"In Indien ist alles vergiftet"

Der Autoverkehr und deutsche Geschäfte

Dazu wächst nicht nur in Kolkata der Autoverkehr. In den letzten zehn Jahren haben sich die Zulassungen für Autos in Kolkata verdoppelt. Einer der wichtigsten Wachstumsmotoren der Erde, wie Autobauer gebetsmühlenartig wiederholen. Im Monat Mai diesen Jahres wurden in Indien jeden Tag im Schnitt 73.632 Fahrzeuge verkauft.

Auch Mercedes konnte den Absatz seiner Luxuskarossen im letzten Jahr um 22,5 Prozent steigern. Dass die Autoindustrie in Sachen Wachstum in Indien "rosige" Zeiten zu erwarten hat, verdeutlichen weitere Zahlen. Das Land brauchte knapp 60 Jahre (1951-2008) um 105 Millionen registrierte Autos unter die Bevölkerung zu bringen. Die gleiche Zahl erreichte Indien in den Jahren 2009 bis 2015.

Mit Deutschland und Italien an der Spitze ist die Europäische Gemeinschaft der größte Abnehmer der Gerbereien Indiens. In den Gerbereien Kanpurs, die für besonders schlimme Umweltverschmutzungen sorgen, hat der Autor auch mehrere deutsche mittelständige Unternehmen ausfindig gemacht. Auf ihren Webseiten gibt es keine Hinweise darüber, woher das Leder ihrer Produkte stammt. Dafür die üblichen Hochglanzbilder von glücklichen Menschen und Tieren.

Die Namen sind der Redaktion bekannt, werden hier jedoch nicht veröffentlicht, weil die eher kleinen Unternehmen nichts anderes machen, als das allseits akzeptierte, kapitalistische Wirtschaftsprinzip umzusetzen: So kostengünstig wie möglich einkaufen und Wirtschaftswachstum schaffen - mit den Folgen der Umweltzerstörungen können sich zukünftige Generationen auseinandersetzen. Bis heute hat es die Leder-Textillobby auch in Deutschland erfolgreich geschafft, dass sie dem Kunden das Erzeugerland ihrer Ware verschweigen darf.

Trotz schwieriger Bedingungen leben die verschiedenen Religionsgemeinschaften in Kolkata friedlich miteinander. Foto: Gilbert Kolonko

Narendra Modi mag international noch so viele Preise für seine schönen Worte in Sachen Erneuerbarer Energie einheimsen - eine Studie des regierungsnahen Think Tanks NITI Aayog, das der indischen Regierung nahe steht, zeigt etwas anderes.

Im Jahr 2044 wird der Anteil der erneuerbaren Energien bei mageren 10 -15 Prozent liegen, der aus Kohle bei 42 - 48 Prozent. Zwar würde das einem Rückgang der Energiegewinnung aus Kohle im Ganzen um knapp 15 Prozent entsprechen, aber da Indiens Energieverbrauch steigt, wird auch der Verbrauch der Kohle bis zum Jahr 2037 zunehmen und sich damit nahezu verdoppeln.

Bei den Treibhausemmissionen liegt Indien pro Kopf mit 1,8 Tonnen CO2-Ausstoß pro Einwohner noch weit unter dem weltweiten Durchschnitt von 4,2 Tonnen. Deutschland ist mit 11,2 Tonnen CO2 in einer Wohlstandsliga, in die Indien noch möchte.

Natürlich gibt es auch aus Indien Positives zu berichten. Doch ist das Tempo der Fortschritte so langsam, dass sie vom gnadenlosen Wachstumsdrang niedergewalzt werden. So ist in Kolkata schon die nächste Umwelt-Katastrophe im Anmarsch… (Gilbert Kolonko)