In amerikanischen Städten steigt die Mordrate an

Nach einer Schieeßerei in Chicago 2016. Bild: Supaflyrobby/CC By-SA-4.0

Chicago liegt weiter an der Spitze, was Morde und Schießereien anbelangt, Donald Trump hatte im Januar angedroht, die Kavallerie zu schicken und eine Executive Order im Februar erlassen

Chicago hatte sich zur Stadt mit der höchsten Mordrate in den USA entwickelt. Ein paar Tage nach seinem Amtsantritt glaubte vermutlich US-Präsident Donald Trump noch, er könne durch Gepolter schnelle Veränderungen herbeiführen. So schrieb er auf Twitter, dass er, wenn die "Schlächterei" nicht aufhöre, die Kavallerie schicke, er sprach von der Bundespolizei. Es habe im Januar bereits 228 Schießereien und 42 Morde gegeben. Was in Chicago passiert, dürfe nicht anderswo in den USA geschehen. Er hatte die Stadt bereits als "Kriegsgebiet" bezeichnet, das völlig außer Kontrolle gekommen sei.

Trump schickte nicht die "Feds", geändert hat sich auch nichts. Tatsächlich breitet sich die Gewalt seitdem weiter in den amerikanischen Großstädten aus. Chicago liegt allerdings noch immer mit 328 Ermordeten im ersten Halbjahr an der Spitze. Vergangenes Jahr waren es im selben Zeitraum 324 Ermordete. Angestiegen sind auch Raubüberfälle und Vergewaltigungen. Im Juli und August ging es weiter bergauf. Bis zum 11, August wurden weitere 100 Menschen getötet.

Nach den Angaben von 62 Polizeibehörden, die Daten für den Bericht der Major Cities Chiefs Association geliefert haben, ist die Zahl der Morde im ersten Halbjahr gegenüber 2016 um 3 Prozent auf 3.081 gestiegen. Es stieg auch die Zahl der Vergewaltigungen und der Raubüberfälle leicht, stärker die der schweren Körperverletzungen von 104.316 auf108.243. 32 der 62 Polizeibehörden melden eine Zunahme von Morden und 35 eine Zunahme von schweren Körperverletzungen.

Der langjährige Trend der Rückgang schwerer Gewalt scheint sich allmählich umzukehren. Ob das mit Trumps Präsidentschaft verstärkt wird und der wieder größeren Präsenz von Rechtsextremisten, der neoliberalen Ideologie der Starken und des Sozialabbaus? Offenbar steigt jedenfalls die Hemmungslosigkeit, vielleicht auch die Verzweiflung, jedenfalls die Härte, mit der eigene Interessen durchgesetzt werden.

Nicht nur in Chicago, auch in Cleveland, Columbus, Kansas City, Nashville oder New Orleans wird mehr gemordet, in anderen Städten wie in Las Vegas, Orlando oder Washington hingegen weniger. In New York, das keine Daten eingeschickt hat, soll die Zahl der schweren Verbrechen und auch die der Morde noch einmal zurückgegangen sein. Bis Anfang August gab es 176 Morde, 20 Prozent weniger als letztes Jahr. Bürgermeister Bill de Blasio sprach vom bislang sichersten Jahr. Die Lage ist innerhalb der Städte und zwischen den Städten höchst unterschiedlich.

Über die Ursachen gibt es unterschiedliche Ansichten. Das Justizministerium verweist auf Gang-Konflikte, die auch mit der "Opioid-Epidemie" zu tun haben, die zu einer stärkeren Nachfrage nach diesen Schmerzmitteln auf dem Schwarzmarkt und nach Heroin bei den Umsteigern zu harten Drogen beiträgt. Andere machen neben den Gangs die Schwierigkeiten verantwortlich, die Menschen erfahren, die nach einer Entlassung aus dem Gefängnis keinen Job finden. Die Gewalt sei hoch meist in armen Stadtvierteln, nicht in ganzen Städten. Hier nur die Kavallerie, wie Trump das vorschwebt, hinzuschicken, dürfte noch weniger Erfolge haben als die Drohungen gegenüber Nordkorea.

Obgleich auch die Polizei im waffenstarrenden Land schnell schießt - in diesem Jahr wurden fast 1000 Menschen von Polizisten erschossen -, dürfte der Abbau des Polizeipersonals eine wichtige Rolle spielen. So gibt es in New Orleans, wo die Zahl der Morde und die der Schießereien angewachsen ist, seit 2010 die Polizeistellen um über 30 Prozent gekürzt. Justizminister Sessions, bei Trump in Ungnade gefallen, hat die Staatsanwaltschaften aufgefordert, zur Eindämmung der Gewalt oder um Amerika wieder sicher zu machen, die schärfsten Strafen für Gewalttäter zu fordern, die Gangs auszuschalten und die Umsetzung der Einwanderungsgesetze zu forcieren. Im Justizministerium setzt man offenbar darauf, auch durch die verstärkte Abschiebung illegaler Einwanderer die Kriminalität reduzieren zu können.

Donald Trump hatte im Februar eine Anordnung erlassen, die öffentliche Sicherheit in allen Gemeinden wiederherzustellen. An dem vom Justizministerium aufgestellten Programm Public Safety Partnership (PSP) nehmen allerdings bislang nur wenige Städte teil. Damit sollen die Städte befähigt werden, selbst besser gegen die Gewalt vorgehen zu können. Das Programm gab es allerdings unter dem Namen Violence Reduction Network schon unter der Obama-Regierung.

Donald Trump hat auf seiner berüchtigten Pressekonferenz über die Gewalt in Charlottesville am Dienstag, wo er die Verurteilung der Rassisten, Rechtsextremen und Alt-Right-Anhänger, die antisemitische Slogans gröhlten, wieder zurückzog, um scheinbar ausgewogen beiden Seiten die Schuld zu geben, auch von den Bemühungen gesprochen, die Innenstädte wieder sicherer zu machen. Man habe eine Menge Geld in die Innenstädte gesteckt, behauptete Trump, der versprach "die Innenstädte wiederherzustellen".

Man habe viel mehr gemacht als jemals zu, es sei für ihn eine Priorität. Bislang sind aber kaum Gelder zu den Städten geflossen, so USA Today, dafür will die Trump-Regierung Sozialhilfeprogramme kürzen oder abschaffen wie das Bau- und Stadtentwicklungsprogramm und das Programm Community Development Block Grant, das Städten bei Bau- und Entwicklungsprojekten unterstützt. Auch im Bildungs-, Gesundheits-, Umwelt- und Verkehrsministerium sind massive Kürzungen vorgesehen, die die Lage in den Städten sicher nicht verbessern werden.

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