In Milliarden Jahren denken

Die coolen Space Operas des Alastair Reynolds

In den letzten Jahren hat unerwartet ein Subgenre der Science Fiction wieder an Prominenz erlangt, das eigentlich schon abgefrühstückt schien: die Space Opera (eher von der Seifenoper herzuleiten als von der Oper). Heute wie früher wird mit schlechten Space Operas viel Wald vernichtet, aber es gibt sie, die Ausnahmen.

Der Waliser Alastair Reynolds produziert sie - in Serie, wie es dem Genre geziemt. Was macht seine Space Operas zu etwas Besonderem? Sicher nicht die Themen.

In seinem bisher umfangreichsten Werk, der "Revelation-Trilogie" (Revelation Space, Redemption Ark, Absolution Gap) geht es wieder einmal um die Bedrohung der inzwischen galaxisweit verbreiteten Menschheit durch eine nichtmenschliche Macht (man muss das so allgemein sagen, um nicht zu viel zu verraten) und den verzweifelten Kampf gegen diese Macht, die eine Millionen Jahre währende Erfahrung im Massakrieren mit sich bringt. Bis dahin alles wie gehabt.

Auch das Personal und der Fundus entsprechen den üblichen Gepflogenheiten. Man hat nahezu lichtschnelle Schiffe (die auf den schönen Namen "Lighthugger" hören), eine Hibernationstechnologie, die jahrzehntelange Raumreisen möglich macht, Zentralwelten und Kolonien, eine in verschiedene Stämme und Entwicklungslinien aufgespaltene Menschheit, alte Krieger, bis zur Unkenntlichkeit deformierte Cyborgs, Waffen, die lustige Dinge mit der Raumzeit anstellen und daher Planeten wie Sterne im Nu pulverisieren können und dergleichen mehr. Nichts, was die Welt der Science Fiction nicht schon gesehen hätte.

Schlachtengemälde im Superbreitformat

Space Operas sind die seriellen Schlachtengemälde der Science Fiction, nichts an den Romanen von Reynolds lässt sie von vornherein aus diesem Rahmen fallen - vielleicht noch, dass wir es hier mit Schlachtengemälden im Superbreitformat zu tun haben, weil Reynolds in Millionen, ja gar in Milliarden Jahren denkt. Er kann das mit einer gewissen Restplausibilität, weil er Astronom ist, und bis vor kurzem in dieser Eigenschaft für die ESA tätig war. Und das ist wohl eines der Alleinstellungsmerkmale seiner Bücher: Was den wissenschaftlichen Hintergrund angeht, braucht er sich keine Sorgen zu machen, das passt schon, und wenn es das nicht tut, dann an Stellen, die dem Durchschnittsleser nicht allzu deutlich auffallen.

Nun hat ja die Prosa von Naturwissenschaftlern einen bedenklichen Hang, zur Thesenliteratur zu verkommen, sie weist oft die erzählerische Durchschlagskraft philosophischer Traktate auf. Aber Alastair Reynolds kann schreiben, verdammt gut sogar. Er weiß, wie eine gute Geschichte gebaut ist, auf den ersten zwanzig Seiten seiner Romane ist er so brillant wie nur wenige anderer seiner Kollegen, beim Schach würde man jemand wie ihn vielleicht einen Eröffnungsspezialisten nennen.

Was nicht heißen soll, dass man den Rest seiner Bücher vergessen kann. Ganz im Gegenteil, in den besten Passagen entwickelt er eine halluzinatorische Kraft der Beschreibung, die nur wenige in dem Genre je erreichen. Wie Reynolds die Wirkungen einer Krankheit namens "Melding Plague" beschreibt, die der Menschheit die Gefahren der Nanotechnologie drastisch vor Augen führt, wie er Polizeikontrollen im 23. Jahrhundert darstellt oder die Grabungen nach nichtmenschlichen Artefakten auf öden Außenposten der hintersten Kolonien, das ist schon eine genauere Lektüre wert.

Dichte, Welthaltigkeit, Detailverliebtheit, ein erstaunlicher Grad an simuliertem Realismus kennzeichnen diese Glanzstücke der Science Fiction-Prosa, und dass die megalomanen Dramen, um die es hier geht mit einer großen Gelassenheit inszeniert werden, dass dem galaktischen Theater oft der Donner fehlt, macht die Sache umso schöner. Reynolds schafft es irgendwie, vor seinen übergroßen Kulissen echte Menschen handeln zu lassen, wo die meisten Schlachtenmaler nur Getümmel darstellen.

Als Beispiel sei nur die überaus sympathische Raumschiffkapitänin Ilya Volyova erwähnt, die mit einem der cooleren Sätze der jüngeren SF-Geschichte eingeführt wird:

The trouble with the dead, Triumvir Ilia Volyova thought, was that they had no real idea when to shut up.

Warum sie als "Triumvir" bezeichnet wird, was es mit ihrem Schiff namens Nostalgia for Infinity auf sich hat, und mit einer sehr speziellen Ladung, die für den Kampf gegen die Menschenausrotter von höchster Bedeutung ist - das zu verraten wäre unfair. Auf jeden Fall lässt man Ilia Volyova nur ungern gehen, wenn sie im letzten Teil der Trilogie gehen muss, und sie ist nur eine von mehreren Figuren, die einem im Laufe der Geschichte ans Herz wachsen.

Reynolds, und das zeichnet ihn wie auch den aktuell besten britischen Science Fiction-Autoren China Miéville (vgl. Magie und Revolution) aus, weiß um reale Macht-,Geschlechter-, und Wirtschaftsverhältnisse, weiß um die Bedeutung von Technologien, Religionen und Ideologien für die Gesellschaften, die sie hervorbringen, und das macht seine Erzählungen so plastisch wie "realistisch". Den einen einzigen größeren Fehler, der ihm in seinen Romanen immer wieder unterläuft, nämlich seine Figuren zu viel reden zu lassen, verzeiht man ihm deswegen auch dann, wenn man ihm zur Behebung dieses Fehlers eine kräftige Dosis Gibsonscher Cyberpunk-Trockenheit wünschen würde, zu der er zwar immer fähig, aber leider nicht immer willens ist.

Kreuzung mit dem Alternate History-Genre und dem Noir-Thriller der Vierziger

Die Revelation-Trilogie war nicht das Ende aller Dinge. Seit dem Abschied von diesem speziellen Universum experimentiert Reynolds mit Weiterentwicklungen der Space Opera-Form, so zum Beispiel in "Century Rain", wo er eine Space Opera höchst erfolgreich und bisweilen skurril mit dem Alternate History-Genre und dem Noir-Thriller der Vierziger kreuzt. "Pushing Ice", sein neuester, lässt den Zeithorizont für Reynoldssche Verhältnisse sehr nah an die Gegenwart heranrutschen (2057). Natürlich schwankt die Qualität der Texte.

So kann man zum Beispiel "Chasm City", ein Nebenwerk zur Revelation-Trilogie, eher als eine brauchbare Fleißarbeit ansehen. In der überwiegenden Zahl der Fälle dürfen die Romane Reynolds' aber als gute Gründe dafür gelten, dass es sich lohnen kann, Science Fiction zu lesen. Die Gemeinde weiß es zu schätzen: Nachdem Reynolds schon viele der wichtigeren SF-LIteraturpreise gewonnen hat, ist auch "Pushing Ice" wieder für den Arthur C. Clarke-Award nominiert worden. Völlig zu Recht.

Auf deutsch erscheinen die Romane von Alastair Reynolds beim Heyne Verlag. (Marcus Hammerschmitt)

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