In Japan wurde der erste Reaktor wieder angefahren

Trotz landesweiter Proteste hat sich die Regierung durchsetzen können, nachdem das Land seit zwei Monaten atomstromfrei war

Begleitet von Protesten wurde gestern der erste Reaktor - Nr. 3 im AKK Oi - angefahren und soll am 8. Juli dem ersten Strom ins Netz liefern. Trotz Kritik hatte Regierungschef Yoshihiko Noda die Wiederanschaltung der Reaktoren 3 und 4 des vom Konzern Kepco betriebenen AKW Oi im letzten Monat angeordnet. Reaktor 4 soll im Laufe des Juli folgen. Nachdem nach Fukushima nach und nach alle Reaktoren aufgrund von Routineinspektionen heruntergefahren wurden, hatten sich die örtlichen Politiker geweigert, die Genehmigung zum Anschalten zu geben.

Auch der Bürgermeister von Osama, der dem AKW Oi nächstgelegenen Stadt, zählte zu den Gegnern, konnte sich aber schließlich dem Druck von Regierung und Konzernen nicht mehr widersetzen. Gewarnt wurde, dass Japan ohne AKWs - vor der Tsunami-Katastrophe lieferten die Atommeiler 26 Prozent des Stroms - im Sommer mit Stromausfällen rechnen müsse und Stromeinsparungen der Wirtschaft schaden würden. Ein von Experten ausgearbeitetes Szenario, das dem Ministerrat vorgelegt wurde, der eine neue Energiestrategie ausarbeiten soll, warnt, dass ein atomfreies Japan bis 2030 einen BIP-Verlust von bis zu 5 Trillionen Yen (445 Milliarden Euro) erzielen würde, während die CO2-Emissionen anstiegen. Die Reaktoren 3 und 4 sollen für die Region und die Städte Osaka und Kyoto eine ausreichende Stromversorgung garantieren, so der Betreiberkonzern.

Schon am Samstag fanden sich mehrere hundert Menschen zusammen, um die Straße zum AKW Oi auch mit Autos zu blockieren und gegen die Wiederanschaltung zu protestieren. Auch in Oi protestierten um die 500 Menschen gegen die Wiederanschaltung. Tausende gingen auch in Tokyo auf die Straße. Während die Veranstalter von 150.000 Teilnehmern sprache, will die Polizei nur 17.000 gezählt haben. Demonstrationen gab es auch in anderen Städten.

Ein Grund für den Protest ist, dass das AKW Oi mindestens über einer aktiven Bruchlinie liegt. Nach dem Bericht einer franktionsübergreifenden Gruppe von atomkritischen Abgeordneten sind die Reaktoren 1 und 2 von Oi Japans gefährlichsten. Erstellt wurde ein Ranking der Reaktoren nach Sicherheitsfaktoren wie Alter, Bauart, Pannen, Erdbebengefahr, Bevölkerung in der Umgebung etc. Die Reaktoren 3 und 4 rangieren auf Platz 23 bzw. 26 von insgesamt 49 - noch vor den havarierten Reaktoren von Fukushima 1.

Mit dem ersten Start eines Reaktors, nachdem Japan seit Anfang Mai atomstromfrei war, hofft die Regierung die Blockade zu durchbrechen und nach und nach die auf ihre Sicherheit geprüften Reaktoren wieder ans Netz zu bringen. Die Bevölkerung ist jedoch gespalten, viele trauen Regierung, Behörden und Konzernen nicht mehr.

Am Sonntag trat auch auch das japanische Analogon zum deutschen EEG in Kraft. Bis zu 20 Jahre müssen die Konzerne alle Stromeispeisungen aus erneuerbaren Energien zu festgelegten Tarifen aufkaufen. Damit soll die Abhängigkeit von der Atomenergie reduziert werden. Die Kosten tragen die Kunden durch entsprechend höhere Strompreise. Bevorzugt werden auch große Anbieter. Wer mehr als 10 MW einspeist, kann garantierte Preise für 20 Jahre erwarten, darunter nur für 10 Jahre.

Während der erste Reaktor hochgefahren wird, gibt es neue Nachrichten aus dem havarierten AKW in Fukushima. Das Kühlsystem für das Abklingbecken in Reaktor schaltete ist nach Angaben von Tepco ausgefallen, ein Notkühlsystem konnte erst einmal nicht aktiviert werden. Die Temperatur, die am Samstag beim Ausfall bei 33 Grad lag, steigt stündlich um 0,26 Grad und könnte so, falls das Kühlsystem oder das Notsystem nicht rechtzeitig eingeschaltet werden können, am Dienstag die kritische Temperatur von 65 Grad erreichen. Am Sonntagnachmittag berichtete Tepco, dass man das Kühlsystem repariert habe, nachdem das Wasser eine Temperatur von 43 Grad erreicht hatte. (Florian Rötzer)

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