In Syrien gerät die Türkei zwischen USA und Russland

Bild: SDF

Syrische Truppen schieben sich in Absprache mit den syrischen Kurden und Russland zwischen türkischen Truppen und Manbij

Die türkische Regierung beansprucht die nordsyrische Stadt Manbij (Manbidsch) für sich, nachdem türkische Truppen und die mit ihnen verbündeten Milizen die Stadt al Bab nach langen Kämpfen und vermutlich über einen Deal mit dem Islamischen Staat eingenommen haben. Damit setzt sich die Türkei zwischen zwei Stühle und konfrontiert sich mit den russischen und amerikanischen Verbündeten gleichermaßen. Der Konflikt nützt den radikalen, nicht mit der Türkei verbundenen islamistischen Gruppen. So schließen sich immer mehr Gruppen der al-Qaida-Formation Hay'at Tahrir al-Sham an, die die türkische Invasion ablehnt.

Nach türkischen Berichten wurde am Samstag eine MIG der syrischen Luftwaffe von einer nicht näher bezeichneten "syrischen Oppositionsgruppe" abgeschossen. Sie habe aber den türkischen Luftraum nicht verletzt. Der verletzte Pilot wurde offenbar von türkischen Verbänden in ein Krankenhaus in die türkische Provinz Hayat gebracht bzw. verschleppt.

Die türkische Regierung, liiert mit Moskau und Washington, will den Korridor zwischen den vorwiegend von den syrischen Kurden und der "Demokratische Föderation Nordsyrien" kontrollierten Gebieten unter ihre Macht bringen und sowohl die von den USA unterstützten kurdisch-arabischen SDF als auch die von Russland unterstützten syrischen Truppen und deren Milizen zurückdrängen und weiter auf Raqqa vormarschieren. Auch dort will Ankara die SDF, die bislang mit Unterstützung der USA aus der Luft und mit bis zu 500 Soldaten von Spezialeinheiten, die Offensive auf die vom IS besetzte Stadt vorangetrieben haben, ausschalten.

Gleichzeitig kooperiert die Türkei mit den Peschmerga der Autonomen Region Kurdistan unter Präsident Barsani, um im Nordirak den Einfluss der PKK und der mit dieser verbundenen ezidischen Milizen in Shingal zurückzudrängen und die syrischen Kurden zu spalten. Es kam in Shingal zu Kämpfen. In "Rojava" gibt es auch Milizen, die mit den Peschmerga verbunden sind und versuchen, die Demokratische Föderation Nordsyrien zu untergraben, während sie sich nicht an der Offensive auf Raqqa beteiligen.

Aber die SDF bzw. der Militärrat von Manbij hat letzte Woche unter der Bedrohung der voranrückenden türkischen Truppen und erstem Beschuss ein Abkommen mit Damaskus und Moskau geschlossen, Teile der Gebiete westlich der Stadt den syrischen Truppen zu übergeben. Zweck der Vereinbarung ist, die wohl auch unter Zustimmung des US-Militärs erfolgt ist, den Vormarsch der türkischen Truppen zu verhindern. Am Freitag hatte Sergei Rudskoi vom russischen Generalstab bestätigt, dass syrische Truppen in die Gebiete südwestlich von Manbij vorgerückt sind. Das sei unter russischer Mitwirkung mit dem Militärrat von Manbij vereinbart worden. Die SDF berichten, sie hätten weiter die Möglichkeit, Afrin über Wege zu erreichen, die von der syrischen Armee kontrolliert werden.

IS-Bild, das Kämpfe vor Raqqa gegen die SFD zeigen soll.

Das Pentagon windet sich weiterhin, da noch nicht klar ist, welchen Plan die Trump-Regierung verfolgen wird. Nach dem von Verteidigungsminister Mattis vorgelegten Plänen wird u.a. überlegt, für die Offensive auf Raqqa die US-Bodentruppen zu verstärken und die SDF mit Waffen und gepanzerten Fahrzeugen auszustatten. Unklar aber bleibt, ob die USA dabei wie bislang weiter die kurdisch-arabischen Verbände der SDF unterstützen und inwieweit türkische Verbände mit einbezogen werden. Klar ist nur, dass beides zusammen nicht geht. Vorerst scheinen die in Nordsyrien operierenden Bodentruppen noch die SDF auch nahe Manbij zu begleiten und damit auch vor türkischen Angriffen zu schützen. Vor wenigen Tagen hatte eine russische Maschine Stellungen der SDF bombardiert, US-Soldaten waren in der Nähe. Das soll aber, so die russische Erklärung, ein Versehen gewesen sein.

Auch Russland kooperiert schon lange mit den SDF, die nach der Befreiung von Kobane im Oktober 2015 auf Initiative von Washington gebildet wurde, nachdem die Aufstellung eigener Bodentruppen gescheitert war und Russland auf der Seite von Damaskus in Syrien militärisch intervenierte (Proxy-Krieg in Syrien). Um die Türkei nicht aufzubringen, drang Washington darauf, dass neben den kurdischen Kämpfern der YPG/YPJ auch arabische Gruppen beteiligt werden. Jetzt sagt Pentagon-Sprecher John Dorrian, dass die Präsenz von US-Truppen bei Manbij verstärkt worden sei, "um feindliche Akte abzuwehren, die Verwaltung zu stärken und sicherzustellen, dass es keine permanente YPG-Präsenz gibt". Und schob nach, dass die USA im Rahmen der Operation Inherent Resolve hier seit Sommer 2016 aktiv gewesen sei, als die Stadt vom IS befreit wurde.

Pentagon-Sprecher Jeff Davis berichtete am Freitag, dass russische Fahrzeuge mit Hilfsgütern unterwegs nach Manbij seien, darunter auch gepanzerte Fahrzeuge. Das Pentagon sei von Moskau über die Bewegungen am Boden informiert worden, aber das US-Militär habe damit nichts zu tun. Nach Informationen der Washington Post sind aber amerikanische Militärs nicht abgeneigt davon, dass syrische Truppen nun eine Pufferzone zwischen den SDF und den türkischen Truppen eingerichtet haben. Gut möglich, dass die türkische Regierung lieber die mit den Russen verbündeten syrischen Truppen in Manbij sehen als die syrischen Kurden, die auch mindestens so intensiv, wenn nicht intensiver bekämpft werden als der IS.

Bislang haben türkische und syrische Verbände noch nicht gegeneinander gekämpft, das könnte zumindest verheißen, dass vorerst die Lage nicht explosiv ist. Da aber die Türkei auch syrischen Milizen als Bodentruppen eingesetzt hat, die gegen Damaskus kämpfen, könnte die Ruhe nicht lange halten. Das syrische Militär hat hohes Interesse, den Korridor zwischen al-Bab und Manbij in den Süden des Landes zu schließen, um dort die militanten Gruppen von Zufuhr abzuschneiden. Möglicherweise erreicht es die Türkei mit ihrer Unterstützung und Duldung islamistischer Gruppen und der Bekämpfung der syrischen Kurden, dass die USA und Russland zu einer ersten militärischen Kooperation in Syrien finden.

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