In Deutschland wachsen EU-weit die Arbeitskosten am geringsten

In Deutschland wird länger als im EU-Durchschnitt gearbeitet, während die Löhne geringer steigen und die Zahl der Arbeitsplätze nicht mehr als durchschnittlich wuchs

Wenn Politiker erzählen, wie gut die Agenda 2010 war und wie viele Arbeitsplätze damit geschaffen wurden, dann zeigt eine Statistik der EU, dass ab 2004 in allen EU-Mitgliedsländern die Zahl der Beschäftigten zugenommen hat. Es gab im zweiten Quartal 2006 einen Höhepunkt, darauf folgte ein Einbruch, bis Anfang 2007 kam es erneut zu einem Anstieg, der mit der Finanzkrise seit Ende 2007 zunehmend abebbt.

Die gegenüber dem Vorjahr erfolgte Zunahme an Arbeitsplätzen in den Jahren 2007 und 2008 in Deutschland lag im europäischen Durchschnitt. In Belgien, Großbritannien, Finnland und Schweden wuchs der Arbeitsmarkt stärker als in Deutschland, noch stärker in manchen osteuropäischen Ländern wie Polen, Slowenien, der Tschechischen Republik und Lettland.

Möglicherweise haben die Reformen des Sozialstaats Schlimmeres verhindert, entscheidend verbessert dürften sie nichts haben – höchstens für die Wirtschaft. Die deutschen Arbeitnehmer gehören neben den österreichischen zu denen, die in der EU mit durchschnittlich 41,1 Wochenstunden am längsten arbeiten – und damit in aller Regel über der in Deutschland tariflich festgelegten Arbeitszeit von 37,6 Wochenstunden.. Der Durchschnitt, so ein Bericht der EU-Behörde zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in Dublin (Eurofound), liegt bei 40 Wochenstunden, nur in der Tschechischen Republik und Großbritannien sowie in Bulgarien und Rumänien wird länger gearbeitet. Seit 2003 hat die Zahl der wöchentlichen Arbeitsstunden in Deutschland um 3,3 Stunden zugenommen. Allerdings haben die Deutschen mit 30 Tagen mehr Urlaub im Jahr als die meisten anderen Europäer (nur Schweden liegt mit 33 Tagen höher, der Durchschnitt liegt bei 25,2 Tagen), auch bei den Feiertagen sieht es nicht schlecht aus.

Und wenn es immer heißt, dass die Arbeitskosten in Deutschland so hoch sind, dann scheint dies im europäischen Vergleich jedenfalls jetzt nicht mehr zuzutreffen. So sind die Arbeitskosten in der Eurozone um 2,7%, in der EU27 um 3,4% im zweiten Quartal 2008 gegenüber derselben Zeit im Vorjahr. Die Löhne und Gehälter stiegen in der Eurozone um 2,8%, die Lohnnebenkosten um 2,2%, in der EU27 stiegen die Löhne und Gehälter um 3,6% und die Lohnnebenkosten um 2,6%. In Deutschland stiegen die Arbeitskosten hingegen gerade einmal um 0,7 Prozent, das geringste Wachstum in der EU: die Lohnkosten stiegen um 1,2% (ebenfalls die geringste Zunahme in der EU), die Lohnnebenkosten sanken sogar um 1,4%. Auch im zweiten Quartal 2007 hatten die Arbeitskosten mit 1,5 Prozent gegenüber dem Durchschnitt von 2,6% (Eurozone) und 3,5% (EU27) nur geringfügig zugelegt. (Florian Rötzer)