleure der Mediengesellschaft“ im September im Universitätsverlag Konstanz.

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